Aktualisiert: 14.01.2021 - 19:55

Verbraucherschützer fordern Nahrungsergänzungsmittel sollen strenger kontrolliert werden

Viel hilft viel? Bei Nahrungsergänzungsmitteln ein Trugschluss, dem aber viele verfallen. Daher fordert die Verbraucherzentrale jetzt: Höchstmengen für Vitamine und Co!

Foto: Getty Images/Yagi Studio

Viel hilft viel? Bei Nahrungsergänzungsmitteln ein Trugschluss, dem aber viele verfallen. Daher fordert die Verbraucherzentrale jetzt: Höchstmengen für Vitamine und Co!

Der Markt der Nahrungsergänzungsmittel boomt in der Coronakrise mehr denn je. Doch Verbraucherschützern stößt der lapidare Umgang mit den Präparaten sauer auf. Denn vielen Menschen ist unklar, wie richtig dosiert wird. Bei vielen Stoffen kann eine zu hohe Dosierung Schaden anrichten. Daher fordern sie festgelegte Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe.

Nahrungsergänzungsmittel gibt es längst nicht mehr nur in der Apotheke. In Drogerien finden sich ganze Regale, das Internet ist voll mit Händlern. Die Präparate sind umstritten: Einerseits können sie durchaus sinnvoll sein – jedenfalls dann, wenn ihre Einnahme fachkundig begleitet wird. Doch es gibt auch Risiken. Und die liegen vor allem in der falschen Dosierung, insbesondere der Überdosierung. Das kritisieren Verbraucherschützer und fordern daher: Es müssen Höchstmengen für Nahrungsergänzungsmittel festgelegt werden.

Höchstmengen für Vitamine und Co: Nahrungsergänzungsmittel stärker kontrollieren

Wer sein Wohlbefinden steigern will oder das Gefühl hat, nicht ganz rund zu laufen, kann mittlerweile in jedem Drogeriemarkt Nahrungsergänzungsmittel kaufen. Eine Vitamin- und Mineralstoff-reiche Ernährung ist schließlich wichtig. Doch dabei gibt es ein großes Problem, das Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen gegenüber der Deutschen PresseAgentur anspricht: “Inzwischen nimmt ungefähr ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland Nahrungsergänzungsmittel zu sich, ohne dass wir eine relevante Unterversorgung mit Nährstoffen hätten.”

Dabei können fast alle Nährstoffe über eine gesunde Ernährung wesentlich sinnvoller aufgenommen werden. Ausnahmen gibt es etwa bei Vitamin B12, auf dessen Supplementierung Veganer angewiesen sind, oder das Sonnenvitamin D, das nur in geringen Mengen über die Nahrung aufgenommen werden kann. Viele Stoffe aber können durch unbedarfte Einnahme von Präparaten “auf gut Glück” überdosiert werden und so zu gesundheitlichen Problemen führen. Schwierig dabei: Laut Müller ließen sich viele durch Werbung und zu wenig Verständnis für Ernährung etwas aufschwatzen, was nicht notwendig sei.

Nebenwirkungen von zu viel Vitamin können dramatisch sein

Gerade während der Corona-Krise sind beispielsweise vermehrt Meldungen laut geworden, wie wichtig doch Vitamin D nebst anderenVitaminen für das Immunsystem sei – auch zum Schutz vor Covid-19. Und im Zuge des Lockdowns, dann auch noch im Winter und möglicherweise im Home Office würden nun viele Menschen befürchten, nicht genug vom “Sonnenvitamin” abzubekommen – und entsprechend zu hochdosierten Ergänzungspräparaten greifen. Gerade ein Zuviel an Vitamin D aber kann schwere gesundheitliche Probleme mit sich bringen. Und Öko-Test hatte bereits herausgefunden: Vitamin D-Tabletten sind oft überdosiert

Zu viel Vitamin D bewirkt nämlich, dass der Körper zu viel Calcium aus der Nahrung aufnimmt und vermehrt Calcium aus den Knochen herauslöst. Es kommt zu Übelkeit und Erbrechen, extremem Durst, Muskelschwäche und Kopfschmerzen, Nervosität und Herzrhythmusstörungen bis hin zu Nierenschäden und Nierenversagen. Ein weiteres Beispiel: Vitamin A – zuviel davon verursacht Kopfschmerzen, Übelkeit oder Sehstörungen.

Vor Supplementierung auf Vitaminmangel untersuchen lassen

Viel besser sei es, sich stattdessen ein bisschen mehr im Tageslicht zu bewegen, so Experten. Schon dreimal die Woche für 15 Minuten mit unbedecktem Gesicht und Armen können helfen. Der Vorteil: Das Vitamin D, das der Körper über die Sonne selbst produziert, kann über den Sommer gespeichert werden. Und es kann nicht überdosiert werden, denn wenn der Maximalwert erreicht ist, hört der Körper einfach mit der Produktion auf. Auch beim Essen ist eine Überdosierung schwierig. Bei hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln ist das anders. Hier ist es wichtig, dass Menschen, die darauf zurückgreifen, über ihren Vitamin- und Nährstoffhaushalt Bescheid wissen. Das ist jedoch oft nicht der Fall. Mehr dazu: Vitamin D: So gleichen Sie einen Mangel aus!

Müller spricht ein riesiges Problem an: Es gebe keine europäischen Regelungen in Bezug auf Nahrungsergänzungsmittel – dabei warte man seit fast 20 Jahren darauf. Er sieht die Bundesregierung in der Pflicht, zum Gesundheitsschutz der Menschen beizutragen – indem Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe festgelegt würden, um Überdosierungen zu verhindern. “Das Gefühl, ich nasche möglichst viele Vitamine – und je mehr, desto besser –, ist medizinisch schlicht falsch.”

Das Problem: Nahrungsergänzung gilt nicht als Medizin – sondern als Lebensmittel

In den Köpfen vieler Menschen hätten Nahrungsergänzungsmittel den Stand von Arzneimitteln – nur gibt es dort Zulassungen mit Untersuchungen auf Wirksamkeit und Nebeneffekte nicht. Was und wie viel dürfe drin sein – daraufhin müssten die Vorgaben überarbeitet werden, sagt Müller. Und für Präparate auf pflanzlicher Basis sei eine “Positivliste” nicht gesundheitsschädlicher Inhaltsstoffe nötig.

Nahrungsergänzungsmittel gelten bisher allerdings als Lebensmittel, nicht als Medikamente, denn sie dienten “nicht der Heilung, Linderung oder Verhütung von Krankheiten”, sondern sollen vielmehr “zum Erhalt des Wohlbefindens” beitragen. Laut Bundesernährungsministerium aber müsse jedes Produkt beim Bundesamt für Verbraucherschutz angezeigt werden. Zudem unterliege es der Lebensmittelüberwachung.

Auch das Bundesernährungsministerium sowie die Branche sprechen sich laut Zeit.de aber für einheitliche europäische Regeln zu Höchstmengen aus.

Wichtig aber vor allem wäre eine grundlegende Aufklärung über Ernährung und darüber, welche Rolle Vitamine und Mineralstoffe im Körper spielen, aber eben auch, wo Grenzen sind. Wo fängt ein Vitaminmangel an was lässt sich dagegen tun, aber wo ist der Rahmen? Hier müsste die Aufklärung bereits von Kindesbeinen an stattfinden. Und ja, Nahrungsergänzungsmittel können sinnvoll sein – man muss nur wissen, wie und wann sie hilfreich sind. So ließe sich die Gesundheit schützen – und der Geldbeutel ebenfalls.

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