Aktualisiert: 23.12.2020 - 08:27

Neue Mutante breitet sich aus Das sagt Christian Drosten zur neuen Corona-Mutation aus Großbritannien

"Das sieht leider nicht gut aus": Auch Charité-Virologe Christian Drosten zeigt sich besorgt über die neue Corona-Mutation VUI2020/12/01.

Foto: imago images/xim.gs

"Das sieht leider nicht gut aus": Auch Charité-Virologe Christian Drosten zeigt sich besorgt über die neue Corona-Mutation VUI2020/12/01.

Mit rasender Geschwindigkeit breitet sich die neue Corona-Mutation VUI2020/12/01 in Großbritannien aus. So äußert sich Virologe Christian Drosten dazu.

Dass das Coronavirus mutiert, ist bereits seit Längerem bekannt. Bisher gaben diese Mutationen keinen Anlass zu größerer Beunruhigung – jetzt aber sorgt eine neue Corona-Mutation in Großbritannien für Chaos. Andere Länder wollen nun verhindern, dass sich die neue Mutante weiter ausbreitet, erste Einreiseverbote für Reisende aus Großbritannien wurden verhängt. Auch Charité-Virologe Christian Drosten äußerte sich bereits zur neuen Corona-Mutation VUI2020/12/01.

Christian Drosten: Informationslage zur neuen Corona-Mutation in Großbritannien noch lückenhaft

Genau wie Deutschland leidet Großbritannien unter den Folgen des Coronavirus. Die Infektionszahlen sind hoch, die Krankenhäuser voll, ein harter Lockdown in London sowie in Teilen Südostenglands soll die Ausbreitung des Virus eindämmen. Einen Lichtblick gab es in der letzten Woche: Man hatte damit begonnen, großflächig Menschen gegen das Coronavirus zu impfen.

Leider gibt es beinahe zeitgleich mit den erfreulichen Nachrichten auch eine Hiobsbotschaft: Eine neue Variante des Coronavirus, die Mutation VUI2020/12/01, breitet sich rasend schnell in Südostengland aus.

Nun ist es an sich nichts Neues, dass das Coronavirus mutiert. Die neue Mutation, die nur eine von mehreren Mutationen der Viruslinie B.1.1.7 ist, beunruhigt Experten jedoch: Ersten Erkenntnissen zufolge ist VUI2020/12/01 deutlich ansteckender als die bisher vorherrschende Form. Das bedeutet, dass sich das Virus noch schneller ausbreitet und noch mehr Menschen infiziert. Premierminister Boris Johnson hatte zuletzt von einem um 70 Prozent erhöhten Ansteckungsrisiko gesprochen. Christian Drosten hingegen wies in einem am Montag vom Deutschlandfunk veröffentlichten Interview darauf hin, dass die Informationslage zu der neuen Variante noch lückenhaft sei. Die Angabe von 70 Prozent ist ihm zufolge "einfach so genannt worden".

"Nicht so sehr besorgt"

In dem Interview meinte Christian Drosten außerdem, er sei "nicht so sehr besorgt". Dennoch wirkte es vorübergehend so, als ob der anfängliche Optimismus des Virologen abgeflacht wäre.

In der Nacht von Montag auf Dienstag kommentierte Christian Drosten die von der britischen Regierung veröffentlichten Details zur neuen Corona-Mutante mit "Das sieht leider nicht gut aus". Bereits am Dienstag setzte er jedoch einen weiteren Tweet ab, in dem er dieses Statement erklärte. Er schrieb, dass sich seine Aussage "allein auf den jetzt deutlicheren Beleg der verstärkten Verbreitung der Mutante" bezogen hatte. Ansonsten hätte sich seine Einschätzung nicht verändert, sagte der Virologe und verwies erneut auf das Interview mit dem Deutschlandfunk.

Auf einen Lichtblick bei der ganzen Sache hatte er bereits in seinem ersten, missverstandenen Tweet hingewiesen: Es sei anzunehmen, dass Kontaktreduktion auch gegen die Verbreitung der Mutante wirke.

Macht die neue Corona-Mutation den Impfstoff wirkungslos?

Und es gibt noch eine weitere gute Nachricht: Wie die Tagesschau berichtete, führt die neue Corona-Variation ersten Erkenntnissen zufolge weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch zu einer höheren Sterblichkeit. Die Frage, die wohl den meisten auf der Seele brennt, kann allerdings bislang noch nicht sicher beantwortet werden: Macht die neue Corona-Mutation den Impfstoff wirkungslos?

Denn neben der erhöhten Ansteckungsgefahr ist das ein weiteres Thema, das Wissenschaftler in Sorge versetzt: Bei ersten Analysen fanden Forscher heraus, dass die neue Corona-Variante über ungewöhnlich viele genetische Veränderungen verfügt, und zwar vor allem im Spike-Protein. Das ist eine Parallele zu einer Corona-Mutation, die vor Kurzem auch in Südafrika nachgewiesen wurde. Genau an diesem Spike-Protein jedoch wirkt der Biontech-Impfstoff – es könnte also sein, dass die Veränderungen den Impfstoff im schlimmsten Fall wirkungslos machen.

Bislang ist davon nicht auszugehen. Man nimmt an, dass der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer auch gegen die Mutation wirkt. In einem Interview mit der Bild-Zeitung kündigte Biontech-Chef Ugur Sahin an, in den nächsten 14 Tagen testen zu wollen, ob die Immunantwort des Körpers durch den Impfstoff auch die neue Variante inaktivieren können. Er zeigte sich zuversichtlich, gestand aber auch ein, noch nichts garantieren zu können.

Kommt jetzt ein noch härterer Lockdown?

Mit einem harten Lockdown versucht man in England, der Ausbreitung des Virus Einhalt zu gebieten: Alle Geschäfte und Einrichtungen, die nicht Teil der Grundversorgung sind, müssen schließen, es gelten strenge Ausgangssperren, auch über die Weihnachtsfeiertage. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock bezeichnete die Mutation als "außer Kontrolle". Er sagte, er mache sich große Sorgen um das britische Gesundheitssystem. Im Moment befänden sich um die 18.000 Infizierten in den Krankenhäusern – beinahe so viele wie auf dem Gipfel der ersten Corona-Welle.

Auch Londons Bürgermeister Sadiq Khan appellierte an die Bürger, das Reisen während der Feiertage zu unterlassen, um das Virus nicht an ältere Verwandte und geliebte Menschen weiterzugeben. Gesundheitsminister Matt Hancock sagte weiterhin gegenüber dem Sender Sky News, jeder müsse sich so verhalten, als ob er mit dem Coronavirus infiziert sei: "Das ist der einzige Weg, wie wir das Virus unter Kontrolle bekommen können."

Ist auch in Deutschland mit einer Verschärfung der Lockdown-Maßnahmen zu rechnen? Das steht noch nicht fest. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat sich jedoch bereits dafür ausgesprochen. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte ihr Präsident Gerald Gaß, dass, falls sich die deutlich infektiösere Variante auch in Deutschland ausbreiten sollte, "der Lockdown dann länger und noch intensiver sein müsste".

Erste Länder verhängen Einreiseverbote

Auch, wenn die neue Corona-Mutation offenbar nicht gefährlicher ist als die Varianten, die wir bisher kennen, möchten andere Länder verständlicherweise verhindern, dass sich die Mutation auch dort ausbreitet – schließlich ist es das Ziel sämtlicher Lockdowns und weiterer Sicherheitsmaßnahmen, die Infektionszahlen möglichst niedrig zu halten und zu verhindern, dass die Gesundheitssysteme zusammenbrechen.

Die neue Variante des Coronavirus könnte genau diesem, ohnehin schwer zu erreichenden Ziel einen Strich durch die Rechnung machen. Um die Verbreitung der Mutation einzudämmen, haben erste Länder bereits ein Einreiseverbot für Reisende aus Großbritannien verhängt. Zu diesen gehören die Niederlande, Frankreich, Bulgarien und Irland. Auch in Deutschland gilt seit heute um Mitternacht ein Einreiseverbot. Laut einem Artikel der Zeit kann dieses laut einer EU-Verordnung zunächst bis zum 31. Dezember gelten.

Auf die Maßnahmen, die ab dem 1. Januar gelten sollen, hat man sich noch nicht abschließend geeinigt. Laut einer Verordnung des Gesundheitsministers Jens Spahn, die dem Spiegel vorliegt, ist damit zu rechnen, dass das Einreisen aus Irland, Großbritannien und Südafrika bis zum 6. Januar untersagt sein wird. Ab dem 1. Januar sollen Deutsche und Personen mit Aufenthaltstitel wieder einreisen dürfen, allerdings nur mit negativem Corona-Test.

Ob die Einreiseverbote die erwünschte Wirkung erzielen, wird sich zeigen. Obwohl die neue Mutation bislang nicht in Deutschland festgestellt werden konnte, gehen Christian Drosten und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach davon aus, dass es auch hierzulande bereits angekommen ist.

Weitere Neuigkeiten und Informationen über das Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite. Hier halten wir Sie über neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Laufenden, beispielsweise die Entdeckung, dass unsere Gene den Verlauf der Corona-Erkrankung beeinflussen. Auch, was die Zulassung des Corona-Impfstoffs angeht, sind Sie bei uns bestens informiert. Wir räumen außerdem mit der Aussage auf, das Coronavirus sei das Gleiche wie eine simple Grippe.

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