27.11.2020 - 15:54

Jeder 5. Covid-Patient betroffen Macht das Coronavirus psychisch krank?

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Eine Studie zeigt, dass Depressionen, Angst- und Schlafstörungen jeden fünften Covid-Patienten treffen. Wir gehen der Studie auf den Grund...

Foto: iStock/fotografixx

Eine Studie zeigt, dass Depressionen, Angst- und Schlafstörungen jeden fünften Covid-Patienten treffen. Wir gehen der Studie auf den Grund...

Depressionen, Angst- und Schlafstörungen als direkte Folge einer Coronavirus-Infektion – kann das sein? Eine neue Studie legt es nahe.

Wer sich mit dem Coronavirus infiziert, hat scheinbar ein höheres Risiko, psychisch krank zu werden. Eine Studie zeigt, dass Depressionen, Angst- und Schlafstörungen jeden fünften Covid-Patienten treffen.

Jeder 5. Covid-19-Patient wird psychisch krank

Das Schreckgespenst Covid-19 geht seit fast einem Jahr in Europa um. Und es hat mit der Zeit nicht an Schrecken verloren, eher gewonnen. Vor allem umso mehr über mögliche Schäden und Langzeitfolgen weit über die Lunge hinaus bekannt wird. Nun legt eine Mammut-Studie der britischen Oxford University nahe, dass eine Covid-19-Erkrankung das Risiko, psychisch zu erkranken, erhöht.

Bei jeder fünften infizierten Person kann es demnach zu Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen kommen. Die wichtigsten Studienergebnisse im Überblick:

  • Einer von fünf Patienten bekam in den drei Monaten nach seinem positiven Covid-19-Test die Diagnose einer psychischen Erkrankung.
  • Einer von vier dieser Betroffenen hatte in der Vergangenheit noch nie eine diagnostizierte psychische Krankheit.
  • Menschen mit psychischen Krankheiten könnten ein höheres Risiko haben, sich mit Covid-19 anzustecken.

Wie erkannten die Forscher die psychischen Corona-Folgen?

Für die Studie, die jetzt im Fachblatt "The Lancet Psychiatry" veröffentlicht wurde, wertete man anonymisiert elektronische Krankenakten von 69 Millionen Menschen in den USA aus. 62.000 davon hatten eine diagnostizierte Coronavirus-Infektion. Innerhalb der darauffolgenden zwölf Wochen bekam jeder Fünfte von ihnen eine Angststörung, Depression oder Schlafstörung, die ärztlich bestätigt wurde. Besonders besorgniserregend: Es handelt sich dabei um Erstdiagnosen, das heißt, jeder fünfte Covid-19-Patient entwickelt psychische Störungen, die er vorher noch nie hatte. Das ist ungefähr doppelt so häufig wie bei Patienten mit anderen Krankheiten!

Um herauszufinden, ob das erhöhte Risiko für psychische Erkrankungen wirklich direkt mit Covid-19 zusammenhängt, glichen die Forscher die Patientendaten mit einer Kontrollgruppe ab. Die medizinischen Informationen der Corona-positiven Patienten wurden mit denen von Menschen verglichen, die im selben Zeitraum an anderen ernsten Krankheiten litten. Dazu gehörten Influenza, weitere Atemwegserkrankungen, eine Hautkrankheit, Gallensteine, Blasensteine und Knochenbrüche.

Experten: Dringend psychiatrische Unterstützung für Covid-Patienten

Covid-19 scheint also einen Einfluss auf das Risiko für psychische Krankheiten zu haben. Das betrifft besonders auch diejenigen, die in der Vergangenheit schon mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Von den Covid-Patienten, die Depressionen, Angststörungen und Schlafprobleme bekamen, hatten drei von vier schon (mindestens) einmal im Leben eine psychiatrische Diagnose bekommen. Insgesamt sind rund 20 Prozent derjenigen, die Covid-19 hatten, in den folgenden drei Monaten nachweislich psychisch erkrankt.

Studienleiter Prof. Paul Harrison richtete einen dringenden Appell an die Medizin-Community: "Es gab die Befürchtung, dass Covid-19-Überlebende ein höheres Risiko für psychische Krankheiten haben und die Ergebnisse unserer großangelegten Studie zeigen, dass dies höchstwahrscheinlich so ist. Es muss schnell Hilfsangebote geben, vor allem weil man davon ausgehen kann, dass die tatsächlichen Fallzahlen noch höher sind als unsere Ergebnisse. Wir brauchen dringend mehr Forschung, um die Ursachen und neue Behandlungsmöglichkeiten zu finden."

Leider zeigte die Datenanalyse auch, dass bei den Covid-Betroffenen innerhalb der drei Folgemonate doppelt so häufig eine Demenz diagnostiziert wurde, wie bei der Vergleichsgruppe. Dies könnte aber zum Teil auch daran liegen, dass unbemerkte Demenz-Erkrankungen erst bei den Arztbesuchen auffielen. Es sei laut der Forscher jedenfalls eine statistische Häufung, die weiter beobachtet werden müsse, zumal eine Demenz nicht mehr rückgängig zu machen ist. Eine Coronavirus-Infektion trifft ältere Menschen insgesamt härter, das könnte auch für die geistige Gesundheit gelten.

Angst und Isolation durch Corona-Infektion als Stressfaktor

Was die Forscher weiter verblüffte: Den Zusammenhang zwischen Covid-19 und psychischen Problemen scheint es auch andersherum zu geben. Menschen, bei denen schon einmal eine psychische Krankheit diagnostiziert wurde, haben statistisch ein zu 65 Prozent höheres Risiko, die Diagnose Covid-19 zu bekommen. Dr. Max Taquet, der die Studie durchführte, empfiehlt deshalb, psychische Krankheiten in die Liste der Corona-Risikofaktoren mit aufzunehmen. Zumindest so lange, bis geklärt sei, wie eine Coronavirus-Infektion und die psychische Gesundheit genau zusammenhängen.

Auch was genau an der Coronavirus-Infektion vermehrt zu Depressionen, Angst- und Schlafstörungen führen könnte, ist noch nicht klar. Covid-19 betrifft häufig auch das Nervensystem, das wohl bekannteste Symptom hiervon ist der Verlust von Geruchs- und Geschmacksinn, den viele Betroffene erleben. In einzelnen Fällen wurden auch schon vermutlich durch das Coronavirus ausgelöste Entzündungen des Gehirns, Lähmungen oder Schlaganfälle beobachtet. Neurologische Veränderungen im Gehirn könnten natürlich auch psychische Krankheiten begünstigen. Andererseits ist Covid-19 für viele Erkrankte eine Extremsituation, die psychisch sehr belastend sein kann – Ängste um die Gesundheit, Schuldgefühle wegen Ansteckungen, Isolation durch Quarantäne und vieles weitere können traumatisch sein.

Wie kann jeder besser mit dem Pandemie-Stress umgehen?

Eine tatsächliche Infektion mit dem Coronavirus ist natürlich ein großer Stressfaktor, aber auch die gegenwärtige Situation allein verlangt uns psychisch viel ab, oft auch unbemerkt. Im Interview mit BILD der FRAU zu ihrem Buch ("Die Medizin der Gefühle", Droemer Knaur) erklärt Ärztin Dr. Julia Fischer, was die Pandemie mit unserem Kopf anstellt:

"Krisenzeiten bedeuten Stress. Und Stress hemmt den präfrontalen Kortex – also die Gehirnregion, die für rationales Denken zuständig ist und unsere Gefühle dosiert. Deswegen werden wir in Krisenzeiten unruhiger, können uns schlechter konzentrieren und verhalten uns impulsiver: Werden schneller wütend, ängstlich oder traurig, geben Süchten nach (fangen wieder an zu rauchen, trinken Alkohol..)… Und dann passiert es schnell, dass wir in negative Gedanken-Spiralen rutschen. Dem müssen wir aktiv begegnen, in dem wir uns vermehrt auf Positives konzentrieren, Stress abbauen und den präfrontalen Kortex stärken", erklärt Dr. Fischer.

Die positive Nachricht: negative Gefühle sind ganz normal, aber wir sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Die Ärztin ist u.a. großer Fan von Meditation und Achtsamkeit, da sie nachweislich den präfrontalen Cortex im Gehirn stärken. Welche weiteren, kleinen und großen Veränderungen im Alltag die Psyche widerstandsfähiger machen können, lesen Sie hier im großen Interview mit Dr. Fischer.

Wichtig: Wenn Sie merken, dass Sorgen, Ängste, Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit überhandnehmen, vor allem, wenn das über Wochen oder Monate der Fall ist, zögern Sie nicht, sich professionelle Hilfe zu suchen. Es ist keine Schande, sondern mutig, sich einzugestehen, dass man gerade allein mit den eigenen psychischen Ressourcen nicht weiterkommt. Erster Ansprechpartner kann der Hausarzt / die Hausärztin sein, die Sie an Fachärzte und Psychotherapeuten verweisen können. Arzttermine und Therapiesitzungen können durch Pandemie-Sonderregeln auch komplett virtuell stattfinden. Außerdem kann die Psychotherapeutensuche der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung helfen, einen Therapieplatz zu finden.

Aktuelle News und Hintergründe zur Entwicklung der Coronavirus-Pandemie finden Sie auch auf unserer großen Themenseite.

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