20.11.2020 - 10:05

Corona-Impfstoffe unter der Lupe Impf-Nebenwirkungen? Risiken des RNA-Impfstoffes überprüft

Wenn der Impfstoff kommt: Wer wird zuerst geimpft?

Wenn der Impfstoff kommt: Wer wird zuerst geimpft?

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Unglaublich schnell verläuft die Entwicklung der Impfstoffe gegen das Coronavirus. Das wirft Fragen zur Sicherheit auf, ruft aber auch Falschmeldungen und Vermutungen auf den Plan, die so nicht haltbar sind. Vor allem um die neuartigen RNA-Impfstoffe machen sich viele Menschen Gedanken. Eine gesunde Vorsicht ist wichtig, auch hier. Doch so manche These ist auch unbegründet.

RNA-Impfstoffe sind vielversprechend. Sie sind schnell in der Entwicklung, und die bisher vorliegenden Daten der innerhalb weniger Monate entwickelten Corona-Impfstoffe zur Wirksamkeit sind beachtlich. Doch die Schnelligkeit im Vergleich zum Prozess bei anderen Impfstoffen, schlechte Erinnerungen an einen ehemaligen, schnell entwickelten Epidemie-Impfstoff, die geringe Kenntnis langfristiger Nebenwirkungen und Schauergeschichten über diese neue Art der Impfstoffe wecken Unbehagen. Das ist ganz normal und wichtig – doch die meisten der Fragen lassen sich schon jetzt mit Fakten beantworten. Welche möglichen Nebenwirkungen und Impfrisiken bringen RNA-Impfstoffe wirklich mit?

RNA-Impfstoffe: Impfrisiken sind immer da, aber...

Ein RNA-Impfstoff arbeitet anders als klassische Impfstoffe. Bekommt man bei vielen davon etwa abgeschwächte Krankheitserreger oder Erregerteile gespritzt, bei anderen abgetötete Erreger, auf die das Immunsystem dann reagiert, ist es bei vielen der neuen Impfstoffe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 Messenger-RNA. Messenger-RNA, kurz m-RNA, ist die Bezeichnung für Boten-Genmaterial und bezieht sich hier auf Erbgutteile der Viren. Die sorgen dafür, dass der geimpfte Körper selbst Virusproteine herstellt, mit deren Hilfe unser Immunsystem dann lernt, eine Immunantwort zu generieren. Die Krankheit selbst kann dabei nicht ausgelöst werden.

Das klingt zugegeben beängstigend, wenn man das so liest. Und dieses Prinzip bietet jede Menge Platz für Vermutungen, die sich in der heutigen Zeit dann schnell als Tatsachen tarnen und in die Welt hinausgetragen werden. Es ist daher wichtig, sich die Hintergründe wissenschaftlich fundiert genauer anzusehen. Das vertreibt die Befürchtungen dann ganz schnell. Vorweg: Für eine Veränderung der menschlichen DNA durch die Viren-RNA gibt es keine Anhaltspunkte. Doch selbstverständlich sind Fragen bezüglich der Sicherheit absolut gerechtfertigt. Nebenwirkungen können nie ausgeschlossen werden, schon gar nicht bei so kurzen Testzeiträumen. Doch viele Risiken können bereits jetzt ausgeschlossen werden. Und am Ende ist eine Impfung immer eine Nutzen-Risiken-Abwägung.

Verändert die Impfstoff-RNA unser Erbgut?

Nein, erklären Christine Westerhaus und Christiane Knoll, beide Wissenschaftsexperten beim Deutschlandfunk: "Die m-RNA enthält nur die Bauanleitung für bestimmte Viruseiweiße", klären sie im Gespräch. Mit dieser Vorlage produzieren unsere Körperzellen dann Virusproteine. Warum die m-RNA gar nicht in der Lage sein kann, unsere DNA zu verändern? Die DNA sitzt im Zellkern, der vom Rest der Zelle durch eine Membran abgetrennt ist. Die RNA allein kann diese Membran nicht durchdringen. Die Antwort vieler Forscher auf diese Befürchtung: Es sei ausgeschlossen, dass sich die Impf-RNA ins menschliche Erbgut einbauen könne.

Zudem können unsere Zellen eine RNA nicht in DNA umwandeln, uns fehlen dazu die nötigen Enzyme. RNA in DNA umwandeln können dagegen manche Viren. Und das haben sie im Laufe der Jahrtausende auch zuhauf getan.

Kann die Impfstoff-m-RNA andere Zellen beeinflussen?

Dafür muss man sich einmal ansehen, was m-RNA eigentlich ist: Die Boten-RNA ist wie oben erwähnt auch in unseren Körpern natürlicherweise in Mengen vorhanden. Unser Körper produziert sie als eine Art Bauanleitung für jedes einzelne, gerade gebrauchte Protein im Körper. Einmal abgeschlossen, bauen die Zellen diese Bauanleitung recht schnell wieder ab.

Auch die m-RNA aus der Impfung ist recht instabil – übrigens könnte das ein Grund sein, warum solche Impfstoffe bei so niedrigen Temperaturen gelagert werden müssen: Der Impfstoff von Biontech und Pfizer etwa muss in speziellen Kühlschränken bei -70 °C transportiert und aufbewahrt werden. Für die Impfung wird er natürlich auf Körpertemperatur gebracht und dann gespritzt. Durch die dann im Vergleich sehr hohe Temperatur wird er aber wesentlich schneller instabil: Die gespritzte m-RNA tut also ihr Werk – sie fungiert als Bauanleitung für eine gewisse Zahl an Virusproteinen – und wird dann wieder abgebaut. Sprich: Sie lässt den Körper auch nicht endlos Virusproteine bauen. Der Körper reagiert auf die vorhandenen dann mit Antikörpern und Co.

Wie schwer könnten Nebenwirkungen theoretisch sein?

Die Impfstoff-Hersteller vermelden aufgrund der Daten aus ihren Phase-III-Studien – in denen viele Tausende Menschen geimpft worden sind – bisher neben enormer Wirksamkeit auch große Sicherheit – soweit man das eben bisher sagen kann. Kurzfristige Nebenwirkungen sind jedenfalls offenbar gering: Bisher beobachtet man klassische Impf-Nebenwirkungen wie Rötungen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen, Müdigkeit, vielleicht kurzes, leichtes FIeber.

Doch die Frage nach Nebenwirkungen ist relevant: Bisher gibt es nämlich keinerlei Erfahrungen mit RNA-Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten, betonen die Wissenschaftsjournalistinnen beim Deutschlandfunk. Sie zitieren Leif-Erik Sander, Impfstoffforscher von der Charité in Berlin: Er sage, Autoimmunreaktionen des Körpers können bei Impfungen grundsätzlich ein Problem sein – also auch bei anderen Impfstoff-Arten.

Bei einer Autoimmunreaktion greift das Immunsystem körpereigene Strukturen an, die er für Fremdkörper hält. Passieren kann das, wenn Bestandteile in bestimmten Impfstoffen, etwa eben auch Virusproteine oder andere Proteine eine den körpereigenen Rezeptoren stark ähnelnde molekulare Struktur aufweisen. Dann kann es sein, dass das Immunsystem diese körpereigenen Eiweiße ebenso als Feinde erkennt – und nicht nur das Virus, sondern auch den Körper selbst angreift.

Man muss hier aber bedenken: Bei vielen bereits bekannten Impfstoffen werden Virusproteine oder abgestorbene Viren gespritzt – also ebenso Eiweiße, die solchen im Körper ähneln könnten. Die Gefahr einer solchen Autoimmunreaktion wird daher von Forschern bei RNA-Impfstoffen nicht höher eingeschätzt als allgemein bei Impfungen. Solche Immunreaktionen können zudem auch durch die Virusinfektion selbst auftreten – denn damit gelangt ja auch Virusprotein in den Körper, das zu Verwechslungen führen kann. Dies könnte auch ein (Teil-)Grund dafür sein, warum bei manchen Covid-19-Patienten eine überschießende Immunreaktion beobachtet wird. Bei Impfungen lässt sich das also sogar noch besser kontrollieren. Sprich: Man könnte vielleicht sogar davon ausgehen, dass die Autoimmun-Nebenwirkung-Gefahr beim Impfstoff geringer ist als bei einer Infektion.

Mehr dazu: Wann ist eine neue Impfung wirklich sicher und wirksam?

Müsste der Testzeitraum nicht dann trotzdem viel länger sein?

Im Grunde ja – und das ist er auch, zumindest teilweise. Die jetzt durch Notzulassungen kommenden Impfstoffe werden auch weiterhin engmaschig beobachtet. Die Zulassungsbehörden erwartet allerdings nur eine Nachbeobachtungszeit von zwei Monaten. Das ist insofern realistisch, da ja sowieso schnell möglichst viele Menschen geimpft werden müssen. Hier wird wieder die Nutzen-Risiken-Rechnung aufgestellt: Mediziner*innen schätzen die Gefahr eines schweren Corona-Verlaufs oder bleibender Schäden und Langzeitfolgen (Stichwort Long Covid) als deutlich höher ein als das Risiko, dass die Impfung schwere, bisher unbekannte Nebenwirkungen hervorruft.

Autoimmun-Wechselwirkungen lassen sich nur durch sehr lange Beobachtungszeiträume nachweisen. Diese Zeit haben wir in einer Pandemiesituation, in der alle Welt darauf wartet, wieder normal zu leben, aber nicht.

Die Expertinnen vom Deutschlandfunk führen hier noch die stark kritisierte Schweinegrippe-Impfung Pandemrix an. Dieser Impfstoff wurde damals auch sehr schnell entwickelt. Im weiteren Zeitverlauf trat dann bei 1.300 der insgesamt 60 Millionen geimpften Menschen Narkolepsie auf. Narkolepsie ist auch als "Schlafkrankheit" bekannt, bei der Betroffene plötzlich einschlafen. Diese Nebenwirkung ist aber teilweise erst nach Jahren aufgefallen. Sie wäre auch bei mehr getesteten Menschen damals nicht direkt aufgefallen.

Müssen wirklich alle geimpft werden – auch Kinder und Jugendliche?

Die Sicherheit und Wirksamkeit bei älteren Menschen ist bisher überraschend hoch. So werden bei Senioren in der Testphase sogar geringere direkte Nebenwirkungen beobachtet als bei jüngeren Probanden. Für diese sowie für medizinisches Personal sollen die Impfungen auch im ersten Impfzeitraum gedacht sein. Nach und nach sollen dann auch jüngere Menschen geimpft werden, damit wieder Normalität einkehrt. Dazu mehr: So läuft die Corona-Impfung ab! Wann und wo geimpft werden soll. Ob aber eine Impfung auch für Kinder und Jugendliche sinnvoll bzw. wirklich notwendig ist, darüber wird diskutiert. Denn bei sehr jungen Menschen verläuft Covid-19 meist schwach und harmlos. Vielleicht könnten dann zumindest bei den Jüngsten der Gesellschaft die noch vorhandenen Impfrisiken und Nebenwirkungs-Möglichkeiten der Corona-Impfstoffe einfach wegfallen.

Doch im Kampf gegen das Coronavirus gibt es noch einiges zu tun: Die Impfstoffe kommen – und diese Herausforderungen mit ihnen

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