Aktualisiert: 19.11.2020 - 20:55

"Die Vorräte gehen langsam aus" Corona: Aus dem Tagebuch einer Getesteten

Von

Was für eine verrückte Zeit: Tests ohne Ende und kein Ende der Quarantäne. Die Erfahrungen einer Corona-Getesteten.  (Symbolbild)

Foto: istock.com / MundusImages

Was für eine verrückte Zeit: Tests ohne Ende und kein Ende der Quarantäne. Die Erfahrungen einer Corona-Getesteten. (Symbolbild)

Von Testergebnissen, Quarantäne, der Stimmung in der Warteschlange beim Arzt und dem Lockdown: Persönliche Einblicke einer Betroffenen.

Was passiert eigentlich, wenn plötzlich der gefürchtete Anruf kommt und das Coronavirus in greifbare Nähe rückt? Eine Frau berichtet von ihren Erfahrungen beim Corona-Test und erzählt, wie sie mit der Sache umgeht:

Corona-Test: Erfahrungen einer gleich zweifach Getesteten

Ein Anruf einer Freundin: "Du, es tut mir leid. Jetzt kam die Nachricht aus dem Labor, dass mein Test doch positiv ist." Zur Vorgeschichte. Ich war ca. eine Woche zuvor bei dieser Freundin zu Besuch. Im Garten mit ihrer Familie. Alle waren aber zuvor getestet und waren negativ. Keine Gefahr für mich. Allerdings hätte ich ja auch einen Virus einschleppen können?! Aber man hielt sich an die AHA-Maßnahmen. War sowieso die meiste Zeit draußen und geknuddelt habe ich schon seit fast neun Monaten niemanden mehr.

"Einen Moment bitte, ich bin gleich für Sie da."

Jetzt dann also doch ein positives Ergebnis. Demnach bin ich Erstkontakt? Für mich keine Frage, ich gehe am nächsten Tag zum Test. Auch ohne Ansage vom Gesundheitsamt. Aber erst mal beim Arzt anrufen. Mir wurde eine Praxis in meiner Nähe empfohlen. Dort gibt es eine Corona-Hotline. Es dauert ein bisschen, bis man durchkommt. Dann hört man eine freundliche Stimme: "Einen Moment bitte, ich bin gleich für Sie da." Und dann spricht die Stimme noch an einem anderen Telefon. Sehr ruhig und stabil, obwohl die Dame sicherlich hundertmal am Tag dasselbe erzählen muss und sicherlich auch nicht immer die geduldigsten Herrschaften am Telefon hat.

Aber diese menschliche Warteschleife ist mir sofort sympathisch. Und dann bin ich an der Reihe: "Guten Tag, mein Name ist Doris (Name von der Redaktion geändert), was kann ich für Sie tun?" Hallo, guten Morgen. Ich erzähle kurz meine Geschichte. Doris findet es auch komisch, dass der Test der Freundin erst negativ und dann positiv war: "Kommen Sie doch bitte heute bis 11 Uhr zum Testen." Ok, dann komm ich jetzt vorbei. "Und bitte die Maske nicht vergessen."

Der Abstand wird nicht so ganz eingehalten

Vor Ort stehen schon ein paar Leute draußen vor dem Test-Fenster. Es sind mindestens 20 Personen vor mir. Alle stehen mit Maske in einer Reihe. Der Abstand wird nicht so ganz eingehalten. Ich stelle mich dazu und versuche 1,5 einzuhalten. Die Stimmung in der Reihe ist ungewöhnlich heiter. Vor mir zwei Girls, die es lustig finden, die Schlage vor Ihnen zu fotografieren. Hinter mir eine Dreier-Gruppe, die ständig laut lachen. Bin ich nur angespannt oder warum regt mich das so auf? Ich finde es unangebracht.

Hier wird getestet und wenn man Pech hat, dann ist man positiv und wenn man richtig die "Kacke am dampfen" hat, dann hat man auch noch einen schlimmen Verlauf. Also, haltet die Klappe. Ich setze mein Motz-Gesicht auf. Vielleicht hilft es ja.

Gut leserlich alles ausfüllen

Dann kommt ein junger Mann mit Maske an der Schlange vorbei und verteilt Zettel und Stifte. Er spricht oft auch auf Englisch. Man soll gut leserlich alles ausfüllen, wann man die Begegnung hatte, wie lange, ob man Vorerkrankungen hat und natürlich die üblichen Kontaktdaten. Später kommt er noch mal vorbei und fragt, ob man eine Decke haben möchte. Das finde ich ebenfalls sehr nett und alles soweit gut organisiert.

Was allerdings nicht so schön ist, dass man da schon sehr auf dem Präsentierteller steht. Menschen sind Glotzer. Natürlich glotzen sie, wenn sie nicht wirklich was zu tun haben, noch mehr. So auch in dieser Warteschlange. Man gibt zunächst seinen ausgefüllten Zettel am ersten Fenster ab. Hier wird man ebenfalls mit einem Lächeln hinter Glas begrüßt. Es gibt kurze Nachfragen und eine Erklärung, wie es weitergeht. Danach stellt man sich in die Reihe gegenüber und wartet bis man aufgerufen wird.

Anonym ist man nicht mehr

Hier hören natürlich auch alle deinen Namen. Anonym ist man nicht mehr. Am zweiten Fenster wird man also herangerufen und ebenfalls sehr nett begrüßt. Man bekommt einen anderen Zettel mit einem QR-Code, den man in die Warn-App einscannen kann. Dafür hat man vorher seine Unterschrift gegeben. Ansonsten wird man bei einem positiven Test angerufen. Das kann bis zu 3 Tage dauern. Bis dahin bitte zuhause bleiben.

"So, dann manchen Sie jetzt bitte den Mund auf und sagen AAAAA." Mund auf und hinter mir kleben die Glotzer. Ich weiß, dass gerade jetzt fast alle in der Reihe in meine Richtung glotzen. "AAAAA." Ich muss kurz würgen, aber sonst war es gar nicht schlimm. Es wird auch nur ein Abstrich im Rachenraum gemacht. Zusätzlich die Nase zu durchforsten, würde wahrscheinlich zu lange dauern?! Ich bedanke mich und verlasse mit Maske und in leicht geduckter Haltung das Test-Event. Man fühlt sich schon beobachtet. Es fahren ja ständig Leute mit dem Fahrrad an der Warteschlange vorbei oder Passanten kreuzen den Weg.

Die Sache mit der Warn-App

Zuhause scanne ich sofort den QR-Code in die App. Dann heißt es warten. Natürlich auch erst mal im Büro alles abchecken. Bisschen Homeoffice kann ich ja machen. Zum Glück habe ich noch ein paar Lebensmittel zu Hause. Wichtig immer Espresso, Milch, Brot, Käse und Gemüse. Freunde haben aber auch schon angeboten mir was zu bringen. Alles gut.

Erschreckend hohe Zahlen: So viele Deutsche lehnen die Corona-Warn-App ab!

Nach drei Tagen dann das negative Ergebnis in der App. Erleichterung. Morgen kann ich also wieder raus. Ins Büro, an die frische Luft. Pustekuchen. Am nächsten Morgen zeigt die App rot. Ich hatte in den letzten vier Tagen eine Begegnung mit einer positiv getesteten Person? Hä? Rechne im Kopf. Vor vier Tagen war ich doch schon in Quarantäne bzw. natürlich schon für den Test draußen in der Warteschlange. Hm, kann natürlich sehr gut sein, dass dort jemand positiv getestet wurde und zack, ist der Warnhinweis da. Nerv. Soll ich es verheimlichen? Ich kann doch jetzt nicht schon wieder zu Hause bleiben. Es gibt eine wichtige Konferenz bei uns und da kann ich meine Chefin nicht hängen lassen. Was tun? Erstmal der Chefin Bescheid geben. Sie sagt, ich soll entscheiden.

Hinweis der Redaktion: Wird die Quarantäne vom Gesundheitsamt angeordnet, gilt auch trotz negativem Testergebnis weiterhin Quarantänepflicht für insgesamt zwei Wochen. So handhaben das übrigens auch die meisten Ärzte, die ebenfalls eine Quarantäne aussprechen können. Fragen Sie im Zweifel bitte nach. Die Quarantäne trotz negativem Test gilt als Vorsichtsmaßnahme: Es kann schließlich sein, dass die Viruslast beim Abstrich einfach nicht hoch genug war.

Bitte weiterhin zuhause bleiben

Dann mit einer Freundin gesprochen, die sich sehr gut auskennt. Sie sagt, noch mal beim Arzt anrufen. Ok, das mache ich. Die gute Doris. Es dauert wieder ein bisschen bis ich durchkomme. Aber alles nicht so schlimm. Da habe ich bei anderen Hotlines schon sehr viel länger warten müssen. Währenddessen checke ich noch mal Berichte über die Corona Warn App und wen ich in den letzten Tagen getroffen habe.

Dann endlich die vertraute Stimme. Doris. Ich erkläre ihr die Situation. Sie sagt, dass sie da auch noch mal Rücksprache mit der Ärztin halten muss. Sie würden mich dann zurückrufen und bis dahin, wie gehabt, bitte zuhause bleiben. Das kenne ich ja schon. Ich lobe Doris für ihre kompetente und freundliche Art am Telefon. Darüber freut sie sich und wünscht mir alles Gute.

Nach ungefähr einer Stunde ruft mich Doris zurück. Ich soll bitte weiterhin zuhause bleiben und noch mal zum Testen kommen. Aber erst nächste Woche Mittwoch, wegen der Inkubationszeit. Meine direkte Reaktion: "Sch...." Da muss Doris kichern. Ich entschuldige mich. ""Gar kein Problem, sagt sie." Dafür hat sie Verständnis. Also, weiterhin Homeoffice und Isolation. Die Vorräte gehen langsam aus. Ja, Essen ist mir sehr wichtig. Zum Glück kann man heutzutage ja alles online machen. Warum dann nicht auch mal online im Supermarkt bestellen. Da hat man dann auch was zu tun.

Spätestens nach drei Tagen schlechte Laune

Spätestens nach weiteren drei Tagen bekommt man schlechte Laune. Bis dahin hat man zwar viel telefoniert, gechattet, gearbeitet und war auch ganz produktiv, aber die Kammer ist immer noch nicht aufgeräumt. Kühlschrank könnte ich auch mal auswischen. Aber es gibt halt auch viel zu tun und sonst schleicht sich eine Art Lähmung ein.

Man wird lustlos. Ok, draußen ist eh nicht viel los. Keine Konzerte, keine Restaurants, Kontaktsperre. Aber wenn man noch nicht mal raus kann und so gar niemanden real zu Gesicht bekommt, das macht schon mürbe. Ein Balkon hilft da schon etwas, aber auch nicht im nebligen November. Hilft ja nichts. Eine Freundin macht mir Mut und lobt mich, weil ich das so durchziehe. Ich denke mir, hoffentlich machen das andere auch.

Die Nerven liegen blank

Dann endlich Tag 2 der Testung. Jetzt ist es ja schon fast Routine. In der Hoffnung, wieder negativ zu sein, zähle ich schon die Tage, wann ich wieder draußen sein darf. Diesmal bin ich schon vor Öffnung der Praxis da. Dachten sich andere auch und somit stehen wieder ca. 15 Personen vor mir. Diesmal aber auch mit mehr Abstand. Es wird wieder freundlich die Zettel zum Ausfüllen verteilt. Diesmal auch mit Unterlage. Diesmal fühle ich mich noch mal mehr als Aussätzige.

Liegt es daran, dass meine Nerven schon ein wenig blank liegen? Oder fahren heute deutlich mehr Glotzer an der Schlage auf ihren Fahrrädern vorbei. Ja, ich glaube, das ist es. Ich schaue ja nicht in Richtung Test-Fenster, weil ich schon der Meinung bin, dass man auch in dieser Situation den Leuten nicht direkt in den Rachen glotzen muss. Ich schaue mir das Leben auf der Straße an. Da sind sehr viele Radfahrer unterwegs. Mit und ohne Kinder und wirklich alle glotzen. Gut, man kann sich erst mal wundern, was stehen die Leute da mit Masken in einer Schlage. Nach 8 Monaten Pandemie kann man sich aber auch vorstellen, dass da alle nicht für eine Kugel Matcha-Eis stehen.

Alle glotzen. Und es wird noch schlimmer

Nicht nur kurz, sondern komplett die Reihe durch. Natürlich glotze ich auch mal zurück, weil es so absurd ist, aber auch irgendwie krass. Ich denke mir, ihr seid alle mal dran. Das wird hier nicht weniger werden. Aber es kommt noch schlimmer. Ein Vater zu seinem Sohn und der Vorzeige-Papi zeigt natürlich auch mit seinem Finger auf die Menge: "Guck mal, die werden alle getestet." Wow, was ein Ereignis. Und noch mal ein Topping von einer Mutter: "Guck mal, die haben alle zu viel Party gemacht." Der wäre ich am liebsten hinterhergerannt. Blöde Kuh!

Zum Glück bin ich bald an der Reihe. Dann beobachte ich noch etwas Unpassendes in dieser Situation. Zwei Typen treffen sich auf der anderen Straßenseite. Ohne Maske gibt es lachend erst mal eine dicke Umarmung. Ich hoffe, ihr seid ein Haushalt. Natürlich ist das bei mir der blasse Neid. Ich will auch wieder meine Freunde und Familie umarmen. So, jetzt ist es bald soweit.

Singles haben es nicht einfach in Zeiten von Corona

Wieder bekomme ich ein freundliches Lächeln und den QR-Code. Diesmal heißt es das Ergebnis wird in 3-4 Tagen mitgeteilt. Telefonisch, falls positiv. Puh.

Ok, durchhalten. Essen ist genug da. Der Espresso kommt hoffentlich heute noch per Post. Sonst muss doch noch jemand für mich was einkaufen. Ja, auch Singles haben es nicht einfach in Zeiten von Corona und wenn einem dann auch noch die Kreditkarte gesperrt wird, weil sich, laut Bank, wohl jemand daran zu schaffen gemacht hat, frage ich mich, wann kommt endlich die neue Karte? Noch vor dem Testergebnis?

Sie möchten mehr erfahren? Auf unserer Themenseite Coronavirus haben wir alle wichtigen Informationen für Sie zusammengestellt.

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Marke der FUNKE Mediengruppe