Aktualisiert: 09.10.2020 - 21:47

Neue Maßnahmen Wie sinnvoll ist die Corona-Sperrstunde?

Ab Freitag bzw. ab Samstag gibt es in Berlin und Frankfurt am Main eine Sperrstunde. Doch ist die Corona-Sperrstunde wirklich sinnvoll?

Foto: imago images/Christian Ohde

Ab Freitag bzw. ab Samstag gibt es in Berlin und Frankfurt am Main eine Sperrstunde. Doch ist die Corona-Sperrstunde wirklich sinnvoll?

Seit Freitag gibt es in Frankfurt eine Sperrstunde, ab Samstag gilt diese auch in Berlin. Wie sinnvoll sind die neuen Corona-Maßnahmen?

Sowohl in Berlin als auch in Frankfurt am Main sind die Zahlen der Neuinfektionen mit dem Coronavirus kürzlich stark gestiegen. Strenge Sicherheitsmaßnahmen sollen das Infektionsgeschehen in den Hotspots eindämmen, unter anderem wurde eine Sperrstunde eingeführt: Zwischen 23 und 6 Uhr müssen Restaurants, Kneipen und Bars schließen. Auf diese Weise möchte man alkoholbedingten Leichtsinn und daraus resultierendes allzu ausgelassenes Beisammensein verhindern. Doch ist eine Sperrstunde wirklich sinnvoll?

"Sperrstunde nicht sinnvoll": Wirte wollen klagen

Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete, wollen Gastronomen und Wirte in Frankfurt am Main Einspruch gegen die Sperrstunde einlegen. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Hessen kritisiert, dass kein einziger Infektionsfall nachweislich auf Restaurants oder Gaststätten zurückzuführen sei. Auch online nehmen die Leute die Sperrstunde zum Anlass für zahlreiche Witze: Ob das Virus etwa erst um 23 Uhr aufstehe? Doch wie ist es denn nun tatsächlich: Sind diese Witze berechtigt oder ist die Sperrstunde ein sinnvolles Mittel, um die Infektionszahlen einzudämmen?

RKI macht Privathaushalte für Infektionen verantwortlich

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte bereits vor einiger Zeit geäußert, dass er Veranstaltungen mit vielen Teilnehmern, auf denen noch dazu Alkohol fließe, für besonders risikoreich halte. Und in der Tat: Fest steht, dass Alkohol die Hemmschwelle senkt und unvorsichtig macht. Das ist ein Fakt, den vermutlich niemand bestreiten möchte. Aber kommt es gerade in den Lokalitäten, die jetzt von einer Sperrstunde getroffen werden, zu einem durch Leichtsinn gesteigerten Infektionsgeschehen?

Das Robert Koch Institut gibt regelmäßig ein Epidemiologisches Bulletin heraus. In der Ausgabe 38/2020 vom 17. September veröffentlichte das Institut Erkenntnisse zum "Infektionsumfeld von COVID-19-Ausbrüchen in Deutschland". Darin stellte es fest, dass sich mit Abstand die meisten Infektionen in privaten Haushalten ereignen, direkt danach kommen Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen. Auch am Arbeitsplatz kamen Infektionen häufig vor.

Auch die Größe der Ausbrüche wurde untersucht: Im Durchschnitt waren die Ausbrüche in Flüchtlings- und Asylbewerberheimen, in Alten- und Pflegeheimen sowie in Seniorentagesstätten am größten. Ausbrüche in Privathaushalten traten zwar mit Abstand am häufigsten auf, es wurden dabei jedoch weniger Menschen infiziert. Ausbrüche in Speisestätten oder auch während der Freizeit kamen nur sehr selten vor, auch die Anzahl der Infizierten hielt sich im Rahmen. Das RKI betont außerdem, dass es "deutlich weniger Situationen im Freien" gäbe.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass eine Sperrstunde nicht wirklich sinnvoll ist, da Zusammenkünfte in Privathaushalten, die die wichtigsten Infektionsherde darstellen, davon nicht betroffen sind. Hier könnten sich vielmehr die Kontaktbeschränkungen als sinnvoll erweisen, die sich jedoch nur schwer überprüfen lassen.

Experte sagt: Sperrstunde lenkt vom Schutz der Risikogruppen ab

Gérard Krause ist leitender Epidemiologe des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung. Im Interview mit dem SPIEGEL meinte er, dass eine Sperrstunde zwar dabei helfen könne, zu verhindern, dass Menschen die Hygieneregeln vernachlässigen. Andererseits können laut ihm kürzere Betriebszeiten aber auch dazu führen, dass die Lokalitäten von mehr Leuten innerhalb kürzerer Zeit aufgesucht werden. Der Epidemiologe betonte, dass eine Sperrstunde vorher nie als Infektionsschutzmaßnahme in Betracht gezogen wurde. Er wolle nicht bestreiten, dass eine solche sinnvoll sein könnte, äußerte aber die Sorge, dass derartige Maßnahmen von dem ablenken könnten, was wirklich wichtig sei: dem Schutz der Risikogruppen.

"Ich bedaure, dass der Schutz der alten Bevölkerung nicht im Mittelpunkt der Debatte steht", so Krause gegenüber dem SPIEGEL. Weiterhin meinte er, dass es nicht mehr das Ziel sein könne, die Verbreitung des Virus zu unterbrechen, dafür sei es bereits zu spät. Man könne allerdings natürlich "durch ein geschicktes Ausbalancieren der Maßnahmen" die Folgen mindern.

Epidemiologisches Bulletin des RKI, Ausgabe 38/2020 vom 17. September: Infektionsumfeld von COVID-19-Ausbrüchen in Deutschland

Mehr Informationen und Neuigkeiten über das Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite. Lesen Sie zum Beispiel unseren Artikel zur Kontaktdatenerhebung: Muss ich jetzt auch meinen Ausweis zeigen? Corona-Risikogruppen sind außerdem dazu aufgerufen, sich gegen die Grippe impfen zu lassen. Ist die Grippeimpfung sinnvoll? Experten räumen mit diesen 4 Mythen auf…

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