Aktualisiert: 02.10.2020 - 21:27

Forschung zum Sterbeprozess Wenn wir sterben: Wann genau ist man "tot" – und was passiert dann?

Sind wir einfach tot, wenn das Herz aufhört zu schlagen? Nein, sagen Forscher. Sterben ist ein Prozess, und Nahtoderfahrungen lassen sich neurobiologisch erklären.

Foto: iStock.com/Laikwunfai

Sind wir einfach tot, wenn das Herz aufhört zu schlagen? Nein, sagen Forscher. Sterben ist ein Prozess, und Nahtoderfahrungen lassen sich neurobiologisch erklären.

Manchmal kommt der Tod plötzlich. Manchmal schleicht er sich an. Aber sind wir dann direkt "weg", wenn das Herz aufhört zu schlagen? Nein, sagen Forscher. Sterben ist ein Prozess. Ein Erklärungsversuch.

Irgendwann stirbt jeder von uns. Was genau dann mit uns passiert, weiß allerdings keiner so genau. Auch, wenn es Menschen gibt, die bereits als tot galten, aber wieder ins Leben zurückkehrten und von ihren Eindrücken wie "umhüllender Schwärze", einer Leichte bis hin zur Euphorie berichten: Ob das wirklich der Tod ist – wer weiß. Zumindest aber ähneln sich diese Nahtoderfahrungen. Forscher versuchen herauszufinden, was mit uns passiert, wenn wir sterben. Wenn unser Kreislauf zusammenbricht und unser Herz aufhört zu schlagen, unser Gehirn keinen Sauerstoff mehr bekommt.

Was passiert beim Sterben? Forscher erklären den Prozess

Sterben kann unterschiedlich lange dauern. Manchmal geht es aber auch trotz natürlicher Todesursache recht schnell, etwa beim plötzlichen Herzstillstand. Und genau solche Fälle haben sich Forschende der New York University Langone School of Medicine über zehn Jahre hinweg genauer angesehen: Sie haben daran geforscht, was nach dem Tod mit uns passiert, und ob unser Bewusstsein noch länger bleibt.

Menschen mit plötzlichem Herzstillstand aus Europa und USA, die überlebt hatten, hatten die Wissenschaftler dazu untersucht und dabei Erstaunliches festgestellt: Zwar hört das Herz beim plötzlichen Herzstillstand sofort auf zu schlagen – der Prozess, in dem alle Reflexe absterben, etwa der Würgereflex oder der Pupillenreflex, könne jedoch noch Stunden andauern, erklärt Dr. Sam Parnia, Leiter der Studie im US-Wissenschaftsmagazin "LiveScience". Auch, wenn das Herz schon längst nicht mehr schlägt. Und auch die Gehirnzellen sterben erst nach und nach ab. Die Studienergebnisse haben er und seine Kollegen bereits 2014 im Journal "Resuscitation" veröffentlicht.

Unser Bewusstsein arbeitet weiter

Auch wenn unser Körper bzw. das Herz schon tot ist, arbeitet unser Bewusstsein also noch weiter: "Falls es vergebliche Rettungsmaßnahmen gegeben hat, kann das kleine bisschen Blut, das das Hirn erreicht hat, den Zelltod verlangsamen", beschreibt Parnia.

Das Sterben beschreiben Wissenschaftler, darunter Neurobiologen und Hirnforscher, als Prozess – nicht als ein abruptes Ende. Unser Körper durchläuft dabei verschiedene Phasen.

  • Das Herz hört auf zu schlagen, die Organe können nicht mehr mit Blut versorgt werden.
  • Die Körperzellen erhalten ohne Blut keinen Sauerstoff mehr. Auch Nährstoffe und Zuckermoleküle kommen nicht mehr an – die Organe sterben nach und nach ab.

Das unterversorgte Gehirn trügt mit Halluzinationen

Unser Gehirn benötigt aber jede Menge Sauerstoff und auch Zucker. Zu Lebzeiten hat das Gehirn rund zehnmal höhere Stoffwechselaktivität pro Volumen als der gesamte übrige Körper. Muss unser Hirn mehr arbeiten, steigt der Bedarf an Sauerstoff und Zucker sogar. Dabei braucht die Großhirnrinde die meiste Energie. Sie ist aber der erste Bereich, dem nach Herzstillstand die Versorgung fehlt. Und genau das kann zu Bewusstseinsveränderungen, Halluzinationen oder sensorischen Ausfällen führen und mündet schließlich in der Bewusstlosigkeit – möglicherweise eine rational-natürliche Erklärung dafür, dass Menschen nach Nahtoderfahrung davon berichten, keine Schmerzen mehr gespürt oder ein Licht wahrgenommen zu haben.

Wenn man sich die Areale auf der Großhirnrinde genauer ansieht, lässt sich das noch genauer erklären: So ist etwa der Scheitellappen dafür zuständig, dass wir unseren Körper dort wahrnehmen, wo er ist: im Raum. Er macht uns auch bewusst, dass wir uns in unserem Körper befinden. Wird diese Region verletzt oder gestört, beeinflusst das unsere Eigenwahrnehmung – und so kann es vorkommen, dass wir das Gefühl haben, zu schweben oder unseren Körper sogar zu verlassen.

Bilder oder Geräusche, die eigentlich gar nicht da sind, sogar Euphorie wiederum können auftreten, wenn der untere und der innere Temporallappen nicht mehr richtig versorgt wird.

Wo kommen die Erinnerungsfetzen her? Großhirnrinde setzt sie frei

Dass manche Menschen bei Nahtoderfahrungen ihr Leben an sich vorbeiziehen sehen, lässt sich so auch neurologisch anhand der Großhirnrinde erklären: Denn dort werden unsere Erinnerungen gespeichert. Der sogenannte Hippocampus dient als dieser Speicher. Wird ihm Sauerstoff entzogen, reagiert er besonders empfindlich – und dabei kann es sein, dass er eine ganze Flut an Erinnerungen freisetzt, die dann wie ein "Film" wirkt.

Und das Licht am Ende des Tunnes? Auch das lässt sich neurologisch erklären: Denn der Sauerstoffmangel stört auch die Signalübertragung, so dass Sinneseindrücke nicht richtig wahrgenommen oder falsch zugeordnet werden. Unkontrollierte Signale von unseren Sehzellen bringen unser Gehirn dazu, einen weißen Fleck wahrzunehmen. Gleichzeitig können wir im Sterbeprozess unsere Augen nicht mehr bewegen – sie sind also aufs Sichtzentrum fixiert. Während der weiße Fleck immer größer wird, entsteht so möglicherweise der Eindruck, man würde sich auf ein Licht am Ende eines Tunnels bewegen.

Gelernt von Nahtoderfahrungen

Interessant ist, dass Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben, also tot waren, aber wiederbelebt werden konnten, nicht nur solche "klassischen" Erfahrungen teilten, sondern sogar noch wahrnehmen und später beschreiben konnten, was um sie herum passierte, etwa arbeitende Ärzte und Pfleger. Sogar ganze Gespräche konnten sie wiedergeben, "und sind sich über visuelle Dinge im Klaren, über die sie sonst nicht hätten Bescheid wissen können", beschreibt Parnia in "LiveScience".

Immerhin: Nach dem letzten Herzschlag tritt der Tod schnell ein, auch wenn das jetzt anders klingt. Denn viel Sauerstoff bleibt dem Gehirn nicht mehr, nach wenigen Minuten treten irreparable Schäden auf, beginnend an der Großhirnrinde. Das Bewusstsein erlischt in dieser Zeit nach und nach. Und wenn Atmung und unbewusste Reflexe ausfallen – das wird übrigens in einer letzten, standardisierten Untersuchung festgestellt – dann gilt der Mensch als tot.

Ob nun das Licht am Ende des Tunnels oder der vorbeirauschende Film aller wichtigen Lebensszenen – oder doch die einen auffangende, beruhigende Dunkelheit: All das mag zwar neurobiologisch erklärbar zu sein. Doch die Interpretation dessen bleibt uns allen selbst überlassen. Und es ist immerhin beruhigend zu hören, dass der ganze Prozess von vielen Nahtod-Erfahrenen als angenehm und sogar schön beschrieben wird.

Geforscht werden kann hier aber sicherlich noch viel, schließlich beruht die Forschung auf Menschen mit Nahtoderfahrungen nach plötzlichem Herztod. Was bei langsameren oder schnelleren Sterbeprozessen passiert und wie genau sich die Vorgänge im Körper erklären lassen: Noch ist das Ende des Tunnels nicht gänzlich erleuchtet.

Derzeit stellen sich ja viele die Frage: Stirbt man nun an oder mit Covid-19? Forscher geben da mittlerweile eine klare Antwort.

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Quellen:

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