Aktualisiert: 24.09.2020 - 09:45

100 Tage später... Corona-Warn-App in Deutschland: Wenn die Nutzer doch nur...

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100 Tage gibt es die Corona-Warn-App jetzt schon, die Bilanz ist bisher allerdings durchwachsen. Wird sich das zum Herbst hin ändern?

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100 Tage gibt es die Corona-Warn-App jetzt schon, die Bilanz ist bisher allerdings durchwachsen. Wird sich das zum Herbst hin ändern?

Vor 100 Tagen wurde sie mit viel Tam Tam eingeführt – überall sollte sie beworben werden, möglichst jeder Smartphone-Nutzer sollte sie installieren. Doch die Realität sieht etwas anders aus. Und möglicherweise kommen im Herbst weitere Probleme auf uns zu...

Vor 100 Tagen wurde sie mit viel Tam Tam eingeführt – überall sollte sie beworben werden, niemand sollte das kleine Programm fürs Smartphone übersehen. Stattdessen hagelte es viel Kritik. Sinnvoll? Überhaupt sicher? Nach diesen fast dreieinhalb Monaten ziehen wir nun ein Zwischenfazit zur Corona-Warn-App – und das fällt nicht so wahnsinnig gut aus. Das liegt zu signifikanten Teilen an der Technik – vor allem aber an den Nutzern selbst.

100 Tage Corona-Warn-App: Mehr Flop als Top?

Rund 18,4 Millionen Einwohner Deutschlands haben sich die Corona-Warn-App seit ihrem Start im Juni heruntergeladen.

Seit Monaten bittet die Bundesregierung: "Unterstützt uns im Kampf gegen Corona." Ein Teil sollte dazu die offizielle Warn-App werden. Sie sollte dabei unterstützen, Infektionsketten zu erkennen und möglichst schnell zu durchbrechen. Dazu wird anonym überprüft, ob sich ein Nutzer längere Zeit in unmittelbarer Nähe einer infizierten Person aufgehalten hat. Dazu muss eine infizierte Person ihre nachgewiesene Infektion aber melden. Aber daran und an den Schnittstellen zu Laboren hapert es auch über drei Monate nach dem Start noch. Auch, wenn sich die Lage hier stark verbessert hat: 15 Labore weigern sich noch, eine Infrastruktur zur Übermittlung aufzubauen, weil der Aufwand zu hoch sei. Zuletzt gab es vielerorts wieder immer mehr Neuinfektionen. Gleichzeitig wundern sich Nutzer: Da meldet sich ja gar nix.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40) musste etwa am 19. September darauf hinweisen, dass mit nahezu 2.300 Neuansteckungen innerhalb eines Tages ein neuer Höchstwert seit April gemeldet wurde. Dass die App unterdessen tatsächlich wirksam vor Kontakten warnt, halten Experten teilweise nicht für gegeben.

Aktuell zu wenige Downloads?

"Damit die Corona-Warn-App wirklich etwas bringt, sollte sich die Zahl der Downloads verdoppeln", warnte der Ökonom Gert Wagner, Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen, Ende August im Gespräch mit "Welt am Sonntag". Zu diesem Zeitpunkt war die App mehr als 17 Millionen Mal heruntergeladen worden.

Bei einem Kontakt von einem Infizierten mit einer anderen Person liege rechnerisch "die Wahrscheinlichkeit, dass beide Personen die App haben, bei sechs Prozent", erklärte der Ökonom damals. Selbst bei einer Verdopplung und unter der Voraussetzung, dass sich alle Betroffenen auch per App melden, könnten demnach nicht mehr als 25 Prozent der Infektionen ausgemacht werden.

Seither sind aber verhältnismäßig wenige Nutzer hinzugekommen. Anfangs sah es so aus, als ob die Corona-Warn-App ein echter Dauer-Download-Renner werden könnte, doch die Zahlen flachten ab. 18,4 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App bisher insgesamt auf iPhones und Android-Smartphones heruntergeladen, meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) am 24. September. 34 Millionen Nutzer sollten es laut Wagner mindestens sein, damit das Programm auch wirksam ist. Laut des Portals "Statista" gab es Ende 2019 rund 58 Millionen Smartphone-Nutzer in Deutschland. Demnach müssten fast 60 Prozent aller Deutschen mit Smartphone die App nutzen. Aber nicht auf jedem Gerät funktioniert sie. So schauen Nutzer alter Geräte in die Röhre, weil der Bluetooth-Standard nicht unterstützt wird.

Bisher ist die Nutzung freiwillig

Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, erklärte der "WamS", dass eine Kontaktverfolgung durch eine Anwendung erst Erfolg verspreche, wenn 80 Prozent der Bevölkerung die App auch nutzten. "Dahin können wir mit einer freiwilligen Lösung nicht kommen", meint sie. Auch rein rechnerisch scheint dies geradezu utopisch. 2019 lebten laut des Statistischen Bundesamts (Destatis) 83,2 Millionen Menschen in Deutschland. Es müssten also mehr als 66,5 Millionen Bürger ein Smartphone besitzen – und jeder einzelne davon müsste das Programm auch nutzen. Bisher sind die Nutzung der App und auch das Melden einer Ansteckung freiwillig.

Bei mehr als 83 Millionen Menschen in Deutschland und bisher knapp 276.000 bestätigten Fällen (Stand: 23. September), von denen rund 245.400 als "genesen" gelten (mögliche Corona-Langzeitfolgen nicht einbezogen), wurden seit dem 16. Juni 2020 laut Robert Koch-Institut (RKI) insgesamt 4.373 teleTANs ausgegeben, um ein positives Testergebnis zu verifizieren. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ein solches Ergebnis dann auch tatsächlich in der App gemeldet wurde und entsprechende Kontakte informiert werden konnten.

Zahlreiche Probleme: Fehler in der App

Außerdem kommt hinzu, dass wenige Wochen nach dem Start der App bekannt wurde, dass bei vielen iPhones die Kontaktüberprüfung nur lückenhaft funktioniert hatte. Dies ging aus Recherchen von "tagesschau.de" hervor. User wurden demnach teils über mehrere Wochen nicht darüber informiert, ob sie in Kontakt mit einer infizierten Person standen. Die "Bild" hatte zuvor auf ähnliche Probleme der Corona-Warn-App bei Android-Smartphones aufmerksam gemacht. Ende Juli waren entsprechende Fehler aber mit einem Update auf beiden Plattformen behoben worden.

Trotzdem eine Erfolgsgeschichte?

Die deutsche Corona-Warn-App wurde erstmals am 16. Juni offiziell von der Bundesregierung vorgestellt. Spahn bezeichnete die Anwendung damals als ein "wichtiges Werkzeug bei der Eindämmung des Virus". Die deutsche App sei "mit Abstand die erfolgreichste Corona-Warn-App in Europa", zog er nun Bilanz. Sie sei "fester Bestandteil des Pandemie-Alltags in Deutschland" geworden. Die mehr als 18 Millionen Downloads seien ungefähr so viel wie in allen anderen EU-Ländern zusammengenommen.

100 Tage Corona-Warn-App: Bilanz von Bundesregierung und Ermittlern

"Mittlerweile wurden mehr als 1,2 Millionen Testergebnisse über die angebundenen Labore übertragen und fast 5.000 Nutzerinnen und Nutzer haben ihre Kontakte über die App gewarnt", erläuterte Spahn. "Das zeigt: Die Corona-Warn-App wirkt."

Doch wie viele Menschen sich aufgrund einer Warnung der App haben testen lassen, ist nicht klar. Das lässt sich aufgrund der Sicherheitsstandards der App, insbesondere des dezentralen Ansatzes, nämlich nicht nachvollziehen. Das zeigt immerhin: Die Sicherheit wurde bei der Corona-Warn-App von Beginn an groß geschrieben.

Wenn jeder der etwa 5000 positiv Getesteten, die dies über ihre App eingaben, "zehn bis 20 Kontakte in den vergangenen 14 Tagen informierte, dann dürfte das wenig sein", erklärte Spahn am Mittwoch. Das entspräche 50.000 bis 100.000 Warnungen aufgrund akuter Risikobegegnungen. Doch die Realität sieht wohl anders aus: Laut Gesundheitsämtern in sogenannten Hot-Spot-Gebieten seien eher einstellige Zahlen verzeichnet.

SAP-Sprecher gibt zu: Dicke Kleidung könnte ein Problem werden

Möglicherweise kommt noch ein weiteres Problem auf uns zu: Gegenüber "Bild" erklärte ein Sprecher der App-Entwicklerfirma SAP, dass es auch auf Handymarke, Trageposition des Geräts sowie Dicke der Kleidung ankomme, wie gut oder schlecht die Risikoermittlung funktioniere. Denn der "Schlüssel-Austausch" funktioniert via Bluetooth – und das lässt sich relativ schnell durch Umgebungsfaktoren stören. "Je nach verbauter Hardwarekomponente" könne so "die Anzahl empfangener Schlüssel insbesondere von weit entfernten Geräten variieren", gab der Sprecher zu. Laut SAP-Vorstandsmitglied Jürgen Müller schaue man sich diese Problematik aber im Blick auf die kommende kalte Jahreszeit an.

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Spahn gab zu: Die App sei kein "Allheilmittel" gegen das Coronavirus. Spahn betonte aber erneut, dass es sich bei der Anwendung um ein "wichtiges Werkzeug" handle – wenn sie denn richtig funktioniert und auch genutzt wird. Und für letzteres plädierte der Bundesgesundheitsminister noch einmal eindringlich. Je mehr mitmachen, desto besser die Möglichkeiten der Rückverfolgung und Unterbrechung von Infektionsketten. Mal schauen, wie sich das in den nächsten 100 Tagen mit der Corona-Warn-App entwickelt.

Quellen:

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