Aktualisiert: 20.08.2020 - 20:17

BILD der FRAU Reportage aus Corona-Reha-Klinik "Dass mich dieses Virus so umhaut …": Diese 5 Patienten haben überlebt

Von Jana Henschel

Wieder leben und atmen können: Die Patienten der Reha-Klinik für Covid-19-Patienten haben ihre Erkrankung überlebt, aber leiden bis heute an den Spätfolgen. Wir haben sie besucht.

Foto: Ulrike Schacht

Wieder leben und atmen können: Die Patienten der Reha-Klinik für Covid-19-Patienten haben ihre Erkrankung überlebt, aber leiden bis heute an den Spätfolgen. Wir haben sie besucht.

Einige von ihnen hatten Nahtoderfahrungen, jetzt sind sie in der Median-Klinik in Heiligendamm und lernen wieder zu leben, zu atmen oder ganz einfach, Treppen zu steigen. BILD der FRAU hat sie besucht.

Sie waren fit und gesund, hatten keine Vorerkrankungen. Aber seit sie sich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert haben, ist nichts mehr, wie es war. In der Median-Klinik in Heiligendamm lernen Covid-19-Erkrankte, wieder normal zu atmen – oder eine ganze Treppe am Stück zu gehen. Fünf Betroffene berichten.

In einer Reha-Klinik für Covid-19-Patienten: BILD der FRAU hat sie besucht

BILD der FRAU ist in der Median-Klinik in Heiligendamm, eine Reha-Einrichtung für Covid-19-Patienten. Die Median-Klinik, eine Fachklinik für Rehabilitation mit 255 Betten, ist auf Lungenkrankheiten spezialisiert. Hier werden neben Corona-Patienten auch Menschen mit Asthma, Mukoviszidose oder Spenderlungen behandelt.

Hier treffen wir fünf Betroffene. Alle berichten uns, dass sie vorher topfit waren, viel Sport trieben, keinerlei Vorerkrankungen hatten. Und dass sie jetzt kaum noch die Treppe hoch kommen.

"Zu Hause wäre ich gestorben"

Nach 100 Metern kommt das Schnaufen. Eben am Meer hat Petra noch kräftig die gute Ostseeluft eingesogen. Doch auf der Schräge vom Strand rauf zum Buchenwald geht ihr die Puste schon wieder aus. "Muss langsamer machen", keucht die 55-Jährige und bleibt stehen. Sie stemmt die Hände in die Hüften und wartet, bis sich ihr Atem beruhigt.

Im April ist die Physiotherapeutin aus Berlin am neuartigen Coronavirus erkrankt. Sie leidet bis heute. "Dass mich das so umhaut, hätte ich nie gedacht." Ein Patient hatte sie infiziert. "Ich bekam Schüttelfrost, Kopfschmerzen, 40 Grad Fieber, konnte nichts essen, stürzte auf dem Weg zur Toilette. Zwei Wochen lag ich mit hohem Fieber im Krankenhaus, ganz allein, hatte schlechte Leberwerte, Schmerzen, rissige Haut. Dort sah ich im Traum eines Tages ein helles Licht. Ich sagte mir: 'Du gehst nicht, du schaffst das!' Allein zu Hause wäre ich gestorben."

Chefärztin Jördis Frommhold (39) leitet die Klinik und erklärt: "Wir beobachten, dass Patienten mit vermeintlich milden als auch mit schweren Verläufen starke Leistungsminderungen behalten. Sie leiden unter Kopfschmerzen, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, Gleichgewichtsproblemen, Lähmungen in Armen und Beinen."

Wer in die Reha-Klinik will, muss zwei negative Corona-Tests vorweisen und sich selbst versorgen können. Heidrun Hellmich (61) aus Heilbronn, sieben Wochen krank, lächelt. "Das geht zum Glück wieder. Aber ich muss diesen Druck auf der Brust unbedingt loswerden."

"Eine Erschöpfung, wie ich sie nie erlebt habe"

Heidrun Hellmich arbeitet in der Ambulanz in Heilbronn und hat sich bei der Arbeit angesteckt. "Es begann mit trockenem Husten – Verdacht auf Grippe. Aber dann waren gleich drei Kolleginnen krank. Ich litt unter einer Erschöpfung, die ich noch nie erlebt hatte, konnte nicht eine Minute stehen. Ich bin Witwe, war acht Wochen allein zu Hause. Das war sehr schwer. An Arbeit ist bis heute nicht mal zu denken."

Drei bis fünf Wochen dauert eine Reha, sechs bis acht Anwendungen gibt es am Tag. Manche Patienten kommen sogar mit Sauerstoff und Rollstuhl an. Ella (54), früher Kraftsportlerin, freut sich nach einer Woche über erste Erfolge. "Gestern habe ich es zum ersten Mal über die Ampel an der Klinik geschafft. Ich träume davon, nach der Reha 30 Kilometer Rad fahren zu können." Sie erkrankte im April – und klingt immer noch erkältet.

Die Therapien: Inhalieren, Walken, Wassergymnastik

Inhalieren, Walken, Wassergymnastik oder Qi Gong stehen auf dem Plan – und Atemtherapie. Ärztin Frommhold, Expertin für Atemwegserkrankungen: "Das Virus hat oft die Sauerstoffaufnahmekapazität von der Lunge ins Blut gestört. Wir zeigen den Patienten, wie sie tief in den Bauch atmen, kräftigen und massieren ihre Atemmuskulatur."

Heilen soll auch die Seele. In Gesprächen mit Therapeuten und Leidensgenossen müssen Betroffene die lange Isolationszeit verarbeiten, die Verlustangst um den Partner, die Angst vor dem eigenen Tod.

Einige berichten von Nahtoderfahrungen

Zwei von fünf Patienten, die BILD der FRAU interviewt, berichten von Nahtoderfahrungen. Wie Matthias Creutziger.

Vorher: kerngesund, Abo im Fitnessstudio, jedes Wochenende wandern. Dann: drei Wochen Koma auf der Intensivstation samt Beatmung, Lungenentzündung, Vorhofflimmern, Thrombose, Nierenentzündung. Ein Halstuch verdeckt beim 68-Jährigen noch den Luftröhrenschnitt. "Ich hatte Todesangst", sagt er, "darüber reden kann ich nicht." Seine Frau Ruthild nickt. "Und ich durfte nicht zu ihm, das war hart." Beide wirken ernst, blass, gezeichnet.

"Ich habe in die Hölle gesehen": Matthias Creutziger und seine Frau Ruthild (beide 68), Fotograf und Biologin aus Dresden, haben sich Mitte März beim Einkauf im Supermarkt angesteckt. "Erst war ich so schlapp, musste mich nach jedem Spatenstich im Garten setzen. Kurz darauf bekam auch meine Frau fast 40 Grad Fieber, ich noch Reizhusten. Ab 1. April habe ich einen Filmriss. Als nichts mehr ging, lieferte uns meine Frau ins Krankenhaus ein. Ihr ging es nach zwei Wochen besser – ich lag drei Wochen im Koma, wurde beatmet und sah in schlimmen Träumen in einen Höllenschlund – mein Kampf mit dem Tod. Als ich aufwachte, musste ich weinen."

Sie wollen ihr altes Leben zurück

Alle möchten nur eines: ihr altes Leben zurück. "Ich will mich mal wieder kräftig fühlen, Sport machen, arbeiten können – und diese Traurigkeit loswerden", sagt Petra leise. Drei tiefe Atemzüge noch. Dann läuft sie weiter. Der Weg, er ist noch weit.

"Bitte, bleibt vorsichtig!"

Für diese Reportage traf Reporterin Jana Henschel zum ersten Mal selbst Menschen, die am neuartigen Coronavirus erkrankt sind. "Frauen und Männer, vorher topfit, wirken nun wie zerbrechliche Überlebende, kämpfen mit ihren Gefühlen, wenn sie von der Angst vor dem Tod sprechen – geschwächt von den Wochen an der Atemmaschine, der Sorge um den miterkrankten Mann … Alle haben sie mir eine Botschaft mitgegeben: Bitte, lasst nicht nach mit der Vorsicht, dieses Virus ist schlimmer als alles, was wir kennen! Maske tragen, Abstand halten, Hände desinfizieren – bis ein Impfstoff gefunden ist."

Anhaltende Müdigkeit und bleierne Erschöpfung nach Covid-19, selbst nach leichten Verläufen, ist nur eine von möglichen Langzeitfolgen, die das Coronavirus möglicherweise hinterlassen kann. Die Forschung ist hier – allein aufgrund der kurzen Zeit, in der das Virus grassiert – aber noch ganz am Anfang. Sie wollen mehr wissen? Dann informieren Sie sich auf unserer Themenseite Coronavirus.

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