Aktualisiert: 17.08.2020 - 19:02

Geteilte Falschinformationen Online-Gerüchte über das Coronavirus fordern Tote

Fakt oder Fake? Wenn es um das Coronavirus geht, leider oft das letztere. Weltweit haben Gerüchte um angebliche Hilfsmittel gegen Covid-19 Menschen das Leben gekostet.

Foto: iStock.com/Christian Horz

Fakt oder Fake? Wenn es um das Coronavirus geht, leider oft das letztere. Weltweit haben Gerüchte um angebliche Hilfsmittel gegen Covid-19 Menschen das Leben gekostet.

Desinfektionsmittel trinken? Ungeprüft Medikamente einnehmen? Die Zahl der Falschinformationen zu angeblicher Hilfe gegen das Coronavirus im Netz ist hoch – und erschreckend viele glauben daran und zerstören sich damit ihre Gesundheit.

Nicht nur das Coronavirus selbst überschwemmt das Netz. Oft hören wir auch vom Begriff "Infodemie". Menschen wissen manchmal nicht mehr, was sie glauben sollen – und fallen auf Falschinformationen und Gerüchte herein, die sie im schlimmsten Fall sogar das Leben kosten können. Und genau das ist in den vergangenen Monaten geschehen. Mehrere Hundert Menschen sind aufgrund von Gerüchten rund um das Coronavirus gestorben – weil sie geglaubt haben, was ihnen da an angeblichen Ratschlägen gegeben wurde. Von Alkoholvergiftungen über getrunkenes Desinfektionsmittel bis hin zu giftigen Pflanzen: Die Liste ist lang. Leider.

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Falsche Gerüchte über Corona: Hunderte ließen ihr Leben aufgrund falscher Ratschläge

Mehrere hundert Menschen sind aufgrund von Gerüchten rund um angebliche Hilfe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 gestorben, Tausende weitere mussten im Krankenhaus behandelt werden. Das hat ein internationales Forscherteam anhand von 2.300 Berichten aus 87 Ländern herausgefunden. Die Ergebnisse wurden jetzt im "Fachjournal American Journal of Tropical Medicine and Hygiene" veröffentlicht.

Zwischen Dezember 2019 und April 2020 hatte das Team Gerüchte, Stigmatisierungen und Verschwörungstheorien rund um Covid-19 auf Onlineplattformen wie Facebook und Twitter, aber auch auf Onlineseiten von Zeitungen gesammelt und ausgewertet und mit Faktencheck-Websites verglichen, die versuchen, über Falschinformationen im Internet aufzuklären.

Von den 2.300 gesichteten und analysierten Berichten hätten sich 82 Prozent als falsch herausgestellt, heißt es seitens der Autoren der Studie. Wo die "Fake News" am meisten umhergingen? In Indien, den USA, in China und in Spanien. Aber ein Anstieg an Falschinformationen sei weltweit zu verzeichnen gewesen, ebenso wie deren fatale Auswirkungen.

Geteilt wurden die Falschinformationen vor allem in sozialen Netzwerken – und viele davon seien als gefährlich und teilweise lebensbedrohlich einzustufen, erklären die Forscher. Ihre Warnung: "Gerüchte können sich als glaubwürdige Strategien zur Infektionsprä­vention und -kontrolle tarnen." Schon früh kursiertenFake News, die auf die Angst der Bevölkerung vor dem Coronavirus setzten, aber teilweise gefährlich sein konnten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO setzte daher auf Social-Media-Kampagnen, um Menschen vor falschen, potentiell gefährlichen Ratschlägen zu warnen, etwa vor falschen "Arzt-Tipps" via WhatsApp.

800 Menschen starben an Alkoholkonsum

Weltweit seien allein 800 Menschen an den Folgen des Konsums von hochprozentigem Alkohol gestorben. Sie hatten gehört, Alkohol könne ihren Körper von innen desinfizieren – doch hochkonzentrierter Alkohol ist enorm gefährlich für den Körper. Viele sollen es auch mit Methanol versucht haben. Doch Methanol ist für den Menschen giftig und kann etwa blind machen. Die Folge: 5.800 Menschen seien im Krankenhaus behandelt worden, 60 seien nach dem Methanol-Konsum irreversibel erblindet.

Auch der Konsum von Desinfektionsmittel wurde verzeichnet. So hatten zwei eigentlich gesunde Männer in Katar große Mengen Desinfektionsmittel getrunken, weil sie dachten, sie könnten sich so von innen desinfizieren. Vorsicht: Lebensgefahr!

Fake-News-Verbreiter schrecken selbst vor Ekel nicht zurück

Aber auch die Natur kann dem Menschen giftig werden. Naturmedizin ist nicht zu unterschätzen und hat mitunter enorme Wirkungen. Das hatte sich etwa an einem Beispiel aus Indien gezeigt: Dort hatten zwölf Menschen, darunter fünf Kinder, ein Getränk aus Stechäpfeln zu sich genommen. Stechäpfel aber sind hochgiftig. Bereits niedrige Dosen können tödlich sein, indem die enthaltenen Stoffe die Atemfunktion lähmen.

Auch der Konsum von Kuhurin oder Kuhdung solle einer Infektion mit Sars-CoV-2 vorbeugen, hatte es in Indien geheißen, während in Saudi-Arabien das Gerücht herumging, Kamelurin mit Limone sei eine "Wunderwaffe" gegen die Krankheit Covid-19.

Forscher untersuchten auch Stigmatisierungs-Folgen

Doch auch Stigmatisierung war Thema – denn die spielt während der weltweiten Pandemie immer wieder eine Rolle. Wir erinnern uns: Anfangs wurden viele asiatisch aussehende Mitbürger gleich unter Generalverdacht gestellt. Auch in Deutschland war es zu verbaler Gewalt, aber auch zu Handgreiflichkeiten gekommen – nicht nur gegen Mitbürger mit asiatischem Hintergrund, sondern auch gegen Mitarbeiter des Gesundheitssystems, weil sie für die Virusausbreitung verantwortlich gemacht worden waren.

Laut den Studienautoren hatte sich aber auch ein Mann aus Indien das Leben genommen, weil er glaubte, an Covid-19 erkrankt zu sein. Laut seiner Familie habe er Schuldgefühle gehabt und die mögliche Erkrankung als Schande empfunden und große Angst vor der Reaktion seiner Mitmenschen gehabt.

Falschinformationen besser überwachen – auch seitens Regierungen

Die Wissenschaftler fordern daher: Falschinformationen, zum Coronavirus, aber zukünftig auch zu anderen kritischen Themen, müssten von internationalen Organisationen, aber vor allem auch seitens der Länderregierungen, noch besser überwacht werden. Fake News sollten schneller erkannt und unschädlich gemacht werden. Vor allem schlagen sie vor, Gerüchte im Internet besser zu überwachen und "mit Social-Media-Unternehmen zusammenzuarbeiten, um korrekte Informationen zu verbreiten."

Die WHO hatte die Informationsflut bereits als gesundheitsschädlich eingestuft. Wenn dann noch Falschinformationen hinzukommen, kann das, wie wir sehen, fatal enden. Auch Christian Drosten übte bereits vor Wochen Kritik an falsch informierenden Ärzten, Medien und Verschwörungstheoretikern.

Islam, Sarkar et al. (American Journal of Tropical Medicine and Hygiene, 2020): "COVID-19–Related Infodemic and Its Impact on Public Health: A Global Social Media Analysis"

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