02.08.2020 - 19:22

Verhütungsmittel Nummer 1? Verhütung: Immer weniger Frauen nehmen die Pille

Verhütungsmittel Nummer 1? Bald vielleicht schon nicht mehr: Immer weniger Frauen nehmen die Pille.

Foto: iStock / Toeps

Verhütungsmittel Nummer 1? Bald vielleicht schon nicht mehr: Immer weniger Frauen nehmen die Pille.

Vor einigen Jahren war die Pille noch das Verhütungsmittel schlechthin. Mittlerweile nehmen aber immer weniger Mädchen und Frauen die Pille. Das sind die Gründe dafür.

Den meisten, die an Verhütung denken, kommt sofort die Pille in den Sinn. Mit gutem Grund: Laut einer 2018 durchgeführten Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist sie, neben dem Kondom, das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel. 47 Prozent der erwachsenen, sexuell aktiven Personen unter denen die Umfrage durchgeführt wurde gaben an, mit der Pille zu verhüten. Mit einem Kondom verhüteten mit 46 Prozent beinahe genauso viele, was auf eine häufige Doppelnutzung schließen lässt. Zum Vergleich: Mithilfe der Spirale verhüteten lediglich 10 Prozent, eine Dreimonatsspritze wählte nur 1 Prozent.

Jetzt scheint es allerdings, als ob diese Zahlen eventuell bald der Vergangenheit angehören könnten. Wie "aerzteblatt.de" berichtete, nahmen 2019 nur noch 31 Prozent der gesetzlich versicherten Frauen und Mädchen die Pille. Vor 10 Jahren waren es noch 46 Prozent. Die Website bezieht sich dabei auf eine aktuelle Analyse der Verordnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung, die im Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) vorliegen. Es scheint also so, als ob immer weniger Mädchen und Frauen die Pille nehmen.

(Vorsicht: Die beiden Studien, auf die hier Bezug genommen wird, untersuchten nicht die gleiche Testgruppe. Während bei der einen erwachsene, sexuell aktive Personen befragt wurden, ging es in der anderen um gesetzlich versicherte Frauen und Mädchen. Daher die weit auseinanderklaffenden Zahlen).

Warum nehmen immer weniger Frauen und Mädchen die Pille?

Kurz gesagt: Viele Mädchen und Frauen setzen die Pille ab, weil sie fürchten, dass diese zu sehr in ihren Hormonhaushalt eingreift. Schließlich wird die Pille außer in der Pillenpause durchgängig, also jeden einzelnen Tag, genommen. Die Vorstellung, das jahre- oder jahrzehntelang durchzuziehen, kann durchaus beängstigend sein. Berichte über Thrombose-Todesfälle, die durch die Pille verursacht wurden, oder über Probleme, später schwanger zu werden, tun ihr Übriges dazu, dass manch einer beim Gedanken an die Pille mulmig wird und man das Absetzen des Verhütungsmittels in Erwägung zieht.

Aber was ist dran an den Negativmeldungen? Kann die Pille denn überhaupt so schädlich sein? Immerhin bekommen die meisten Frauen sie bereits im Teenager-Alter ganz unkompliziert verschrieben, ganz gleich ob sie tatsächlich Sex haben oder sich einfach nur reinere Haut und mehr Oberweite wünschen. Oft wird, vorausgesetzt man hatte noch keinen Geschlechtsverkehr, noch nicht mal eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt.

Die Angst vor den Hormonen

Fest steht: Ja, die Pille enthält Hormone. Und ja, Hormone können im Körper so einiges anrichten. So "diffus" sich die Angst vor den "bösen Hormonen" also auch anhören mag, ist diese nicht ganz unberechtigt. Die meisten Pillen enthalten Ethinylestradiol, ein künstlich hergestelltes Östrogen. Es gibt auch Pillen, die dieses Hormon nicht enthalten, das wäre dann die sogenannte "Minipille", die sich in der Einnahme und der Wirkungsweise von der herkömmlichen Pille unterscheidet.

Das künstliche Östrogen wird mit künstlich hergestellten Gestagenen kombiniert. Beide kommen in ihrer natürlichen Form im Körper der Frau vor und sind für den Ablauf von Menstruation und Schwangerschaft verantwortlich. Warum aber nun diese Angst vor den künstlichen Hormonen?

Angstfaktor Nummer 1: Erhöhtes Thrombose-Risiko

Es ist eine Tatsache, dass die Pille das Risiko von Thrombosen, insbesondere von Thrombosen in den Beinvenen, erhöht. Eine Thrombose ist eine Gefäßerkrankung, die zu einem Blutgerinnsel führen kann. Neben starken Schmerzen kann eine Thrombose dann gefährlich werden, wenn ein Teil des Blutgerinnsels sich löst und beispielsweise in die Lunge wandert: Dort kann es zu einer Lungenembolie und zum Tod führen.

Das klingt erstmal dramatisch. Dazu ist aber zu sagen: Nicht alle Pillen sind gleich gefährlich. Besonders Pillen, die der sogenannten 3. und 4. Generation angehören, steigern das Thrombose-Risiko. Das sind Pillen, die die synthetischen Gestagene Drospirenon, Gestoden, Desogestrel oder Norgestimat enthalten. Pillen der 1. und 2. Generation hingegen enthalten die Gestagene Norethisteron und Levonorgestrel, die weniger gefährlich sind.

2014 führte die Europäische Arzneimittelagentur ein Risikobewertungsverfahren des Thromboserisikos der Pille. Demzufolge fiel das Thromboserisiko folgendermaßen aus:

  • Frauen, die keine Pille einnahmen: 2 von 10.000 entwickelten eine Thrombose
  • Frauen, die eine Pille mit den Wirkstoffen Levonorgestrel, Norgestimat oder Norethisteron einnahmen: 5-7 von 10.000 entwickelten eine Thrombose
  • Frauen, die eine Pille mit den Wirkstoffen Etonogestrel oder Norelgestromin einnahmen: 6-12 von 10.000 entwickelten eine Thrombose
  • Frauen, die eine Pille mit den Wirkstoffen Gestoden, Desogestrel oder Drospirenon einnahmen: 9-12 entwickelten eine Thrombose

3 Monate nach Einnahmebeginn war das Thromboserisiko besonders hoch. Um das Thromboserisiko möglichst gering zu halten, empfiehlt sich neben einer Pille aus der 1. oder 2. Generation auch eine Pille mit niedrigem Östrogengehalt. Das entspricht einer Pille mit weniger als 0,05 mg Ethinylestradiol, am besten 0,02 oder 0,03 mg.

Es lässt sich also dazu sagen: Ja, das Thromboserisiko ist erhöht. Wenn man von einer Pille aus der 1. oder 2. Generation ausgeht, ist es mit 7 von 10.000 Frauen aber immer noch gering: Das entspricht circa 0,07 Prozent. Schlussendlich bleibt es also eine Abwägungssache, die jede Frau mit sich selbst ausmachen muss. Fest steht aber, dass weitere Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht das Thromboserisiko zusätzlich erhöhen. Wer auf die Pille nicht verzichten möchte, könnte dafür versuchen, diese Faktoren zu reduzieren.

Die lange Liste der Nebenwirkungen

Ein erhöhtes Thromboserisiko ist nicht die einzige Nebenwirkung, die der Pille zugeschrieben wird. Die Liste der Nebenwirkungen ist lang und reicht von Depressionen und Kopfschmerzen über Gewichtszunahme bis hin zu Libidoverlust. Während es aufgrund individueller Umstände oft schwierig ist, objektive Erhebungen zu Faktoren wie Libidoverlust durchzuführen, gibt es verschiedene Studien, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es durch die Pille ein gesteigertes Krebsrisiko gibt.

Die Ergebnisse dieser Studien sind oft nicht eindeutig oder widersprechen sich, was auch daran liegt, dass der Einfluss der Pille auf unterschiedliche Krebsarten von der Pillengeneration abhängt. 2005 befand die International Agency for Research on Cancer, dass die Pille das Risiko für manche Krebsarten zwar steigere, dafür aber das Risiko für andere Krebsarten sogar senke. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Pille das Risiko für Brustkrebs sowie bei langer Einnahme das für Gebärmutterhalskrebs erhöht, dafür aber das Risiko für Gebärmutterkrebs und Eierstockkrebs senkt.

Schwanger werden nach Absetzen der Pille?

Eine weitere Angst, die viele haben, betrifft die Zeit nach der Pille – denn nur, weil man gerade nicht schwanger werden möchte, heißt das ja nicht, dass man niemals ein Kind bekommen möchte. Viele haben Angst, nach Absetzen der Pille nicht mehr problemlos schwanger werden zu können und Monate oder vielleicht sogar Jahre auf eine Schwangerschaft warten zu müssen.

Laut "netdoktor.de" gibt es für diese Befürchtung eigentlich keinen Grund. Theoretisch sei eine Schwangerschaft bereits im ersten Zyklus nach dem Absetzen der Pille möglich, es könne aber natürlich auch länger dauern – schließlich ist der Körper einer Frau kein Uhrwerk. Vor allem bei Frauen über 30 und bei Frauen, die die Pille bereits vor dem Alter von 21 Jahren genommen haben, könne es länger dauern. Dabei ist zu sagen, dass auch in diesem Fall Faktoren wie Rauchen die Fruchtbarkeit beeinflussen können – und natürlich spielt auch die Fruchtbarkeit des Partners eine Rolle, denn zur Zeugung eines Kindes gehören schließlich immer noch zwei.

Bereits 2005 führte die Goethe-Universität Frankfurt eine Studie durch, die sich damit beschäftigte, wie lange es dauerte, bis Frauen nach Absetzen der Pille schwanger wurden. Die Ergebnisse sind erfreulich: Ein Jahr nach Absetzen der Pille betrug die Schwangerschaftsrate 87 Prozent. Ein Blick in Online-Kinderwunschforen ist zwar nicht repräsentativ, scheint diese Ergebnisse aber zu bestätigen: Viele berichten, innerhalb weniger Monate nach Absetzen der Pille schwanger geworden zu sein.

Wo bleibt die Pille für den Mann?

Viele Frauen, vor allem jene, die zur jüngeren Altersgruppe zählen, verzichten noch aus einem weiteren Grund auf die Pille. Sie empfinden es als unfair, dass, wenn sich allein auf die Pille verlassen wird, die Verhütung allein "Frauensache" ist. Während sie sich täglich einer erheblichen hormonellen Belastung aussetzen, müssten Männer nichts zur Verhütung beitragen. Eine 27-jährige, die seit zwei Jahren auf die Pille verzichtet, bringt es kurz und knackig auf den Punkt: "Solange mein Partner nicht bereit dazu wäre, sich einer Vasektomie zu unterziehen, nehme ich die Pille nicht."

Das mag sich zuerst ziemlich heftig anhören. In Anbetracht dessen, dass an einer Pille für den Mann geforscht wurde, die Forschung dann jedoch wegen der Nebenwirkungen – Depressionen, Libidoverlust etc., also genau die Folgen, unter denen viele Frauen wegen der Pille bereits seit Jahrzehnten leiden – eingestellt wurde, ist das Argument der Frauen jedoch nicht von der Hand zu weisen. Leider gibt es, abgesehen von Kondomen oder einer Vasektomie, kaum Verhütungsmethoden, die nicht bei der Frau angewendet werden: Spirale, Spritze oder Ring bieten zumindest in dieser Hinsicht keinen nennenswerten Vorteil. Und auch die hormonfreien Methoden Kupferspirale und Kupferkette stellen einen Eingriff in den Körper dar.

Pille abgesetzt – und nun?

Ob sie die Pille nehmen möchte oder nicht, kann heute glücklicherweise jede Frau für sich selbst entscheiden – und das sollte sie auch. Die Aufklärung über Risiken ist richtig und wichtig, Missionieren ist hier allerdings fehl am Platz. Immerhin ist die Entscheidung über die richtige Verhütungsmethode eine sehr private, die, im Falle eines Fehlers, zu ernsthaften Konsequenzen führen kann.

Wer sich dafür entscheidet, die Pille abzusetzen, steht leider meistens vor dem "großen Unbekannten". Wie der Körper auf den Hormonentzug reagiert, ist von Frau zu Frau unterschiedlich, das Spektrum an Nebenwirkungen ist breit und oft treten bei verschiedenen Frauen exakt gegenteilige Reaktionen auf. Während die einen von besserer Haut berichten, klagen die andere über Akne und starken Haarausfall. Während die erste Periode nach dem Absetzen bei den einen einem wahren Wasserfall gleicht, bekommen andere Schmierblutungen oder warten wochenlang auf ihre Periode. Während die einen plötzlich grundlos in Tränen ausbrechen, freuen sich andere darüber, dass die elenden Stimmungsschwankungen endlich der Vergangenheit angehören. Im Grunde hilft da also – nach reiflicher Überlegung! – nur eins: Ausprobieren!

"Die Pille würde heutzutage gar nicht mehr zugelassen" – Lesen Sie hier auch, was weitere Experten über das Verhütungsmittel Nummer 1 zu sagen haben. Trotz allem: Viele Frauen nehmen die Pille nach wie vor. Und manchmal vergisst man sie leider auch. Lesen Sie hier noch einmal, was Sie tun sollten, wenn Sie die Pille vergessen haben. Lesen Sie außerdem, warum es nicht unbedingt immer eine gute Idee ist, den Zyklus mit der Pille zu verändern.

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