23.07.2020 - 19:39

Infodemiologie WHO: Informationsflut ist gesundheitsschädlich – wir müssen sie loswerden

Coronavirus hier, Fake News da: Diese Informationsflut schädigt die Gesundheit, sagt die WHO –  und ruft eine neue Forschungsdisziplin ins Leben: die Infodemiologie.

Foto: iStock.com/hsyncoban

Coronavirus hier, Fake News da: Diese Informationsflut schädigt die Gesundheit, sagt die WHO – und ruft eine neue Forschungsdisziplin ins Leben: die Infodemiologie.

Es ist gar nicht mal vorrangig das Coronavirus, das derzeit Angst und Schrecken verbreitet. Vielmehr ist es die Flut an oft ungefilterten Informationen, die auf uns einprasselt – häufig gespickt mit Falschmeldungen. Gegen diese Infodemie möchte die WHO jetzt angehen.

Ein Virus geht um die Welt, das wir bisher kaum kennen und erst nach und nach verstehen lernen. Ist es gefährlich für mich oder meine Lieben? Was macht es, wie kann ich mich schützen? Kein Wunder, dass man sich da informieren möchte. Nichts ist so einfach in der heutigen, vernetzten Gesellschaft, als das Finden von Informationen. Und nichts ist so schwer. Denn wir werden geradezu überflutet mit Neuigkeiten zum Thema. Nicht immer sind die aber korrekt. Manchem machen sie erst richtig Angst. Und im Ganzen zerstört das das Vertrauen der Menschen in die Experten.

Eine solche Infodemie könne so die Gesundheit schädigen, sagt die Weltgesundheitsorganisation – und will nun eine neue Forschungsdisziplin schaffen, um die Informationsflut zu bändigen: die Infodemiologie.

Infodemiologie: WHO schafft Forschungsdisziplin gegen Infodemie

Falsche Informationen, missverständliche Informationen – und darüber hinaus zeitweise auch einfach zu viele davon. Die Coronavirus-Pandemie hat uns eindrücklich gezeigt, dass nicht nur ein Virus Schaden anrichten kann, sondern auch die Art und Weise, wie darüber informiert wird. Gerade heute, in einer Zeit, in der jeder sich im Netz ausleben und sich mitteilen kann, kommt es schnell zu einem Verwischen von Fakten und eigenen Meinungen. Hinzu kommt: Wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich wiederzugeben, ist keine einfache Aufgabe. Zu viele Details gehen unter, zu schnell soll eine Meldung raus, zu wenig Verständnis ist dafür da, dass Forschung ein sich immer wandelnder Prozess ist. Etwas, das heute als große Erkenntnis gefeiert wird, kann sich morgen wieder als nicht zutreffend herausstellen.

Und doch will ja jeder wissen, was gerade los ist. Wie lauten die neuesten Erkenntnisse? Wo ist das Risiko am größten? Gibt es überhaupt ein Risiko? Vor allem in den ersten Monaten der Pandemie musste man nur das Smartphone in die Hand nehmen – überall war es, das Coronavirus. Aber an so vielen Ecken nur in kleinen Häppchen. Wie also zusammensetzen? Und was glauben? Seien wir doch ehrlich: Der normale Bürger hat es doch kaum gelernt, wissenschaftliche Quellen zu überprüfen. Und bei der Flut an Informationen zu einem Thema, das für uns alle neu ist, fällt es umso schwerer, Richtiges von Falschem zu trennen. Oft kann man so pauschal auch gar nicht unterscheiden.

Aus zu vielen Informationen gemischt mit falschen Angaben – ob aus Unwissenheit oder mit purer Absicht gestreut – wächst am Ende vor allem eines: das Misstrauen in die, die uns eigentlich doch Erkenntnisse geben und uns in richtigem Verhalten anleiten sollten. Genau das will die WHO mit der Forschungsdisziplin Infodemiologie nun bekämpfen.

Infodemiologie soll Infos ordnen und Falschmeldungen entlarven

Die Idee der Infodemiologie ist die Frucht einer Onlinekonferenz zwischen Wissenschaftlern aus Disziplinen wie Mathematik, EDV, Soziologie, Psychologie, Gesundheit, Kommunikation und einigen mehr. Schon zu Beginn der Corona-Krise hatte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus gewarnt, dass eine "Infodemie" die Menschen mit einer nahezu unendlichen Flut an Informationen überschwemmt.

Er kritisierte aber nicht nur die Masse an Infos, sondern auch die vielen Falschinformationen und Verschwörungstheorien, die sich wie Lauffeuer durchs Internet verbreiten können. Die Forschungsdisziplin der Infodemiologie soll sich dieses Problems nun annehmen.

Zu viele, zu polarisierende Infos wirken sich negativ auf die Gesundheit aus

Die WHO spricht es aus: die unüberschaubare Menge an Informationen allein könne sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Stress und Sorgen werden verstärkt, aus Angst könnten Menschen womöglich auch dazu gebracht werden, Ratschlägen zu folgen, die schlichtweg gefährlich sind. Gesehen hat man das an den vielen falschen, vermeintlichen Arzt-Tipps gegen Coronaviren, die von "einfach nicht wirksam" (Knoblauch gegen das Virus) bis hin zu "lebensgefährlich" (Chlorbleiche) reichen.

"Es war noch nie deutlicher als heute, dass Kommunikation eine wesentliche gesund­heits­politische Intervention ist, die ebenso wie Epidemiologie, Virologie und klinisches Management zur Bekämpfung von Pandemien beiträgt", erklärt die WHO. Daher sei es nötig, den Informationsfluss in sozialen Medien messen zu können, ergänzte Pier Luigi Sacco von der Universität IULM in Mailand.

Worum sich die Infodemiologie kümmern will: Menschen beibringen, gute von schlechten Quellen zu unterscheiden, aber auch herausfinden, wie Missverständnisse beim Informationsaustausch durch kulturelle Unterschiede entstehen und wie sie sich vermeiden lassen sowie einen Weg finden, effektiver zu kommunizieren. Dann können wir in Zukunft vielleicht besser mit den vielen Informationen umgehen.

Ein Tipp bis dahin: Sie wollen über die aktuelle Lage rund um das Coronavirus informiert bleiben? Nehmen Sie sich feste Zeiten am Tag vor – beispielsweise ein paar Minuten am Morgen oder am Abend –, in denen Sie sich informieren – und prüfen Sie Ihre Quellen auf Glaubwürdigkeit. Vergleichen Sie gerne – prüfen Sie aber auch, ob in Ihrer Quelle nicht eher Meinung mitschwingt und ob es Belege aus anderen Quellen gibt.

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Corona-Leugner, kurzfristige Anfragen der Bild und Co: Wer eine Flut an verdrehten Informationen am eigenen Leib zu spüren bekommen hat, ist Charité-Virologe und Coronavirus-Forscher Prof. Christian Drosten. In einer Folge seines Podcasts bei NDR Info übt Drosten Kritik an Medien, aber auch an Ärzten und Verschwörungstheoretikern.

Wichtig ist es aber auch, die Situation aus verschiedenen Sichtweisen zu betrachten. Interessant ist dabei die Spezialfolge des NDR-Podcasts "Coronavirus-Update" mit Forschern aus der Virologie, der Psychologie, der Philosophie und der Intensivmedizin.

Wie man mit Verschwörungstheoretikern in der Familie am besten umgeht, hat uns übrigens ein Psychologe verraten. Weiteres zum Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.