Aktualisiert: 16.08.2021 - 11:49

Vorsicht, Bakterien! Vibrionen in der Ostsee: Erster Todesfall nach dem Baden

So gefährlich sind die fleischfressenden Bakterien in der Ostsee

So gefährlich sind die fleischfressenden Bakterien in der Ostsee

Berlin. Besonders während wärmerer Sommer häuften sich die Fälle, einige Betroffene starben gar daran: Wer sich beim Baden in Ost- und Nordsee mit so genannten Vibrionen infiziert, kann schwer erkranken. Durch die Klimaerwärmung könnte die Gefahr laut Forscherinnen und Forschern in

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Die deutsche Ostseeküste ist gerade in der Coronakrise ein beliebtes Ziel für alle, die "Urlaub daheim" machen wollen. Doch Vibrionen können den sommerlichen Badespaß vermiesen – und sogar ernsthafte Konsequenzen mitbringen. Jährlich treten Fälle gefährlicher Infektionen auf. Nun ist eine Person an einer Infektion mit den Bakterien verstorben. Möglicherweise haben die jährlichen Warnungen aber bald ein Ende, denn Wissenschaftler rund um die Ostsee haben da eine ganz natürliche Idee...

Aufgrund der Coronakrise ziehen in diesem Jahr wahrscheinlich viele wieder den Heimaturlaub vor. Schließlich kann Deutschland sowohl eine Nord- als auch Ostsee-Küste vorweisen und hat damit einige tolle Strände zu bieten. Vor allem die Ostsee ist ein beliebtes Ausweichziel für alle Mittelmeer-Fans. Doch Vorsicht ist geboten: Gerade die durch den Klimawandel steigenden Temperaturen fördern die Vermehrung von Vibrionen. Vergangenes Jahr gab es erneut Fälle von Infektionen nach dem Bad im Meer. Und auch jetzt gibt es erneut Warnungen vor Vibrionen und leider sogar einen Todesfall.

Doch zukünftig sollen Badeurlauber besser geschützt sein. Forschende arbeiten an einem natürlichen Vibrionen-Schutz für die Ostsee. Der Trick sind Muschelbänke und Seegraswiesen.

Vibrionen: Bakterien-Infektion lauert in der Ostsee

In diesem Jahr haben sich die Vibrionen etwas Zeit gelassen. Aufgrund des kühlen Wetters war in den ersten Sommerwochen mit keiner erhöhten Gefahr zu rechnen. Mit den vergangenen warm-feuchten Wochen aber hat sich das geändert. In vielen Ostseebädern hängen sie nun wieder, die Warnungen vor den Bakterien.

Werden Vibrionen im Wasser gefunden, heißt es im Extremfall: Badeverbot für alle. Im Juli gab es einen Bericht über Funde in der Ostsee. Kurz darauf stand fest: Ein 80-jähriger Mann aus Mecklenburg-Vorpommern hatte sich eine Infektion zugezogen. 2020 habe es in Mecklenburg-Vorpommern acht Infektionen gegeben.

Todesfall an der Ostsee: Mensch stirbt nach Vibrionen-Infektion

Nun ist dieser Mensch offenbar verstorben. Am 27. Juli sei ein älterer Mensch in einer Klinik in Ostholstein an den Folgen einer Vibrionen-Infektion gestorben, bestätigte das Gesundheitsministerium in Kiel. Die Person sei in der Nähe von Kiel trotz offener Wunde und chronischer Vorerkrankungen ins Meer gestiegen und habe sich dort mit Vibrionen infiziert, heißt es von der Kreisverwaltung.

Deshalb sind Vibrionen so gefährlich

Doch was sind Vibrionen überhaupt? Keine Sorge, wenn Sie noch nie von Vibrionen gehört haben, sind Sie damit nicht allein. Vibrionen sind eine Bakteriengattung, die sowohl in Süß- als auch in Salzwasser vorkommt. Die bekannteste Art der Vibrionen-Familie ist Vibrio cholerae: Das ist der Erreger, der Cholera auslöst.

Ostsee-Urlauber müssen jedoch eher zwei andere Vibrionen-Spezies fürchten: Vibrio vulnificus und Vibrio cholerae non-O1. Eckhard Strauch leitet das Konsiliarbüro für Vibrionen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Ihm zufolge sind besonders diese beiden Spezies gefährlich: Sie können beim Menschen schwere Wundinfektionen verursachen, insbesondere im Magen-Darm-Trakt und an den Weichteilen.

Vorsicht ist nicht nur beim Schwimmen in Gewässern mit hoher Vibrionen-Belastung geboten. Auch das Schlucken kontaminierten Wassers sowie der Verzehr von rohem Fisch oder nicht durchgegarten Meeresfrüchten kann zu Magen-Darm-Infektionen führen.

Gefährdet sind Experten zufolge Menschen mit chronischen Grundleiden oder einer Immunschwäche sowie Menschen in höherem Alter. Ein sehr hohes Risiko stellen offene Wunden dar. Risikogruppen sollten daher bei Vibrionenwarnung nicht ins Meer oder ins Brackwasser gehen, insbesondere wenn sie Hautverletzungen haben. Man solle immer davon ausgehen, dass das Bakterium Vibrio vulnificus bei wärmeren Temperaturen im Wasser lauern könne.

Vibrionen in der Ostsee: Das Klima ist schuld

Was die hohen Temperaturen mit der Vibrionen-Gefahr zu tun haben? Die Erderwärmung führt dazu, dass nicht nur die Temperatur an Land, sondern auch die der Meere steigt. Ab einer Wassertemperatur von 20 Grad fühlen sich die Vibrionen so richtig wohl und vermehren sich verstärkt. Vibrionen könnten somit eine weitere gefährliche Konsequenz des Klimawandels darstellen, mit der wir bald zu kämpfen haben. Denn dass es wärmer wird, steht außer Frage.

Welche Gewässer sind gefährlich?

Vibrionen kommen zwar weltweit vor, werden laut "tropeninstitut.de" aber häufig aus Ländern mit einem niedrigen Hygienestandard nach Deutschland mitgebracht. Die Infektionen, die ihren Ursprung in Deutschland haben, sind meistens auf das Baden in der Ostsee zurückführen. Vibrionen sind salztolerant und fühlen sich laut Robert Koch-Institut in Gewässern mit einem Salzgehalt von 0,5-2,5 Prozent besonders wohl. Der moderate Salzgehalt in der Ostsee ist damit perfekt für die Bakterien.

Das Mittelmeer und die Nordsee sind mit einem Salzgehalt von circa 3 Prozent hingegen zu salzig für Vibrionen. Zwar wurden auch in diesen Gewässern vereinzelte Infektionen gemeldet. Das liegt daran, dass der Salzgehalt in besonders flachen Gewässerabschnitten, beispielsweise im Bereich von Flussmündungen, schwanken kann. Auch in Süßwasserseen können Vibrionen auftreten, ein Beispiel dafür ist der Binnensee Neusiedler See in Österreich.

Wer ist gefährdet?

Vibrionen sind nicht für alle Menschen gleich gefährlich. Generell gilt: Junge und gesunde Erwachsene erkranken eher selten. Auch gesunde Kinder erkranken in der Regel nicht schwer, sondern ziehen sich laut Robert Koch-Institut meistens lediglich eine Ohrinfektion zu. Als Risikogruppe identifiziert das Institut hingegen ältere und immungeschwächte Personen sowie Personen mit Vorerkrankungen. Zu diesen zählen Diabetes mellitus, Lebererkrankungen, Krebserkrankungen und schwere Herzerkrankungen. Ebenfalls ein Risikofaktor sind offene und schlecht heilende Wunden. Diese sollten nicht mit vibrionenbelastetem Wasser in Kontakt kommen.

Trotz allem gibt es keinen Grund, jetzt in Panik zu verfallen. Strauch zufolge lag die Zahl der registrierten, von Vibrionen ausgelösten Erkrankungen in Deutschland in den letzten Jahren im ein- oder niedrigen zweistelligen Bereich. Nichtsdestotrotz sollten gerade Angehörige von Risikogruppen die Gefahr im Blick behalten und vor dem nächsten Ostseeurlaub oder Seebesuch ein wenig Recherche über Wassertemperatur und Vibrionenbelastung betreiben.

Zumal die Gefahr im Zuge des Klimawandels durchaus steigen dürfte. Bis zum Jahr 2100 erwartet man einen Anstieg der Oberflächenwassertemperatur um 2-4 °C und damit ein Paradies unter anderem für Vibrionen. Dieses Bakterienparadies gilt es zu verhindern. Und genau hier setzen nun die Forschenden rund um die Ostsee an:

Natürliche Wege, die Vibrionen zu vertreiben

Wie wird man Vibrionen los? Um die Umwelt nicht noch mehr zu belasten, am besten auf natürlichem Wege – und das könnte tatsächlich recht einfach umsetzbar sein. Zumindest stellt diese Hoffnung das Projekt BaltVib unter Leitung des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) in Aussicht. Die Wissenschaftler:innen, die aus sieben an die Ostsee grenzenden Staaten am Projekt beteiligt sind, wollen testen, wie sich Seegraswiesen, Muschelbänke sowie Makroalgenbestände auf die Belastung mit Vibrionen in Küstennähe auswirken können.

Solche natürlichen Lebensräume bieten nämlich eine hohe Biodiversität. Man spricht hier auch von "Ökosystemingenieuren", die alles um sie herum beeinflussen. Wie genau das im Bezug auf Vibrionen klappt, ist noch nicht ganz klar. Auffällig ist aber: Die Besiedelung mit Vibrionen ist rund um Seegraswiesen gering. Anhand der Modellregion Ostsee möchte man nun herausfinden, warum das so ist, inwiefern andere "Ökosystemingenieure" wirksam sind, und ob sie sich auch künstlich gut anlegen lassen. Wenn alles klappt, könnte damit zukünftig zumindest ein Problem des Klimawandels mithilfe der Natur gelöst werden.

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Vibrionen sind nicht die einzigen Bakterien, die uns beim Sommerurlaub einen Strich durch die Rechnung machen könnten: Das RKI warnte vergangenes Jahr vor Legionellen in Schwimmbädern und Hotels. Auch dieses Jahr könnte uns das Problem dank Corona-Krise noch drohen.

Andere Bakterien wiederum können Parodontitis auslösen. Lesen Sie hier, warum Zahnbelag NICHT harmlos ist.

Ein Trost: Wussten Sie, dass es nicht nur schädliche, sondern auch gute Bakterien gibt? Bei uns erfahen Sie, was Darmbakterien mit Abnehmen zu tun haben!

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