15.06.2020 - 13:55

Ob das noch sein muss... Corona: Brauchen wir die Maske wirklich noch?

Wie lange soll das mit der Maskenpflicht noch so weitergehen? Wir sind alle genervt – aber werden uns wohl noch ein bisschen gedulden müssen. Aus guten Gründen.

Foto: iStock.com/RapidEye

Wie lange soll das mit der Maskenpflicht noch so weitergehen? Wir sind alle genervt – aber werden uns wohl noch ein bisschen gedulden müssen. Aus guten Gründen.

Die Corona-Lockerungen gaukeln uns Sicherheit vor. Wir können so vieles jetzt wieder machen. Ist die elenden Mund-Nasen-Bedeckung da überhaupt noch sinnvoll – vor allem, wo sie doch eh gefühlt jeder Zweite falsch trägt? Ein Überblick.

Sie ist gewöhnungsbedürftig und wird über die nun kommende warme Jahreszeit sicherlich auch noch richtig nervig werden: Die Mund-Nasen-Bedeckung, im Volksmund auch Mundschutz genannt. Doch ist die Virusgefahr wirklich noch da? Wird es nicht langsam Zeit, auch die allseits geltende Maskenpflicht im öffentlichen Raum abzuschaffen? Brauchen wir die Corona-Maske noch – oder ist das normale Leben bald wieder gänzlich da?

Corona-Eindämmung: Wie lange ist die Maske noch wichtig?

Die Lockerungen der Corona-Einschränkungen lassen das Leben fast wieder normal scheinen. Zwar gibt es noch Einschränkungen in der Kinderbetreuung oder bei Großveranstaltungen wie Konzerten, doch zum Großteil sind Beschäftigungen wie Arbeit, aber auch Freizeitgestaltungen wie der Café- und Barbesuch, Shopping, Kino, sogar das Training im Fitnessstudio wieder möglich. Ja, es gibt Auflagen, aber wer draußen unterwegs ist, sieht doch wieder weit mehr Menschen, als noch vor ein paar Wochen. Meist mit Abstand, oft aber auch wieder nah beieinander.

Muss da die Maskenpflicht wirklich immer noch sein, wenn doch alles wieder so normal scheint? Diese nervige Pflicht, die als eine der letzten Corona-Regeln kam und davor lange Zeit als sinnlos galt?

Bringt die Maske überhaupt etwas?

Zahlreiche Studien wurden seitdem durchgeführt, bei denen sich Forscher sowohl medizinischen Mundschutz (OP-Masken), als auch Behelfsmasken aus Stoff angeschaut und sie ob Ihres Nutzens im Kampf gegen die Pandemie überprüft haben. Eine Sammlung dieser Studien erschien nun im Mai als Vorabdruck – von unabhängigen Wissenschaftlern also noch nicht überprüft, doch schon einmal sinnvoll für einen Überblick. Die Grunderkenntnisse:

  • Masken können den Ausstoß von Viren merklich reduzieren – es gibt aber Unterschiede in den Virenarten: Masernviren oder Influenza-Viren lassen sich weniger aufhalten, die recht großen Coronaviren, darunter auch Sars-CoV-2 lassen sich dagegen effektiv zurückhalten.
  • OP-Masken funktionieren besser im Zurückhalten von Viren als selbstgenähte Masken – letztere können, vor allem aus festem Stoff gefertigt, aber auch nachweislichen Nutzen bringen.
  • Die Autoren weisen darauf hin, dass sogenannte Aerosole beim Sprechen, Husten oder auch beim Atmen nur zu einem kleinen Teil schon direkt in dieser Form ausgestoßen werden. Der Großteil wird als Tröpfchen ausgestoßen, die dann "zerfallen" in drei- bis fünffach kleinere Aerosole. Das Tragen einer Maske könne "diesen Prozess verhindern".

Was wir also sagen können: Ja, die Maske bringt was. Auch, wenn es erst hieß, sie sei nutzlos oder nur für Kranke hilfreich: In der Zwischenzeit haben Studien und Versuche gezeigt, dass das Stück Stoff oder Papier vor Mund UND Nase durchaus Speicheltröpfchen aufhalten kann und damit signifikant dazu beiträgt, die Verbreitung von Viruspartikeln einzudämmen – und dass nicht jeder mit dem Coronavirus infizierte Mensch Symptome verspürt, das Virus Sars-CoV-2 aber dennoch unbemerkt weiterverbreiten kann. Und die, die Symptome von Covid-19 haben, können auch vor deren Auftreten schon ansteckend sein.

Superspreading-Events auch schon vor den Kontaktbeschränkungen zeigen nach neuesten Erkenntnissen: Abstand ist wichtig, aber manchmal reichen auch zwei Meter nicht aus. Denn vor allem laut sprechende, rufende oder singende Menschen stoßen viel Atemluft aus, die sich vor allem in geschlossenen Räumen weitaus raumgreifender verteilt, als wir denken.

Problem Tröpfchen und Aerosole

Tröpfchen fallen, nachdem sie aus dem Mund oder der Nase ausgestoßen wurden, recht schnell zu Boden. Das haben mehrere Virologen, darunter auch Christian Drosten von der Charité in Berlin, mehrfach betont. Doch die Zeichen deuten mit jeder weiteren Studie daraufhin, dass auch Aerosole, feinste Schwebeteilchen, bei der Verbreitung des Coronavirus eine Rolle spielen.

Hier könnte man jetzt denken: Och, dann schützt die Maske zwar vor Tröpfchen, aber wenn die Aerosole so fein sind, kommen sie ja trotzdem durch die Maske durch – warum dann also weiter tragen? Nun, ja, es wurden Konzentrationen von Aerosolen auch trotz Maske gemessen. Doch Tröpfchen werden immer noch abgehalten. Und Tröpfchen zerfallen zu einem gewissen Teil nach dem Ausstoßen in Aerosole. Und die Aerosole können eine ganze Zeit lang in der Luft schweben und sich verteilen. Über viele Meter hinweg. In schlecht gelüfteten Räumen bleiben sie dabei höchstwahrscheinlich in kritischer Konzentration lange genug in der Luft, so dass sich andere anstecken können, sollten Viruspartikel vorhanden sein. So ähnlich ist es bei Superspreading-Events wie einer Chorprobe in Berlin oder der vielgenannten Karnevalssitzung in Heinsberg wohl abgelaufen.

Events einfach sein lassen – reicht das?

Es sollte also reichen, solche Situationen – Chorproben, Konzerte, große Feiern – zu vermeiden, oder? Aber was ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die ja oft schlecht belüftet sind. Redeverbot? Kaum umsetzbar. Was ist mit Demos, bei denen man zwar in der Regel an der frischen Luft ist, aber doch oft laut seine Meinung kundtut?

Auch beim einfachen Atmen kommt feuchte Luft aus der Nase. Das können Sie ganz leicht testen, indem Sie sich einen Finger unter die Nase halten und fest ausatmen. Ihr Finger wird sich danach feucht anfühlen.

Aber können Masken nicht gefährlich werden, wenn man sie falsch trägt?

Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum die Mund-Nasen-Bedeckung eben nicht nur den Mund bedecken sollte, sondern auf jeden Fall auch die Nase – nebst der Tatsache, dass mittlerweile nachgewiesen wurde, dass die Nase das Haupteinfallstor für das Coronavirus ist und anfangs – wenn der Infizierte am ansteckendsten ist – vor allem in der dortigen Schleimhaut sitzt.

Eine Maske lässt sich aber auch auf andere Art falsch tragen – und kann so durchaus zu einer Gesundheitsgefahr außerhalb des Coronavirus werden. Gehören Sie zu den Menschen, die Ihre Mund-Nasen-Bedeckung immer wieder benutzen, ohne sie im Fall von OP-Masken nach der Nutzung/Durchfeuchtung auszutauschen oder im Fall von Stoffmasken zu waschen – und stecken sie immer wieder zusammengeknüllt in die Tasche? "Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze", erklärt auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck im Interview mit "RTL". Und die wiederum können durchaus gesundheitliche Probleme auslösen, werden sie so direkt eingeatmet.

Theoretisch kann durch Berühren einer Maske, auf der irgendwann einmal ein Virus gelandet ist, auch eine Schmierinfektion stattfinden. Doch die Verbreitung über Aerosole scheint der sehr viel häufigere Weg für Viren zu sein – in einer für eine Infektion ausreichenden Konzentration. Der Schluss liegt nahe: Ein Infizierter, der ohne Maske unterwegs ist und so ungehindert virale Luft ausatmet, steckt weit wahrscheinlich weit mehr Menschen an als er es nach dem Anfassen seiner Maske via Schmierinfektion tun könnte.

Anders als vielerorts in sozialen Medien verkündet, steigt unter der Maske aber nicht der CO2-Gehalt, der dann wieder eingeatmet wird. Dafür sind OP- und Stoffmasken viel zu dünn und durchlässig, CO2-Moleküle dagegen als Gas viel kleiner als ein Virus es je sein kann. Eine feste FFP3-Maske sollten Sie vielleicht nicht über Stunden tragen. Aber das merken Sie auch ganz schnell selbst – denn darunter wird das Atmen tatsächlich erschwert.

Infektionsverläufe anderer Krankheiten und Länder zeigen: Maske hilft

In Japan oder anderen asiatischen Ländern ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung übrigens sehr gängig und gilt dort als höflich, etwa in Erkältungszeiten. Die Infektionsverläufe lassen darauf hindeuten, dass das Tragen einer Maske die Verbreitung von Viren in Größe des Coronavirus durchaus eindämmend beeinflussen kann.

Und dann gibt es da noch diesen ganz prominenten Krankheitsfall – die Tuberkulose. Hierzulande seit Jahrzehnten nicht mehr der Rede wert, kommt es in ärmeren Ländern immer mal wieder zu Ausbrüchen. Noch immer fordert die Lungenerkrankung jährlich weltweit 1,5 Millionen Todesopfer. Doch die Verbreitung lässt sich auch immer wieder zumindest eindämmen. Und das nicht durch Lockdowns oder andere Strategien, sondern durch das verhältnismäßig günstige Tragen von Masken. Dass das funktioniert, zeigt der Weltweite Tuberkulose Report der WHO, zusammengefasst vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose.

Infizierte bemerken nicht immer Symptome

Aber zurück zum Coronavirus: Weitere Studien zeigen, dass Infizierte nicht immer Symptome verspüren. Eine recht neue Studie etwa kommt zu dem Schluss, dass wohlmöglich rund die Hälfte aller Erkrankten gar nichts von Covid-19 merkt. Ansteckend sind sie aber trotzdem – vor allem, weil sie ihrer Tätigkeiten weiter nachgehen. Infizierte, die Symptome verspüren, bleiben hingegen eher zu Hause und verhindern damit, andere anzustecken. Schmierinfektionen dagegen scheinen tatsächlich eine untergeordnete Rolle zu spielen.

WHO rät mittlerweile zum Tragen einer Maske

Warum hat die Weltgesundheitsorganisation WHO also lange vom Tragen von Masken abgeraten? Weil wir uns in einem Lernprozess befinden – und zwar weltweit – und es erst verifizierte Studienergebnisse geben musste. Und aus dem gar nicht mal dummen Grund, dass das Tragen einer Maske Menschen in falscher Sicherheit wiegen könnte. Anfang Juni aber hat auch die WHO bestätigt: Das Tragen einer Maske kann zur Eindämmung des Coronavirus beitragen. Abstand halten gilt aber trotzdem noch. Beides zusammen hilft.

Masketragen lässt zu, dass Lockerungen bleiben können

Man kann also ansteckend sein, ohne es zu merken, eine Maske bildet eine Barriere und eine Virusausbreitung wird – mittlerweile erwiesenermaßen – zumindest gebremst. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Tätigkeiten, die durch den Lockdown nicht möglich waren, wieder ausgeführt werden können: Wir können wieder ungehindert Bahn fahren oder auch wieder den Urlaub fliegen, können – mit Abstand – wieder ins Kino und schützen uns gegenseitig beim Einkaufen und beim Arbeiten.

Die Pflicht, eine Maske tragen zu müssen, schränkt in der Tat Grundrechte ein. Doch das Infektionsschutzgesetz überwiegt zusammen mit der Erkenntnis, dass Masken helfen, das Ansteckungsrisiko zu senken. So war es dem Oberverwaltungsgericht (OVG) in Greifswald z.B. auch möglich, einen Eilantrag abzulehnen, in dem der Antragsteller die Maskenpflicht als Eingriff in die Menschenwürde bezeichnete. Ja, die Würde des Menschen ist unantastbar, aber Art. 2, Abs. 2 des Grundgesetzes sagt auch: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." Und das Aufsetzen einer Maske, das die meisten von uns nur wenige Momente am Tag betrifft, ist – so das OVG – kein Eingriff in die Menschenwürde.

Die Maske ist ein zusätzlicher Schutz, der nachweislich hilft, wenn er korrekt getragen wird. Und damit ermöglichst sie uns ein normaleres Leben, auch mit Corona. Sie wird uns daher wohl noch eine Weile begleiten – entweder, bis ein Impfstoff gefunden ist oder bis wirklich und unmissverständlich herausgefunden wurde, was die genauen Ansteckungswege sind und wie sie sich sonst noch verhindern lassen. Aber die Zeichen stehen auf: Mund-Nasen-Bedeckung im öffentlichen Bereich bleibt sinnvoll. Und sie schützt ja nicht nur vor Coronaviren, sondern kann auch die Gefahr einer Ansteckung mit anderen Erkältungsviren eindämmen. Zudem bleibt sie ein Zeichen: Ich schütze Dich mit dem korrekten Tragen meiner Maske über Mund und Nase. Schütz' Du mich bitte auch.