20.05.2020 - 20:07

Probleme mit der Maskenpflicht? Entwarnung: Unter dem Mundschutz atmen Sie NICHT zu viel CO2 ein

So trage ich den Mundschutz richtig
Mi, 15.04.2020, 15.56 Uhr

So trage ich den Mundschutz richtig

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Das ständige Masketragen im Supermarkt ist unangenehm und lästig, da stimmen wir zu. Doch gesundheitsgefährlich, wie so viele behaupten, ist es nicht. Zumindest nicht für jeden.

Es ist ein Gerücht, das sich hartnäckig hält, seitdem es in den sozialen Medien mal wieder blind weitergeteilt wurde: Eine Warnung vor dem Tragen von Mund-Nasen-Masken – man atme angeblich zu viel CO2 ein. Doch es gibt Entwarnung: Das stimmt so nicht. Dennoch: Eine Mund-Nasen-Bedeckung kann gesundheitsschädlich sein – wenn man sie falsch handhabt!

Zu viel CO2 im Blut durchs Maskentragen? Humbug!

Die derzeit in allen deutschen Bundesländern geltende Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr sowie beim Einkaufen und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie nervt viele von uns. Zugegeben, das Tragen einer solchen Mund-Nasen-Bedeckung ist ungewohnt und stellt viele von uns damit anscheinend vor Herausforderungen.

Regeln gibt es einige zu beachten, so soll der "Mundschutz" (der übrigens in seiner einfachen Form nicht den Träger, sondern die Mitmenschen schützt) möglichst regelmäßig gewechselt und im Fall von Stoffmasken auch gründlich gewaschen werden. Und dann bitte nicht anfassen. Und bitte sowohl Mund UND Nase bedecken.

Dass diese neuen Regeln erst einmal schwer fallen, ist klar. Dennoch ist das kein Grund, gleich falsche Tatsachen in die Welt zu setzen oder zu verbreiten.

So gesehen unter anderem bei Facebook. Ein zigfach geteiltes Bild zeigt die Worte: "Durch Maskentragen atmen wir mit der Zeit viel CO2 ein. Die Sauerstoffversorgung lässt nach. Außerdem sammelt sich viel Feuchtigkeit in Maske und LUNGE. Dadurch können sich gefährliche Keime in der Lunge vermehren." Darüber ein Hinweis, dass dies sogar der Kinderarzt sagt (welcher?). Dazu in rot der Satz "Rafft endlich das alles Lüge ist zur Kontrolle"

Wäre letzterer Satz nicht, könnte man sagen: Stimmt zumindest teilweise. Aber der Reihe nach.

Rückatmung von CO2 bei Operationsmasken: Studie veraltet

Die Rechercheseite "Correctiv.org" hat sich dieses Bildes und der Behauptungen einmal angenommen und sich die mögliche Herkunft der Aussagen genauer angesehen und dazu sowohl mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), dem Lungeninformationsdienst, dem Robert-Koch-Institut (RKI) sowie mit dem Hersteller 3M, der medizinische Masken herstellt gesprochen.

So basiert der Teil mit dem CO2 offenbar auf einer Studie aus dem Jahr 2005 von der Technischen Universität München. "Rückatmung von Kohlendioxid bei Verwendung von Operationsmasken als hygienischer Mundschutz an medizinischem Fachpersonal" heißt die Studie, die damals zu dem Ergebnis kam, dass das ausgeatmete Kohlenstoffdioxid nur teilweise durch die OP-Maske entweichen könne: "Dieser Effekt führte zu dem Ergebnis, dass die Probanden Luft einatmeten, deren CO2-Gehalt höher war als derjenige der umgebenden Raumluft.“ Die Kohlendioxid-Konzentration im Blut steige dadurch, heißt es auf Seite 35 des PDFs (unten verlinkt).

Die Studienautorin empfahl Herstellern damals, OP-Masken CO2-durchlässiger zu gestalten, da sie befürchtete, es könne zu verzögerter Reaktionszeit und Abnahme der Leistungsfähigkeit bei medizinischem Personal führen.

"Correctiv" fragte beim Lungeninformationsdienst des Helmholtz-Zentrums München genauer nach:

  • "Ein erhöhter CO2-Gehalt im Blut (Hyperkapnie) kann beispielsweise Kopfschmerzen, Hautrötungen, eine erhöhte Herzfrequenz oder leichte Verwirrtheit hervorrufen. Durch die Anreicherung des Blutes mit Kohlendioxid sinkt der pH-Wert des Blutes in den leicht sauren Bereich. Diese Form der Übersäuerung des Blutes bezeichnet man als respiratorische Azidose. Durch die Übersäuerung des Blutes verengen sich die Blutgefäße in der Lunge, während sich die anderen Blutgefäße im Körper und insbesondere im Gehirn erweitern. Als Folge steigt die Kalium-Konzentration im Blut, wodurch die Herzfunktion beeinträchtigt wird und es zu Herzrhythmusstörungen kommen kann."

In der Studie ging es lediglich um klassischen Mund-Nasen-Schutz – also Einweg-OP-Masken. Das BfArM hat auf seiner Seite einen Vergleich aller drei Maskentypen veröffentlicht, die derzeit zur Eindämmung der Pandemie genutzt werden. Dabei wird übrigens weiterhin darauf hingewiesen, dass vor allem Abstand halten sowie regelmäßiges Händewaschen noch immer das A und O sind.

Eine Übersicht dazu, welche Maske wen schützt, finden Sie auch hier: Stoff, Kaffeefilter und Co: Hilft eine selbstgemachte Maske?

OP-Masken müssen in Deutschland genormt sein

Aber: In der o.g. Studie ging es um OP-Masken. Und die müssen, ebenso wie filtrierende Halbmasken, in Deutschland DIN-genormt sein. Beide Zertifizierungen sind zuletzt 2009 überarbeitet worden. Das bestätigt auch der Hersteller 3M "Correctiv.org" gegenüber: "Die EN149 Norm setzt klare Grenzen für den Ein- und Ausatemwiderstand von Atemschutzmasken – die Norm 14683 entsprechend für chirurgische Masken." Bei korrekter Handhabung könne man daher davon ausgehen, dass es nicht zu einer CO2-Ansammlung unter der Maske kommt. Weiter führt die Pressesprecherin Anja Ströhlein aus:

  • "Folgende Aspekte haben Einfluss auf die Wirksamkeit eines Atemschutzes: der Dichtsitz einer Maske, eine mögliche Durchfeuchtung nach längerer Tragezeit oder offensichtliche Materialbeschädigungen. Auch die richtige Handhabung, zu der das Vermeiden von Kontakt mit einer evtl. kontaminierten Maskenaußenfläche/Filter beim Auf- oder Absetzen zählt, ist wichtig, um einen optimalen Schutz zu gewährleisten. Chirurgische Masken und Mund-Nasen-Schutz dienen nicht zum Eigen- sondern zum Fremdschutz."

Und auch das RKI bestätigt dies im Namen der Pressesprecherin Marieke Dregen gegenüber "Correctiv.org" in einer Mail:

  • "Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon. Mund-Nasen-Bedeckungen umfassen eine sehr weite Bandbreite von Materialen und Verarbeitungsweisen. Gerade das Tragen von mehrlagigen, sehr dichten und enganliegenden Mund-Nasen-Bedeckungen kann z.B. für ältere Menschen oder für Menschen mit COPD (oder andere Lungenkrankheiten) sehr anstrengend sein."

Von zertifizierten Masken sollte keine Gesundheitsgefahr für gesunde Anwender ausgehen. Und auch der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte, Jakob Maske, erklärt der Deutschen PresseAgentur gegenüber: "Das CO2 ist ein Gas und bleibt im Stoff nicht hängen." Daher bestehe für Kinder und Erwachsene keine Gefahr bei für den Alltag gedachten Masken, da mit jedem Atemzug wieder ausreichend sauerstoffreiche Luft in die Lungen gelange. "Correktiv.org" fasst zusammen: "Die Kernbehauptung des Facebook-Bildes ist falsch."

Menschen mit der chronisch-obstruktiven Lungenkrankheit (COPD) oder anderem Lungenleiden aber sollten hier ärztliche Rücksprache halten. In solchen Fällen sind auch ärztliche Attests möglich.

Aber: feuchte Masken können durchaus Nährboden für Bakterien und Co sein

Gehen wir weiter zur nächsten Behauptung: Durch die Maske sammle sich Feuchtigkeit in Maske und Lunge, die Keimen ein leichtes Spiel mache. Und hier kommt es nun darauf an, die Maske richtig handzuhaben!

Marieke Dregen vom RKI schreibt hierzu:

  • "Dass die Maske bei längerem Tragen durchfeuchtet, ist gegeben; dann sollte sie gewechselt werden. Es kann zu einer Kontamination der Maske mit Mund-Nasen-Rachenflora kommen, beispielsweise durch S. aureus oder Streptokokken. Systematische und vergleichbare Studien gibt es hierzu bislang aber nicht."

Keime können sich durchaus also vermehren – aber im Mund-Rachen-Nasenraum. Nicht in der Lunge. Doch genau deshalb gibt es die Ratschläge für den richtigen Umgang mit der Maske – damit eben genau dies nicht passiert.

Damit Keime keine Chance haben: Mund-Nasen-Bedeckung richtig handhaben!

Das RKI und das BfArM geben daher einige Tipps:

  • Tragen Sie den Mundschutz nicht dauerhaft, sondern zeitlich begrenzt – beim Einkaufen oder in Bus und Bahn.
  • Wechseln Sie die Gesichtsmaske regelmäßig: Ziehen Sie sie nicht zweimal auf. Ist sie aus Stoff, waschen Sie sie nach der Benutzung. Das BfArM empfiehlt hierzu: Maske nach Benutzen in einem Beutel luftdicht verschließen und bei nächster Gelegenheit zu waschen, idealerweise bei 95 Grad, mindestens aber bei 60 Grad Celsius.

Denkt mal wer an die Kinder? Das gilt bei Kids bis sechs Jahre

Es existieren aber auch Varianten der oben genannten Meldung, die besonders auf die Kinder eingehen. Kinder würden etwa nicht merken, dass sie zu wenig Luft bekommen. Aber auch hier muss genauer unterschieden werden:

Der Maskenhersteller 3M rät dringend davon ab, dass Kleinkinder und Säuglinge filtrierende Atemschutzmasken tragen. Wir haben oben aber ja schon gelernt, dass diese für den Privatgebrauch in der jetzigen Corona-Situation nicht geeignet sind. Bei kleinen Kindern droht hier wirklich Erstickungsgefahr.

Bei selbstgenähtem Mundschutz oder OP-Masken gibt es andere Probleme: Letztere sind meist zu groß, vor allem aber fassen sich Kinder, vor allem solche unter zwei Jahren häufig ins Gesicht, so dass der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte rät, dass ganz kleine Kinder sie nicht tragen sollten. Falls es doch einmal sein muss, sollten Eltern dafür sorgen, dass die Maske richtig sitzt und Mund und Nase bedeckt.

Bayern und Thüringen hat Kinder unter sieben bzw. sechs Jahren von der Maskenpflicht ausgeschlossen.

Bei Masken droht keine CO2-Übersättigung – und die richtige Handhabung macht's

Zusammengefasst lässt sich also sagen: Bei richtigem Tragen und Handhaben der Maske besteht keine Gefahr der Verunreinigung und der CO2-Austausch findet bei geeigneten (!) Stoff- und OP-Masken zu Genüge statt. Achten Sie bei selbstgemachter Mund-Nasen-Bedeckung aufs Material (Baumwolle) und nehmen Sie bitte keine Staubsaugerbeutel als Mundschutz! Sollten Sie gesundheitliche Lungenprobleme haben, holen Sie ärztlichen Rat ein. Ansonsten gilt: Maske ruhig nur tragen, wenn es wirklich notwendig ist. Draußen an der frischen Luft benötigen Sie sie normalerweise nicht.

Denn trotz Maskenpflicht in der Corona-Zeit gilt: Halten Sie Abstand zueinander! Die Schutzwirkung von Masken ist nicht hundertprozentig gegeben – daher sollten sie nur da getragen werden, wo Abstand halten einfach schwierig ist oder schwierig werden kann und zudem schlecht gelüftet ist. Und das ist eben in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen der Fall.

Und zuhause gilt: Regelmäßig gut durchlüften! Denn verbrauchte Raumluft ist eine viel größere Gefahr, nicht nur für potentielle Virenansammlungen, sondern auch in Sachen CO2-Gehalt in der Luft.

Die Behauptungen auf den geteilten Bildern stimmen zwar teilweise, sind aber – wie leider so oft derzeit – zu sehr aus dem Zusammenhang gerissen, so dass wichtige Informationen fehlen oder falsch zugeordnet werden. Faktenchecks von Correctiv.org oder Mimikama.at beispielsweise helfen dabei, genauer zu verstehen, ob quellenlose Bilder aus sozialen Medien wirklich Wahrheit beinhalten oder nur Stimmung machen sollen.

Mehr zum Coronavirus finden Sie auf unserer Themenseite.

Quellen: correctiv.org, BfArM, quarks.de, dpa, Studie von U. Butz, Institut für Anaesthesiologie der TUM: "Rückatmung von Kohlendioxid bei Verwendung von Operationsmasken als hygienischer Mundschutz an medizinischem Fachpersonal"