Aktualisiert: 08.04.2021 - 12:39

Warum das Blut verklumpt Covid-19 sorgt bei Patienten für Blutgerinnsel: Der Grund für die Thrombosen

Mediziner beobachten bei Covid-19 Patienten Blutgerinnsel, die zu thrombotischen Komplikationen führen können (Symbolbild).

Foto: imago images / Ukrinform

Mediziner beobachten bei Covid-19 Patienten Blutgerinnsel, die zu thrombotischen Komplikationen führen können (Symbolbild).

Bei einer Erkrankung mit dem Coronavirus kommt es immer wieder zu sehr schweren Verläufen, die unter Umständen auch zum Tod führen können. Mediziner haben bei den Infizierten häufig Blutgerinnsel festgestellt, viele kleine oder auch größere Thrombosen bilden sich, manchmal im ganzen Körper. Langsam verstehen sie auch, warum das passiert.

Je länger das Coronavirus grassiert, desto mehr Erkenntnisse können die Mediziner und Wissenschaftler über das Virus und dessen Auswirkungen gewinnen. Schon länger wird etwa dieses Phänomen beobachtet: Blutgerinnsel bei Covid-19. Die Thrombosen können schwere Auswirkungen haben.

Sind Viren Lebewesen?
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Covid-19 Patienten mit Blutgerinnseln erleiden meist schweren Verlauf

Die Ärztin Shari Brosnahan, die am Universitätskrankenhaus Langone in New York tätig ist, berichtete schon im April 2020 Dramatisches: "Ich hatte 40-Jährige auf meiner Intensivstation, die Blutgerinnsel in den Fingern hatten und es sah so aus, als würden sie sie verlieren." Bei einem ihrer Patienten sei der Verlauf derart schlimm, dass beide Beine und Hände nicht mehr mit ausreichend mit Blut versorgt werden würden und eine Amputation wahrscheinlich sei.

Schon damals die naheliegendste Erklärung für die Blutgerinnsel: das Coronavirus. In der Zwischenzeit berichteten Ärzte aus weltweit über das Phänomen der Blutgerinnsel. Die Komplikation gab Rätsel auf. Im Herbst fanden US-Wissenschaftler aber einen Ansatz, der die Thrombosen erklären könnte – und schlugen eine medikamentöse Therapie mit bereits vorhandenen Medikamenten vor.

Jetzt konnten Tübinger Forschende die Ursache für die Blutgerinnsel klären: Antikörper aktivieren Blutplättchen unkontrolliert, wodurch es bei rund 20 Prozent der an Covid-19 Erkrankten zu "schweren Gerinnungsstörungen mit der Folge venöser Thromboembolien" kommt, wie Experten in einer Pressemeldung der Deutschen Herzstiftung kürzlich bestätigten.

Die Ursache der Blutgerinnsel: Daher kommen die Thrombosen

"In Patienten mit Covid-19 sehen wir einen erbarmungslosen, sich selbst verstärkenden Teufelskreis von Entzündungen und Verklumpungen des Bluts im gesamten Körper", erklärte Yogendra Kanthi von der University of Michigan, Co-Autor der einer Studie, die Anfang November 2020 im Fachblatt "Science" veröffentlicht wurde.

"Die meisten Patienten haben normale Konzentrationen von Blutgerinnungsfaktoren, Fibrinogen und Blutplättchen, was darauf hindeutet, dass Covid-19 einen einzigartigen prothrombotischen Zustand verursacht", heißt es in einer Erklärung. Unklar war lange: Liegt das am Coronavirus Sars-CoV-2 selbst oder rühren die Thrombosen von Entzündungen der Blutgefäße oder Störungen in der biochemischen Regulation der Blutgerinnung? Oder von der Immunreaktion des Körpers auf die Infektion?

Mediziner gingen zuletzt von einer sogenannten Hyperkoagulation aus, die auf die Entzündungsreaktionen im Körper zurückgeführt werden können, die das Virus auslöst.

Problem Antikörper: Sie binden nicht das Virus, sondern Blutplättchen

Forschende aus Tübingen um Tamam Bakchoul, ärztlicher Direktor des Instituts für Klinische und Experimentelle Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum, und Peter Rosenberger, ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, konnten nun die Mechanismen hinter der veränderten Blutgerinnung bei Covid-19-Patienten erforschen.

Ihnen zufolge aktivieren die Viren die Thrombozyten im Blut der Patienten – und zwar indirekt. Die Ergebnisse stellten sie nun im Fachjournal "Blood" vor. "Dieser indirekte Weg geht über die Antikörper, die im Zuge einer massiven Immunantwort auf Sars-CoV-2 in viel zu hoher Zahl freigesetzt werden. Diese binden nicht an das Coronavirus, sondern an die Blutplättchen, und aktivieren sie", erklärt Bakchoul in einer Pressemeldung.

Vor allem könnten so Menschen, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten und generell schon ein höheres Thromboserisiko aufwiesen, bei der Behandlung helfen. "Die Erkenntnisse der Tübinger Mediziner könnten dazu beitragen, Risikogruppen bei Covid-19-Erkrankung etwa durch Thromboseprophylaxe frühzeitig vor Komplikationen besser zu schützen", erklärt der Kardiologe und Intensivmediziner Thomas Voigtländer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, in einer Pressemitteilung.

Besondere Gefahr Krankenhaus: Langes Liegen erhöht Thrombosegefahr

Die Thrombosen treten vor allem bei stationär behandelten Patienten auf, denn durch das lange Liegen fließt das Blut langsamer. Sind die Gefäße dann durch Vorerkrankungen vorgeschädigt, kommt es schneller zu Gerinnungsstörungen.

Bei intensivmedizinisch behandelten Covid-Patienten ist zudem oft ein Zytokinsturm zu beobachten, eine überschießende Reaktion des Immunsystems. Dabei produziert der Körper unkontrolliert Antikörper, die sich aber nicht an das Virus heften, sondern an Blutplättchen. "Wir vermuten, dass Antikörper eine ähnliche Bindungsstelle an die Oberfläche von Thrombozyten wie an die Oberfläche von Sars-CoV-2-Viren haben", so die Forschenden.

Antikörper, die an Blutplättchen, Thrombozyten, binden, verändern diese so sehr, dass ein Teil der Blutplättchen abstirbt – es kommt zum Zelltod. Währenddessen wird an anderen Blutplättchen die Oberfläche so abgeändert, dass sie gerinnungsfördernde Faktoren freigeben. Das wiederum fördert Thrombosen. "Je stärker also die Immunreaktion auf Sars-CoV-2 ausfällt, desto höher ist das Risiko der Thrombozyten-Aktivierung", so Bakchoul.

Verklumpungen durch Immunreaktion wahrscheinlich

Zu ähnlichen Ergebnissen, die auf die Arbeit der Tübinger hinführten, kamen auch die Forschenden aus Michigan. Sie hatten das Blut von Patienten gezielt auf spezielle Antikörper untersucht, die für das sogenannte Antiphospholipid-Syndrom zuständig sind – eine Autoimmun-Erkrankung, die ebenfalls zu tödlichen Blutverklumpungen führen kann.

"Gut die Hälfte der Covid-19-Patienten war für mindestens einen dieser Auto-Antikörper positiv", erklärte Studien-Mitautor Jason Knight. Bei einem Viertel der Patienten fanden die Wissenschaftler:innen sogar zwei oder mehr solcher Antikörper. Gleichzeitig stellten sie klare Zusammenhänge mit dem Krankheitsverlauf fest. Je mehr Auto-Antikörper im Blut, desto schwerer der Verlauf von Covid-19.

"Das legt nahe, dass diese Auto-Antikörper die Schuldigen in diesem Teufelskreis aus Blutverklumpung und Entzündungen sein könnten, der viele Covid-Patienten so krank macht", sagt Kanthi.

Wie können Mikrogerinnsel behandelt werden?

Die Intensivmedizinerin Shari Brosnahan bestätige im April bereits, dass bei manchen Patienten der Blutverdünner Heparin helfen kann. Doch es gebe auch Infizierte, bei denen das Mittel nicht wirke. "Da gibt es zu viele Mikrogerinnsel und wir wissen nicht genau, wo die sitzen", so die Ärztin.

  • Exkurs: Bei Autopsien habe man festgestellt, dass die Lungen einiger an der Lungenkrankheit Verstorbener voller winziger Blutgerinnsel gewesen seien. Dieser Fund helfe allerdings, ein anderes Phänomen der Erkrankung mit Covid-19 zu erklären: Bei vielen Patienten, die mit dem Virus erkrankt sind, hilft die künstliche Beatmung nicht, um den Sauerstoffmangel im Blut auszugleichen. Bei manchen Covid-19-Patienten verschlechtert die Beatmung sogar den Zustand. Laut Cecilia Mirant-Borde, einer Intensivmedizinerin an einem Militärkrankenhaus in Manhattan, könnten die Mikrogerinnsel in der Lunge dafür der Grund sein. Denn die Gerinnsel würden für eine Blockade der Blutzirkulation in der Lunge sorgen und damit auch die Sauerstoffversorgung verhindern. Mehr dazu: Das macht Covid-19 mit der Lunge.

Die Forscher um Kanthi ergänzen die Gabe von Heparin, die bereits in vielen Fällen erfolgreich war – aber eben nicht in allen – nun um einen Vorschlag: Das Medikament Dipyridamol wird seit Jahren zur Behandlung des Antiphospholipid-Syndroms eingesetzt. Das Arzneimittel sei sicher, billig und breit verfügbar, erklärt Kanthi. Und laut ersten Tests scheint das Mittel auch bei Covid-19 zu helfen. Eine klinische Studie mit dem Medikament wurde bereits begonnen. Die Forscher empfehlen aber zusätzlich, auch die Möglichkeit einer Blutwäsche in Betracht zu ziehen, bei der gezielt bestimmte Blutkomponenten herausgefiltert werden könnten.

Auch die Tübinger Mediziner weisen auf eine Prävention von Thrombosen hin. "Unser Ziel ist es, Covid-19-Patienten bereits auf der Normalstation auf Gerinnungsparameter und Thrombozytenmarker zu untersuchen und mit entsprechender Dosierung prophylaktisch mit gerinnungshemmenden Medikamenten zu behandeln", schließt Bakchoul.

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Thrombosen gibt es viele: Am häufigsten sind tiefe Beinvenenthrombosen. Gerinnungsstörungen können aber auch in der Lunge, am Herzen oder im Hirn sowie in den Extremitäten auftreten – oder es setzen sich dort Thromben fest, die sich anderswo gelöst haben.

Eine besondere Form der Hirnvenenthrombose ist die Sinusvenenthrombose, die derzeit Schlagzeilen als mögliche seltene Nebenwirkungen bei einer bestimmten Covid-Impfung macht. Auch bei einer Erkrankung mit dem Coronavirus können solche Komplikationen auftreten.

Auf unserer Themenseite zum Coronavirus finden Sie viele weitere Artikel rund um das Coronavirus.

Studien:

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