Aktualisiert: 09.11.2020 - 10:45

Warum das Blut verklumpt Covid-19 sorgt bei Patienten für Blutgerinnsel: Das scheint der Grund zu sein

Covid-19 und die Pandemie: Diese Dinge sind jetzt klar!

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Bei einer Erkrankung mit dem Coronavirus kommt es immer wieder zu sehr schweren Verläufen, die unter Umständen auch zum Tod führen können. Mediziner haben bei den Infizierten häufig Blutgerinnsel festgestellt. Langsam verstehen sie auch, warum das passiert.

Je länger das Coronavirus grassiert, desto mehr Erkenntnisse können die Mediziner und Wissenschaftler über das Virus und dessen Auswirkungen gewinnen. Schon länger wird etwa dieses Phänomen beobachtet: Blutgerinnsel bei Covid-19. Die Thrombosen können schwere Auswirkungen haben.

Covid-19 Patienten mit Blutgerinnseln erleiden meist schweren Verlauf

Die Ärztin Shari Brosnahan, die am Universitätskrankenhaus Langone in New York tätig ist, berichtete schon im April Dramatisches: "Ich hatte 40-Jährige auf meiner Intensivstation, die Blutgerinnsel in den Fingern hatten und es sah so aus, als würden sie sie verlieren." Bei einem ihrer Patienten sei der Verlauf derart schlimm, dass beide Beine und Hände nicht mehr mit ausreichend mit Blut versorgt werden würden und eine Amputation wahrscheinlich sei.

Schon damals die naheliegendste Erklärung für die Blutgerinnsel: das Coronavirus. In der Zwischenzeit berichteten Ärzte aus weltweit über das Phänomen der Blutgerinnsel. Die Komplikation gab Rätsel auf. Jetzt fanden US-Wissenschaftler aber einen Ansatz, der die Thrombosen erklären könnte – und schlagen eine medikamentöse Therapie vor. Die Medikamente dafür gibt es bereits.

Blutgerinnsel verursachen Schlaganfälle und Lungenembolien

Nicht nur für die Extremitäten werden Blutgerinnsel gefährlich. Treten sie in der Lunge, dem Gehirn oder im Herzen auf, können sie schwerwiegende Komplikationen wie eine Lungenembolie, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt verursachen.

In der niederländischen Fachzeitschrift "Thrombosis Research" wurde im April eine Studie veröffentlicht, die sich mit thrombotischen Komplikationen bei Covid-19-Patienten beschäftigte. Dabei stellten Wissenschaftler fest, dass es bei fast jedem Dritten von 184 untersuchten Patienten zu diesen Komplikationen gekommen war. Dieser Anteil wurde von den Verfassern als "bemerkenswert hoch" bezeichnet, auch wenn extreme Folgen, wie etwa eine Amputation, glücklicherweise selten blieben.

Doch das Risiko einer Thrombose durch das Coronavirus sei nicht zu verkennen. So empfahl das Forscherteam um den New Yorker Arzt Behnood Bikdeli in der Zeitschrift "Journal of The American College of Cardiology" auch, dass Patienten "möglicherweise prophylaktisch Blutverdünner verabreicht werden sollten". Der New Yorker Arzt Behnood Bikdeli stellte zudem fest: "Ich habe in meiner Karriere hunderte Blutgerinnsel gesehen, aber noch nie so viele anormale extreme Fälle." In der Zwischenzeit wurden Covid-19-Patienten mit schweren Verläufen etwa mit Heparin behandelt, einem Blutverdünner.

Die Ursache der Blutgerinnsel: Daher könnten die Thrombosen kommen

"In Patienten mit Covid-19 sehen wir einen erbarmungslosen, sich selbst verstärkenden Teufelskreis von Entzündungen und Verklumpungen des Bluts im gesamten Körper", erklärt Yogendra Kanthi von der University of Michigan, Co-Autor der neuen Studie, die Anfang November 2020 im Fachblatt "Science" veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler sind der Ursache der Blutverklumpungen auf den Grund gegangen.

"Die meisten Patienten haben normale Konzentrationen von Blutgerinnungsfaktoren, Fibrinogen und Blutplättchen, was darauf hindeutet, dass Covid-19 einen einzigartigen prothrombotischen Zustand verursacht", heißt es in einer Erklärung der Forscher, die dafür 172 im Krankenhaus behandelte Covid-19-Patienten untersucht haben. Das könne theoretisch eine direkte Wirkung des Coronavirus Sars-CoV-2 sein. Es könne aber auch von Entzündungen der Blutgefäße oder von Störungen in der biochemischen Regulation der Blutgerinnung sowie von der Immunreaktion des Körpers auf die Infektion herrühren. Fest steht bisher, dass Covid-19 einen Zytokinsturm auslösen kann. Diese Überreaktion des Immunsystems könnte zu Thrombosen führen.

Damals galt als mögliche Erklärung zudem, dass viele Patienten, die an dem Coronavirus erkranken und einen schweren Verlauf durchmachen, bereits unter Vorerkrankungen der Lunge oder des Herzens leiden. Bei diesen Infizierten besteht bereits ein erhöhtes Thromboserisiko. Auch das lange und starre Liegen auf der Intensivstation kann die Entstehung von Blutgerinnseln fördern.

Da es aber auch anderen Viren möglich ist, selbst Blutgerinnsel zu verursachen, könnte dies auch bei dem Coronavirus der Fall sein. Das Virus könne die innere Zellschicht von Organen und Blutgefäßen infizieren und damit für Gerinnungsstörungen sorgen, wie es in einem Artikel in der Zeitschrift "The Lancet" erläutert wird.

Verklumpungen durch Immunreaktion wahrscheinlich

In ihrer Studie in "Science" untersuchten Kanthi und Kolleg*innen das Blut der Patienten gezielt auf acht spezielle Antikörper, die für das sogenannte Antiphospholipid-Syndrom zuständig sind – eine Autoimmun-Erkrankung, die ebenfalls zu tödlichen Blutverklumpungen führen kann.

"Gut die Hälfte der Covid-19-Patienten war für mindestens einen dieser Auto-Antikörper positiv", erklärt Studien-Mitautor Jason Knight. Bei einem Viertel der Patienten fanden die Wissenschaftler*innen sogar zwei oder mehr solcher Antikörper. Gleichzeitig stellten sie klare Zusammenhänge mit dem Krankheitsverlauf fest. Je mehr Auto-Antikörper im Blut, desto schwerer der Verlauf von Covid-19.

"Das legt nahe, dass diese Auto-Antikörper die Schuldigen in diesem Teufelskreis aus Blutverklumpung und Entzündungen sein könnten, der viele Covid-Patienten so krank macht", sagt Kanthi.

Ob die Infektion mit dem Coronavirus die Produktion dieser fehlgeleiteten Antikörper direkt oder indirekt fördert, ist noch offen. Doch offenbar entgleist dadurch die Blutgerinnung.

Hinzu kommt, dass die betroffenen Erkrankten zusätzlich noch vermehrt weiße Blutkörperchen im Blut hatten, die von den Antikörpern überaktiviert worden waren. Diese weißen Blutkörperchen produzierten extrazelluläre Fasern, die ein Netz bilden. Diese Körperreaktion passiert eigentlich, um Bakterien aufzuhalten. Sie verklumpen aber auch und verstärken damit die Blutgerinnung. Bei einem Test in Mäusen mit den Antikörpern aus dem Blut der Covid-19-Patienten stellten die Forschenden fest: Auch sie erlitten ein "erstaunliches Ausmaß an Thrombosen".

Wie können Mikrogerinnsel behandelt werden?

Die Intensivmedizinerin Shari Brosnahan bestätige im April bereits, dass bei manchen Patienten der Blutverdünner Heparin helfen kann. Doch es gebe auch Infizierte, bei denen das Mittel nicht wirke. "Da gibt es zu viele Mikrogerinnsel und wir wissen nicht genau, wo die sitzen", so die Ärztin.

Bei Autopsien habe man festgestellt, dass die Lungen einiger an der Lungenkrankheit Verstorbener voller winziger Blutgerinnsel gewesen seien. Dieser Fund helfe allerdings, ein anderes Phänomen der Erkrankung mit Covid-19 zu erklären: Bei vielen Patienten, die mit dem Virus erkrankt sind, hilft die künstliche Beatmung nicht, um den Sauerstoffmangel im Blut auszugleichen. Bei manchen Covid-19-Patienten verschlechtert die Beatmung sogar den Zustand. Laut Cecilia Mirant-Borde, einer Intensivmedizinerin an einem Militärkrankenhaus in Manhattan, könnten die Mikrogerinnsel in der Lunge dafür der Grund sein. Denn die Gerinnsel würden für eine Blockade der Blutzirkulation in der Lunge sorgen und damit auch die Sauerstoffversorgung verhindern. Mehr dazu: Das macht Covid-19 mit der Lunge.

Die Forscher um Kanthi ergänzen die Gabe von Heparin, die bereits in vielen Fällen erfolgreich war – aber eben nicht in allen – nun um einen Vorschlag: Das Medikament Dipyridamol wird seit Jahren zur Behandlung des Antiphospholipid-Syndroms eingesetzt. Das Arzneimittel sei sicher, billig und breit verfügbar, erklärt Kanthi. Und laut ersten Tests scheint das Mittel auch bei Covid-19 zu helfen. Eine klinische Studie mit dem Medikament wurde bereits begonnen. Die Forscher empfehlen aber zusätzlich, auch die Möglichkeit einer Blutwäsche in Betracht zu ziehen, bei der gezielt bestimmte Blutkomponenten herausgefiltert werden könnten.

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Auf unserer Themenseite zum Coronavirus finden Sie auch diesen interessanten Artikel: Coronavirus-Patienten offenbar nach 6 Monaten noch immun.

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