Aktualisiert: 11.06.2020 - 11:10

Schwererer Verlauf, mehr Todesfälle Coronavirus: Männer mit Glatze besonders gefährdet

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Männer mit Glatze scheinen von einem schweren Covid-19-Verlauf oder gar Tod mehr betroffen zu sein als solche ohne – vor allem aber häufiger als Frauen.

Foto: iStock.com/Antonio_Diaz

Männer mit Glatze scheinen von einem schweren Covid-19-Verlauf oder gar Tod mehr betroffen zu sein als solche ohne – vor allem aber häufiger als Frauen.

Bei Männern nehmen die Erkrankungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus einen schwereren Verlauf und enden häufiger tödlich als bei Frauen. Experten finden verschiedene Erklärungen dafür: ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und hormonelle Gründe.

Inzwischen ist wohl jedem bekannt, dass vor allem ältere und vorerkrankte Menschen zur Risikogruppe gehören, die eher an Covid-19 erkranken. Schon im April zeigten Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) aber, dass eine weitere Gruppe von Menschen besonders gefährdet ist: Das Coronavirus nimmt bei Männern einen schwereren Verlauf – und zwar vor allem bei Männern mit Glatze. Was steckt dahinter?

Schwererer Verlauf bei Männern: Haarausfall scheint Rolle zu spielen

Zwar sind laut aktuellen Fallberichten Männer wie Frauen gleichermaßen von einer Infektion mit dem Coronavirus betroffen. Jedoch verschiebt sich dieses Gleichgewicht bei den Todeszahlen: Die Männer führen diese traurige Statistik mit rund 60 Prozent an.

Der "Männerschnupfen" ist vor allem Frauen ein Begriff, denn in dieser Zeit brauchen Männer besondere Fürsorge. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass Männer den Schnupfen intensiver wahrnehmen, weil sie sich im alltäglichen Leben schwerer Schwächen zugestehen. Eine Psychosomatik liegt den Covid-Zahlen allerdings nicht zugrunde. Experten finden dafür andere Erklärungen. Und die hängen unter anderem auch mit dem Haarwuchs zusammen. Denn Männer mit Glatze sind einer aktuellen Studie zufolge tatsächlich häufiger von einem schwereren Verlauf betroffen. Liegt es also tatsächlich an den Hormonen?

Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen ein zusätzliches Risiko dar

Laut der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG) ist ein möglicher Grund dafür, dass Männer schwerer am Coronavirus erkranken und auch öfter daran versterben, dass sie eher unter Begleiterkrankungen am Herz-Kreislauf-System leiden. Dadurch ergibt sich offenbar eine Risikokonstellation im Zusammenhang mit der Covid-19-Infektion.

Genetische Benachteiligung von Männern

Darüber hinaus spielt laut DGMG-Präsident Prof. Dr. Frank Sommer allem Anschein nach auch der genetische Unterschied von Männern und Frauen eine Rolle. Frauen haben zwei XX-Chromosomen und Männer je ein X- und ein Y-Chromosom. Schaut man sich dieses Y mal genauer an, dann sieht es so aus, als ob dem X ein "Beinchen" ausgerissen wurde. Auf diesem Strang sind jedoch viele Prozesse kodiert, die antioxidativ, das heißt den Organismus vor oxidativem Stress schützend, oder entzündungshemmend (antiinflammatorisch) sind. Diesbezüglich ist der Mann gegenüber der Frau also genetisch benachteiligt.

Unterschied: Hormonsystem

Auch der hormonelle Einfluss dürfte zum Tragen kommen. Laut den Experten hat das weibliche Sexualhormon Östrogen einen positiven, schützenden Effekt auf das weibliche Immunsystem, von dem die Männer nicht profitieren. Möglicherweise werden Männer auch aus diesem Grund insgesamt häufiger krank. "Östrogen unterstützt die Vermehrung der spezifischen Immunzellen. Daher reagiert das weibliche Immunsystem schneller und aggressiver auf Krankheitserreger", sagt PD Dr. Magnus Baumhäkel, DGMG-Vorstandsmitglied.

Dafür hat der Testosteronspiegel eines Mannes Auswirkungen auf die Immunreaktion. Liegt ein Testosteronmangel vor, wird das Immunsystem unterdrückt, die antibakterielle Aktivität sinkt und Männer werden anfälliger, vor allem für Infektionserkrankungen im Bereich der Atemwege und des Magen-Darm-Traktes. Die Erklärung: Testosteron kann entzündlichen Prozessen entgegenwirken. Deshalb treffen Erkrankungen wie Rheumatoide Arthritis, Schuppenflechte oder Asthma mehrheitlich das weibliche Geschlecht.

Eine DGMG-Studie kam zu dem Ergebnis: Männer mit einem niedrigen Testosteron-Level waren nicht nur stärker betroffen, auch ihre Sterblichkeitsrate war deutlich erhöht.

Haarausfall: Ein mögliches Zeichen für schwere Verläufe?

Die eingangs genannte neue Studie zum Thema Haarausfall und Covid-19 könnte diese Erkenntnisse untermauern. Dermatologen rund um Carlos Gustavo Wambier haben ihre Erkenntnisse im Fachjournal "Journal of the American Academy of Dermatology" veröffentlicht. "Wir gehen davon aus, dass Haarausfall ein Indikator für einen schweren Krankheitsverlauf ist", leitet Forschungsmitglied Carlos Wambier von der Brown University im US-Bundesstaat Rhode Island gegenüber "Telegraph.co.uk" ein. Ihm zufolge sei der Zusammenhang zwischen Kahlköpfigkeit und schweren Covid-19-Verläufen so groß, dass er empfiehlt, natürlich zustandegekommene Glatzen als Risikofaktor anzuerkennen.

Die Forscher schlagen dafür den offiziellen Namen "Gabrin sign" vor – benannt nach Frang Gabrin. Er war der erste glatzköpfige Arzt, der in den USA an den Folgen seiner Covid-19-Erkrankung verstorben ist.

In ihrer Studie weisen die Forscher auf Folgendes hin: Die Hinweise scheinen sich zu mehren, dass männliche Sexualhormone, die Androgene – darunter auch das Testosteron – bei der Fähigkeit des Coronavirus, Zellen anzugreifen, eine Rolle spielen. Ebenso, wie sie dies in Sachen Haarausfall tun. "Wir glauben, dass Androgene oder männliche Hormone definitiv das Einfallstor für das Virus sind, um in unsere Zellen einzudringen", so Wambier zum "Telegraph".

Untersuchungen aus Spanien zeigten, dass bis zu 79 Prozent aller hospitalisierten Covid-19-Patienten eine Glatze oder zumindest Halbglatze hatten. Einen weiteren Hinweis liefert eine Untersuchung aus Italien, bei der herauskam, dass Männer mit Prostatakrebs, die zur Behandlung Androgen-unterdrückende Medikamente erhalten hatten, ein viermal kleineres Infektionsrisiko gegen Sars-CoV-2 aufwiesen als der Durchschnitt.

Dennoch sind weitere Studien notwendig, die diese Theorien weiter untermauern. Sollten sich die Ergebnisse bewahrheiten, könnte man zukünftig aber schneller reagieren oder damit arbeiten, Androgene zu unterdrücken, um das Virus im Körper weniger gefährlich zu machen.

Schwere Verläufe von Covid-19

Bei schweren Verläufen von Covid-19, der vom Coronavirus ausgelösten Krankheit, kommt es nicht nur zu Atemnot und schwerwiegenden Lungenproblemen. Ärzte erkennen immer mehr, was da vor sich geht. Und das ist mehr als ungewöhnlich. Auch der Verlust des Geruchssinns kann ein Hinweis darauf sein, dass man sich infiziert hat. Eine Studie aus China zeigt, dass das neue Coronavirus Sars-CoV-2 außer den bisher bekannten Symptomen auch das Nervensystem schädigen könnte.

Doch nicht nur Lunge bzw. Atemwege und offenbar auch das Nervensystem leiden unter dem Einfluss des Coronavirus. Forschungen zeigen, dass das Coronavirus auch das Herz befallen kann. Inwiefern das alles zusammenhängt, muss noch weiter erforscht werden.

Tipps für Männergesundheit

Die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit empfiehlt Männern, bewusst etwas für ihr Immunsystem und ihren Testosteronspiegel zu tun. Dazu gehören:

  • gezielte körperliche Aktivität
  • eine spezielle Ernährung
  • mentales Training (möglicherweise kann auch Selbsthypnose in der Corona-Krise für mehr Ausgeglichenheit sorgen)

Fit und gesund durch die Corona-Krise? Wir haben noch mehr Tipps, die sich ganz leicht im Alltag umsetzen lassen:

Fit & gesund durch die Coronakrise
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*Fachliche Beratung: Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG)

Studie: Wambier et.al (Journal of the American Academy of Dermatology): "Androgenetic Alopecia Present in the Majority of Hospitalized COVID-19 Patients – the 'Gabrin sign'"

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