Aktualisiert: 25.06.2021 - 15:41

Chancen und Risiken Aminosäuren als Nahrungsergänzungsmittel: Ist das sinnvoll?

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Heutzutage kann dem Körper über Nahrungsergänzungsmittel so ziemlich alles zugeführt werden. Bei Aminosäure-Präparaten ist jedoch Vorsicht geboten, denn ein Zuviel kann großen Schaden anrichten.

Foto: iStock/diego_cervo

Heutzutage kann dem Körper über Nahrungsergänzungsmittel so ziemlich alles zugeführt werden. Bei Aminosäure-Präparaten ist jedoch Vorsicht geboten, denn ein Zuviel kann großen Schaden anrichten.

Aminosäuren als Nahrungsergänzungsmittel zuzuführen, birgt Chancen für mehr Körpergesundheit, bringt aber auch Risiken mit sich. BILD der FRAU sprach mit der Medizinerin und Buchautorin Dr. med. Ingrid Spona.

Viele Jahre fristeten Aminosäuren ihr Dasein im Schatten von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, die bereits seit langem im öffentlichen Bewusstsein sind. Vitamine C, D und B12, Spurenelemente wie Zink und Mineralien wie Magnesium werden ganz selbstverständlich eingenommen. Inzwischen haben auch Aminosäuren wie Lysin, Tryptophan, und Tyrosin einen festen Platz in den Regalen von Apotheken. Immer mehr Menschen nehmen Aminosäuren als Nahrungsergänzungsmittel für ein gesünderes Leben ein.

Proteine sind die Bausteine des Lebens. Die sogenannte Proteinbiosynthese ist die Neubildung von Proteinen in Zellen und damit ein für alle Lebewesen zentraler Prozess. Da Proteine aus Aminosäuren aufgebaut werden, ist also die ausreichende Versorgung mit Aminosäuren genauso elementar.

Aminosäuren als Nahrungsergänzungsmittel: Was sind Aminosäuren?

Mit dem Gebrauch des Begriffes Aminosäure ist häufig nur die wichtigste Gruppe gemeint, die proteinogenen Aminosäuren, also die Bausteine von natürlich vorkommenden Peptiden und Proteinen. Beim Menschen sind das – unter Einbeziehung des Selenocysteins – 21 Aminosäuren.

Neun davon sind die sogenannten essentiellen Aminosäuren, die nicht selbst vom Körper synthetisiert werden können und über die Nahrung zugeführt werden müssen. Dazu zählen: Histidin, Isoleucin, Leucin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan und Valin. Die nicht essentiellen Aminosäuren kann der Körper selbst herstellen: Alanin, Arginin, Asparagin, Asparaginsäure, Cystein, Glycin, Glutamin, Glutaminsäure, Serin, Tyrosin, Prolin.

Tyrosin und Cystein können im Körper aus Phenylalanin bzw. Methionin gebildet werden. Reicht die davon aufgenommene Menge nicht für die Synthese aus, können auch sie essenziell werden. Selenocystein kann aus der nicht-essenziellen Aminosäure Serin gebildet werden und wird daher nicht immer zu den proteinogenen Aminosäuren gezählt.

Die proteinogenen Aminosäuren bilden verschiedene Strukturen. Die Wissenschaft ist sich noch nicht einig, aber man muss wohl von mindestens 100.000 ausgehen. Im Körper übernehmen sie verschiedenste Aufgaben: Sie bilden Strukturproteine, stimmulieren Wachstumshormone, verhindern Muskelabbau, können Glukose zur Energiegewinnung mobilisieren, helfen bei der Stressbewältigung und der Entgiftung von Metallen, stärken das Immunsystem, sind ein wichtiger Bestandteil von Enzymen und Nervenzellen, fungieren als Botenstoffe im Gehirn, helfen bei der Fettverdauung – und das sind nur einige Beispiele.

Statt Nahrungsergänzungsmittel: Aminosäuren mit der Nahrung zu sich nehmen

Die Verbraucherzentrale informiert auf ihrer Seite darüber, dass eine "Aufnahme dieser Aminosäuren sowohl bei Mischköstlern als auch bei Vegetariern über herkömmliche Lebensmittel ausreichend ist. Auch Freizeit-Sportler haben lediglich einen leicht erhöhten Bedarf. Dieser wird durch die Ernährung problemlos gedeckt." Weiter heißt es, dass Rindfleisch, Geflügel, Eier, Fisch, Milchprodukte, Getreide, Bohnen und andere Hülsenfrüchte sehr gute Quellen für Aminosäuren sind.

Wer sich also abwechslungsreich ernährt, nimmt ausreichend Eiweiß und damit alle wichtigen Aminosäuren auf. Doch warum werden Aminosäuren dann überhaupt als Nahrungsergänzungmittel angeboten?

Mangel an Aminosäuren: Entstehung, Symptome, Risikogruppen

Dr. med. Ingrid Spona beschäftigt sich seit 25 Jahren mit dem Thema und hat gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann das Buch "Vitalquelle Aminosäuren: Antistress – Abnehmen – Sport" verfasst.

"Es ist sicher heutzutage nicht der Fall, dass bei uns extreme Mangelzustände herrschen und wir unbedingt Supplementierung zum Überleben brauchen", sagt Dr. Ingrid Spona. "Mangelzustände gibt es aber dennoch, wie auch die so genannte 'Nationale Verkehrsstudie' beweist. Unser Organismus kann auch sehr viel kompensieren, aber es ist aus meiner Sicht bestimmt sinnvoll, ihn mit Verstand und Augenmaß zu unterstützen."

Unter gewissen Lebensumständen kann es zu einem Mangel an Aminosäuren kommen. Das Aminosäuren-Depot kann zum Beispiel aufgebraucht sein, wenn der Körper dauerhaft Stress ausgesetzt ist und permanent an seine Grenzen geht. Wer häufig hoch verarbeitete Lebensmittel zu sich nimmt, darf ebenfalls nicht hoffen, sich ausreichend zu versorgen.

Je nachdem, welche Aminosäure fehlt, können Symptome auftreten wie:

  • Erschöpfung
  • Konzentrationsstörung
  • Regenerationsprobleme
  • Muskelabbau
  • Zellreparaturstörung
  • Anfälligkeit für Infekte und chronische Erkrankungen
  • vorzeitiges Altern, Haarausfall und frühzeitiges Ergrauen
  • Zahnfleischprobleme und Parodontose
  • verminderte Stoffwechselaktivität
  • Verminderung der Verdauungsenzyme und dadurch Blähungen, Durchfall oder Verstopfung

Da Aminosäuren an so vielen Prozessen im Körper beteiligt sind, ist schwer zu sagen, wie viele Krankheiten mit einem Mangel in Zusammenhang gebracht werden können.

Zu den Risikopersonen, die ihren Bedarf im Auge behalten sollten, zählen zum Beispiel Raucher, Schwangere und Reduktionsdiätler sowie Menschen mit Magen-Darm-Erkrankungen, die einen erhöhten Bedarf an Aminosäuren haben.

"Eine aus meiner Sicht viel zu wenig beachtete Risikogruppe sind ältere Menschen. Bei diesen ist eine Unterversorgung mit Aminosäuren sehr häufig zu beobachten", sagt Dr. Spona. Als Folge kann Sarkopenie, also der Abbau der Muskulatur, auftreten, wodurch sich die Sturzgefahr und die Häufigkeit von Oberschenkelhalsbrüchen erhöht. "Man stürzt durch schwache Muskeln, nicht durch schwache Knochen, wobei Aminosäuren auch für den Aufbau der Knochen unerlässlich sind. Diese Unterversorgung ist einerseits ernährungsbedingt, kann aber auch durch einen bei älteren Menschen sehr häufigen Mangel an Magensäure entstehen. In diesem Fall kann Eiweiß aus der Nahrung nicht genügend aufgeschlossen werden."

Risiken bei der Einnahme von Aminosäuren als Nahrungsergänzungsmittel

In ihrem Buch betonen Ingrid und Jürgen Spona immer wieder, dass ein Zuviel an Aminosäuren genauso schädlich sein kann wie ein Zuwenig. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten BCAAs, die "branched chain amino acids" (verzweigtkettige Aminosäuren). Darunter fallen drei der essentiellen Aminosäuren – Leucin, Isoleucin und Valin –, die eine große Bedeutung für die Muskulatur und deren Aufbau haben.

Dr. Ingrid Spona: "Ambitionierte Sportler nehmen oft sehr hohe Dosen von BCAAs ein. Eine andere unerlässliche Aminosäure ist Tryptophan, eine Vorstufe für den Glücks-Botenstoff Serotonin. Da die BCAAs mit Tryptophan um den Transport in das Gehirn konkurrieren, können hohe Dosierungen zu schlechter Stimmung bis hin zu Depressionen führen. Zu hohe Tryptophan-Einnahme zusammen mit Antidepressiva können wiederum das sogenannte Serotonin-Syndrom auslösen, das zu Angst- und Unruhezuständen führt."

Obwohl Aminosäuren-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel frei verkäuflich sind, ist von der mutigen Eigendosierung also abzuraten – eben auch, um eine Überdosierung zu vermeiden.

Aminosäuren als Nahrungsergänzungsmittel unter Aufsicht von Experten

Der Bedarf an Aminosäuren ist von so vielen verschiedenen Faktoren abhängig, dass nur eine Blutuntersuchung verlässlich zeigen kann, ob ein Mangel vorliegt. "Bei einer Routine-Blutuntersuchung ist die Analyse der Aminosäuren nicht dabei", erklärt Dr. Ingrid Spona. "Mittlerweile kann man das aber bei einigen großen Laboren machen. Dorthin kann man Blutproben auch einsenden." Seit einigen Jahren ist es auch möglich, diese Untersuchung durch das Aufbringen von ein paar Blutstropfen auf ein spezielles Filterpapier durchzuführen. Das lässt man dann trocknen und kann es ganz einfach in ein Kuvert stecken und mit der Post einschicken.

Der Test wird oft Aminogramm oder Amino-Screen genannt und ist als Selbsttest für zu Hause ab ca. 50 Euro erhältlich. Es gibt aber auch Praxen, die den Test durchführen und inklusive Befund-Auswertung und Supplementierungs-Empfehlung ab ca. 200 Euro in Rechnung stellen. Die Kosten werden leider nicht von den Krankenkassen übernommen..

"Unserer Erfahrung nach, und das hat uns anfangs durchaus überrascht, ändert sich bei gleichbleibenden äußeren Umständen das Verhältnis der Aminosäuren untereinander meistens nicht gravierend", sagt die Medizinerin. "Wir haben da sehr viele Versuchsreihen gemacht, gerade mit Spitzen-Sportlern. Wenn sich die Umstände dramatisch ändern, also zum Beispiel ein Veganer zum Steak-Esser wird oder eine 'Couch-Potatoe' zum begeisterten Sportler oder sich der Stress-Level massiv erhöht, dann ist eine neue Untersuchung zur Anpassung der persönlichen Dosierung sicher angezeigt."

Ansonsten genügt laut der Expertin eine Untersuchung jährlich, die in nüchternem Zustand erfolgt, um einen Mangel aufzudecken und ihn im Anschluss mit einem Nahrungsergänzungsmittel auszugleichen.

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