Aktualisiert: 19.11.2020 - 11:17

Vorsicht vor zu viel Vitamin D Vitamine gegen Corona? Was wirklich hilft – und was nicht

So erkennen Sie einen Vitaminmangel

So erkennen Sie einen Vitaminmangel

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Immer wieder kursieren Meldungen, dass Vitamin D gegen das Coronavirus schützen soll. Klar ist: Eine gute Nährstoffversorgung schützt in der Tat mehr gegen Krankheiten als viele wissen. Warum oft trotzdem zu viel versprochen wird und warum das sogar gefährlich werden kann:

Vitamine stärken das Immunsystem. Das stimmt – aber es kommt auch immer darauf an, wie diese Vitamine eingenommen werden. Am besten kann der Körper damit umgehen, wenn sie über die Nahrung oder, im Falle von Vitamin D, über Sonneneinstrahlung ankommen. Aufgrund von Quarantäne und Lockdown gepaart mit Herbst und Winter ist das aber gar nicht so einfach. Also zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen? Leider bringen die nicht immer etwas – und können sogar gefährlich werden. Vitamine gegen das Coronavirus können helfen, indem sie das Immunsystem stärken. Sie sind aber keine Wundermittel – schon gar nicht, wenn sie unkontrolliert über Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden.

Vitamine zum Schutz vor Covid-19: Studien über Vitamin D und Corona mit Vorsicht genießen

Bei Überdosierung – und die ist bei Vitaminpräparaten schnell geschehen – kann das sogar gefährlich werden, vor allem im Fall von Vitamin D. Und vor allem auch vor dem Hintergrund, dass derzeit Meldungen kursieren, dass ein Vitamin-D-Mangel den Körper anfälliger für eine Infektion mit Sars-CoV-2 mache.

Hintergrund sind diverse Studien wie die von Marta Castillo, einer Pneumologin aus Spanien, die wahnsinnig vielversprechend klingen. So hat die Wissenschaftlerin 50 Covid-19-Patienten untersucht, die Vitamin D bekommen haben. Nur einer davon ist auf der Intensivstation gelandet. In einer Vergleichsgruppe ohne Vitamin-D-Zuführung lag später die Hälfte auf der Intensivstation.

Doch die Studie ist unsauber erarbeitet – das fällt auf den ersten Blick nicht auf. So sind beide Gruppen ungleichmäßig zusammengesetzt. Etwa litten nur 6 Prozent aus der Vitamin-D-Gruppe an Diabetes Typ 2, aber 19 Prozent aus der Placebogruppe waren Diabetiker. Und in der Placebogruppe litt die Hälfte unter Bluthochdruck, in der Vitamin-D-Gruppe war es nur ein Viertel. "Das heißt, in der Gruppe ohne Vitamin D waren die krankeren Menschen", erklärt Martin Smollich, Pharmakologe und Professor am Institut für Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck gegenüber dw.com.

Menschen mit den genannten Vorerkrankungen erleiden aber häufiger schwere Verläufe von Covid-19, erklärt Smollich: "Kein Wunder also, dass die Patienten in der Gruppe ohne Vitamin D häufiger auf der Intensivstation landeten." Den Einfluss von Vitamin D auf den Verlauf der Corona-Erkrankung kann eine solche Studie also nicht gut beschreiben.

Warum gerade Vitamin-D-Ergänzung gefährlich werden kann

Gefährlich werden Meldungen über Vitamin D als Wundermittel gegen Corona dann, wenn Menschen aus Angst zu jedem einfach verfügbaren Mittel greifen. Und was ist einfacher, als mal eben eine hochdosierte Pille aus der Drogerie einzuwerfen? Gerade in Zeiten mangelnder Sonneneinstrahlung und im Unwissen über die Kniffe richtiger Ernährung ist der Griff zur Nahrungsergänzung unglaublich einfach.

Aber Vorsicht: Gerade in Zeiten von Corona kann das insofern gefährlich werden, als dass Vitamin D ein fettlösliches Molekül ist, das in Zellen eindringen und dort die Gen-Funktion verändern kann, erklärt etwa die Immunbiologin Prof. Ingrid Förster aus Bonn gegenüber dem Kölner Express. Das sei aber ein zweischneidiges Schwert: "Es kann die Immunantwort sowohl fördern als auch unterdrücken."

Zu viel Vitamin D kann zu Nierenschäden führen

Dafür müssen wir verstehen, wie der Körper mit Vitamin D umgeht. Nur 20 Prozent des Vitamins nehmen wir über die Nahrung auf, der Rest stammt aus UV-Strahlung, die auf den Körper wirkt. Der Körper kann so selbst genau die Menge an Vitamin D produzieren, die er braucht. Dazu genügt es übrigens, Gesicht, Hände und Arme zwei bis dreimal in der Woche rund 10-15 Minuten lang dem Tageslicht, im besten Fall der Sonne auszusetzen.

Der Körper speichert das Vitamin aber auch in Fett und Muskeln, so dass die Dosis im Winter durch Vorräte ausgeglichen werden kann. Eine Überdosierung über Sonnenlicht ist nicht möglich, da der Körper nur so viel Vitamin D herstellt, wie er benötigt. (Dennoch ist Sonnenschutz bei längerer Sonneneinstrahlung natürlich wichtig, um die Haut selbst vor Verbrennungen zu schützen!)

Über Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D können dem Körper aber zu viele Einheiten des Sonnenvitamins zugeführt werden. Das kann sogar zu Nierenschäden führen. Ähnlich verhält es sich übrigens mit dem ebenfalls fettlöslichen Vitamin A, das bei Überdosierung Haut- und Leberschäden herbeiführen kann.

Ähnliche "Fake News" zu Vitamin C

Die falschen Meldungen hören aber nicht auf. So kursieren auch Ratschläge, dass Vitamin C bei der Heilung von Covid-19 helfen könne, das würden Erfahrungen aus China zeigen. Doch wie genau Vitamin C auf das Immunsystem wirkt, auch das ist bis heute nicht vollständig geklärt. Was auf jeden Fall nicht hilft: Heiße Zitrone etwa, denn durch das heiße Wasser geht das Vitamin kaputt und wird unwirksam.

Immerhin weiß man heute, so heißt es seitens der Universität Bonn, die einen Schwerpunkt auf Immunologie und Ernährung hat, "dass Vitamin C die Freisetzung reaktiver Sauerstoffmoleküle hemmt. Aber: Das ist bei Infektionen eher erwünscht, weil es ein antibakterieller Mechanismus ist."

Allerdings ist Vitamin C im Gegensatz zu den Vitaminen A und D wasserlöslich und kann vom Körper ausgeschieden werden, wenn ein Zuviel davon vorhanden ist. Aufpassen solle man höchstens mit der Säurewirkung. Lutschtabletten könnten den Zahnschmelz schädigen.

Vitamine über die Nahrung sind und bleiben am wirkungsvollsten

Dass Vitamine die Abwehrkräfte stärken, ist dennoch klar. Unser Körper kann sie aber immer noch am besten über die Nahrung oder im Fall von Vitamin D über die Sonneneinstrahlung aufnehmen. Übrigens: Greifen Sie ruhig mehr auf Gemüse als auf Obst zurück. Das besitzt im Gegensatz zu Obst weniger Zucker, dafür aber mehr sekundäre Pflanzen- und Ballaststoffe.

Übrigens nicht nur das – Smollich betont: Gerade die Risikokrankheiten, die den Verlauf von Covid-19 negativ beeinflussen können, sind fast alle ernährungsbedingte Krankheiten: Diabetes Typ 2, Adipositas, Bluthochdruck. Allesamt haben gemein: Menschen, die darunter leiden, ernähren sich in aller Regel falsch und leiden dabei oft unter einem Nährstoffmangel. Sie nehmen zwar viele Nahrungsmittel auf, die aber meist einfach eine hohe Energiedichte aufweisen, denen es aber an wichtigen Mikronährstoffen, also Vitaminen und Spurenelementen, mangelt.

Mikronährstoffmangel schwächt das Immunsystem

Ein Mangel an wichtigen Nährstoffen aber schwächt unser Immunsystem, genauer sogar die verschiedenen Verteidigungsmechanismen dessen. So haben es Pathogene, also schädliche Stoffe wie Viren oder Bakterien, ungleich leichter, im Körper Schaden anzurichten – eben weil das Immunsystem ohne die wichtigen Mikronährstoffe zu schwach ist, um sie richtig zu bekämpfen.

"In Deutschland wird der Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheit häufig komplett ignoriert. Und das finde ich schon sehr dramatisch, weil es etwas ist, was man hätte modifizieren können", erklärt Smollich gegenüber dw.com weiter. "Die Corona-Pandemie traf stattdessen auf eine Gesellschaft, in der ernährungsbedingte Krankheiten fast der Normalzustand sind."

Im Falle von Vitamin D gilt: Sonne hilft am besten. Wer nicht in Quarantäne ist, darf die Wohnung bzw. das Haus verlassen. Auch der eigene Balkon oder Garten sind gestattet. Daher sollten wir uns auch in den aktuellen Pandemie-Zeiten immer mal etwas Sonne gönnen. Wer das nicht kann, sollte eine Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln immer ärztlich absprechen. Insbesondere in höherem Alter kann eine Supplementierung dann durchaus sinnvoll werden – übrigens auch im Falle von Vitamin D, denn der Körper kann es mit der Zeit nicht mehr so gut selbst aus der Sonneneinstrahlung herstellen.

Aber: Bitte greifen Sie nicht einfach zu Präparaten aus der Drogerie. Öko-Test hat herausgefunden: Vitamin D-Tabletten sind oft überdosiert. Ein Arzt sollte erst einmal feststellen, ob tatsächlich ein Mangel vorliegt. Ist das der Fall, kann gezielt supplementiert werden. Und zwar mit Mitteln, deren Zusammensetzung so ist, dass sie gut vom Körper aufgenommen werden. Denn auch da gibt es gewisse Hürden.

Vitaminmangel? Diese Symptome verraten, was Ihnen fehlt.

Wirklich helfen vor schweren Verläufen mit Covid-19 kann übrigens ein Rauchstopp! Außerdem immer hilfreich für das Immunsystem, auch außerhalb der Coronavirus-Zeiten: Gesunder Schlaf, ausreichend Bewegung und wenig Stress! Bleiben Sie gesund!

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