10.02.2020 - 14:57

Smart Hospital Ein Tag in der Notaufnahme: Eine Notärztin berichtet

Digitalisierung im Krankenhaus? Wie die Notaufnahme im Smart Hospital funktioniert, wo die Vorteile liegen und wo noch Handlungsbedarf besteht, erklärt unsere Expertin.

Foto: iStock/Hispanolistic

Digitalisierung im Krankenhaus? Wie die Notaufnahme im Smart Hospital funktioniert, wo die Vorteile liegen und wo noch Handlungsbedarf besteht, erklärt unsere Expertin.

In Essen steht ein "Smart Hospital" – und eine Notärztin erzählt, wie die Arbeit dort so abläuft, was besser klappt und welche Hürden es noch zu überwinden gilt.

Am 11. Februar ist Tag des Notrufs in Deutschland. Grund, einmal innezuhalten und wertzuschätzen, welch harte Arbeit die Mitarbeiter einer Notaufnahme, Krankenwagenfahrer und Co – von Fahrern über Pfleger bis zu den Ärztinnen und Ärzten, eigentlich leisten. In der Notaufnahme im Smart Hospital wird mittlerweile daran gearbeitet, immer gleiche Arbeitsabläufe zu automatisieren und den Patienten die schnellste und bestmögliche Versorgung zu liefern. Wir haben mit Dr. Carola Holzner, Fachärztin für Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin sowie leitende Oberärztin der zentralen Notaufnahme Nord am Universitätsklinikum Essen, gesprochen.

So funktioniert die Notaufnahme im Smart Hospital

Wie läuft ein typischer Notfall im Smart Hospital ab?

Dr. Carola Holzner: Jeder Patient wird an einen Überwachungsmonitor angeschlossen, der seine Vitalwerte, also die Herz-, Atemfrequenz, den Blutdruck und die Körpertemperatur sowie die Sauerstoffsättigung im Blut erfasst. Die Digitalisierung macht es möglich, dass diese Daten dann durchweg und von jedem Rechner aus angezeigt werden können. Für jeden Patienten ist im System eine eigene ID, also eine individuelle Identifikationsnummer, hinterlegt. Über diese Nummer kann ich mir als Ärztin jederzeit von überall einen Überblick über die Vitalwerte des Patienten verschaffen. Aber wir machen keine Bildschirm-Medizin, deshalb ist die klinische Untersuchung ebenso wichtig. Wie es danach weitergeht, also welche Untersuchungen und Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden, hängt von der Erkrankung und natürlich dem Gesamtzustand des Patienten ab.

Welche Schritte sind anders im Vergleich zu einem herkömmlichen Notfalleinsatz?

Dr. Holzner: Vor rund fünf Jahren hat sich die Universitätsmedizin Essen auf den Weg zum Smart Hospital gemacht. Im Zuge dessen wurde auch die Notfallmedizin digitalisiert. Ein entscheidender Unterschied der digitalen Notfallaufnahme ist, dass alle relevanten Mitarbeiter in der Notfallaufnahme überall Zugriff auf die Vitalwerte unserer Patienten haben. Der Patient ist dadurch quasi immer für uns "sichtbar". Bislang werden die Notaufnahme-Geräte "getrackt", sind also räumlich nachvollziehbar. Wir arbeiten aber bereits daran, dass uns das System demnächst auch anzeigen kann, wo sich der Patient selbst gerade befindet.

Eine weitere Besonderheit ist, dass bereits Daten vom Rettungswagen aus in die Notaufnahme übertragen werden können. Das heißt konkret, dass der Notarzt oder Rettungsdienst noch an der Einsatzstelle alle relevanten Angaben zum Patienten über das System in die Aufnahme übertragen kann. So liegen bei der Ankunft im Klinikum bereits alle relevanten Informationen zum Patienten digital vor. Ziel ist die lückenlose Patientendokumentation – vom Eintreffen in der Notaufnahme bis zum Verlassen des Klinikums.

Auf Papier wird verzichtet, die elektronische Patientenakte zeigt Befunde des Patienten

Gibt es eine Zeitersparnis im Vergleich zu "normal ablaufenden" Notfallbehandlungen und kann man hier Zahlen nennen?

Dr. Holzner: Es zeigt sich ganz klar im Alltag, dass wertvolle Zeit gespart wird. Wir nutzen zum Beispiel keine Papierdokumente mehr, die dann erst noch digital erfasst werden müssen. Hinzukommt, dass wir dank der elektronischen Patientenakte mit nur einem Klick Zugriff auf alle Befunde des Patienten haben. So bleibt am Ende mehr Zeit für die eigentlich Betreuung der Patienten.

Die Vorteile eines Notfallausweises

Bei solchen Fällen wie dem oben skizzierten muss der Patient ja bereits in der Klinik bekannt sein und sollte im besten Fall über einen Ausweis verfügen, der alle relevanten Informationen beinhaltet. Welche Patienten haben Anspruch darauf?

Dr. Holzner: Ein allgemein gültiger Notfallausweis existiert nicht. Ich würde es begrüßen, wenn es einen verpflichtenden Ausweis für alle Patienten gäbe. Aktuell tragen meistens nur Menschen mit einer Vorerkrankung und bestimmten Medikation einen Papier-Ausweis mit sich. Das sind zum Beispiel Menschen mit Diabetes, einem Herzschrittmacher oder solche, die ein blutverdünnendes Medikament einnehmen.

Wie hoch ist der Aufwand für den Patienten im Vorfeld? Könnte zukünftig jeder auch prophylaktisch mit einem solchen Notfall-Ausweis ausgestattet werden, etwa in Form der Versichertenkarte?

Dr. Holzner: Notfallausweise stehen zum Beispiel als Download zur Verfügung, sind bei Selbsthilfeorganisationen, Krankenkassen oder beim Arzt erhältlich. Das Ausfüllen übernehmen die behandelnden Praxen oder helfen dabei. Mit dem digitalen Notfall-Ausweis, den jeder in Form der Versichertenkarte mit sich trägt, rennen Sie bei mir natürlich offene Türen ein. Hier ist der Gesetzgeber gefragt.

Die Digitalisierung hilft, Prozesse neu zu denken und zu optimieren

Können Sie kurz umreißen, welche Prozesse im Smart Hospital digitalisiert und automatisiert werden können und wie dies umgesetzt wird? Wird spezielle Technik benötigt?

Dr. Holzner: Besonders wichtig ist die elektronische Patientenakte, die alle Befunde und relevanten Informationen zum Patienten bereithält. Die digitale Notfallaufnahme ist einer von vielen Bereichen, in den die Digitalisierung Einzug erhalten hat – angefangen vom Da-Vinci-Roboterassistenzsystem für Operationen, über den Einsatz von künstlicher Intelligenz, die dabei hilft, Krankheitsbilder schneller und genauer zu diagnostizieren, bis hin zum digitalen Service- und Informationscenter, das für eine bessere Erreichbarkeit sorgt. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Letzteres zeigt, dass es beim Smart Hospital in Essen darum geht, alle Prozesse mithilfe der Digitalisierung zu optimieren. Klar bedarf es dazu auch einer entsprechenden IT-Infrastruktur. Aber das allein ist nicht entscheidend, sondern es muss auch die Bereitschaft gegeben sein, Prozesse neu zu denken und umzustellen.

Welche Anforderungen muss ein Krankenhaus mitbringen? Kann auch die Klinik in der Kleinstadt mitziehen oder ist das Konzept bisher nur für große Kliniken geeignet?

Dr. Holzner: Ein Smart Hospital kann theoretisch ja jede Klinik werden. Aber natürlich braucht es dafür eine entsprechende Infrastruktur und auch finanzielle Mittel.

Wie sieht es mit der Sicherheit aus? Könnten Unbefugte sich nicht leicht Zugriff verschaffen?

Dr. Holzner: Die Frage ist natürlich berechtigt. In Essen werden alle Daten bestmöglich gesichert. Bei uns sind Hochsicherheitsserver im Einsatz. Es wird wirklich alles dafür getan, die Daten so sicher wie nur möglich zu machen.

Arbeit als Notärztin – trotz Familie möglich?

Die Arbeit als Notärztin kann ja sehr zeitintensiv sein. Wie bringen Sie Familie – gerade mit zwei Kindern – und Arbeit unter einen Hut?

Dr. Holzner: Ich liebe meinen Beruf. Wenn man etwas mit Leidenschaft macht, dann empfindet man es nicht als Stress. Und außerdem ist Organisation alles. Ich arbeite 42 Stunden pro Woche als leitende Oberärztin in der zentralen Notaufnahme Nord in Essen und besetze im Zuge dessen auch Notarztdienste. Aber die meiste Zeit bin ich in der zentralen Notaufnahme Nord tätig. Daneben bin ich leitende Notärztin in meiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr, stehe hier zum Beispiel am Wochenende auf Abruf.

Zum Glück habe ich einen sehr verständnisvollen und flexiblen Ehemann und ein sehr gut funktionierendes Netzwerk aus Familie und guten Freunden, die mich unterstützen. Hinzu kommt, dass meine beiden Kinder für ihr Alter – meine Tochter ist acht, mein Sohn sechs Jahre – sehr selbstständig sind und bereits viele Hobbies haben. Das macht die Sache natürlich leichter.

Inwiefern hilft ein Smart-Hospital-Ansatz Ihnen für Ihren Arbeitstag weiter?

Dr. Holzner: Wie bereits gesagt – Abläufe werden dadurch einfacher und schneller, was die Arbeit in der Notfallmedizin erleichtert und mehr Zeit für den Patientenkontakt ermöglicht. Von Homeoffice, dem zentralen Vorteil der Digitalisierung für viele arbeitende Mütter, kann ich als Ärztin natürlich nicht wirklich profitieren, denn die Medizin ist keine Computer-Arbeit, sondern man muss den Patienten vor sich haben. Aber unabhängig vom Smart Hospital, ist es für mich durch die Digitalisierung einfacher geworden, Arbeit und Privates aufeinander abzustimmen.

______________

"Ärzte sind keine Halbgötter in weiß"

Dr. Carola Holzner ist neben ihrer Arbeit als Notärztin noch auf Instagram tätig und betreibt eine eigene Website. Auf beiden Kanälen informiert sie über ihre Arbeit und die ihrer Kolleginnen und Kollegen. Was sie sich mit dieser Aufklärungsarbeit erhofft und ob diese bereits Früchte zeigt, hat sie uns ebenfalls verraten: "Initialzündung für meine Social Media-Aktivitäten war eine Video-Reportage über die Notfallmedizin in Essen", erklärt sie. "Danach gab es immer wieder Anfragen. Sicherlich auch, weil ich ein sehr kommunikativer Mensch bin. Im Oktober 2019 habe ich mich dann dazu entschlossen, als 'Doc Caro' online aktiv zu werden."

Und das ist der Grund: "Mir liegt es sehr am Herzen, deutlich zu machen, dass Ärzte keine Halbgötter in Weiß sind, sondern ganz normale Menschen. Dazu gehört es aus meiner Sicht eben auch, für alle verständlich über medizinische Zusammenhänge aufzuklären. Und wenn dabei auch noch Spaß aufkommt – umso besser."

Sie ergänzt: "Das scheint vielen ganz gut zu gefallen, Kollegen und Laien gleichermaßen. Kollegen aus dem Rettungsdienst freut es, dass ihnen in der Öffentlichkeit endlich jemand den Rücken stärkt, andere fühlen sich aufgrund meiner Erklärungen etwas sicherer. So haben sich schon Menschen bei mir bedankt, dass sie einen Schlaganfall oder einen allergischen Schock richtig erkannt und schnell Hilfe gerufen haben. Es gibt sicher auch kritische Stimmen, aber durch die darf man sich nicht vom Weg abbringen lassen."

______________

Im Smart Hospital könnten auch die Wartezeiten in der Notaufnahme sinken. In einer Studie hatten sich Forscher kürzlich damit beschäftigt, wie sich Informationen über die Dauer der Zeit bis zur Behandlung auf die Wartenden auswirken. Denn Patienten, die in der Notaufnahme lange warten müssen, würden immer aggressiver, heißt es. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will Notaufnahmen währenddessen ganz anders entlasten.

Das Uniklinikum Essen praktiziert als Smart Hospital übrigens auch schon im Gebiet Herz-Kreislauf-Erkrankungen und überwacht Herzschwäche-Patienten aus der Ferne. Mehr dazu erzählt Priv.-Doz. Dr. Peter Lüdike im Interview mit BILD der FRAU.

Mehr über Dr. Carola Holzner lesen Sie auch auf ihrer Seite "Doc Caro".