06.08.2019

Psyche behandeln, Körper schützen Wie Diabetes und Depression zusammenhängen

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Diabetes und Depression stehen häufig im Zusammenhang.

Foto: iStock/Mladen Sladojevic

Diabetes und Depression stehen häufig im Zusammenhang.

Das Leben mit Diabetes ist sowieso schon nicht einfach, doch Betroffene bekommen auch noch doppelt so häufig Depressionen – und das wiederum schädigt den Körper.

Diabetes ist mittlerweile eine Volkskrankheit – 6,5 Millionen Menschen sind in Deutschland davon betroffen. Von ihnen leiden rund 800.000 ebenfalls an einer Depression, das sind zwölf Prozent aller Diabetes-Patienten. "Depressionen kommen bei Menschen mit Diabetes damit doppelt so häufig vor wie in der Allgemeinbevölkerung“, sagt Diplom-Psychologe Prof. Dr. Bernd Kulzer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Woher kommen die vermehrten Depressionen bei Diabetes?

"Patienten mit Diabetes müssen jeden Tag Verantwortung für ihre Therapie übernehmen, ihre Blutzuckerwerte genau im Blick haben, Medikamente dosieren und einnehmen, Rückschläge verarbeiten“, erklärt Prof. Kulzer. "Dies kann besonders dann sehr stressig und depressionsfördernd sein, wenn neben dem Diabetes noch andere Belastungen im Leben vorhanden sind, negative Erlebnisse wie Unterzuckerungen oder Folgeerkrankungen auftreten oder Menschen wenig Unterstützung im Umgang mit dem Diabetes erfahren."

Ob auch körperliche Ursachen das Depressionsrisiko von Diabetikern erhöhen, ist noch nicht ganz geklärt. Manche wissenschaftlichen Ansätze gehen davon aus, dass der gestörte Stoffwechsel sich auch auf die Botenstoffe im Gehirn auswirken könnte. Unabhängig von der möglichen Ursache muss eine Depression auf jeden Fall behandelt werden, denn sie ist ebenso gefährlich wie Diabetes an sich.

Depression bei Diabetes ist lebensgefährlich – auf mehrere Arten

Wie eine Studie zeigt, steigt die Suizidgefahr bei Diabetes-Patienten um 50 Prozent im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, besonders bei jüngeren Männern mit Typ-1-Diabetes. "Hochgerechnet auf Deutschland bringen sich täglich mehr als zwei Personen mit Depression und Diabetes um, jährlich über 800 Menschen – eine viel zu hohe Zahl", gibt Prof. Kulzer zu bedenken.

Zwischen Psyche und Körper entsteht bei Diabetes und Depression ein Teufelskreislauf: "Depressive Stimmungseinbrüche können eine Diabetesbehandlung erheblich gefährden", warnt Dr. Andrea Benecke, Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). "Die Patienten sind nicht mehr ausreichend in der Lage, die notwendigen Blutzuckermessungen durchzuführen und sich Insulin zu spritzen."

Was man über Depressionen wissen muss

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Sie versinken in negativen Gedanken wie: "Ich kann den Diabetes nicht mehr ertragen", "Ich tue mein Bestes, aber es reicht nicht", "Ich will meine Ruhe haben und keinen Diabetes". In der Konsequenz verschlechtert sich der Langzeitblutzuckerwert HbA1c. Ohne eine psychotherapeutische Behandlung sei dann eine erfolgreiche Diabetestherapie kaum mehr möglich, betont Dr. Benecke.

Besonders problematisch: Bei einer Depression werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet, die sog. Hypophysen-Nebennieren-Achse wird aktiviert und löst entzündliche Prozesse in den Blutgefäßen aus. Das erhöht wiederum das Risiko für Diabetes-Folgeerkrankungen, etwa an Nerven, Augen oder Füßen.

Was sind die Warnzeichen einer Depression und wo gibt es Unterstützung?

Auch wenn Depressionen bei Diabetes weit verbreitet sind, werden sie von den Betroffenen, ihren Angehörigen und Ärzten oft nicht erkannt. Was sind die speziellen Alarmzeichen? "Wenn die Therapie zur Last wird und mehr Energie als bisher kostet, ist das ein Alarmsignal", erklärt Psychologe Prof. Kulzer. Wer sich fragt, ob er an einer Depression leidet, kann erstmal den anerkannten Online-Test der Weltgesundheitsorganisation WHO machen, der ein erster Anhaltspunkt sein kann. Hilfe gibt es an vielen Stellen.

"Jeder niedergelassene Psychotherapeut kann depressiv erkrankte Menschen mit Diabetes behandeln," so Dr. Benecke. Es gibt auch speziell für Diabetes weitergebildete Psychotherapeuten. Im Verlauf einer Therapie wird u.a. herausgearbeitet, welche Ressourcen die Patienten haben, um sich selbst zu helfen, und welche negativen Denkmuster dem im Weg stehen. Denn das ist nicht nur zur Bekämpfung der Depression wichtig. "Ziel einer Therapie ist eine gefestigte psychische Verfassung, die eine Rückkehr zu einem verlässlichen Selbstmanagement des Diabetes ermöglicht", so Dr. Benecke.

Jeder kann einmal in ein seelisches Tief geraten, gerade, wenn man durch eine Krankheit chronisch belastet ist. Hier gibt es Hilfe:

• Datenbank aller "Fachpsychologen Diabetes DDG", die eine spezielle diabetologische Weiterbildung erhalten haben: www.diabetes-psychologie.de/Psychotherapeutensuche

• Allgemeine Psychotherapeutensuche der Bundespsychotherapeutenkammer

Diabetes erkennen

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Wenn Sie depressiv sind, das Gefühl haben, in einer ausweglosen Lage zu sein oder Suizid-Gedanken haben, zögern Sie nicht, umgehend Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Hilfsangebote der Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) sind jederzeit erreichbar, per Mail, Chat oder Telefon unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222. Dort erhalten Sie Unterstützung von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

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