16.07.2019

Sind Deutschlands Kliniken lebensgefährlich? Experten wollen Hälfte aller Krankenhäuser schließen – das ist der Grund

Für bessere Patientenversorgung und weniger Todesfälle: Bertelsmann-Stiftung schlägt im Rahmen einer Studie vor, die Hälfte aller deutschen Krankenhäuser zu schließen. Was ist dran an dieser auf den ersten Moment irre erscheinenden These?

Foto: imago images/Panthermedia

Für bessere Patientenversorgung und weniger Todesfälle: Bertelsmann-Stiftung schlägt im Rahmen einer Studie vor, die Hälfte aller deutschen Krankenhäuser zu schließen. Was ist dran an dieser auf den ersten Moment irre erscheinenden These?

Wenn es nach acht Krankenhaus-Experten der Bertelsmann-Stiftung geht, sollte in Deutschland mehr als jedes zweite Krankenhaus geschlossen werden. Der Grund ist kurios: So ließen sich Todesfälle vermeiden.

Nur noch die Hälfte aller Krankenhäuser offen – obwohl in Deutschland Pflegenotstand herrscht? Genau deswegen. Das sagen zumindest Experten der Bertelsmann-Stiftung anhand ihrer Studie. Sie sind der Meinung: In Deutschland sollte jedes zweite Krankenhaus geschlossen werden – um Menschenleben zu retten. Wie soll man das verstehen?

Jedes zweite Krankenhaus dicht – und das soll Leben retten?

Es geht den Erstellern der Studie um Patientensicherheit und Versorgungsqualität. Der Dreh- und Angelpunkt um die Studie ist die Behandlung. Die komme nämlich bei den vielen Krankenhäusern in Deutschland allein aufgrund der Masse zu kurz. Klingt erstmal komisch? Naheliegend.

In Deutschland gibt es zurzeit rund 1400 Krankenhäuser. Doch vor allem die kleineren davon seien zu wenig spezialisiert und könnten nicht immer die beste Behandlung gewährleisten. Zudem sei in vielen Kliniken zu wenig Pflegepersonal vorhanden, das besser aufgeteilt werden müsse.

Der Vorschlag der Fachleute: Die verbleibenden Kliniken sollten größere und besser ausgestattete Kliniken sein, unter denen das Fachpersonal aufgeteilt wird. Diese Krankenhäuser können dann auch eine bessere Ausstattung erhalten.

"Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung", heißt es seitens der Studienautoren. Wenn Ärzte und Pflegepersonal sowie auch Geräte gebündelt seien, ließen sich viele Komplikationen und Todesfälle vermeiden, betonen sie.

Kleine Kliniken zu wenig ausgestattet – und mit zu wenig Erfahrung

In den zahlreichen kleinen Kliniken fehle es hingegen an nötiger Ausstattung und Erfahrung. Lebensbedrohliche Notfälle könnten im aktuellen Status Quo nicht immer angemessen behandelt werden. Dazu gehören auch Herzinfarkte oder Schlaganfälle, die schnelles ärztliches Eingreifen verlangen.

In kleinen Kliniken sei es zudem nicht möglich, dass ständig ein Facharzt für jedes Gebiet anwesend sei. Dies sei laut Studie nur in großen, gebündelten Krankenhäusern machbar. "Um eine Facharztstelle rund um die Uhr zu besetzen, braucht man 5,5 Fachärzte." Die gebe es jedoch nicht und es dauere lange, bis Patienten in der Klinik einen Facharzt sehen.

Und auch spezielle Geräte wie Computertomographen (CT) könnten dann in jeder vorhandenen Klinik stehen – das würde anstrengende Transporte hinfällig machen. Aktuell hat ein Drittel aller Krankenhäuser keinen CT. Neben der besseren Notfallversorgung seien auch planbare Operationen besser und qualitativ hochwertiger durchführbar. Und gleichzeitig würde der Pflegekräfte-Mangel gesenkt, erklärt Bertelsmann-Projektleiter Jan Böcken: "Es gibt zu wenig medizinisches Personal, um die Klinikzahl aufrecht zu erhalten."

Größte Kritik an Studie: Was ist mit der Landbevölkerung?

Gerade für die Bevölkerung in ländlichen Gegenden stellt sich im ersten Moment aber die Frage: Wo ist dann das nächste, schnell erreichbare Krankenhaus? Für viele Menschen ist das Wissen, eine Klinik in unmittelbarer Nähe zu haben, natürlich beruhigend. Das bestätigt auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der erklärt, dass "ein Krankenhaus vor Ort für viele Bürger ein Stück Heimat" sei. Daher sollen Krankenhäuser in ländlichen Regionen zukünftig von den Krankenkassen auch mehr Geld erhalten: 120 Kliniken erhalten 2020 eine Finanzspritze von jeweils 400.000 Euro. Im Ganzen lassen sich die Krankenkassen dies also 48 Millionen Euro kosten.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft führt den dadurch entstehenden flächendeckenden Rückgang an medizinischer Versorgung als größten Kritikpunkt an. Gerade für alte, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen – heute schon mehr als 60 Prozent der in Krankenhäusern behandelten Patienten – sei laut Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz eine regionale Lage und damit gute Erreichbarkeit besonders wichtig.

Doch die Studienexperten von Bertelsmann erklären, dass dies nur halb gedacht sei: Eine schnellere Erreichbarkeit sei demnach nur ein vermeintlicher Vorteil, denn was bringe dies, wenn kein Facharzt vor Ort sei?

Eine Fallstudie im Kreis Köln/Leverkusen und dem angrenzenden ländlichen Raum habe gezeigt: Würden dort die vorhandenen 38 Kliniken auf 14 verringert, würden Patienten „im Durchschnitt keine viel längeren Fahrzeiten in Kauf nehmen müssen“, heißt es bei rtl.de. Was das am Ende für andere Gegenden bedeutet, muss aber auch bedacht werden. Schließlich gibt es weitaus ländlichere Gegenden als die rund um den Kölner Raum.

In größeren Ballungsgebieten, so Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer gegenüber BILD, könnten größere Strukturen durchaus sinnvoll sein. Aber: "Gerade im ländlichen Raum müssen wir die flächendeckende Versorgung der Patienten sicherstellen."

Studie kritisiert: Zu viele Menschen unnötig im Krankenhaus

Ein weiterer Kritikpunkt an der Studie, der direkt aufkommt: Schon jetzt scheinen doch alle Krankenhäuser überlastet. Immer wieder hört man von Patienten, die im Flur "abgestellt" werden, weil keine Zimmer oder sogar keine Betten frei seien. Wie soll sich das mit weniger Krankenhäusern bewerkstelligen lassen?

Die Antwort der Studien-Verfasser: Nach ihrer Ansicht werden in deutschen Krankenhäusern zu viele Patienten aufgenommen. Demnach könnten jährlich rund fünf Millionen Patienten auch ambulant behandelt und operiert werden. Ein Aufenthalt sei in vielen Fällen gar nicht notwendig. Dafür argumentieren sie: In Deutschland liege die Zahl der sogenannten Bettentage pro Einwohner um 70 Prozent über dem Durchschnitt der vergleichbaren EU-Länder. Im internationalen Vergleich gebe es durchschnittlich mehr medizinisches Personal pro Einwohner, aber weniger pro Patient – weil viel mehr Patienten in Krankenhäusern versorgt werden als im Ausland, und auch mehr als nötig seien, wie Untersuchungen ergeben hätten.

Den Grund, warum gefühlt alle Krankenhäuser überlastet sind, sehen die Studienmacher in der Größe der Kliniken: Im Schnitt liege die Klinikgröße bei unter 300 Betten, zahlreiche kleine Krankenhäuser können weniger als 100 Betten anbieten.

Stattdessen solle es Versorgungskrankenhäuser mit durchschnittlich 600 Betten sowie rund 50 Unikliniken und "Maximalversorger" mit durchschnittlich 1300 Betten geben.

Das Problem der vielen kleinen Krankenhäuser sei vor allem auch die finanzielle Lage. Jede dritte Klinik hat 2017 laut Deutscher Krankenhausgesellschaft rote Zahlen geschrieben.

Fazit: Bessere Versorgungsqualität?

Die Studienmacher kommen auf das Ergebnis, dass weniger, aber besser ausgestattete Krankenhäuser die Versorgungsqualität erheblich verbessern würden und damit die Patienten besser geschützt sind. Dann wäre die Versorgung bei schwerwiegenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen beispielsweise besser gewährleistet, weil dann immer ein Facharzt vor Ort wäre. Gäbe es dann vielleicht auch weniger Behandlungsfehler? Zuletzt waren wieder 3500 Pfuschs gemeldet worden.

Das Gesundheitsministerium will laut einer Sprecherin jetzt ein genaues Auge auf die Studie der Bertelsmann-Stiftung werfen. Die Studie bedeutet erst einmal nicht, dass tatsächlich die Hälfte aller Krankenhäuser schließt. Über einen solchen Schritt wird aber schon länger nachgedacht.

Patienten sollten sich bis dahin Kliniken genau ansehen, sofern sie im Vorfeld die Möglichkeit dazu haben. Wirkt alles sauber? Welchen Eindruck machen andere Patienten? Lesen Sie auch, wie Sie sich vor dem ansteckenden Krankenhauskeim MRSA schützen – oder mehr dazu, ob Desinfektionsmittel schädlich ist .

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