28.06.2019

Stiftung Warentest Rezeptfreie Medikamente im Test: Jedes Vierte fällt durch

Halten sie, was sie versprechen? Rezeptfreie Medikamente im Test der Stiftung Warentest.

Foto: iStock/DusanManic

Halten sie, was sie versprechen? Rezeptfreie Medikamente im Test der Stiftung Warentest.

Stiftung Warentest hat sich viele in Deutschland erhältliche rezeptfreie Arzneimittel angesehen – mit ernüchterndem Ergebnis.

Wenn es aus der Apotheke kommt, muss es ja eigentlich helfen – so geläufig vielen von uns dieser Gedanke ist, so wenig stimmt er leider auch. Denn zum einen gibt es dort als Medikament eingestufte Mittel, die Sie auch im Supermarkt oder in der Drogerie kaufen können. Zum anderen aber auch mehr und mehr Mittel, die zwischen gar nicht bis falsch wirken und dazu oft auch viel zu teuer sind. Das hat nun auch Stiftung Warentest herausgefunden. Mit überraschender bis erschreckender Erkenntnis: Ein Viertel der rezeptfreien Medikamente im Test halten nicht, was sie versprechen.

Rezeptfreie Medikamente im Test: Das Ergebnis ist ernüchternd

"Nur weil ein Arzneimittel in Deutschland zugelassen ist, muss es nicht empfehlenswert sein", erklärt Gerd Glaeske, Pharmazeut bei Stiftung Warentest. Er ist Teil des unabhängigen Gremiums aus Medizinern, Pharmazeutikern und Pharmakologen, die sich Untersuchungen zu rund zweitausend Medikamenten ohne Verschreibungspflicht angesehen haben, zudem noch einmal 7000 weitere rezeptpflichtige Arzneimittel.

Dabei schauten die Experten in den Studien – übrigens auch solchen, die nicht von den Herstellern kamen, sondern unabhängig waren – vor allem auf die Wirksamkeit, den Nutzen für den Patienten, den Preis und auch auf die Langzeitfolgen, die bei der Einnahme auftreten können.

Das ernüchternde Ergebnis: Ein Viertel der untersuchten Mittel bekam die Bewertung "wenig geeignet" – und damit die schlechteste Bewertung im Test. Das sind rund 500 frei erhältliche Medikamente, viele davon beliebt bei Schmerzen, grippalen Infekten und Co.

Kritikpunkte: Kaum belegte Wirksamkeit, zu viele Nebenwirkungen und hoher Preis

Vor allem die Nebenwirkungen nach längerer Einnahme können demnach gefährlich werden. Denn wir können sie nicht immer auf das entsprechende Medikament zurückführen. Oft treten sie erst nach längerer Zeit auf. Und nur, weil wir eine Arznei ohne Rezept kaufen können, heißt es nicht, dass sie keine unerwünschten Wirkungen hervorrufen kann. Manchmal gehen wir aufgrund der Rezeptfreiheit davon aus, dass die Mittel ja gar nicht so hoch dosiert sind und uns nicht gefährlich werden können – ein Trugschluss!

Besonders in der Kritik standen Kombipräparate mit mehreren Wirkstoffen. Bekannt sind hier etwa Aspirin Complex, Grippostad C, Dolo-Dobendan oder Wick DayMed und MediNait bei Erkältungen oder auch Thomapyrin bei Schmerzen. Das Problem hierbei: Die Wirkstoffe würden sich, so die Experten, oft nicht sinnvoll miteinander ergänzen. Dafür steige das Risiko von Nebenwirkungen bei mehreren Inhaltsstoffen. Die Beimischung von Koffein oder Alkohol könnten zudem dazu führen, dass sich Patienten an den Stoff gewöhnten und die Dosis erhöhen. Außerdem können Alkohol und Koffein Nebenwirkungen nochmals verstärken.

Gerade Koffein in Schmerzmitteln beäugten die Tester kritisch. Mittel wie Doppel Spalt Compact oder Vivimed kamen nicht gut weg. Denn das Koffein belebe, während die Beschwerden kurzzeitig nachlassen. Der Patient ist erst einmal aktiver. Symptome werden dabei aber nur unterdrückt, und wenn die gewünschte Wirkung weg ist, wird "nachgelegt". Die Gefahr besteht, dass das Mittel zu lange und zu oft eingenommen wird, da sich der Körper nicht richtig auskuriert und nur so funktionieren kann.

Bei Kombipräparaten schließt sich zudem als Kritik an, dass sie oft teurer seien, vor allem, wenn es sich um Markenprodukte handele.

Stiftung Warentest: Medikamente im Test

Statt Kombipräparate: Lieber auf Einzelmedikamente zurückgreifen

Als Tipp gibt die Stiftung Warentest den Verbrauchern, die teuren Kombipräparate lieber in der Apotheke zu lassen und je nach Sypmtom auf Einzelwirkstoffe zurückzugreifen. Denn auch hier gibt es rezeptfreie Arzneimittel, die helfen. Bei Schmerzen etwa Paracetamol oder Ibuprofen, das in geringen Dosen ohne Rezept erhältlich ist. In unserem Schmerzmittel-Vergleich sehen Sie, was wie, wann und warum am besten wirkt.

Gegen verstopfte Nasen helfen abschwellende Nasensprays, die Stiftung Warentest auch kürzlich genauer getestet hat. Halsschmerzen lassen sich besser mit sanften Mitteln wie Emser Pastillen oder aber mit Hausmitteln gegen Halsschmerzen bekämpfen.

Außerdem schlecht abgeschnitten haben frei verkäufliche Mittel, die bei Verstopfung helfen sollen. Etwa Abtei-Abführkapseln mit Rizinusöl und Kräuterlax mit Aloe. Die Mittel wirken durch ihr drastisches Abführverhalten sehr darmreizend. Dennoch müssen oft hohe Dosen eingenommen werden, damit überhaupt eine Wirkung erzielt wird. Die Wirkung und Nebenwirkungen von Abführmitteln sind sowieso sehr unterschiedlich. Sie sind hier mit Hausmitteln gegen Verstopfung in schwachen Fällen besser beraten. Auch die richtige Ernährung bei Verstopfung und träger Verdauung kann viel bewirken – und bei starken Problemen sollten Sie sowieso einen Arzt aufsuchen.

Warum fallen die Ergebnisse so ernüchternd aus?

Dass so viele Medikamente im Test so schlecht abgeschnitten haben, liegt auch an den Überprüfungsverfahren. Laut Stiftung Warentest testen die Zulassungsbehörden für Medikamente nämlich anders als sie selbst.

Über die Zulassung von Medikamenten in Deutschland entscheidet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die "Ema", die Europäische Arzneimittelagentur, ist für den europäischen Markt zuständig. Damit ein Medikament zugelassen wird, muss der Pharmahersteller es den Behörden vorstellen und nachweisen, dass es wirkt, von guter pharmazeutischer Qualität und unbedenklich für den Nutzer ist. Das machen die Pharmaunternehmen mithilfe von Studien, oft mit mehreren Tausend Probanden. Sind am Ende die positiven Wirkungen höher als die Risiken, steht das Medikament ganz gut da.

Die Tester der Stiftung Warentest hingegen haben sich zusätzlich die langfristige Wirksamkeit und den Nutzen für den Patienten angesehen. Die Studien der Pharmafirmen seien den Testern zu kurz, erklärt Gerd Glaeske. "Nebenwirkungen, die häufig erst nach längerer Einnahme entstehen, lassen sich so nicht erkennen", so sein Fazit.

Die Stiftung Warentest hat dazu auch unabhängige Studien gesichtet und bezieht sich lediglich auf solche, die einem gewissen qualitativen Standard entsprechen sowie in einer renommierten Fachzeitschrift erschienen und damit bereits von einem anderen unabhängigen Gremium geprüft worden sind.

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Viele der getesteten Medikamente gehören zu den Mitteln, die in der Hausapotheke vorrätig sein sollten. Was Sie davon rausschmeißen sollten? Auf test.de gibt es im Überblick 35 häufig gekaufte, aber wenig geeignete rezeptfreie Mittel in der Übersicht. Alle rezeptpflichtigen und rezeptfreien Medikamente im Test finden Sie hier kostenpflichtig bei Stiftung Warentest.

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