07.06.2019

So können Angehörige helfen Wie geht man richtig mit depressiven Menschen um?

Von

Trost spenden, Geduld haben, da sein und einfach nur zuhören hilft Betroffenen auf Ihrem Weg aus der Depression.

Foto: iStock/laflor

Trost spenden, Geduld haben, da sein und einfach nur zuhören hilft Betroffenen auf Ihrem Weg aus der Depression.

Angehörige sind keine Therapeuten und sollten die Behandlung Fachärzten überlassen. Depressiven Menschen können sie jedoch auf andere Art helfen.

In der OECD-Gesundheitsstatistik landet Deutschland nach Island auf Platz zwei der Länder, in denen die meisten Depressionen diagnostiziert werden. Laut einer Studie der Deutschen Depressionshilfe gab ein Viertel der Befragten an, bei einem Angehörigen und/oder Bekannten sei schon mal eine Depression diagnostiziert worden. Dennoch ist das Wissen darüber, wie sich der Umgang mit depressiven Menschen gestalten sollte, dürftig.

Eine Depression betrifft nicht nur den daran Erkrankten, sondern auch die Angehörigen. Die gute Nachricht: Die Krankheit ist gut behandelbar und das Verständnis dafür in der Gesellschaft wächst. Auch Dank zahlreicher Bücher, die zum Thema veröffentlicht werden und in denen Betroffene ihren Weg aus der Depression schildern.

Einer von ihnen ist der britisch-schweizerische Autor und Journalist Johann Hari, der in seinem aktuellen Buch "Der Welt nicht mehr verbunden: Die wahren Ursachen von Depressionen – und unerwartete Lösungen" auf 448 Seiten den Auslösern und Auswegen auf den Grund geht. Hari tut das nicht ohne Background, denn er litt selbst jahrelang an Depression und Ängsten.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Sich über Depression gut zu informieren, ist nach Meinung des Experten der erste wichtige Schritt für Angehörige, um die Krankheit besser zu verstehen. "So können sie die Schuldgefühle, die Hoffnungslosigkeit und den Rückzug des Erkrankten besser einordnen", erklärt er BILD der FRAU. "Die Betroffenen fühlen sich dann weniger missverstanden. Und den Angehörigen wird deutlich: Bei einer Depression handelt es sich nicht um ein 'Nicht-Wollen', sondern um eine ernsthafte Krankheit, die mit Willensanstrengung alleine nicht zu überwinden ist."

Auslöser und Symptome von Depression

Das Auftreten einer Depression kann biologische, psychische und soziale Gründe haben. Die Betroffenen trifft dabei keine Schuld. Prof. Hegerl: "In einer schwereren Depression können sich auch Menschen, die im gesunden Zustand leistungsorientiert und für andere da sind, zu nichts aufraffen. Sie quälen sich mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen."

In Deutschland erfolgt die Diagnose einer Depression nach dem ICD 10 (International Statistical Classification of Diseases). Das Leitsymptom der Krankheit ist eine gedrückte Stimmung (Niedergeschlagenheit). Hinzu kommen Interessenverlust und Freudlosigkeit, ein Gefühl der Gefühllosigkeit, Antriebs- und Aktivitätsminderung. Betroffene wachen häufig früh auf und haben das Gefühl, morgens ist ihre Stimmung auf dem Tiefpunkt. Appetit-, Gewichts- und Libidoverlust können die Depression ebenfalls begleiten.

Als ernst zu nehmende Krankheit ist sie von einer "Reaktion auf Überforderung, Trauer, Konflikten oder anderen Bitternissen des Lebens" abzugrenzen. Deshalb können simple Aufmunterungsversuche wie "Das wird schon wieder" oder "Stell Dich nicht so an" die Schuldgefühle des Betroffenen weiter verstärken und zeigen das Unwissen desjenigen, der solche Äußerungen macht.

Behandlung von Depression

Betroffene brauchen vor allem ärztliche Hilfe, die in die Hände qualifizierter Fachkräfte gehört. Der Hausarzt oder der Psychiater stellt die Diagnose und leitet die Behandlung in die Wege, deren wichtigste Säulen die Gabe von Antidepressiva und eine Psychotherapie sind. Beides wird von der Krankenkasse getragen.

Prof. Hegerl macht deutlich: "Man kann eine Depression mit Liebe ebenso wenig heilen wie Diabetes oder andere Erkrankung. Verantwortlich für die Behandlung sind die Ärzte und psychologische Psychotherapeuten – und nicht der Angehörige."

Der Facharzt erklärt weiter: "Dem Erkrankten fällt es oft schwer, sich medizinische Hilfe zu holen, da er unter Hoffnungslosigkeit und tiefer Erschöpfung leidet." Aufgrund der hohen Schuldgefühle, die die Betroffenen haben, kann es sein, das ein depressiver Mensch die Behandlung ablehnt. "Angehörige können dann nur versuchen, immer wieder zu ermuntern, sich doch helfen zu lassen und den Weg zum Arzt erleichtern, z. B. indem sie den Arzttermin vereinbaren und den Patienten, wenn gewünscht, begleiten."

WICHTIG: Besteht der Eindruck einer akuten Lebensgefahr, z. B. wenn der Erkrankte Suizidabsichten äußert, muss das ernst genommen und auch gegen den Willen des Erkrankten umgehend der Notarzt verständigt werden!

Auswirkungen der Krankheit auf die Partnerschaft und Familie

"Die hohe Zahl der Trennungen zeigt, was für eine tiefgreifende Erkrankung die Depression ist“, sagt Prof. Ulrich Hegerl. "An Depression erkrankte Menschen verlieren den Antrieb, ihr Interesse und fühlen sich innerlich abgestorben, ohne Verbundenheit mit anderen Menschen oder ihrer Umwelt. Sie ziehen sich zurück und sehen den gesamten Alltag wie durch eine schwarze Brille. All diese krankheitsbedingten Veränderungen haben massive Auswirkungen auf Partnerschaft und familiäre Beziehungen."

Trotz der hohen Belastung laufen Angehörige eher selten Gefahr, selbst an einer Depression zu erkranken. Wichtig ist, zu verstehen, dass sich hinter dem Rückzug des Erkrankten kein böser Wille verbirgt. Der Betroffene kann sein Verhalten nicht willentlich steuern, genausowenig, wie er auf die Symptome Einfluss nehmen kann.

Wem der Schwermut des Partners zu schaffen macht, sollte sich jedoch abgrenzen. Entlastend wirkt der Austausch mit anderen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Die Landesverbände bieten den Angehörigen psychisch erkrankter Menschen Angehörigengruppen und Beratungsgespräche an.

Die Veränderungen treffen auch die Kleinsten. Kindern sollte vor allem erklärt werden, dass sie nicht schuld an der Situation sind. Kinderbücher für verschiedene Altersgruppen (z. B. "Mamas Monster", "Papas Seele hat Schnupfen") können zu Hilfe genommen werden, um Depression kindgerecht zu erklären. "Eltern sollten auch betonen, dass sich Ärzte um die Behandlung kümmern und es dem Elternteil hoffentlich bald wieder besser gehen wird", empfiehlt Prof. Dr. Hegerl.

Hilfe und Ansprechpartner finden Betroffene und Angehörige zum Beispiel hier:

Lösungsansätze für die Depression

In seinem Buch "Der Welt nicht mehr verbunden" kommt Johann Hari zu dem Schluss, dass der Schmerz und das Leid ein Verbündeter ist, der "führt dich weg von einem vertanen Leben und weist Dir den Weg zu einem erfüllten Dasein". Jede Seite seines Buches macht den Betroffenen Mut und Hoffnung. Insgesamt neun Lösungsansätze hat er mit Hilfe der Experten zusammengetragen. Dass es einen Weg aus der Depression gibt, belegt er mit zahlreichen berührenden Fallbeispielen und nicht zuletzt auch mit seinem eigenen.

Dass Depression jeden treffen kann, zeigen auch die Geschichten von Promis, die damit an die Öffentlichkeit gehen. Erst kürzlich äußerte "Game of Thrones"-Star Sophier Turner, dass sie mit Depressionen zu kämpfen hat.

Während der Therapie sollten die Angehörigen ruhig und stabil an der Seite des Erkrankten stehen und ihn ermuntern, die Behandlung durchzuhalten. Martin Hautzinger empfiehlt Angehörigen in seinem Buch "Ratgeber Depression", dem Betroffenem zu versichern, in dieser schweren Phase fest zu ihm zu stehen und diese Phase gemeinsam zu bewältigen.

Das "Deutschland-Barometer Depression" der Stiftung Deutsche Depressionshilfe belegt, dass sich 84 Prozent der Betroffenen aus sozialen Bindungen zurückziehen. Hautzinger rät, sie damit nicht gewähren zu lassen, sondern behutsam immer wieder Angebote und Vorschläge für gemeinsame Unternehmungen zu machen. Es ist auch nicht sinnvoll, auf bessere Stimmung zu warten. Der Erkrankte wird nicht von selbst kommen. Nicht, weil er es nicht will, sondern weil er es krankheitsbedingt nicht kann.

Überfürsorge ist jedoch auch fehl am Platz. Der Erkrankte bleibt gleichberechtigter Partner, der in Entscheidungen einbezogen werden sollte.

Betroffenen hilft meist ein strukturierter Tagesablauf. Sie dabei zu unterstützen und für kleine Erfolge zu loben, kann motivieren. Depressionen laufen in Wellen und brauchen viel Zeit und Geduld. Das Deutschland-Barometer zeigt aber auch, dass Angehörige nach überstandener Krankheit über positive Veränderungen berichten und über eine tiefere und bessere Beziehung zum Partner, da er sich ihnen gegenüber geöffnet hat.

__________________

In jedem Leben gibt es Höhen und Tiefen. Aus vielen Krisen schaffen wir es alleine wieder raus, aber manchmal braucht es einfach professionelle Hilfe, um das eigene Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken. In solchen Fällen kann eine Therapie helfen. Hilfe vom Psychologen: Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll?

Psychische Erkrankungen werden heutzutage immer häufiger und früher festgestellt. Dabei können diese viele Gesichter und ebenso viele Ursachen für die Entstehung haben. Experten sind sich sicher, dass regelmäßige Bewegung und Sport bei Depressionen positive Auswirkungen hat.

Depression ist schlimm – gar keine Frage. Dabei ist sie aber gar nicht so leicht zu erkennen, vor allem für Außenstehende. Welche Anzeichen die Erkrankung mit sich bringt und was Sie als Betroffener oder Angehöriger tun können.

Seite