16.01.2020

Tausende werden benötigt Organspende in Deutschland: Nur mit Zustimmung

Gut, wer ihn immer dabei hat. Nicht jeder besitzt den Organspendeausweis aber. Wie sich die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland jetzt bessern soll.

Foto: imago/Christian Ohde

Gut, wer ihn immer dabei hat. Nicht jeder besitzt den Organspendeausweis aber. Wie sich die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland jetzt bessern soll.

Immer wieder war sie Thema, man konnte sich seit Jahren einfach nicht einigen: die Organspende in Deutschland. Fest steht jetzt: Jens Spahns Vorschlag zur Widerspruchslösung wurde nun abgelehnt. Wie die Zahl der Organspender jetzt trotzdem steigen soll.

Die Organspende in Deutschland ist ein Streitthema. Auf der einen Seite fehlen Spender, auf der anderen Seite stehen überforderte Kliniken und potentielle Spender, die aber nicht wollen – oder doch?

Update vom 16. Januar 2020: Bisher muss jeder deutsche Bürger selbst zustimmen, ob seine Organe im Falle des Ablebens entnommen und als Spenderorgane an andere Menschen weitergegeben werden dürfen. Das Problem: Wer plötzlich stirbt und noch nicht darüber verfügt hat, dessen Organe dürfen nicht einfach so genutzt werden. Hier müssen dann Familienmitglieder entscheiden – oder die Organe verbleiben eben im Körper, auch wenn sie einer anderen Person zum Weiterleben verhelfen könnten.

Organspende in Deutschland: Bundestag hat abgestimmt – Spahn zieht den Kürzeren

Und so wird es auch bleiben: Der Bundestag hat einen Vorschlag einer Abgeordnetengruppe rund um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) abgelehnt. Vorgeschlagen hatten sie eine "doppelte Widerspruchslösung": Jeder sollte als Spender gelten, es sei denn, es wird widersprochen. 379 Abgeordnete stimmten dagegen, 292 dafür und drei enthielten sich.

Die neue Lösung: ein Entwurf einer Gruppe rund um Grünen-Chefin Annalena Baerbock und Linke-Vorsitzender Katja Kipping: Alle Bürger sollen zukünftig mindestens alle zehn Jahre beim Abholen eines neuen Personalausweises auf das Thema Organspende hingewiesen werden. Die Entscheidung könne dann nach eigenem Belieben auch in ein neues zentrales Onlineregister eingetragen werden. Zudem sollen Hausärzte bei Bedarf alle zwei Jahre über Organspenden informieren.

In den sozialen Medien herrschen gemischte Reaktionen, die meisten sind sich aber einig, dass der Organspendeausweis nun ganz oben auf der eigenen Gedankenliste stehen sollte, wenn noch nicht vorhanden.

Im Jahr 2019 war die Zahl der Spender in Deutschland wieder leicht gesunken – auf 932. Jedoch warten über 9000 Patienten auf ein Spenderorgan.

Immerhin: Seit 2019 gilt ein Gesetz zur Verbesserung der Bedingungen für Organspenden in Kliniken – mit mehr Geld sowie mehr Kompetenzen und Freiräumen für Transplantationsbeauftragte in den Kliniken. So sollen mobile Ärzteteams kleinere Kliniken ohne eigene Experten dabei unterstützen, einen Hirntod festzustellen. Dieser ist Voraussetzung für die Entnahme von Spenderorganen.

BILD der FRAU berichtete im April bereits über die Vorschläge und das Thema Organspende in Deutschland:

So sah die Regelung bisher aus

Original vom 03. April 2019: Organspenden sind knapp, nicht nur hierzulande. Doch Deutschland liegt im unteren Bereich der Organspendewilligen. Die Spenderzahlen sind in anderen europäischen Ländern höher.

Alleine in Deutschland fehlt es zurzeit an fast 10.000 Nieren, Herzen, Lebern und Co – so viele Menschen warten derzeit auf ein Spenderorgan. Spender dagegen gab es im Jahr 2018 noch nicht einmal 1000.

Abhilfe schaffen sollte ein Organspendeausweis. Diese Entscheidungsregelung beinhaltet, dass jeder Krankenversicherte in Deutschland ab dem 16. Lebensjahr regelmäßig über Organspende-Möglichkeiten informiert wird. Spenden kann dabei jeder prinzipiell gesunde Mensch nach dem klinisch festgestellten Hirntod. Jedoch muss sich jeder dazu freiwillig selbst bereiterklären. Der Ausweis dokumentiert diese Spendenbereitschaft. Der aber ist freiwillig mitzuführen, und bei weitem nicht jeder besitzt ihn oder trägt ihn durchgehend bei sich.

Jedoch gilt hier auch das gesprochene Wort. Der behandelnde Arzt klärt mit den Angehörigen, ob der Verstorbene seine Organe spenden wollte oder nicht. Auch mit Organspendeausweis müssen die Angehörigen noch konsultiert werden. Diese müssen übrigens auch entscheiden, wenn keine Entscheidung des Verstorbenen bekannt ist – nach vermutetem Willen oder eigenen Wertvorstellungen.

Zwei Vorschläge stehen im Raum

Nun will der Bundestag über die Organspende in Deutschland entscheiden – endlich. Ein Gesetzesentwurf kommt von Gesundheitsminister Jens Spahn und anderen Parlamentariern. Der Ansatz, die sogenannte Widerspruchslösung – ab dann soll jeder deutsche Staatsbürger Organspender sein, wenn er nicht zu Lebzeiten widerspricht – trifft aber nicht überall auf Begeisterung.

Ein zweiter Vorschlag kommt aus den Reihen der Grünen. Parteichefin Annalena Baerbock will mit ihrem Team eine strukturelle Abfrage der Spendenbereitschaft einführen. Diese Abfrage soll beim Abholen des Personalausweises erfolgen. Dazu gibt es Info-Material vom Amt. Es handelt sich dabei aber erst um einen Vorschlag, ein richtiger Entwurf liegt noch nicht vor.

Die Widerspruchslösung: Wer nicht widerspricht, wird Spender

Die Widerspruchslösung aus den Spahn-Reihen sieht vor, dass alle in Deutschland gemeldeten Personen ab 18 Jahren grundsätzlich als Organspender und Gewebespender gelten. Es kann aber ohne Angabe von Gründen jederzeit widersprochen werden. Der Widerspruch wird dann in einem zentralen Register zugänglich sein. Aber auch der Widerspruch gegenüber Angehörigen wird als solcher gewertet.

Erst einmal soll die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung das Register aufbauen und verwalten – Ärzte nehmen dann nach Aufklärungsgesprächen mit den Patienten den Eintrag vor. Später sollen die Bürger aber auch selbst Zugriff erhalten. Währenddessen aber wird noch immer jeder ab 16 Jahren regelmäßig über die Organspende in Deutschland informiert, wie es auch aktuell der Fall ist.

Ein Unterschied zur jetzigen Regelung wäre, dass die Angehörigen dann kein Entscheidungsrecht mehr hätten. Sie könnten also lediglich über den Willen des Verstorbenen informieren. Hat dieser keinen Widerspruch eingelegt, ist die Spende grundsätzlich möglich. Unzulässig wäre die Entnahme dann, wenn ein Angehöriger darauf verweist, dass der Verstorbene kurz vor seinem Tod noch seine Meinung geändert habe und der Spende widersprochen habe.

Wann ist eine Organspende überhaupt möglich?

Einige Fragen zur Organspende treten öfter auf Schon heute gilt: Organe dürfen nur entnommen werden, wenn zwei unabhängig voneinander handelnde Ärzte den Patienten für hirntot erklärt haben. Die Ärzte dürfen nichts mit der Entnahme der Organe zu tun haben. Als hirntot gilt man, wenn sowohl im Großhirn, im Kleinhirn als auch im Hirnstamm keine Aktivität mehr gemessen werden kann. Der Spender muss aber weiterhin künstlich beatmet werden.

Daher könnte es zukünftig Probleme in Verbindung mit einer Patientenverfügung geben, die lebenserhaltende Maßnahmen ausschließt. Denn das Abschalten der Geräte nach dem Hirntod würde bedeuten, dass die Organe nicht mehr versorgt werden und absterben. Ein zu transplantierendes Organ muss aber durchgängig versorgt werden. Die Musterverfügung müsse, so sagt auch Spahn, entsprechend angepasst werden, so dass zumindest die entsprechenden Maschinen für die zu transplantierenden Organe weiterlaufen dürfen, ohne den Verstorbenen am Leben zu halten.

Regelung hat Erfolg in anderen Ländern – aber nicht überall

Eine solche Regelung gilt so oder so ähnlich bereits in anderen Ländern. In Deutschland müssten wie erwähnt trotzdem noch die Angehörigen gefragt werden – in vielen anderen Ländern hingegen muss die weitere Bestätigung nicht eingeholt werden.

Als Erfolg gilt die Widerspruchsregelung vor allem etwa in Spanien und Kroatien. Dort wird seitdem mehr gespendet, nur wenige Einwohner sprechen sich dagegen aus. In Schweden hingegen hat sich seit Einführen der Regelung wenig geändert, dort wird sogar recht wenig gespendet. "Schuld" daran ist aber auch die hohe Verkehrssicherheit in Schweden – es gibt dort wenig Verkehrstote.

Mediziner und Bundestagsabgeordneter Karl Lauterbach (SPD) und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stehen hinter der Entscheidung, dass jeder Organspender sein soll. Bei Twitter unterstützt Jens Spahn die Widerspruchslösung, "weil alles andere keine substantiellen Verbesserungen für die vielen tausend Patienten bringen wird, die auf unsere Solidarität und unseren Organisationswillen angewiesen sind."

Wirklich die richtige Lösung? Bedenken zu schlechterer medizinischer Behandlung

Kritik daran wird jedoch schnell laut: Denn eine Widerspruchslösung, so heißt es aus vielen Mündern, schränke die Freiheitsrechte der Bürger ein. Dass durch die Regelung eine Art Abwehrhaltung der Bürger auftreten könnte, befürchtet etwa Annalena Baerbock. Nach Informationen der "Passauer Neuen Presse" stellt sich etwa Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery aber hinter den Spahn-Entwurf.

Die Kritik, dass Organe zu früh entnommen werden könnten und der Spender dies dann noch miterlebt oder potentielle Spender gar absichtlich ihrem Ableben überlassen werden, teilt Montgomery demnach nicht. "Die Annahme, man werde als Spender schlechter medizinisch versorgt, weil alle auf die Organe warten, ist kompletter Unsinn. Wir haben mit den Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes klare und gute Regeln, wie man damit umgeht."

Aber: Auch die Kliniken sind am Zug

Es liegt aber auch nicht nur an den Menschen, den potentiellen Spendern. Im "Deutschen Ärzteblatt" war 2018 eine Studie erschienen, die ein wenig Licht ins Dunkel brachte. Demnach sind auch die Kliniken am Zug – und vor allem die. Denn es würden zu selten potentielle Spender an die Deutsche Stiftung Organtransplantation gemeldet. "Würden alle Kliniken so arbeiten, wie einige Krankenhäuser das im Rahmen eines Modellprojekts taten, hätte es im Jahr 2018 statt 877 etwa 2780 Organspenden gegeben", schreibt dazu etwa Spiegel Online. Dazu hätte es die Organspende-Widerspruchslösung gar nicht gebraucht.

Kurioserweise haben Kliniken laut Transplantationsgesetz mittlerweile schon mehr Zeit, Spender zu melden. Und auch die Vergütung für die Klinik ist erhöht worden, zudem werden mobile Expertenteams ausgebildet, die bei der Diagnose eines Hirntodes unterstützen sollen.

Die Mehrheit spricht sich für Organspende aus

Die Mehrheit der Deutschen ist schon jetzt für die Organspende. 84 Prozent stehen laut Deutscher Stiftung für Organtransplantation positiv dazu, 71 Prozent sagen, sie sind bereit dazu. Dennoch besitzen nur 35 Prozent einen Organspendeausweis.

Die Widerspruchsregelung würde wohl die Ablehnenden dazu bringen, deutlicher nein zu sagen – oder sich das Ganze genauer zu überlegen. Mitgenommen würden die, die sich aus Unwissenheit oder gar Desinteresse noch nicht damit beschäftigt haben, sich einen Ausweis anzulegen – den gibt es übrigens kostenlos in Arztpraxen, Krankenhäusern. Einen Organspendeausweis zum Ausdrucken gibt es sogar zum Download.

Dass mit der Regelung das Freiheits- und Selbstbestimmungsrecht angekratzt wird, ist jedoch nicht zu unterschlagen. Die Bedenken rühren nicht von ungefähr: Es gibt vereinzelte Fälle, in denen Menschen als hirntot erklärt worden waren, dann aber doch wieder aufwachten, wie der Fall eines 13-jährigen Jungen in den USA zeigt. Und auch religiöse Gründe können ausschlaggebend sein für Menschen, die sich nicht sicher sind.

Ja, man kann auch mit der Widerspruchslösung zur Organspende in Deutschland noch frei entscheiden – aber die Aufklärung muss dennoch weiter erfolgen, und auch Bedenken und Ängste müssen ernstgenommen werden. Und vor allem liegt es an den Kliniken – und der Zeit, die diesen gegeben wird. Die Spendenbereitschaft ist in Deutschland gar nicht so niedrig. Der Ablauf muss dagegen weiter optimiert werden. Und die Aufklärung. Denn das Recht auf einen würdevollen Tod haben wir alle.

Übrigens können auch die Kleinsten bereits Organe spenden und so anderen Neugeborenen ein Leben erst ermöglichen, wie diese rührende Geschichte von Baby Rylei aus den USA zeigt. Rylei hatte nur eine Woche auf Erden, ihre Organe haben aber zwei Kindern das Leben gerettet.