08.02.2019

Tollkirsche und Co Giftpflanzen im Garten: Finger weg und Mund zu!

Handschuhe bei der Gartenarbeit sind anzuraten, wenn Sie mit Giftpflanzen im Garten arbeiten. Worauf zu achten ist und welche besonders heimtückisch sind.

Foto: iStock/Tassii

Handschuhe bei der Gartenarbeit sind anzuraten, wenn Sie mit Giftpflanzen im Garten arbeiten. Worauf zu achten ist und welche besonders heimtückisch sind.

Sie blühen meist wunderschön und wirken einfach einladend – zum Verzehr sind sie jedoch nicht geeignet. Und manche sollten Sie am besten nicht einmal anfassen. Unser Experte erklärt, wie gefährlich manche Pflanzen sein können und was im Ernstfall zu tun ist.

Fressen und gefressen werden – das gilt nicht nur im Tierreich. Auch in der Fauna zählt das Gesetz des Stärkeren. Die Natur hat Millionen von Jahren entweder den Stärkeren gewähren lassen oder den vermeintlich Schwächeren mit Schutzmechanismen vor Feinden ausgerüstet. Und trotzdem schmücken wir unsere Häuser mit solchen Giftpflanzen im Garten.

Unser Gartenexperte Thorsten Emmermann erklärt, warum sich Pflanzen schützen, welche die giftigsten Vertreter hierzulande sind und wie sich der Kontakt beim Menschen bemerkbar macht – und warum wir sie trotzdem im Garten wachsen lassen.

Giftpflanzen im Garten: Hübsch anzusehen – aber bloß nicht anfassen.

Um ihre natürlichen Feinde abzuwehren, haben sich Pflanzen über die Jahrmillionen verschiedenste Möglichkeiten ausgedacht: "Beispiele hierfür sind bittere Geschmacksstoffe, Harze und Dornen. Es handelt sich um Repellarien, also Abwehrstoffe, die die Pflanzen vor Fressfeinden schützen sollen. Abschreckung ist die Devise. Es geht schlicht und ergreifend um das Überleben der Art. Das Grundprinzip der Evolution", erklärt Thorsten Emmermann.

Eine weitere Form des "Selbstsschutzes" aber, sagt er, sind Giftstoffe, die auch dem Menschen schaden können. "Bekannte tödliche Beispiele sind die Tollkirsche und die Engelstrompete. Hier sind oft auch kleinste Mengen gesundheitsschädlich", erklärt der Gärtnermeister.

Wir pflanzen uns den Garten ja gerne voller farbenprächtiger Pflanzen, denn sie sind einfach schön anzusehen. Doch auch wie in der Tierwelt lautet hier oft das Motto: Je farbenfroher, desto gefährlicher. Bei manchen Pflanzen ist selbst das bloße Anfassen schon gefährlich, bei anderen sollte man einfach vermeiden, Pflanzenteile zu verzehren.

Die Dosis macht das Gift

"Neben diesen sehr giftigen Pflanzen gibt es eine Vielzahl an Pflanzen mit giftigen Substanzen. Aber wie so oft gilt auch hier: Von der Dosis hängt es ab, ob oder wie giftig etwas ist", klärt Thorsten Emmermann auf. "Dementsprechend gibt es viele Zwischenstufen als Reaktion auf Kontakt mit diesen Pflanzen, von Unwohlsein bis hin zu Erbrechen und Übelkeit."

Zu Hautirritationen kann es beispielsweise auch kommen, wenn Sie Tulpen- oder Narzissenzwiebeln stecken oder im Garten die Thujahecke schneiden – oder aber, wenn Sie bei der Amaryllis-Pflege nicht richtig aufpassen. Die hübsche Pflanze kann ebenfalls bei Hautkontakt zu Reizungen führen und ist vor allem für Kinder sowie für Tiere gefährlich.

Tiere sind vor allem auch im Falle der Eibe gefährdet, deren rote Beeren zwar ungiftig sind, dafür aber fast alle anderen Teile der Pflanze, da sie extrem toxische Taxine enthalten. Tiere reagieren auf die Eibe so stark, dass selbst Pferde nach dem Verzehr schon nach Minuten sterben können.

Hände weg von Halluzinogenen

Manche Reaktionen auf Pflanzenstoffe aber hat sich die Menschheit über die Jahre "zu Nutze gemacht" – denn beim Verzehr mancher Pflanzen kann es auch zu Rauschzuständen kommen. "Das wussten schon die Schamanen früherer Naturvölker einzusetzen", sagt Emmermann. Und so manche wissen es auch heute noch.

Wer sich mit Halluzinogenen auseinandersetzt, wird wohl früher oder später über die Tollkirsche stolpern. Vom Verzehr ist aber dringend abzuraten. Neben Halluzinationen ruft die Tollkirsche – und zwar sowohl Beeren als auch alle anderen Pflanzenteile – durch ihre Tropanalkaloide zu erweiterten Pupillen, trockenen Mund, Überhitzung und Hautrötungen und Herzrasen. Bei Kindern können schon drei bis fünf Beeren tödlich wirken. Bemerken Sie, dass jemand Tollkirsche gegessen hat, suchen Sie schnellstmöglich eine Klinik auf!

Warum genaues Hinsehen oft so wichtig ist: Beispiel Maiglöckchen

Jetzt könnte man hergehen und sagen, dass man ja besagte Giftpflanzen im Garten oder an Wald und Wiese gewachsen, eben nicht essen oder am besten gleich die Hände und vor allem den Mund von unbekannten Pflanzen lassen sollte. Das stimmt auch. Doch ist es nicht immer ganz so einfach.

Haben Sie sich beispielsweise ein Maiglöckchen einmal genauer angesehen? Die weißen Blüten sind auffällig, stimmt’s? Aber was, wenn diese noch gar nicht blühen? Was, wenn die langen, grünen Blätter nahe einem Feld von schmackhaftem Bärlauch wachsen? Könnten Sie sie unterscheiden?

Besonders tückisch: Beide wachsen zur ähnlichen Zeit in April und Mai – und mögen ähnliche Standortbedingungen.

Das Problem? In Maiglöckchen stecken jede Menge herzwirksame Glykoside, die das Herz kräftiger schlagen lassen, aber die Frequenz senken. In hohen Mengen kann es so zu Herzrhythmusstörungen kommen – bis zum möglichen Herzstillstand. Davor kommt es meist zu Oberbauchbeschwerden, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.

Den gesunden Bärlauch erkennen Sie vor allem am knoblauchartigen Geruch. Achten Sie beim Pflücken aber darauf, dass die Blätter einzeln am Stiel wachsen und sich am Rand eventuell leicht wellen. Maiglöckchenblätter wachsen paarweise. Übrigens sieht auch die Herbstzeitlose dem Bärlauch ähnlich. Sie hat jedoch noch mehr Blätter, die zusammen wachsen.

Welche Giftpflanzen in heimischen Gärten und Wäldern häufig vorkommen? Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie:

Was tun, wenn Vergiftungserscheinungen auftreten?

Gerade wenn Kinder giftige Pflanzen aus dem Garten und vom Balkon oder Wald und Wiese verzehrt haben, ist schnelles Handeln gefragt. Sind Sie sich nicht ganz sicher und es zeigen sich (noch) keine Vergiftungserscheinungen? Dann sollten Sie wie folgt vorgehen:

  • Flößen Sie stilles Wasser ein, um eventuelles Gift zu verdünnen.
  • Nehmen Sie medizinische Kohle, sogenannte Aktivkohle. Diese kann Giftstoffe binden und so unschädlich für den Körper machen, da sie mit der Kohle später wieder ausgeschieden werden.

Zeigt der Patient aber schon Symptome, etwa Benommenheit oder Brechreiz, konsultieren Sie dringend einen Notarzt! Dabei sollten Sie Folgendes angeben:

  • Welche Pflanze wurde verzehrt
  • Wie viel wurde verzehrt
  • Welche Symptome treten auf?

Es kann Leben retten, die Nummer der nächstgelegenen Giftnotrufzentrale einzuspeichern. Eine Übersicht finden Sie hier.

Übrigens sind es nicht nur die Pflanzen im Garten, die giftig sein können. Auch Schneckenkorn ist nicht nur für die Schnecke selbst gefährlich.

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Unser Experte Thorsten Emmermann ist Inhaber des Gartencenter Emmermann in der Klarenthaler Straße in Wiesbaden. Er führt das Center bereits in vierter Generation, ist gelernter Gärtner mit Meisterbrief und Kreisgärtnermeister.

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