11.07.2019

Steroid-Diabetes Nebenwirkungen von Kortison: So wenden Sie das Medikament richtig an

Kortison kann verschiedene Nebenwirkungen haben – je nachdem, wie und wie oft es angewendet wird. Als Asthma-Spray etwa angewendet, kann Heiserkeit auftreten. Wie der Stand der Forschung ist.

Foto: iStock/Drazen_

Kortison kann verschiedene Nebenwirkungen haben – je nachdem, wie und wie oft es angewendet wird. Als Asthma-Spray etwa angewendet, kann Heiserkeit auftreten. Wie der Stand der Forschung ist.

Nachdem ein internationales Team von Wissenschaftlern kürzlich endlich die Ursachen herausfinden konnte, die die Nebenwirkungen bei Kortison-Präparaten entstehen lassen, ist nun der Weg für weitere Forschungen frei. Bis dahin gilt für Patienten: Medikament richtig und mit Bedacht nutzen!

Kortison ist ein bei vielen Erkrankungen hilfreiches Mittel und wird weltweit häufig verschrieben – steht aber auch hoch in der Kritik aufgrund seiner zahlreichen, unschönen Nebenwirkungen. Kürzlich haben Forscher einen Schritt geschafft, der die Behandlung revolutionieren könnte: Sie haben die Ursachen der Nebenwirkungen von Kortison herausgefunden. Doch für echte Erfolge ist noch viel Forschung nötig. Daher sollten Patienten, denen Kortison verschrieben wird, genauestens auf die Dosierung, Anwendungsdauer und Co achten, um die Kortison-Nebenwirkungen möglichst gering zu halten.

Nebenwirkungen von Kortison: Die Liste ist lang

Kortison haben wohl die meisten von uns schon einmal verschrieben bekommen, sei es bei allergischen Reaktionen oder Entzündungen, sei es bei Hautproblemen, Asthma oder Rheuma sowie diversen Darmerkrankungen. Eingesetzt wird es unter anderem oft bei Neurodermitis oder Schuppenflechte. Bei Akne oder Hautpilz sollte man es dagegen nicht anwenden.

Der Wirkstoff stammt aus der Gruppe der Glukokortikosteroide, kurz Glukokortikoide, und beschreibt eigentlich nur einen Wirkstoff – aber auch für andere Wirkstoffe aus dieser Medikamentengruppe, etwa Mometason oder Betamethason, wurde der Name Kortison adaptiert.

Das Mittel kommt meist in Form von Salben, Cremes oder Lotionen daher, kann aber auch gespritzt oder inhaliert sowie in Tablettenform eingenommen werden. Von der Art der Anwendung hängt auch die Stärke und Art der Nebenwirkungen hab.

Und das Spektrum an Nebenwirkungen ist breit. Kortison gibt es schon seit weit über 50 Jahren. Damals waren die Nebenwirkungen weitgehend unbekannt, da sie erst bei langfristiger Einnahme und Anwendung auftauchen. Zu stark dosiert und / oder zu lange angewendet, bekamen viele Menschen mit der Zeit zum Teil heftigste Nebenwirkungen. Heute weiß man mehr und kann die Nebenwirkungen in der Regel auch ganz gut einschätzen. Doch die Angst ist unter Patienten noch immer weit verbreitet. So greift das Mittel unter anderem in den Stoffwechsel ein, was bei Anwendenden häufig schnell sichtbar wird, denn es schwemmt extrem auf. Auch kann die Haut bei längerer Anwendung einer kortisonhaltigen Creme dünn werden. Die Liste ist lang.

Zu den Nebenwirkungen gehören:

  • Bei äußerlicher Behandlung (gegen Hautprobleme): Pigmentstörungen (weiße Flecken), Haarwurzelentzündungen, Dehnungsstreifen, Hautverdünnung (die aber bei richtiger Anwendung sehr selten vorkommt; die Haut kann sich auch wieder erholen); bei Auftreten: weniger cremen oder ganz absetzen nach Rücksprache mit dem Arzt; Tipp zur Anwendung: Damit Sie aus Unsicherheit und Unwissenheit nicht zu viel oder zu wenig kortisonhaltige Salbe auftragen, empfiehlt sich ein Abmessen nach der Fingerspitzeneinheit (FTU, englisch "finger tip unit"): Das ist die Menge, die auf das letzte Fingerglied eines Erwachsenen passt – rund 0,5 Gramm, wie "gesundheitsinformation.de" beschreibt. Wer nun eine Fläche in der Größe der Handinnenfläche eincremen muss, sollte eine halbe FTU – also die Menge, die auf die halbe Fingerkuppe passt – nutzen.
  • Bei Spritzen (etwa beim Karpaltunnelsyndrom, Schleimbeutelentzündung oder rheumatoider Arthritis): Schmerzen und Schwellungen an der Einstichstelle, heller werdende Haut an der Einstichstelle, kurzzeitige Schwächung der Muskeln und Bänder; sehr selten schwerwiegende Nebenwirkungen wie Gelenkinfektionen oder Sehnenrisse sowie Nervenschäden. Zum Vorbeugen: genügend Zeit zwischen den Spritzen einhalten.
  • Bei Kortisonsprays (gegen Asthma oder COPD sowie als Nasenspray bei allergischem Schnupfen oder Nasennebenhöhlenentzündung): Husten und Heiserkeit, Pilzinfektion im Mund bei Menschen mit geschwächter Immunabwehr, Rötungen und Juckreiz in Mund und Gesicht; bei Kindern manchmal vorübergehende minimale Wachstumsverzögerung, bei Erwachsenen geringfügig erhöhtes Risiko für Grauen Star; bei Nasenspray: trockene Nasenschleimhaut bis hin zu Nasenbluten.
  • Bei Tabletten (bei chronisch-entzündlichen Krankheiten, gegen Schübe, etwa Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa): Oft stärkere Nebenwirkungen, aber abhängig von Wirkstoff, Dosierung und Anwendungsdauer: bei kurzzeitiger Einnahme bis maximal drei Wochen sind ernsthafte Nebenwirkungen seltener, höheres Risiko bei längerer Einnahme: Schlafstörungen, Heißhunger, hoher Blutdruck, hoher Blutzucker, Erhöhung des Cholesterinspiegels, Osteoporose, höhere Infektionsgefahr, höhere Thrombosegefahr, Akne, Grauer oder Grüner Star, Gemütsveränderungen bis hin zu Depression, Magengeschwüre, Morbus Cushing.

Die Nebenwirkungen von Kortison sind aber individuell vom Wirkstoff und auch vom Menschen abhängig. Manche können auch durch die Einnahme anderer Medikamente beeinflusst werden.

Wichtig: Gerade bei Einnahme von Tabletten darf Kortison nicht einfach so abgesetzt werden! Es muss "ausgeschlichen" werden, indem die Dosis in ärztlicher Rücksprache nach und nach verringert wird.

Diese Ursachen stecken hinter den Kortison-Nebenwirkungen

Forscher des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) haben mit weiteren internationalen Forschern die Ursache einiger dieser Nebenwirkung herausfinden können und ihre Ergebnisse im Fachjournal "Nature" veröffentlicht.

Genau genommen handelt es sich um die Ursachen, die zum sogenannten "Steroid-Diabetes" führen, das für Nebenwirkungen im Stoffwechsel verantwortlich ist.

Was ist Steroid-Diabetes?

Bei Asthma, Rheuma und anderen Entzündungskrankheiten seien Glukokortikoide wie Kortison das meistverschriebene Präparat, erklärt dazu Prof. Dr. Henriette Uhlenhaut vom Helmholtz Zentrum München. Ebenso würden sie bei Autoimmunerkrankungen, Organtransplantationen und Krebs angewendet. "Schätzungen zufolge werden in der westlichen Welt zwischen ein und drei Prozent der Menschen damit behandelt, was in Deutschland zurzeit über einer Million Menschen entsprechen würde", erklärt sie weiter.

Glukokortikoide, das sind Steroidhormone aus der Nebennierenrinde. Im Zuckerstoffwechsel sind sie an der Umwandlung von Eiweißen, also Proteinen, in Glukose und Glykogen beteiligt. Glukokortikoide binden sich an einen Rezeptor in den Zellen im Körper – dieser beginnt daraufhin, verschiedene Gene ein- und auszuschalten. So halten sie Körperzellen davon ab, Stoffe zu bilden, die Entzündungen auslösen und aufrechterhalten – sie hemmen also Entzündungen. Aber: "Dazu zählen auch verschiedene Stoffwechselgene, was in der Konsequenz zum sogenannten Steroid-Diabetes führen kann", so Prof. Dr. Uhlenhaut.

Dieser Steroid-Diabetes ist eine Form von Diabetes mellitus. Die Glukokortikoide regen die Zuckerneuproduktion in der Leber an, hemmen aber gleichzeitig die Insulin-Sekretion. Der Blutzuckerspiegel steigt. Der Körper reagiert in manchen Fällen neben dieser Überzuckerung auch mit erhöhten Blutfettwerten sowie mit Fettleber.

Neben dieser Diabetes-Form kann als Nebenwirkung außerdem beispielsweise Osteoporose auftreten, deren Risiko sich aber mit kalziumreicher Ernährung und Co ein wenig entgegenwirken lässt.

Bestimmtes Gen ist verantwortlich

Bei ihren Forschungen fiel den Wissenschaftlern vor allem der sogenannte Transkriptionsfaktor E47 ins Auge, der mit dem Glukokortikoid-Rezeptor die Genaktivitäten in Leberzellen verändert. Als Transkriptionsfaktoren bezeichnet man Proteine, die dafür sorgen, dass bestimmte Gene abgelesen werden oder eben nicht. Dafür fördern oder behindern sie normalerweise die Bindung der RNA-Polymerase an die DNA-Sequenz, die für das entsprechende Gen kodiert.

Wäre das entsprechende Gen für E47 nicht da, könnten die Glukokortikoide sich nicht negativ auf die Leberzellen auswirken, da sie nicht greifen würden.

In einem präklinischen Modell konnten sie ihre Erkenntnisse bestätigen: "Tatsächlich führte hier das Fehlen von E47 zu einem Schutz vor den negativen Effekten der Glukokortikoide, während die Steroidgabe bei intaktem E47 mit Stoffwechselveränderungen wie Überzucker, erhöhten Blutfetten oder einer Fettleber verbunden war", schließt Charlotte Hemmer, Doktorandin am IDO.

Ergebnisse müssen erst klinisch bestätigt werden

Was jetzt aber noch fehlt, ist die Forschung am Menschen. Die Komponenten dieses Mechanismus lägen laut Forschern beim Menschen vor. In Kooperation mit Kliniken muss dies nun bestätigt werden. "In diesem Fall könnten sich neue therapeutische Eingriffsmöglichkeiten anbieten, um den Nebenwirkungen einer Steroid-Therapie durch sicherere Immunsuppressiva entgegenzuwirken", erklärt Prof. Dr. Uhlenhaut.

Aber auch wenn die Ursachen nun bekannt sind. Derzeit müssen sich Patienten, die an Rheuma und anderen, mit dem Mittel behandelbaren oder aufschiebbaren Erkrankungen wie Multipler Sklerose leiden, noch mit den Nebenwirkungen von Kortison herumschlagen – auch mit Diabetes-Formen während der Einnahme. Aber die Weichen in Richtung bessere Verträglichkeit sind zumindest gestellt. Und übrigens: Bei der lokalen Anwendung von Kortison in Form von Cremes oder auch Asthmasprays ist die Konzentration des Wirkstoffes mittlerweile so eingestellt, dass sich Patienten auch bei etwas längerer Anwendung laut Bundesapothekerkammer keine Sorgen um Nebenwirkungen machen müssen. In den Blutkreislauf gelange der Stoff auf diesem Wege höchstens in geringen Mengen.

Die Studie im Fachjournal Nature können Sie in englischer Sprache nachlesen.

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