01.02.2019

Steroid-Diabetes Nebenwirkungen von Kortison: Ursachen endlich aufgeklärt?

Weichenstellung in der Medizin: Forscher haben die Ursachen der Nebenwirkungen von Kortison auf den Stoffwechselkreislauf herausgefunden. Was das für Patienten bedeutet.

Foto: imago/PhotoAlto

Weichenstellung in der Medizin: Forscher haben die Ursachen der Nebenwirkungen von Kortison auf den Stoffwechselkreislauf herausgefunden. Was das für Patienten bedeutet.

Weg frei für weitere Forschung! Ein internationales Team von Wissenschaftlern konnte endlich die Ursachen herausfinden, die die Nebenwirkungen bei Kortison-Präparaten entstehen lassen. Was das für Patienten weltweit bedeuten könnte.

Kortison ist ein bei vielen Erkrankungen hilfreiches Mittel und wird weltweit häufig verschrieben – steht aber auch hoch in der Kritik aufgrund seiner zahlreichen, unschönen Nebenwirkungen. Jetzt haben Forscher einen Schritt geschafft, der die Behandlung revolutionieren könnte: Sie haben die Ursachen der Nebenwirkungen von Kortison herausgefunden.

Diese Ursachen stecken hinter den Kortison-Nebenwirkungen

Kortison haben wohl die meisten von uns schon einmal verschrieben bekommen, sei es bei allergischen Reaktionen oder Entzündungen, Hautproblemen, Asthma oder Rheuma sowie diversen Darmerkrankungen. Doch genauso oft ist auch das breite Spektrum an Nebenwirkungen in aller Munde.

So greift das Mittel unter anderem in den Stoffwechsel ein, was mancher Anwendende durch Aufschwemmen miterleben muss. Auch kann die Haut bei längerer Anwendung einer kortisonhaltigen Creme dünn werden. Die Liste ist lang.

Forscher des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) haben mit weiteren internationalen Forschern die Ursache einiger dieser Nebenwirkung herausfinden können und ihre Ergebnisse im Fachjournal "Nature" veröffentlicht.

Genau genommen handelt es sich um die Ursachen, die zum sogenannten "Steroid-Diabetes" führen, das für Nebenwirkungen im Stoffwechsel verantwortlich ist.

Was ist Steroid-Diabetes?

Bei Asthma, Rheuma und anderen Entzündungskrankheiten seien Glukokortikoide wie Kortison das meistverschriebene Präparat, erklärt dazu Prof. Dr. Henriette Uhlenhaut vom Helmholtz Zentrum München. Ebenso würden sie bei Autoimmunerkrankungen, Organtransplantationen und Krebs angewendet. "Schätzungen zufolge werden in der westlichen Welt zwischen ein und drei Prozent der Menschen damit behandelt, was in Deutschland zurzeit über einer Million Menschen entsprechen würde", erklärt sie weiter.

Glukokortikoide, das sind Steroidhormone aus der Nebennierenrinde. Im Zuckerstoffwechsel sind sie an der Umwandlung von Eiweißen, also Proteinen, in Glukose und Glykogen beteiligt. Glukokortikoide binden sich an einen Rezeptor in den Zellen im Körper – dieser beginnt daraufhin, verschiedene Gene ein- und auszuschalten. So halten sie Körperzellen davon ab, Stoffe zu bilden, die Entzündungen auslösen und aufrechterhalten – sie hemmen also Entzündungen. Aber: "Dazu zählen auch verschiedene Stoffwechselgene, was in der Konsequenz zum sogenannten Steroid-Diabetes führen kann", so Prof. Dr. Uhlenhaut.

Dieser Steroid-Diabetes ist eine Form von Diabetes mellitus. Die Glukokortikoide regen die Zuckerneuproduktion in der Leber an, hemmen aber gleichzeitig die Insulin-Sekretion. Der Blutzuckerspiegel steigt. Der Körper reagiert in manchen Fällen neben dieser Überzuckerung auch mit erhöhten Blutfettwerten sowie mit Fettleber.

Neben dieser Diabetes-Form kann als Nebenwirkung außerdem beispielsweise Osteoporose auftreten, deren Risiko sich aber mit kalziumreicher Ernährung und Co ein wenig entgegenwirken lässt.

Bestimmtes Gen ist verantwortlich

Bei ihren Forschungen fiel den Wissenschaftlern vor allem der sogenannte Transkriptionsfaktor E47 ins Auge, der mit dem Glukokortikoid-Rezeptor die Genaktivitäten in Leberzellen verändert. Als Transkriptionsfaktoren bezeichnet man Proteine, die dafür sorgen, dass bestimmte Gene abgelesen werden oder eben nicht. Dafür fördern oder behindern sie normalerweise die Bindung der RNA-Polymerase an die DNA-Sequenz, die für das entsprechende Gen kodiert.

Wäre das entsprechende Gen für E47 nicht da, könnten die Glukokortikoide sich nicht negativ auf die Leberzellen auswirken, da sie nicht greifen würden.

In einem präklinischen Modell konnten sie ihre Erkenntnisse bestätigen: "Tatsächlich führte hier das Fehlen von E47 zu einem Schutz vor den negativen Effekten der Glukokortikoide, während die Steroidgabe bei intaktem E47 mit Stoffwechselveränderungen wie Überzucker, erhöhten Blutfetten oder einer Fettleber verbunden war", schließt Charlotte Hemmer, Doktorandin am IDO.

Ergebnisse müssen erst klinisch bestätigt werden

Was jetzt aber noch fehlt, ist die Forschung am Menschen. Die Komponenten dieses Mechanismus lägen laut Forschern beim Menschen vor. In Kooperation mit Kliniken muss dies nun bestätigt werden. "In diesem Fall könnten sich neue therapeutische Eingriffsmöglichkeiten anbieten, um den Nebenwirkungen einer Steroid-Therapie durch sicherere Immunsuppressiva entgegenzuwirken", erklärt Prof. Dr. Uhlenhaut.

Aber auch wenn die Ursachen nun bekannt sind. Derzeit müssen sich Patienten, die an Rheuma und anderen, mit dem Mittel behandelbaren oder aufschiebbaren Erkrankungen wie Multipler Sklerose leiden, noch mit den Nebenwirkungen von Kortison herumschlagen – auch mit Diabetes-Formen während der Einnahme. Aber die Weichen in Richtung bessere Verträglichkeit sind zumindest gestellt. Und übrigens: Bei der lokalen Anwendung von Kortison in Form von Cremes oder auch Asthmasprays ist die Konzentration des Wirkstoffes mittlerweile so eingestellt, dass sich Patienten auch bei etwas längerer Anwendung laut Bundesapothekerkammer keine Sorgen um Nebenwirkungen machen müssen. In den Blutkreislauf gelange der Stoff auf diesem Wege höchstens in geringen Mengen.

Die Studie im Fachjournal Nature können Sie in englischer Sprache nachlesen.

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