24.01.2019

Häufigste Herzrhythmusstörung Darf ich mit Vorhofflimmern Sport machen? Ja, wenn...

Vorhofflimmern und Sport treiben – sehr zu empfehlen, unter bestimmten Voraussetzungen...

Foto: iStock/alvarez

Vorhofflimmern und Sport treiben – sehr zu empfehlen, unter bestimmten Voraussetzungen...

Vorhofflimmern tritt sehr häufig auf und fühlt sich erst einmal ziemlich bedenklich an. Ist da Sport treiben erlaubt? Hilft das vielleicht sogar? Ja, unter bestimmten Voraussetzungen! BILD der FRAU hat bei Dr. Jochen Krämer, Kardiologe aus Berlin, nachgefragt.

Vorhofflimmern ist die am häufigsten auftretende Herzrhythmusstörung. In Deutschland leiden fast 1,8 Millionen Menschen daran, das zeigen Krankenkassendaten. Viele fragen sich, ob sie dem Vorhofflimmern mit Sport entgegenwirken können – oder ob zu viel Belastung nicht eher schädlich ist. Unser Experte gibt Auskunft:

Vorhofflimmern und Sport: Unser Experte Dr. Jochen Krämer antwortet

Warum kommt Vorhofflimmern eigentlich so häufig vor?

Dr. Jochen Krämer, Kardiologe mit Praxis in Berlin-Spandau, erklärt: "Es handelt sich dabei vorwiegend um eine Erkrankung des älteren Herzens. Aufgrund der demografischen Entwicklung der westlichen Welt, also auch in Deutschland, steigt der Teil der älteren Menschen in der Bevölkerung stetig an und daher auch die Zahl der auftretenden Fälle von Vorhofflimmern."

Das individuelle Risiko, an Vorhofflimmern zu erkranken, verdoppelt sich laut der Krankenkassendaten ab dem 50. Lebensjahr mit jeder Altersdekade. Während von den unter 50-Jährigen deutlich weniger als ein Prozent an Vorhofflimmern leiden, steigt die Häufigkeit bei über 60-Jährigen auf vier bis sechs Prozent und bei über 80-Jährigen auf neun bis 16 Prozent.

Vorhofflimmern – mit den richtigen Medikamenten meistens nicht gefährlich

Ist Vorhofflimmern gefährlich für mich?

Da kann Dr. Krämer erst einmal beruhigen: "Eigentlich ist das Vorhofflimmern – insofern es medikamentös behandelt wird – meistens nicht gefährlich. Viele Menschen machen sich sehr schlimme Sorgen, wenn sie ihr Herz spüren. Denn normalerweise schlägt es brav und still vor sich hin. Es würde uns auch alle stark beunruhigen, wenn wir jeden Schlag des Herzens aufmerksam und bewusst mitbekämen."

Einzelne "Stolperer" des Herzen, also Extrasystolen, das bedeutet Extraschläge, sind ganz normal. Aber wenn Vorhofflimmern vorliegt oder der Verdacht darauf, betont der 51-Jährige, "wird eine gründliche Untersuchung beim Kardiologen notwendig und die Abfolge sieht so aus: Am Anfang steht die kardiologische Diagnostik. Dabei sind die komplette Untersuchung des Patienten inklusive Ultraschall des Herzens und gegebenenfalls auch ein Langzeit-EKG sowie Belastungs-EKG Standard. Wenn eine Ursache behoben werden kann, muss dies erfolgen. Ursachen können beispielsweise eine Schilddrüsenüberfunktion oder eine Herzklappenerkrankungen sein."

Vorhofflimmern tritt in vielen Fällen 'einfach so' auf

Allerdings liegt eine solche Ursache sehr häufig gar nicht vor, da Vorhofflimmern in vielen Fällen 'einfach so' auftritt. "Da reicht manchmal schon der Umstand, Bluthochdruck zu haben und um die 70 Jahre alt zu sein", erklärt Dr. Krämer. Als nächstes ist es bei "vielen und insbesondere bei fast allen älteren Menschen notwendig und elementar wichtig, Blutverdünner einzunehmen." Grund: Hier muss das Risiko eines Blutgerinnsels minimiert werden, denn bei Vorhofflimmern besteht in Teilen des Herzens kein guter Blutfluss.

Desweiteren wird, "wenn das Herz zu schnell schlägt, was es in diesen Fällen meistens tut, ein verlangsamendes Medikament verabreicht, meist ein Betablocker. Zu schnell heißt im Mittel über 80-90 Schläge pro Minute." Dr. Krämer versichert: "Ist der Patient dann eingestellt auf Blutverdünner und die Herzfrequenz ist soweit in Ordnung, es liegen auch keine anderen Herzerkrankungen vor, sondern das Herz schlägt eigentlich normal, eben nur unregelmäßig, dann kann sich dieser Mensch im Prinzip ganz normal belasten."

Wie merke ich, dass ich Vorhofflimmern habe?

"Die meisten Menschen spüren, dass sie Vorhofflimmern haben. In der Regel durch ungleichmäßigen Herzschlag", berichtet Dr. Krämer aus Erfahrung. "Vor allem die, die keine anderen Medikamente nehmen oder anderweitige Erkrankungen am Herzen haben, merken das in Form einer Unruhe, Herzrasen, Leistungsschwäche und Unwohlsein. Diese Menschen sollten dann damit auf jeden Fall zum Arzt gehen."

Einige Menschen bekommen von ihrer Erkrankung gar nichts mit

"Wichtig ist auch zu wissen, dass einige – und gar nicht so wenige – Menschen ihr Vorhofflimmern gar nicht bemerken, da bei diesen Menschen das Herz relativ gleichmäßig schlägt. Dann handelt es sich um einen Zufallsbefund, wenn es diagnostiziert wird", so Dr. Krämer und warnt: "Leider wird die Erkrankung manchmal erst durch die Verschleppung eines Blutgerinnsels, dass eben durch das Vorhofflimmern entstehen kann, offensichtlich. Das äußert sich am häufigsten durch einen Schlaganfall oder Arterienverschlüsse im Körper. Diese Auswirkungen machen das Vorhofflimmern dann gefährlich und sorgen für ein gewisses Sterblichkeitsrisiko."

Doch in der Regel sind Betroffene aufgrund der Symptome beim Vorhofflimmern laut Dr. Krämer früher gewarnt: "Wahrscheinlicher ist der Umstand, dass Menschen zwar von den Rhythmusstörungen selbst nichts mitkriegen, aber durchaus von deren Symptomen. Sie sind dann schlechter belastbar, weil die Herzleistung etwas abnimmt. Damit gehen Menschen zum Arzt, dort wird ein EKG geschrieben und schließlich festgestellt, dass ein Vorhofflimmern vorliegt."

Darf ich mit Vorhofflimmern Sport treiben?

"Ist der Patient gut eingestellt, normal belastbar und zeigt keinerlei Anzeichen einer Herzschwäche, kann er auch sein Sportprogramm wieder aufnehmen oder überhaupt damit beginnen", bejaht der Kardiologe. "Das gilt auch dann, wenn etwa Eingriffe am Herzen zur Behebung etwaiger Ursachen für das Vorhofflimmern notwendig waren." Eine sehr beruhigende Nachricht für die meisten. Denn wie Dr. Krämer weiß, "sind viele Menschen stark besorgt, wenn irgendetwas mit ihrem Herzen nicht in Ordnung ist. Jede Extrasystole, also jeder Extraschlag, kann schon sehr beunruhigen. Und Vorhofflimmern erst recht, da dies oft auch etwas länger anhält und das Herz dann zum Teil sehr schnell und sehr unregelmäßig schlägt."

Sport und Gewichtsreduktion sind bei Vorhofflimmern dringend angeraten

Kann ich mit regelmäßigem Sport meine Beschwerden verbessern?

Laut Dr. Krämer "definitiv"! Auch, weil es sich "bei Menschen mit Vorhofflimmern nicht selten um solche handelt, die weitere Erkrankungen in diesen ganzen Themenbereich aufweisen, wie Diabetes, hohen Blutdruck, starkes Übergewicht, hohe Cholesterinwerte. Da ist eine sogenannte 'Lifestyleänderung' dringend angeraten." Also eine Veränderung der Lebensgewohnheiten mit Gewichtsreduktion, regelmäßigem Sport, Einstellung der Risikofaktoren wie Rauchen und Alkohol. Der Berliner Kardiologe unterstreicht: "Besonders wichtig ist hier eine Ernährungsberatung."

Zudem haben "die zwei großen Studien 'LEGACY' und 'CARDIO FIT' gezeigt, dass Gewichtsabnahme von mindestens zehn Prozent des Körpergewichts durch eine Ernährungsumstellung in der Kombination mit körperlichem Training, also 3-5 strukturierten Einheiten pro Woche mit mindestens einer Stunde Trainingszeit, Vorhofflimmerepisoden – bei nicht permanentem Vorhofflimmern – stark vermindern".

Das Vorhofflimmern wird nämlich grundsätzlich in drei unterschiedliche Arten eingeteilt:

  • das paroxysmale Vorhofflimmern (anfallsartig, verschwindet in der Regel innerhalb von 48 Stunden von selbst)
  • das persistierende Vorhofflimmern (anhaltend, dauert länger als sieben Tage an oder lässt sich nur medikamentös beenden)
  • das permanente Vorhofflimmern (dauerhaft, es werden die Beschwerden behandelt und den Folgen vorgebeugt).

Mit diesen Tipps – Bewegung, gesunde Ernährung und Co – lässt sich dann nicht nur das Vorhofflimmern, sondern darauf aufbauend auch ein möglicher Schlaganfall vermeiden.

Eine Ausdauersportart finden, die auch Spaß macht

Dr. Krämer rät Patienten mit Vorhofflimmern nach erfolgter kardiologischer Untersuchung und Einstellung zu schauen, welche der Ausdauersportarten ihnen am meisten Spaß machen. "Das ist ein wichtiger Faktor, denn man kann diese Menschen nicht einfach willkürlich zu einem Sportprogramm verdonnern, wie zum Beispiel zum Laufen, das vom Trainingseffekt sicher am effektivsten ist.

Doch hier muss berücksichtigt werden, dass durch die Vielzahl der Übergewichtigen bei den Patienten mit Vorhofflimmern auch häufig ein Gelenkleiden beispielsweise an den Knien miteinhergeht. Und bei den ja meist älteren Patienten treten entsprechend häufig auch Hüftleiden auf. Somit muss dann eine gelenkschonendere Ausdauersportart gewählt werden und eine, die den Patienten auf jeden Fall auch Spaß macht. Sonst lassen sie ihr Sportprogramm schnell wieder einschlafen."

Vor statischer Muskelarbeit allerdings, wie sie im Bodybuilding erfolgt, warnt Dr. Krämer. "Das ist absolut kontraproduktiv, denn dadurch erhöht sich der Blutdruck wieder, was wiederum einen Risikofaktor für Vorhofflimmern darstellt." Wichtig ist generell, langsam mit dem Trainingsprogramm zu beginnen und nur allmählich zu steigern.

Idealerweise steigt während des Trainings die Herzfrequenz der Patienten nicht höher als 70-80 % der maximalen Herzfrequenz. Dazu muss zunächst die maximale Herzfrequenz bestimmt werden. Zwar gibt es hierfür Faustformeln, aber nicht nur als Herzpatient ist es besser, diese im Rahmen einer Leistungsdiagnose von einem Sportmediziner oder eben Kardiologen ermitteln zu lassen. Während der Übungen sollte die Herzfrequenz (Puls) sorgfältig überprüft werden, um eine Überbelastung zu vermeiden.

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