13.12.2018

Experte gibt Rat So überwinden Sie Ihre Ängste

Die Angst ist immer mit - ob in Fahrstühlen, bei Spinnen im Raum oder in schwindelerregenden Höhen. Doch wie überwindet man sie?

Foto: iStock/MarinaZg

Die Angst ist immer mit - ob in Fahrstühlen, bei Spinnen im Raum oder in schwindelerregenden Höhen. Doch wie überwindet man sie?

Ängste machen uns das Leben schwer - ob die Angst vor Spinnen, Fahrstühlen oder Höhen. Doch man kann sie überwinden. Ein Experte gibt Rat...

Sie wollen nach einem langen Arbeitstag zur Ruhe kommen, betreten Ihr Schlafzimmer. Doch etwas lässt sie in diesem Moment erstarren. Eine Spinne, vielleicht nur wenige Millimeter groß. Doch obwohl sie in der hintersten Ecke des Raumes sitzt, ohne, dass sie sich auch nur bewegt, nehmen Sie sie als Bedrohung wahr. Ihr Herz schlägt schneller, sie bekommen schweißnasse Hände – stoßen einen spitzen Schrei aus.

Arachnophobie, die Furcht vor Spinnen, ist ein Beispiel für eine spezifische Phobie. Doch nicht nur die kleinen Krabbeltiere lehren viele Menschen das Fürchten, auch Höhe, Fahrstuhlfahren oder das Reden mit Fremden treibt vielen den Angstschweiß auf die Stirn. Ängste erschweren das Leben – doch man kann lernen, sie zu überwinden, wenn man versteht, wie sie funktionieren.

Ängste überwinden geht nur, wenn man sich ihnen stellt

Angst äußert sich nicht nur durch Schwitzen, sondern auch durch verstärkten Herzschlag, Zittern, das Anhalten des Atems oder verstärktes Atmen, also Hyperventilation. Letzteres tritt vor allem häufig bei Panikattacken auf.

Abseits der körperlichen Ebene finden Ängste auf der mentalen Ebene statt, weiß Thomas Dürst. Vor allem Katastrophen-Gedanken wie "Das schaffe ich nicht", "Das wird schlimm enden", "Es wird etwas Schlimmes passieren" lassen Ängste noch größer werden, erklärt der Diplom-Psychologe aus Berlin.

"Solche Gedanken lösen dann wiederrum die benannten körperlichen Angstsymptome aus. Meiner Erfahrung nach ist es eine Wechselwirkung zwischen körperlichen Befinden, z.B. schnellerer Herzschlag oder ein völlig normales Herzstolpern. Das löst dann einen katastrophierenden Gedanken aus, z.B. "Ich erleide einen Herzinfarkt". Umgekehrt kann ein Gedanke die entsprechenden körperliche Reaktion auslösen", so Dürst.

Die Phobie vor einem Herzinfarkt nennt man Herzneurose. Erfahren Sie hier mehr zu der Angststörung.

Existenzielle Ängste weitverbreitet

Es sind aber nicht immer nur Ängste vor gewissen Objekten oder Situationen, die viele Menschen haben. Ängste können noch wesentlich vielschichtiger sein, berichtet Diplom-Psychologe Dürst. "Viele Patienten kommen mit diffusen Ängsten, die häufig den Charakter von Existenzängsten haben. Also mit Inhalten wie 'Ich schaffe das nicht mehr, ich bin nicht mehr gut genug'."

Außerdem erlebe er Themen wie zum Beispiel Angst vor Kontrollverlust oder vor Trennung. "Bei all diesen Ängsten finden sich die Wurzeln in der jeweiligen Biographie der Patienten", so Dürst.

Trennungsängste gehören zu den häufigsten Ängsten in der Beziehung – wir erklären die Ursachen dafür.

Denn Ängste entstehen dadurch, dass eine Verbindung hergestellt wird zwischen Lebenssituationen, Handlungen oder Gedanken und Situationen, in denen Angst erlebt wurde. Das bedeutet, dass einmalig erlebte Ängste trotzdem immer wieder aufploppen können. Laut Dürst werden sie auf ähnliche Situationen verallgemeinert und bekommen dadurch "den Charakter eines Automatismus".

Evolutionär haben Ängste wichtige Funktion

Dabei ist Angst sogar von großem Vorteil. Denn Ängste sicherten früher die Überlebensfunktion. "Grundsätzlich ist zu sagen, dass Ängste zum menschlichen Wesen gehören und evolutionär eine wichtige Funktion haben. Ängste helfen uns über unsere Handlungen nachzudenken, zu reflektieren und letztendlich Gefahren abzuschätzen", erklärt Diplom-Psychologe Dürst.

Nicht jede Angst ist also gleich schlecht. Doch sie kann sich so tief verankern, dass sie Menschen Probleme im Alltag bereiten können. Thomas Dürst erklärt: "Pathologisch werden Ängste, wenn sie in Situationen auftauchen und manifest werden, die objektiv betrachtet keinen Anlass für das Erleben von Angst geben." Angst ist also ein rein subjektiv erlebtes Gefühl.

Es ist wie mit dem Beispiel mit der Spinne – für die einen ist es ein harmloses, winziges Insekt, für den anderen stellt der Achtbeiner dagegen eine wahre Bedrohung dar. Die meisten Ängste, die Menschen heute erleben, sind irrational und entsprechen häufig nicht der subjektiven Wahrheit. "Man könnte sagen, dass die meisten Ängste "Blüten der Phantasie" sind", so Dürst.

Jeder Mensch hat Ängste. Auch die Promis sind nicht sicher davor. Moderator Markus Lanz hat über seine Angststörung gesprochen und verraten, warum er dachte, sterben zu müssen.

Wie Ängste ihre Bedrohung verlieren

Nicht jede Angst ist so umfassend und tiefgreifend, dass sie behandelt werden muss. Man kann seine Angst zum Teil sogar selber überwinden. Laut Thomas Dürst verlieren Ängste ihren bedrohlichen Charakter, wenn man sich ihnen stellt. "Das heißt im Klartext, ich muss das tun, wovor ich Angst habe." In der psychotherapeutischen Verhaltenstherapie heißt diese Maßnahme "Exposition".

Konkret bedeutet das: Wer zum Beispiel Höhenangst hat, geht auf ein hohes Gebäude. Das ist zwar extrem bedrückend, mit jedem Teilerfolg wird die Angst aber immer kleiner. Einen Tipp hat Experte Dürst für alle, die in Ängste oder Panikattacken hineinrutschen. Es hilft, sich einen einfachen Satz aufzusagen wie "Angst, ich gebe mich dir ganz hin, du kannst ganz von mir Besitz nehmen."

Was ist der Hintergrund eines solchen Satzes? "Ängste verstärken sich in dem Moment, in dem ich mich anfange dagegen zu wehren. Das ist dann häufig der Beginn einer Panikattacke", erklärt Dürst. "Wenn ich mich der Angst jedoch "hingebe", dann wird sie schnell ihren bedrohlichen Charakter verlieren."

Ein gutes Mittel aus der Natur ist Lavendel – denn die sanfte Heilpflanze kann Ängste lösen. Hier erfahren Sie mehr.

Manchmal ist therapeutische Hilfe notwendig

Doch was tun, wenn die Angst einen im Alltag lähmt? Wenn man sich so sehr eingeschränkt fühlt, dass man seinen normalen Tätigkeiten kaum mehr nachgehen kann? "Wenn Ängste zu einer verminderten Entscheidungsfähigkeit, zur Hemmung von Handlungen oder auch zu Schlafstörungen führen, sollte man darüber nachdenken, sich therapeutische Hilfe zu holen", empfiehlt Thomas Dürst, der in seiner Praxis psychotherapeutisch arbeitet.

Spezifische Phobien, wie zum Beispiel vor Spinnen, Schlangen, Höhe, dem Fliegen, dem Tod, Terror, Knöpfen, Fahrstuhlfahren, oder davor, mit Fremden zu sprechen, seien in der Regel gut behandelbar. Ängste, die aus traumatischen Erfahrungen stammen, bedürfen aber einer speziellen Trauma-Behandlung.

Hier erfahren Sie, an welchen drei Symptomen Sie eine posttraumatische Belastungsstörung erkennen.

Ängste sind irrational und "alte Geister"

Die wichtigste Botschaft: Man muss sich nicht für seine Ängste schämen. Stattdessen sollte man sich klarmachen, dass die meisten völlig irrational sind. Ob man diese Ängste alleine bekämpfen will oder sich therapeutisch Hilfe sucht: Wichtig ist, so Diplom-Psychologe Dürst, "sich selbst zu zeigen, dass die Ängste eben nicht mehr der Realität entsprechen und es sich lediglich um 'alte Geister' handelt."

Ängste können auch mit anderen psychischen Erkrankungen einhergehen. Auf unserer Themenseite Depression erfahren Sie mehr über die Volkskrankheit.

Thomas Dürst arbeitet als Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut in Berlin. Seine Spezialgebiete sind vor allem psychosomatische Erkrankungen, Burn out Syptomatiken und sowie Angst- und Depressionserkrankungen. Mehr Informationen über Herrn Dürst und seine Kontakt-Daten finden Sie auf seiner Website.

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