23.07.2020 - 10:33

Eine Frage der Hygiene Sind elektrische Händetrockner wirklich Bakterienschleudern?

Von wegen Hygiene: Wer ahnt schon, dass Händetrockner nicht nur – logisch – die Hände trocknen, sondern auch Krankheitserreger durch die Luft wirbeln... Oder??

Foto: iStock/RobertoDavid

Von wegen Hygiene: Wer ahnt schon, dass Händetrockner nicht nur – logisch – die Hände trocknen, sondern auch Krankheitserreger durch die Luft wirbeln... Oder??

Vor Jahren postete eine Studentin eine vom Händetrockner mit Bakterien infizierte Petrischale. Jetzt sind die Gebläsegeräte aufgrund der Coronavirus-Epidemie in öffentlichen Toiletten oft gesperrt. Die Frage schwebt im Raum wie ein Aerosol: Sind Händetrockner wirklich unhygienisch?

Waschen wir uns die Hände, trocknen wir sie in der Regel danach ab. Wer unterwegs ist, freut sich gerade an kalten Tagen darüber, dafür auch mal elektrische Händetrockner mit dem wunderbar warmen Gebläse zu benutzen, die in vielen öffentlichen Einrichtungen zu finden sind. Doch immer wieder ist zu hören, die Geräte seien wahre Bakterienschleudern. Was ist dran am Vorwurf, Händetrockner und Hygiene vertrügen sich nicht?

Und wie ist das zurzeit eigentlich – die Coronakrise ist noch immer in vollem Gang und immer wieder wird darauf verwiesen, dass man sich gründlich – nämlich mindestens 20 Sekunden lang – mit Seife die Hände waschen soll. Diese danach aber auch richtig abzutrocknen, gehört zur guten Handhygiene dazu. Klappt das mit Händetrocknern?

Hygiene-Mangel bei Händetrocknern: Studentin macht Test

Aber wie kam es erst einmal zur Kritik an Händetrocknern? Die US-amerikanische Mikrobiologie-Studentin Nichole Ward machte vor ein paar Jahren für ihren Universitätskurs einen Test: Sie platzierte laut der "New York Times" eine Petrischale in einem Händetrockner – und brachte sie zwei Tage später wieder mit in ihren Kurs. Ergebnis: Das Gefäß der Studentin wies einen enorm großen Pilz- und Bakterienbefall auf!

Daraus lässt sich allerdings noch kein Hygiene-Mangel ableiten: die Organismen wurden nicht weiter analysiert – ob sie den Menschen gefährlich werden könnten, ist somit schwer zu sagen. Fakt ist: Nichole Ward postete das Foto von der Petrischale, das sich wie ein Lauffeuer verbreitete – und warf damit erneut die Frage auf, ob Händetrockner tatsächlich Krankheitserreger verbreiten. Denn das gilt unter Wissenschaftlern als umstritten.

Studie und Robert Koch-Institut: lieber Handtuch statt Händetrockner

Das Portal Management & Krankenhaus teilte im Jahr 2018 mit: "Eine aktuelle, unter Alltagsbedingungen durchgeführte multizentrische Studie hat festgestellt, dass Waschräume weitaus weniger mit Bakterien kontaminiert sind, wenn Papierhandtücher anstatt Luftstromtrockner zum Händetrocknen verwendet werden." Die Studie wurde von der University of Leeds und den Leeds Teaching Hospitals in Frankreich, Italien und Großbritannien durchgeführt.

Einer der Studienleiter, Professor Mark Wilcox, über die Ergebnisse: "Mit dieser Studie verfügen wir nun zudem über im praktischen Alltag gesicherte Nachweise, dass Luftstromtrockner Bakterien stärker verbreiten. Diese jüngste Forschungsarbeit bestätigt, dass Papierhandtücher die hygienischste Methode des Händetrocknens sind und die Verbreitung von Bakterien, darunter von MRSA, Enterobakterien und Enterokokken, nach dem Besuch des Waschraums weitestgehend verringern.”

Auch das Robert-Koch-Institut hat in seinem Bundesgesundheitsblatt von 2016 zum Thema "Händehygiene in Einrichtungen des Gesundheitswesens" eine ähnliche Empfehlung für Krankenhäuser ausgesprochen: "Nach Händewaschung wird durch Papier- oder Textilhandtuch signifikant mehr Restflora als durch Heißlufttrockner entfernt."

Heißt: Wer sich mit einem Handtuch sorgfältig die Hände abtrocknet, hat deutlich weniger Keime an ihnen als nach Nutzung eines Händetrockners. Und weiter steht dort: "Für einen 'air blade'-Trockner wurde ermittelt, dass die Anzahl freigesetzter Tröpfchen beim Trocknungsvorgang höher war und weiter reichte als bei Benutzung eines Papierhandtuchs." Krankheitserreger könnten also laut den Autoren mit großer Wahrscheinlichkeit so leichter weitergereicht werden.

Eine klare Ansage: Händetrockner können, was die Hygiene betrifft, nicht mit Papierhandtüchern mithalten. Allerdings handelt es sich hier um Untersuchungen in Bereichen der höchsten Hygienestufe.

Arzt und weitere Studie: Händetrockner sind hygienisch

Es gibt auch Stimmen, die sich für Händetrockner und deren positive Auswirkung auf die Hygiene stark machen. In der Praxis des Präventivmediziners Dr. Thomas Kurscheid kommt laut einer Pressemitteilung zum Thema Erkältungszeit im WC seiner Praxis ein Schnell-Händetrockner zum Einsatz. Er erklärt: "Er ist hygienisch, weil das Gerät berührungslos funktioniert und ein HEPA-Filter 99,9 Prozent der Bakterien und Viren aus der verwendeten Luft entfernt, die das Wasser dann mit 690 km/h von den Händen abstreift."

Und: Eine unabhängige Studie der amerikanische Non-Profit-Organisation Mayo Clinic über die Hygiene-Wirkung vier verschiedener Händetrocknungsmethoden kommt ebenfalls zu einem eher positiven Ergebnis, was die Hygiene von Händetrocknern betrifft. Für die Erhebung wurden vier verschiedene Trocknungsmöglichkeiten nach dem Händewaschen ausgewertet: Tuchhandtücher aus dem Rotationsspender, Papierhandtücher aus einem Stapel auf der Spüle, warme Druckluft aus einem mechanischen Handtrockner und spontane Raumluftverdampfung. Das Ergebnis: Die Daten zeigen keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Effizienz, was die Entfernung von Bakterien aus gewaschenen Händen angeht.

Händetrockner in Zeiten von Corona

Und doch ist das Thema jüngst wieder aufgekommen: Denn um sich umfänglich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 zu schützen, wird empfohlen, sich regelmäßig die Hände zu waschen. Schon zu Beginn der weltweiten Pandemie traten aber auch falsche Mythen auf. Eine davon: Elektrische Händetrockner sollen gegen Coronaviren wirken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO entkräftet diesen von ihnen sogenannten "Corona-Unsinn" mit einem klaren "nein". Zwar raten die Experten nicht vom Gebrauch ab, sollten aber nur benutzt werden, wenn die Hände wirklich gründlich und lange genug mit Seife gewaschen hat. Zur Desinfektion eigne sich ein solches Gerät aber nicht.

Die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) betont in ihrem Pamphlet zu allgemeinen Hygienemaßnahmen für Unternehmen jedoch "Heißluft- oder Jetstream-Händetrockner sollten wegen der geringeren Trocknungswirkung und der fehlenden mechanischen Entfernung der mikrobiellen Restflora nicht verwendet werden. Außerdem werden Mikroorganismen und lose Hautschuppen im Luftstrom derartiger Händetrockner in die Umgebungsluft geblasen."

Das A und O in Sachen Hygiene: Hände richtig waschen

Welche Erkenntnis lässt sich daraus ziehen? Zum einen die, dass der Hygiene-Faktor, auch wenn er bei Händetrocknern tatsächlich geringer ausfallen sollte, im alltäglichen Leben nicht so sehr ins Gewicht fällt – zumindest bei Personen, die nicht im Krankenhaus oder in Ärzte-Praxen arbeiten. Und zum anderen, was viel wichtiger ist: Der eigentliche Hygiene-Mangel setzt direkt vor dem Händetrocknen ein, und zwar beim Händewaschen.

Denn all die Keime, die beim Händetrocknen durch die Luft gewirbelt werden, sind beim Händewaschen nicht entfernt worden. Und das wiederum bedeutet: Die meisten Menschen erledigen das Händewaschen einfach viel zu ungründlich!

Lesen Sie hier, wie Sie sich richtig die Hände waschen, und worauf Sie dabei achten sollten.

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, von vielen aber dennoch nicht berücksichtigt wird: Hände bitte nicht am Geschirrtuch abtrocknen – einer von vielen Hygienemängeln im Alltag.

Händewaschen, Händetrocknen: Damit die Hände auch danach schön geschmeidig bleiben, ist die richtige Hautpflege unabdingbar, über die Sie mehr auf unserer Themenseite erfahren.

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Lesen Sie hier mehr über die Studie der University of Leeds und der Leeds Teaching Hospitals.

Hier erfahren Sie mehr über die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts zum Thema Händehygiene.

Und hier geht's zur Studie der Mayo Clinic.

Hier finden Sie die Hygienemaßnahmen der BGHM.