12.10.2018

Psychosomatische Angststörung Herzneurose: Die Angst herzkrank zu sein

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Tatsächliche körperliche Erkrankung oder doch psychosomatischer Natur? Eine Herzneurose oder Herzphobie kann sich anfühlen wie eine Herzerkrankung – aber die Psyche spielt hier eine große Rolle.

Foto: iStock/spukkato

Tatsächliche körperliche Erkrankung oder doch psychosomatischer Natur? Eine Herzneurose oder Herzphobie kann sich anfühlen wie eine Herzerkrankung – aber die Psyche spielt hier eine große Rolle.

Hinter Symptomen wie Herzstolpern und Schmerzen in der Brust muss nicht zwangsläufig eine Herzerkrankung stecken. Auch psychische Faktoren können dafür verantwortlich sein.

Die Herzneurose wird auch Herzphobie oder Herzangstsyndrom genannt. Der Arzt spricht von einem funktionellen, kardiovaskulären Syndrom. Dabei handelt es sich um eine psychologisch-psychosomatische Erkrankung, bei der die Betroffenen, trotz organisch völlig gesundem Herzen, typische Symptome einer Herzerkrankung oder eines Herzinfarkts verspüren. Die Herzphobie gilt als zweithäufigste psychosomatische Erkrankung.

Die Symptome der Herzneurose entstehen durch Angst

Herzbeschwerden wie Pulsrasen, Herzstolpern, Brustschmerzen, Brustenge und Atemnot sollten grundsätzlich immer sehr ernst genommen werden. Denn Herzerkrankungen, wie ein Herzinfarkt, können lebensbedrohlich sein und müssen deshalb immer medizinisch abgeklärt werden. Wenn aber für die Beschwerden, trotz eingehender medizinischer Untersuchungen, keine körperlichen Ursachen ermittelt werden können, kann eine Herzneurose oder auch Herzphobie hinter den Beschwerden stecken.

Das Herz selbst ist bei einer Herzphobie oder Herzneurose völlig gesund. Anfallsartige Panikattacken lösen jedoch körperlich spürbare Symptome aus, die einer echten Herzerkrankung sehr ähnlich sein können. Betroffene sind deshalb überzeugt davon herzkrank zu sein und leben in der ständigen Angst davor einen Herzinfarkt oder gar den Herztod zu erleiden, was die Krankheit immer wieder neu befeuert.

Körperliche Symptome, die bei einer Herzphobie häufig auftreten:

  • anfallsartige Herzbeschwerden
  • Pulsrasen, Herzrasen
  • Blutdruckanstieg
  • Zittern und starke Erschöpfung
  • Schweißausbrüche
  • Herzstolpern
  • Engegefühl in der Brust
  • Atemnot
  • innere Unruhe
  • Schmerzen, Stiche und Brennen in der Herzgegend, die (ähnlich, wie bei einem Herzinfarkt) in den linken Arm ausstrahlen
  • Kopfschmerzen
  • zu schnelles Atmen (Hyperventilieren)

Herzphobie ist weit verbreitet

Etwa 100.000 Menschen leiden in Deutschland an einer Herzphobie. Männer im jüngeren bis mittleren Alter sind häufiger betroffen als Frauen. Die Dunkelziffer dürfte aber noch weit höher liegen. Experten gehen davon aus, dass über ein Drittel aller Patienten in kardiologischen Praxen an einer Herzphobie leidet. Bei Herz-Notfallpatienten wird sogar von einem Anteil von bis zu 60 Prozent ausgegangen. Denn für Betroffene sind die auftretenden Beschwerden sehr real und werden oft als lebensbedrohlich empfunden, auch wenn bei körperlichen Untersuchungen keine organischen Ursachen dafür gefunden werden können.

Herzphobie bestimmt den Alltag

Da Menschen mit Herzphobie überzeugt davon sind schwer herzkrank zu sein, schonen sie sich in der Regel extrem und trauen sich weder Sport zu machen, noch sich anderweitig körperlich zu betätigen. Dadurch nimmt die körperliche Belastbarkeit immer weiter ab und die Beschwerden treten bei immer geringerer Belastung auf.

Herzneurotiker beschäftigen sich schon fast zwanghaft mit dem Thema Herzerkrankungen oder aber lehnen jegliche Information darüber komplett ab. Im Zentrum stehen die Beobachtung und Kontrolle des eigenen Körpers. Dabei haben sie insbesondere die Funktion und Tätigkeit des Herzens ständig im Blick. Blutdruck- und Pulskontrollen sind an der Tagesordnung.

Aus Angst vor einem Herzinfarkt bevorzugen Betroffene den Aufenthalt in den eigenen vier Wänden, da sie sich dort besonders sicher fühlen. Das führt nach und nach immer weiter in die soziale Isolation. Wenn Herzphobie-Patienten doch nach draußen müssen, prüfen sie genau inwieweit sich medizinische Notfalleinrichtungen in der Nähe befinden und wünschen oft eine Begleitperson.

Arztbesuche häufen sich

Herzneurotiker gehen sehr häufig zum Arzt, um eine medizinische Bestätigung für ihre Beschwerden zu bekommen. Kann nichts gefunden werden, drängen sie auf immer aufwendigere Untersuchungen. Wird auch hier keine organische Ursache ausgemacht, wechseln sie meist den Arzt, da sie der festen Auffassung sind, dass der Mediziner etwas übersehen haben muss. Viele haben eine regelrechte Ärzteodyssee hinter sich. Auch wird überdurchschnittlich häufig der Notarzt alarmiert.

Typische Verhaltensweisen, die für eine Herzphobie sprechen können:

  • ständige Arztbesuche
  • häufige Arztwechsel
  • Drängen auf immer aufwendigere medizinische Untersuchungen
  • auffällige körperliche Schonung
  • häufige Puls- und Blutdruckkontrollen
  • Angst das Haus zu verlassen
  • zunehmender sozialer Rückzug
  • häufige Notarztrufe
  • Ursachen der Herzphobie sind meist unbewusste Ängste

Das Herz als "Bewältigungshelfer"

Die Herzphobie oder Herzneurose ist eine psychologisch-psychosomatische Angsterkrankung und hat in der Regel psychische Ursachen. Auslöser sind meist unbewusste Ängste, mit denen der Betroffene nicht umgehen kann. Dieser innere Konflikt wird dann zur leichteren Bewältigung auf das Herz übertragen. Diese Ursachen können zu einer Herzneurose führen:

  • Auslöser für die Herzphobie sind häufig der Tod oder die Trennung von einem besonders nahestehenden Menschen.
  • Es können aber auch andere Konflikte und Ängste, zum Beispiel am Arbeitsplatz oder im Alltag, dahinterstecken.
  • Betroffene haben im direkten Umfeld meist Personen kennengelernt, die an einer Herzerkrankung leiden oder sogar daran gestorben sind. Der ängstliche Umgang mit dem Herzen ist ihnen also vertraut.
  • Auch kann sich eine Herzneurose bei Menschen als Folge entwickeln, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben und extrem große Angst haben einen erneuten Infarkt zu erleiden.
  • Darüber hinaus kann eine Herzphobie auch im Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen, wie Depressionen oder anderen Angststörungen, auftreten.

Die Herzneurose darf aber nicht mit einem tatsächlichen Herzinfarkt durch emotionalen Stress oder dem Broken-Heart-Syndrom verwechselt werden – könnte aber möglicherweise dazu führen.

Behandlung: So lässt sich die Herzphobie besiegen

Bei der Therapie der Herzneurose oder Herzphobie geht es vor allem darum, den Betroffenen sanft davon zu überzeugen, dass für die erlebten Beschwerden keine Erkrankungen des Herzens oder andere organische Ursachen verantwortlich sind, sondern nicht verarbeitete Ängste für die erlebten Beschwerden verantwortlich sind. Gleichzeitig geht es darum das Zutrauen in die Belastbarkeit des eigenen Körpers, und vor allem die des Herzens, wiederherzustellen.

Um das zu erreichen ist in der Regel eine Psychotherapie nötig, in der die auslösenden Faktoren ermittelt werden und alternative Strategien zur Bewältigung der unbewussten Ängste erarbeitet werden.

Um die Beschwerden zu lindern, können Entspannungstechniken, wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung eingesetzt werden. Vorübergehend können auch bestimmte Medikamente gegeben werden. Begleitend sollte darüber hinaus möglichst immer auch eine gezielte Bewegungstherapie erfolgen, bei der die Intensität der Übungen nach und nach gesteigert wird.

Betroffene lernen dadurch nach und nach wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu fassen und können im geschützten Raum die Erfahrung machen, dass körperliche Anstrengung ihrem Körper keinen Schaden zufügt.

Selbsthilfe: Was Sie bei Herzphobie selbst tun können

Neben einer gezielten Verhaltenstherapie können Sie selbst einige Dinge tun, um den Heilungsprozess zu fördern:

Vielen hilft es sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Im Internet gibt es dazu eine ganze Reihe an speziellen Plattformen von Betroffenen zum Thema Herzneurose, die auch Foren anbieten, wie zum Beispiel:

Wer sich lieber persönlich mit anderen in einer Selbsthilfegruppe trifft, der kann sich zum Beispiel an Selbsthilfeorganisationen, wie die Deutsche Angstselbsthilfe wenden, die solche Treffen zum Beispiel in München anbietet, aber auch Adressen von Selbsthilfegruppen an anderen Wohnorten vermittelt.

Obwohl die Herzphobie zu den besonders häufigen psychosomatischen Störungen gehört, ist sie noch vergleichsweise wenig erforscht. Einen guten Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Stand mit ausführlichen Informationen und hilfreichen Tipps zum Thema, bietet zum Beispiel das Buch "Herzneurose" der beiden Fachautoren Horst-Eberhard Richter und Dieter Beckmann, das auch für medizinische Laien gut verständlich ist.

Mehr zum Thema Herz-Kreislauf lesen Sie auf unserer Themenseite nach.

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