06.10.2018 - 16:01

Schüttellähmung Parkinson-Behandlung: Welche Möglichkeiten gibt es?

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Die Physiotherapie im Rahmen der Parkinson-Behandlung ist ein wesentlicher Bestandteil, um beispielsweise das Gleichgewicht zu stärken.

Foto: iStock/KatarzynaBialasiewicz

Die Physiotherapie im Rahmen der Parkinson-Behandlung ist ein wesentlicher Bestandteil, um beispielsweise das Gleichgewicht zu stärken.

Von Tabletten über Physiotherapie bis zur Hirnstimulation: Die Parkinson-Behandlung ist auf verschiedene Arten möglich. Was Betroffene wissen müssen.

Kabarettist Ottfried Fischer erhielt 2008 die Diagnose, Hollywood-Star Michael J. Fox leidet seit seinem 30. Lebensjahr daran – und auch Trainerlegende Udo Lattek ist betroffen: die Rede ist von Morbus Parkinson (kurz: Parkinson, umgangssprachlich: Schüttellähmung), einer chronischen Erkrankung des zentralen Nervensystems, die auf einen Mangel des Botenstoffs Dopamin zurückgeführt wird.

Obwohl in der Parkinson-Behandlung in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt wurden, gilt die Krankheit bislang als unheilbar. Dank verschiedener Therapieansätze lassen sich die Symptome aber deutlich lindern. Gut eingestellte und versorgte Parkinson-Patienten mit einem aktiven, ausgewogenen Lebensstil haben heute eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie gesunde Menschen.

Vor der Parkinson-Behandlung – typisches Symptom: Zittern

Dopamin steuert gemeinsam mit anderen Botenstoffen unsere Bewegungsabläufe im Gehirn. Ein Mangel führt dazu, dass Nervenzellen im Gehirn absterben. Klassische Parkinson-Symptome im fortgeschrittenen Stadium sind Zittern (Tremor), Muskelsteife (Rigor), verlangsamte Bewegungen (Bradykinese) sowie gestörte Halte- und Stellreflexe (posturale Instabilität).

Weil Parkinson normalerweise in höherem Alter auftritt, wird es in Deutschland aufgrund der steigenden Lebenserwartung immer häufiger diagnostiziert. Weltweit gilt Morbus Parkinson als die am schnellsten zunehmende neurologische Krankheit. Männer sind häufiger betroffen als Frauen: Auf zwei Frauen mit Parkinson kommen drei erkrankte Männer.

Oberstes Ziel der Parkinson-Behandlung ist es, die Selbstständigkeit des Patienten zu erhalten und seine Lebensqualität auf hohem Niveau zu erhalten. Auch Begleiterkrankungen und Komplikationen (wie Schmerzen, Stürze oder Skelettveränderungen) können durch eine auf den Patienten abgestimmte Parkinson-Behandlung vermieden oder zumindest abgemildert werden.

Laut der aktuellen Leitlinien für Diagnostik und Therapie von Parkinson sollte eine Behandlung von Parkinson "rechtzeitig, altersgerecht und effizient" gestartet werden. Problematisch dabei ist, dass sich Parkinson erst spät durch eindeutige Parkinson-Symptome bemerkbar macht, sodass oft bereits ein großer Teil der betroffenen Nervenzellen im Gehirn abgestorben ist, wenn die Diagnose erfolgt.

Parkinson-Behandlung mit Medikamenten: Levodopa

Die Behandlung von Parkinson beginnt meist mit dem Einsatz von Medikamenten, deren Zusammenstellung abhängig von Krankheitsstadium, Alter, Beschwerdebild und gesundheitlichem Allgemeinzustand des Betroffenen ist. Ziel ist es, die Dopamin-Konzentration in den Basalzellen des Großhirns zu erhöhen.

Als wirksamstes und bekanntestes Mittel dafür gilt Levodopa (L-Dopa), das vom Körper in Dopamin umgewandelt wird und im Gegensatz zu dem Botenstoff selbst die sogenannte Blut-Hirn-Schranke überwinden kann – also auch im Gehirn ankommt. Im Frühstadium von Parkinson kann durch die Behandlung mit Levodopa eine annähernde Symptomfreiheit erzielt werden. Die Tabletten werden generell in Kombination mit einem sogenannten Decarboxylasehemmer (in der Regel Carbidopa oder Benserazid) verabreicht, der dafür sorgt, dass Levodopa erst im Gehirn in Dopamin umgewandelt wird: Auf diesem Weg wirkt Levodopa besser – und Nebenwirkungen wie Übelkeit können verringert werden.

Die Gabe von Levodopa kann auf Dauer zu unerwünschten Begleiterscheinungen wie unkontrollierten Bewegungen und Zuckungen (Dyskinesien) führen. Gegebenenfalls können solche Beschwerden durch den Einsatz einer Dopamin-Pumpe gelindert werden, die die Wirkstoffe regelmäßig und in kleinen Dosen in den Dünndarm abgibt.

Medikament-Alternative Dopamin-Agonisten

Bei Patienten unter 70 Jahren wird die Parkinson-Behandlung mit Levodopa aufgrund der beschriebenen Nebenwirkungen vermieden. Dann kommt in der Regel eine andere, schwächere Wirkstoffgruppe zum Einsatz: die sogenannten Dopamin-Agonisten (zum Beispiel Pramipexol, Lisurid und Ropinirol), die das noch im Organismus vorhandene Dopamin in seiner Wirkung verstärken können.

Neuere Generationen von Dopamin-Agonisten (wie retardiertes Pramipexol oder retardiertes Ropinol) müssen nur einmal täglich eingenommen werden. Zudem gibt es heute Hautpflaster mit Dopamin-Agonisten, die für eine kontinuierliche Abgabe des Wirkstoffs sorgen.

Der Dopamin-Agonist Apomorphin hingegen wird per Infusion verabreicht. Die erste kontrollierte Studie mit 107 Probanden über den Einsatz von Apomorphin wurde 2016 veröffentlicht: Parkinson-Patienten aus sieben Ländern hatten über einen Zeitraum von zwölf Wochen entsprechende Infusionen erhalten. In der Kontrollgruppe wurde Kochsalzlösung verabreicht (Placebo). Nach Aussage der Studienleiterin Regina Katzenschlager aus Wien verkürzte Apomorphin bei Parkinson-Patienten die Phasen mit motorischer Einschränkung (Off-Phasen) deutlich.

Zusätzlich zu den bereits genannten gibt es viele weitere Medikamententypen mit unterschiedlichen Wirkansätzen gegen Parkinson(-Symptome), die nach Bedarf auch miteinander kombiniert werden können, zum Beispiel:

  • MAO-B-Hemmer (Selegilin, Rasagilin), die den Abbau von Dopamin aufhalten sollen und damit unter Umständen sogar das Fortschreiten der Parkinson-Erkrankung verlangsamen
  • COMT-Inhibitoren (Entacapon, Tolcapon), die Wirkungsschwankungen von Dopamin verringern
  • NMDA-Antagonisten (Amantadin, Budipin), die dem Ungleichgewicht der Botenstoffe entgegenwirken
  • Anticholinergika (Biperiden, Bornaprin), die das typische Zittern verringern

Die medikamentöse Einstellung in der Behandlung von Parkinson-Patienten ist sehr anspruchsvoll, weil jeder Organismus anders auf die Wirkstoffe reagiert. Außerdem gilt: Je weiter die Erkrankung fortgeschritten ist, desto komplexer die Behandlung bei Parkinson. Mit den Jahren schlagen Medikamente teilweise nicht mehr so gut an und/oder Komplikationen verdichten sich. Fachärzte raten dann meist zu einer Kombination aus medikamentösen und funktionellen Therapien.

Parkinson-Behandlung mittels Tiefer Hirnstimulation

In den vergangenen 25 Jahren hat sich ein operatives Verfahren gegen Parkinson etabliert: die Tiefe Hirnstimulation (THS) – auch Deep Brain Stimulation (DBS) genannt. Sie basiert auf der Entdeckung, dass sich in einigen Gehirnarealen von Parkinson-Erkrankten krankhafte elektrische Aktivitäten messen lassen, die für die klassischen Parkinson-Symptome verantwortlich gemacht werden.

Bei der THS werden dem Patienten in einem ersten Schritt im Wachzustand feine Sonden in die betroffenen Bereiche des Gehirns eingeführt. Später bekommt er unter Vollnarkose einen sogenannten Neurostimulator (ähnlich einem Herzschrittmacher) unter die Haut im Brust- beziehungsweise Oberbauchbereich gesetzt, der über die Sonden stimulierende Impulse ins Gehirn sendet. Die elektrischen Impulse aktivieren dort Areale, die für Bewegungsabläufe zuständig sind. Ein Programmiergerät erlaubt es Ärzten und Patienten, verschiedene Stimulationsstärken und -richtungen einzustellen.

Voraussetzung für die Tiefe Hirnstimulation ist ein guter gesundheitlicher Allgemeinzustand, deshalb wird das Verfahren eher bei jüngeren Parkinson-Patienten eingesetzt. Oft lassen sich typische Parkinson-Symptome wie Zittern damit verringern. Durch die Behandlung werden zum Teil zusätzliche Verbesserungen wie eine aufrechtere Haltung, eine deutlichere Sprache und lebhaftere Gesichtszüge beobachtet. Auch die Schlafqualität kann profitieren, weil der Körper durch die elektrischen Impulse in der Nacht entspannter ist.

Nebenwirkungen der Behandlung

Nebenwirkungen der Tiefen Hirnstimulation im Rahmen der Parkinson-Behandlung können zum Beispiel Sprachstörungen, Benommenheitsgefühle und Probleme mit der Beweglichkeit der Augen sein, die bereits durch eine ganz leichte Fehlleitung der elektrischen Impulse zustande kommen. Neue Neurostimulationssysteme sollen diese Nebenwirkungen reduzieren, indem sie Gehirnareale noch gezielter ansprechen. Während der operativen Sondenplatzierung können in seltenen Fällen Nebenwirkungen wie Hirnblutungen auftreten. Wichtig zu wissen: Ebenso wie die meisten Medikamente kann die Tiefe Hirnstimulation das Fortschreiten von Parkinson nicht aufhalten oder verlangsamen, sondern ist vorrangig dafür entwickelt, die Lebensqualität von Betroffenen zu verbessern.

Weltweit wurden bislang etwa 100.000 Parkinson-Patienten mithilfe der Tiefen Hirnstimulation behandelt. Die Indikation für den Eingriff stellt in der Regel ein auf THS spezialisiertes Zentrum. Eine Tiefe Hirnstimulation kann vor allem dann eine Überlegung wert sein, wenn eine Parkinson-Behandlung mit Medikamenten nicht wie gewünscht anschlägt. Sie sollte möglichst frühzeitig zum Einsatz kommen.

Vor- und Nachteile der Parkinson-Behandlung mittels Tiefer Hirnstimulation

Laut Parkinson-Leitlinien müssen die Vor- und Nachteile der Tiefen Hirnstimulation gründlich gegeneinander abgewogen werden. In verschiedenen Studien wurden als häufiger auftretende Komplikationen beispielsweise Infektionen des Stimulatorsystems festgestellt. Außerdem kam es bei einem Teil der operierten Patienten zu Nebenwirkungen wie Depressionen und Apathie – was aber auch auf die Reduktion der Parkinson-Medikamente zurückgeführt wird. In allen wissenschaftlichen Untersuchungen zur Tiefen Hirnstimulation wurden bei einem Teil der therapierten Parkinson-Patienten Einschränkungen der Wortflüssigkeit und des Arbeitsgedächtnisses festgestellt.

Physiotherapie im Rahmen der Parkinson-Behandlung

Die Bewegungstherapie unter Anleitung von Krankengymnasten (Physiotherapie) ist ein wichtiger Baustein der Parkinson-Behandlung und eine gute Ergänzung zu anderen Therapien. Trainiert, erhalten oder verbessert werden sollen dabei unter anderem:

  • Gleichgewicht
  • Körperstabilität
  • Kraft
  • Beweglichkeit
  • Reaktionsfähigkeit
  • Motorik
  • Gang und Mobilität
  • Selbstständigkeit im Alltag
  • Sauerstoffaufnahme

Auch bei Parkinson im fortgeschrittenen Stadium kann gezielte und regelmäßige Physiotherapie ein Versteifen der Gelenke verhindern und die allgemeine fördern. Unter psychisch-sozialen Gesichtspunkten ist besonders ein Training in der Gruppe sinnvoll. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Parkinson-Patienten, die früh mit der physiotherapeutischen Behandlung starten im Verlauf der Erkrankung niedrigere Medikamenten-Dosen benötigen.

Logopädie als Bestandteil der Parkinson-Behandlung

Sprechstörungen sind eine häufige Folge von Morbus Parkinson im fortgeschrittenen Stadium. Die Sprechtherapie unter Anleitung eines ausgebildeten und spezialisierten Logopäden kann hier entgegenwirken. Trainiert werden dabei zum Beispiel:

  • Atemtechnik
  • Aussprache
  • Stimmvolumen
  • sprachliche Verständigung

Behandlung von Parkinson-Begleiterscheinungen mit psychotherapeutischen Maßnahmen

Egal, in welchem Alter Parkinson auftritt: Die Diagnose ist ein schwerer Schock. Betroffene und ihre Angehörigen sollten frühzeitig . Viele Parkinson-Patienten erkranken an Depressionen oder Psychosen. In diesem Fall können medikamentöse und/oder psychotherapeutische Maßnahmen notwendig werden.

Selbsthilfegruppen für Parkinson-Erkrankte und ihre Angehörigen bieten die Möglichkeit, sich zu informieren und mit anderen Betroffenen und spezialisierten Ärzten auszutauschen. Adressen und unabhängige Informationen bietet zum Beispiel der Bundesverband der Deutschen Parkinson-Vereinigung.

Parkinson-Behandlung der Zukunft: Antikörper-Therapie und Stammzell-Transplantation

Wissenschaftler und Ärzte arbeiten an neuen Behandlungsmöglichkeiten für Parkinson, die nicht nur die Symptome, sondern auch den Krankheitsverlauf beeinflussen können. Weil man heute weiß, dass an Parkinson erkrankte Nervenzellen andere Nervenzellen "anstecken" können, könnte es in Zukunft beispielsweise eine Art Impfstoff geben, der ein Ausbreiten von Parkinson im Körper mithilfe von Antikörpern verhindert (Antikörper-Therapie). Erste Studien dazu laufen.

Die Transplantation von Stammzellen (zum Beispiel aus dem Knochenmark der Patienten) ins Gehirn gilt als ein weiterer zukunftsträchtiger Behandlungsansatz im Kampf gegen Parkinson: So sollen abgestorbene Nervenzellen durch neue ersetzt werden. Auch wenn es bereits private Institutionen gibt, die (teure) Stammzelltransplantationen für Parkinson-Patienten anbieten: Noch ist unklar, ob sie wirklich funktionieren oder vielleicht sogar negative Auswirkungen haben. Bis gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Stammzell-Behandlung gegen Parkinson vorliegen, rät die Deutsche Gesellschaft für Neurologie deshalb von der Methode ab.

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