24.08.2018

Tonsillektomie Mandeln entfernen: OP sinnvoll und welche Folgen hat sie?

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Die Mandeln gelten als erste Wächter vor Viren- und Bakterienattacken. An ihnen muss alles vorbei, was Sie einatmen und über den Mund aufnehmen. Nichtsdestotrotz gibt es einige Gründe, die Mandeln entfernen zu lassen.

Foto: imago/Westend61

Die Mandeln gelten als erste Wächter vor Viren- und Bakterienattacken. An ihnen muss alles vorbei, was Sie einatmen und über den Mund aufnehmen. Nichtsdestotrotz gibt es einige Gründe, die Mandeln entfernen zu lassen.

Mandeln entfernen ist einer der häufigsten Eingriffe in Deutschland. Doch was genau sind eigentlich die Mandeln, welche Funktion haben sie und wann ist es sinnvoll, Mandeln entfernen oder verkleinern zu lassen?

Der Mund-Nasen-Rachenraum ist die Haupteintrittspforte unseres Körpers. Damit Viren, Bakterien, Parasiten und Pilze aus Atemluft und Nahrung nicht ungefiltert in den Organismus gelangen können, befinden sich hier wichtige Schutzbarrieren und Frühwarnsysteme: die Mandeln, die aus lymphatischem Gewebe bestehen und zum körpereigenen Abwehrsystem gehören. Aus bestimmten medizinischen Gründen muss man manchmal die Mandeln entfernen lassen.

Allgemein bekannt sind die Gaumenmandeln (Tonsillae palatinae), welche in der Regel mit dem umgangssprachlichen Begriff Mandeln gemeint sind, und die Rachenmandel (Tonsilla pharyngica). Die Gaumenmandeln, die durch den Mund eindringende Erreger abwehren, liegen rechts und links vom Gaumenzäpfchen und sind dort gut zu sehen. Die Rachenmandel hingegen liegt versteckt oberhalb des Zäpfchens hinter der Nase und bekämpft durch die Nase eindringende Keime. Zusammen mit den außerdem vorhandenen Zungen- und Tubenmandeln bilden Gaumenmandeln und Rachenmandel den lymphatischen Rachenring.

Häufige Mandelentzündungen: Grund, Mandeln entfernen zu lassen

Unsere Gaumenmandeln fangen mit ihrer zerfurchten Oberfläche Krankheitserreger ab und machen diese unter anderem mit speziellen Antikörpern unschädlich. Allerdings können auch die Mandeln selbst zu einem Problem werden: Eine Mandelentzündung (Tonsillitis, Angina) wird in 80 Prozent aller Fälle durch Viren ausgelöst, geht mit Erkältungssymptomen wie Halsschmerzen und Schnupfen einher und klingt nach einigen Tagen von allein wieder ab.

Bilden die geschwollenen und geröteten Gaumenmandeln allerdings zusätzlich einen weiß-gelblichen Belag aus, spricht man von einer eitrigen Mandelentzündung. Die Erkrankung wird durch Bakterien, meist Streptokokken, ausgelöst. Mandelentzündungen werden über Tröpfcheninfektionen beim Sprechen oder Niesen übertragen und bei eitriger Ausprägung meist antibiotisch behandelt.

Sind Mandeln häufiger als dreimal im Jahr bakteriell bedingt entzündet, kann das den Organismus schwächen – man spricht in diesem Fall von einer chronischen Mandelentzündung. Diese kann dazu führen, dass das Gewebe der Mandeln vernarbt, seine Struktur verändert und man die Mandeln entfernen lassen muss. Weil die ständigen Infektionsherde streuen können, wird eine chronische Tonsillitis außerdem mit verschiedenen Herz-, Nieren- und Gelenkerkrankungen in Verbindung gebracht. Solche gesundheitlichen Folgen sind ebenfalls ein Grund, die Mandeln entfernen zu lassen.

Wann Mandeln entfernen?

Eine Mandeloperation wird in der Regel aus den folgenden Gründen durchgeführt:

  • die Gaumenmandeln sind dauerhaft stark vergrößert und erschweren deshalb das Atmen
  • die Mandeln sind chronisch entzündet, aber die medikamentöse Therapie versagt
  • im angrenzenden Gewebe befinden sich behandlungsresistente Eiteransammlungen
  • eine eitrige Mandelentzündung löst über einen Abszess eine Blutvergiftung (Sepsis) aus
  • es besteht ein Verdacht auf eine bösartige Veränderung einer oder beider Gaumenmandeln
  • es besteht Verdacht auf Herdbildung, also Bakterien streuen von den Mandeln aus in andere Gewebe und Organe
  • rheumatisches Fieber oder andere schwerwiegende Folgeerkrankungen treten auf, die auf die chronisch entzündete Mandeln zurückzuführen sind

Es gibt zwei Varianten der Mandeloperation: Zum einen kann das Gewebe der Gaumenmandeln vollständig entfernt werden (Tonsillektomie), zum anderen besteht die Möglichkeit einer teilweisen chirurgischen Abtragung (Tonsillotomie).

Tonsillektomie bei Erwachsenen: Wann vollständiges Mandeln entfernen sinnvoll sein kann

Laut der aktuellen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie ist eine vollständige Entfernung der Gaumenmandeln nur dann eine Option, wenn in den vergangenen zwölf Monaten sechs oder mehr eitrige Mandelentzündungen ärztlich diagnostiziert und mit Antibiotika therapiert wurden.

Eine Tonsillektomie bei Erwachsenen oder älteren Jugendlichen kann zum Beispiel mithilfe von Skalpell, Radiofrequenz-Ablation, Ultraschall- oder Laserverfahren vorgenommen werden, dauert etwa 30 Minuten und findet fast immer unter Vollnarkose statt. Damit Komplikationen schnell erkannt und behandelt werden können, erfolgt die operative Entfernung der Gaumenmandeln in der Regel stationär. Die meisten Patienten bleiben für zwei bis acht Tage in der Klinik.

Früher wurden die Mandeln sehr häufig und teilweise sogar vorbeugend entfernt. Heute weiß man mehr über ihre wichtige Immunfunktion und Mediziner sind wesentlich zurückhaltender mit OP-Empfehlungen.

Hat Mandeln entfernen Folgen? Studie zu Adenotomie und Tonsillektomie bei Kindern

Aufsehen erregte eine große Bevölkerungsstudie zum Mandeln entfernen, die im Juli 2018 in der Fachzeitschrift "JAMA Otolaryngology – Head and Neck Surgery" veröffentlicht wurde: Ein Forscherteam hatte die Krankheitsdaten aller Däninnen und Dänen der Geburtsjahrgänge 1979 bis 1999 ausgewertet. 11.830 davon waren vor ihrem zehnten Geburtstag die Gaumenmandeln, 17.460 die Rachenmandel und 31.377 Gaumenmandeln und Rachenmandel gleichzeitig entfernt worden (Adenotonsillektomie).

Mandeln entfernen: Nachteile, aber auch positive Effekte

Bei der Datenanalyse stellten die Wissenschaftler fest, dass das Mandeln entfernen (Adenotomie und Tonsillektomie) bei Kindern langfristig zu einem signifikant erhöhten relativen Risiko für spätere Atemwegs-, Allergie- und Infektionserkrankungen führte. Nach einer Tonsillektomie litten die Patienten in den kommenden Jahrzehnten zum Beispiel fast dreimal so häufig an einer Erkrankung der oberen Atemwege.

Allerdings belegte die Studie ebenfalls positive Effekte der Eingriffe: Durch die Operationen reduzierte sich die Rate der Mandelentzündungen – ebenso wie die der Schlafprobleme, weil das Atmen erleichtert wurde. Nasennebenhöhlen- und Mittelohrentzündungen jedoch traten bei operierten und nicht-operierten Menschen nach dem Mandeln entfernen im weiteren Verlauf etwa gleich häufig auf.

Da chronisch kranke und operierte Kinder in der Regel häufiger einem Facharzt vorgestellt werden, der dann entsprechende Erkrankungen diagnostizieren und dokumentieren kann, ist eine Verzerrung der Studienergebnisse möglich. Eindeutige Aussagen lassen sich deshalb bislang nicht formulieren. Ärzte sollten nach Meinung der Studienautoren immer auch langfristige Risiken berücksichtigen, wenn sie Entscheidungen zum Mandeln entfernen (Adenotomie, Adenotonsillektomie und Tonsillektomie) bei Kindern treffen.

Tonsillotomie bei Kindern: Wann ist die Teilentfernung der Mandeln sinnvoll?

Weil Mandeln für die Bildung der Abwehrkräfte und die Reifung des Immunsystems in den ersten sechs Lebensjahren enorm wichtig und bei Vorschulkindern die Operationsrisiken bei einer vollständigen Gaumenmandelentfernung erhöht sind, wird bei Kindern in diesem Alter nur noch in Ausnahmefällen eine Tonsillektomie durchführt. Hat ein Kind chronisch vergrößerte Mandeln, die das Atmen, Schlucken, Essen und Sprechen erschweren, trägt man in der Regel nur einen Teil des Tonsillengewebes ab. Bei Erwachsenen gelingt eine Teilentfernung meist nicht, weil die Mandeln mit dem Alter unbeweglicher werden.

Eine teilweise Entfernung der Gaumenmandeln ist laut der oben genannten Leitlinie eine Therapieoption, wenn die Mandeln zwar akut kein chronischer Entzündungsherd sind, aber in den vergangenen zwölf Monaten sechs oder mehr eitrige Mandelentzündungen diagnostiziert und mit hoch dosierten Antibiotika therapiert wurden. Außerdem empfehlen viele Fachärzte eine Tonsillotomie, wenn die Gaumenmandeln eine kritische Größe erreichen und die Atmung deutlich behindern.

Eine Tonsillotomie wird zum Beispiel mittels Radiofrequenzverfahren vorgenommen, dauert etwa 20 Minuten und findet unter Teil- oder Vollnarkose statt. Da es seltener als bei der vollständigen Entfernung der Gaumenmandeln zu Komplikationen kommt, werden viele Tonsillotomien auch ambulant durchgeführt.

Tonsillotomie und Tonsillektomie: Nachblutung größtes Risiko

Solange die Wunden vom Mandeln entfernen nicht vollständig verheilt sind, kann es zu Nachblutungen kommen – zum Beispiel durch das Aufplatzen eines Blutgefäßes oder wenn sich die Wundbeläge ablösen. Blutet die Wunde am Operationstag oder einen Tag danach, spricht man von Frühblutungen. Zur Vorbeugung sollten Patienten nach dem Eingriff kalte Getränke und Speisen zu sich nehmen.

Häufiger treten nach Tonsillotomie oder Tonsillektomie Nachblutungen erst zwischen dem fünften und achten Tag auf (Spätblutungen). Um Tonsillotomie- oder Tonsillektomie-Nachblutungen zu verhindern, ist Schonung in den ersten 14 Tagen (bei Kindern: 21 Tagen) nach dem Mandeln entfernen Pflicht: Sport, schweres Heben, heißes Baden oder Duschen, Kopf nach unten hängen lassen sollten vermieden werden. Acetylsalicylsäurehaltige Medikamente, aber auch bestimmte Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac können Blutungen begünstigen und sind nach einer Mandel-OP tabu. Ein vorheriger Schmerzmittel-Vergleich sollte gemacht werden. Operierte Kinder dürfen in den drei Wochen nach dem Eingriff nicht allein gelassen werden.

Ärzte lassen seltener Mandeln entfernen

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ging die Zahl der Tonsillektomien in Deutschland von 77.765 im Jahr 2005 auf 58.955 im Jahr 2013 kontinuierlich zurück. Besonders häufig lassen Ärzte bei Grundschulkindern und Teenagern die Mandeln entfernen. Allerdings gibt es laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2013 regionale Unterschiede, die medizinisch nicht zu erklären sind. Ob zum Mandeln entfernen geraten wird, hängt also auch von der persönlichen Einstellung der Ärzte ab. Außerdem spielt der Wohnort eine Rolle: Patienten, die in der Nähe einer HNO-Klinik lebten, ließen sich signifikant häufiger die Mandeln entfernen.

Übrigens ist die Mandelentzündung nicht die einzige Entzündung im Mund – was Sie bei Erkrankungen wie Mundsoor, Mundfäule oder der Hand-Fuß-Mund-Krankheit beachten sollten, können Sie auch bei uns nachlesen.

Viele weitere Infos zum Thema Halsschmerzen können Sie auf unserer Themenseite nachlesen.

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