21.06.2018

Andere Länder machen es vor Pro und Contra: Brauchen wir eine Zuckersteuer?

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Softdrinks beinhalten in der Regel jede Menge Zucker und stehen daher immer wieder in der Kritik.

Foto: iStock/piotr_malczyk

Softdrinks beinhalten in der Regel jede Menge Zucker und stehen daher immer wieder in der Kritik.

Zu viel Süßes macht dick und krank. Wie sinnvoll es wäre, deshalb die Preise für Limo und Snacks zu erhöhen, wie zum Beispiel in Frankreich, Mexiko oder Großbritannien bereits geschehen, diskutieren hier Experten.

Weil zu viel Zucker krank machen kann, fordern immer mehr Ärzte eine besondere Besteuerung von zuckerhaltigen Getränken und Süßigkeiten. Eine solche Abgabe wurde zum Beispiel in Großbritannien im vergangenen April eingeführt. Doch ist die sogenannte Zuckersteuer überhaupt sinnvoll? Oder handelt sich dabei nur um reine Symbolpolitik? Wir haben sechs Experten zu ihrer Meinung befragt.

Zuckersteuer: Pro und Contra

Diese Experten sind für die Zuckersteuer

Marianne Koch, Schauspielerin, Internistin und Autorin von "Das Vorsorge-Buch":

„Wichtig ist, dass man sich bewusst macht, wie viel Zucker in Limonaden, gesüßten Säften und Fruchtjoghurts steckt. Und dass man vor allem Kinder in den ersten Lebensjahren nicht an zuckerhaltiges Essen und Trinken, sondern an Gemüse und naturbelassenes Obst gewöhnt. Ich finde es sehr richtig, dass in England jetzt eine Steuer auf hochzuckrige Getränke erhoben wird. Die Reaktion der Industrie, die schleunigst den Zuckergehalt von Limos und Colas heruntersetzte, zeigt, dass diese Methode auch bei uns Schule machen könnte."

Armin Valet, Verbraucherzentrale Hamburg:

„Vor allem bei Kindern ist Übergewicht ein großes Problem. Kein Wunder, wenn eineinhalb Liter Softgetränk im Supermarkt gerade mal 39 Cent kosten. Dafür bekommt man im selben Laden nicht mal einen Apfel! Deshalb finden wir, dass es Zeit wird, die Industrie in die Pflicht zu nehmen: Mit einer Ampelkennzeichnung oder eben einer Zuckersteuer.

Denn für den Verbraucher sind die Etiketten schwer verständlich: Sind 10 Gramm Zucker pro 100 Gramm nun viel oder wenig? Außerdem gibt es 70 verschiedene Namen für Zucker. Wer steigt da noch durch?"

Eine der größten Herausforderungen für Verbraucher ist es, die vielen versteckten Zuckerarten in Lebensmitteln zu erkennen. Wir bringen Licht ins Dunkel!

Claudia Berkowitz, Mama von zwei Kindern (8 u. 5 Jahre):

„Es kann doch nicht sein, dass ein Glas Cola in manchen Restaurants günstiger ist als Mineralwasser. Eltern werden erst aufhören, zuckerhaltige Getränke zu kaufen, wenn sie dafür tiefer in die Tasche greifen müssen. Es ist doch so: Ein Umdenken funktioniert oft nur übers Portemonnaie."

Barbara Dvorak, Diabetiker Bund Berlin e. V.:

„Lebensmittel, die zu viel Zucker enthalten, sollten deutlich teurer werden, damit die Menschen damit bewusster umgehen. Denn zu viel Zucker kann krank machen, weil er zu Übergewicht führt. Eine Folge von Übergewicht kann Diabetes Typ 2 sein. Darunter leiden in Deutschland rund 5 Millionen Menschen, die Dunkelziffer ist hoch. Bei Erkrankten können vielfältige Schäden an Nerven und Organen entstehen. Sie haben auch ein erhöhtes Herzinfarkt-und Schlaganfall-Risiko."

Anastasia Zampounidis, Moderatorin und Buchautorin "Für immer zuckerfrei":

„Eine Zuckersteuer macht Sinn. Normalerweise bin ich nicht für Verbote, aber da die Hersteller ihre Rezepturen freiwillig kaum verändern, sollte die Politik mit Gesetzen die zukünftige Marschrichtung anschubsen. Ich weiß aus 12-jähriger Erfahrung, dass eine zuckerreduzierte oder zuckerfreie Ernährung die Lebensqualität enorm steigert: Ich habe keinen Heißhunger mehr, esse also nicht mehr über den natürlichen Hunger hinaus. Da purzeln die Pfunde von ganz allein. Außerdem fühle ich mich fit und voller Energie."

Warum Anastasia Zampounidis jetzt zuckerfrei lebt – und was das für Ihren Alltag bedeutet...

Achtung, Zuckerfallen: Diese Lebensmittel enthalten besonders viel Zucker:

Diese Experten sind gegen die Zuckersteuer

Stefanie Effner, Pressesprecherin Coca-Cola Deutschland:

„Zu viel Zucker ist für niemanden gut. Aber Übergewicht ist ein komplexes Phänomen, das man nicht einfach wegbesteuern kann. Wer ernsthaft Adipositas, einseitige Ernährung und eine ungesunde Lebensweise bekämpfen möchte, braucht mehr als Bevormundung der Bürger und schlichte Parolen. Wir wollen unseren Beitrag leisten, indem wir zum Beispiel den Zuckergehalt unserer Erfrischungsgetränke bis 2020 um 10 Prozent senken."

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft:

„Isolierte, plakative Einzelschritte lösen nicht das Problem der Fehlernährung. Es klingt einfach, wenn ich sage: "Eine Steuer wird das regeln", aber das greift viel zu kurz. Ziel ist doch, dass die Ernährungsweise als Ganzes besser wird. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen übrigens, dass solche Strafsteuern meist nicht viel bringen. In Dänemark wurde die Fettsteuer zum Beispiel wieder abgeschafft.

Wir wollen mit einer Gesamtstrategie Fehlernährung entgegenwirken. Mit der Reduktion von Salz, Fett und Zucker in Lebensmitteln einerseits und mit Ernährungsbildung andererseits."

Alexander Herrmann, TV-Koch:

„Es wäre großartig, wenn der Konsum von Zucker eingeschränkt wird bzw. es gesetzlich festgelegte Grenzwerte geben würde. Auch verpflichtende Kennzeichnungen und banalisierende Werbung sollte der Gesetzgeber regeln. Aber wer glaubt, mit Steuern oder durch eine Besteuerung irgendetwas zu verändern, der glaubt auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet. Ich glaube nämlich, das bringt gar nichts und wird nichts verändern."

Vielen erscheint es schwierig, die Ernährung auf zuckerfrei umzustellen. Mit unseren Tipps gelingt Ihnen die Umstellung auf weniger Zucker garantiert. Auch Moderatorin Kerstin von der Linden hat ihre Ernährung auf zuckerfrei umgestellt.

Der Fakten-Check:

  • Im Schnitt nimmt jeder Deutsche knapp 24 Teelöffel Zucker pro Tag zu sich.
  • Die Weltgesundheitsorganisation sagt, es sollten nicht mehr als sechs Teelöffel pro Tag sein.
  • Bis Anfang 1993 gab es in Deutschland eine Zuckersteuer. Die war jedoch eine reine Verbrauchersteuer.
  • Seit April besteuert Großbritannien den Zuckergehalt in Softdrinks: Getränke mit mehr als fünf Gramm Zucker werden mit einer Abgabe von 18 Pence (21 Cent) belegt. Getränke mit mehr als acht Gramm Zucker mit 24 Pence (27 Cent) pro Liter besteuert. Erste Wirkung: Für den britischen Markt senkte Coca Cola bereits den Zuckergehalt in Fanta und Sprite.

Wer auf eine zuckerfreie Ernährung umstellen will, braucht Geduld und Disziplin. Unsere Diäten-Themenseite unterstützt Sie bei Ihrer langfristigen Ernährungsumstellung.

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