09.11.2018

Bauchchirurg im Interview Rektusdiastase: Wann der Experte eine Operation empfiehlt

Wenn eine Rektusdiastase zu Bauchwandbrüchen führt und Beschwerden auftreten, ist eine Operation notwenig.

Foto: iStock/FangXiaNuo

Wenn eine Rektusdiastase zu Bauchwandbrüchen führt und Beschwerden auftreten, ist eine Operation notwenig.

Der Bauchspalt und seine Nebenwirkungen: Wann ist ein operativer Einriff bei einer Rektusdiastase sinnvoll? Bauchchirurg Prof. Dr. Dietmar Jacob gibt Antworten.

Der Bauchspalt will sich nach Schwangerschaft oder Übergewicht nicht schließen? Die sogenannte Rektusdiastase ist leider nicht nur unansehnlich, sondern führt im schlimmsten Fall (Bauchbruch) zu Komplikationen, wenn Organe eingeklemmt sind! Wenn Bauchmuskeltraining, Physiotherapie und Diäten keine Erfolge zeigen, die Beschwerden bzw. Beeinträchtigungen aber anhalten, wenn der Patient psychisch und physisch darunter leidet, besteht nach ärztlicher Indikation die Möglichkeit eines operativen Eingriffs.

Wann eine Rektusdiastase-OP überhaupt sinnvoll ist, wie er durchgeführt wird und mit welchen Ergebnissen und Nebenwirkungen zu rechnen ist, erklärt Bauchchirurg Prof. Dr. Dietmar Jacob im Interview.

Experten-Interview zum Thema Rektusdiastase-OP

bildderfrau.de: Wann halten Sie persönlich einen chirurgischen Eingriff für notwendig?

Prof. Dr. Dietmar Jacob: Das ist bei der Rektusdiastase an sich nicht exakt zu beurteilen, da es sich hierbei sehr stark um die subjektive Wahrnehmung der Patientinnen handelt. Es besteht bei dieser Problematik im eigentlichen Sinne keine medizinische Notwendigkeit, einen chirurgischen Eingriff durchführen zu lassen, da es keine Bruchlücke gibt wie bei den Bauchwand- oder Leistenbrüchen.

Bei sehr großen Rektusdiastasen über 5cm ist jedoch die Bauchstabilität eingeschränkt und die Hebelkraft der vorderen geraden Bauchmuskulatur nicht mehr sehr effektiv. Die Folgen sind neben einem kugeligen Hervorstehen des Bauches insbesondere eine starke Wölbung der Lendenwirbelsäule (Hyperlordose) mit daraus resultierenden Rückenschmerzen. Hinzu kommt dadurch oft auch eine psychologische Komponente, da diese Körperhaltung die Patientinnen sehr belastet und ein aktives Teilnehmen am sozialen Leben eingeschränkt ist. Zusätzlich können die Patientinnen bei der sehr dünnen Bauchdecke die Tätigkeit Ihres Magens und Darms spüren, was viele als sehr unangenehm beschreiben.

Operation ist immer ein großer Eingriff

In dieser Phase kann eine Operation der Rektusdiastase Abhilfe schaffen und die korrekte Biomechanik der Bauchwand wiederherstellen. Allerdings sollte eine Operation immer sehr gründlich überlegt werden, da es schon ein großer Eingriff in den Körper ist, der auch in den folgenden Monaten zu Schmerzen und körperlicher Einschränkung führen kann. Aber auch kleinere Befunde zwischen 2 und 4 cm können bereits stärkere Beschwerden verursachen, so dass die Patientinnen eine operative Therapie wünschen.

Besteht innerhalb der Rektusdiastase ein Oberbauch- oder Nabelbruch, der Beschwerden macht, ist eine Operation immer indiziert und wird auch von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen problemlos übernommen. Ausgeschlossen ist hierbei jedoch in der Regel eine gleichzeitige Versorgung der schlaffen Bauchhaut durch eine Bauchdeckenstraffung. Diese Kosten übernehmen die Krankenkassen nur sehr selten.

Um die Patientinnen umfassend zu beraten, biete ich seit 2017 eine spezielle Sprechstunde für Frauen mit Rektusdiastase an, um die Notwendigkeit einer Operation ausführlich zu klären und zu besprechen. Dabei ist es mir wichtig, dass auch umfassend auf die Komplikationen und Probleme nach Operationen hingewiesen wird, denn es handelt sich nach wie vor um einen schmerzhaften Eingriff, der wohl überlegt sein sollte.

Welche spezielle Operationsmethode wenden Sie an?

Bisher wurden die Rektusdiastasen durch plastisch-ästhetische Chirurgen im Rahmen einer Bauchdeckenstraffung mitversorgt, indem die geraden Bauchmuskeln mit sich auflösenden Fäden aneinandergenäht wurden. Danach erfolgt dann die Bauchdeckenstraffung, um ein ansprechendes kosmetisches Ergebnis zu erhalten.

Ein wesentlicher Nachteil ist hierbei, dass diese Nähte für eine langfristige Stabilität oft nicht ausreichen und es dadurch häufiger zu einem sogenannten Rezidiv kommt, also einem Wiederauftreten der Lücke. Außerdem werden hierbei bestehende Bauchwandbrüche nur durch eine Naht nicht adäquat versorgt.

Zwei Experten pro Operation für ein optimales Ergebnis

Die Überlegung war dann: Warum nicht zwei Experten für eine Operation zusammenführen, um ein bestmögliches Ergebnis zu erhalten? Aufgrund meiner Erfahrung als Bauchchirurg habe ich bei Patienten mit Bauchwandbrüchen aufwendige Bauchdeckenrekonstruktionen mit Netzeinlagen durchgeführt. Wichtig ist hierbei vor allem eine große Bauchdeckenstabilität nach der Operation. Da diese Patienten meistens keine Hautüberdehnung haben, war eine aufwendige plastische Rekonstruktion der Haut auch nicht notwendig.

Bei den Frauen zwischen 25 und 45 mit Rektusdiastase ist das anders. Wenn der Rektusmuskel zusammengenäht wird und die vorhandene Lücke von teilweise bis zu 10cm sich schließt, wölbt sich die Bauchhaut unangenehm in der Mitte vor. Das kann jeder leicht an seinem eigenen Bauch nachmachen, auch ohne Rektusdiastase. Diese unschönen Hautfalten müssen ästhetisch beseitigt werden, was nur durch eine Bauchdeckenstraffung erreicht werden kann.

Zusammen mit meinem Kollegen aus der plastischen Chirurgie bieten wir jetzt diese Möglichkeit der Teamarbeit an, indem wir zusammen operieren. Ich bin für die Bauchdeckenstabilität zuständig und er für die Ästhetik. Als neues Verfahren verwende ich spezielle Netze, die sich langsam über 6 Monate auflösen, so dass kein Fremdmaterial im Körper verbleibt. Dadurch erhoffen wir uns eine langfristige deutlich verbesserte Stabilität und insbesondere auch eine Prophylaxe vor Bauchwandbrüchen – ohne die Nachteile von Plastiknetzen, die zu chronischen Wundflüssigkeitsansammlungen und Schmerzen führen könnnen.

Wie erfolgreich sind diese Operationen? Und mit welchen Nachwirkungen ist zu rechnen?

Ob eine Operation erfolgreich ist, lässt sich immer nur im Langzeitverlauf beurteilen. Studien dazu gibt es nicht, da wir hier eine neue Technik anbieten. Allerdings ist die Versorgung mit dem Netz eine zusätzliche Sicherung. Die restliche Technik ist wie bei den herkömmlichen Rektusdiastasen Operationen auch. Das heißt, dass die Langzeitergebnisse mindestens so gut sind wie bisher.

Erneute Schwangerschaft führt oft zu einem Wiederauftreten der Rektusdiastase

Ob eine Rektusdiastase nach einer Operation wieder auftritt, hängt aber neben der Qualität der chirurgischen Versorgung auch von den Gegebenheiten der Patienten ab. Da ist zum einen die individiuelle Bindegwebseigenschaft, die zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führt. Zum anderen müssen die Patientinnen sich bewusst sein, dass eine erneute Schwangerschaft in aller Regel zu einem Wiederauftreten der Rektusdiastase führt. Ob das mit einem auflösbaren Netz auch geschieht, kann zum heutigen Zeitpunkt keiner sagen.

Aber es gibt gute Ansätze, um die Datenlage zu verbessern. In der Hernienchirurgie betreiben wir seit 2009 eine freiwillige Qualitätssicherungsstudie mit Namen Herniamed. Hier werden wichtige Stammdaten, Risikofaktoren, Operationsdetails und der Verlauf nach der Operation aufgezeichnet, natürlich nach den Statuen des neuen Datenschutzgesetzes.

Um den Verlauf einer Operation beurteilen zu können, nehmen wir nach einem, fünf und zehn Jahren Kontakt mit den Patienten auf, um Informationen über Komplikationen oder den Erfolg verschiedener Operationstechniken zu erhalten und auszuwerten. Dieses etablierte Verfahren wende ich auch nach vorheriger Zustimmung der Patientinnen bei unserer Operationstechnik an. Damit haben wir Daten, die aussagekräftig sind und der Sicherheit der Patientinnen dienen. So weit wir wissen, macht das bisher so standardisiert kein Operateur von Rektusdiastasen.

Bezahlt die Krankenkasse solche Eingriffe?

In der Regel nicht. Es handelt sich hierbei aus Sicht der Kassen um eine ästhetische Problematik, weshalb eine Kostenübernahme nicht gestattet wird. Ohne diese kann die Operation aber nicht zu Lasten der Krankenkassen abgerechnet werden. Die Patientinnen müssen die Operationen also selber zahlen. Diese sogenannten Selbstzahlerleistungen sind daher recht teuer, da neben der chirurgischen Tätigkeit auch der Krankenhausaufenthalt und die Narkose einzeln abgerechnet werden. So kommen oft Summen von bis zu 10.000 Euro zusammen, abhängig vom Operateur und der Klinik.

Kostenübernahme bei psychischer Beeinträchtigung oder Rückenschmerzen möglich

Erwähnt werden muss aber auch, dass es immer wieder Patientinnen gibt, die eine Kostenübernahme von Ihrer Krankenkasse erhalten haben, wenn es ausgeprägte Rückenbeschwerden oder eine starke psychische Beeinträchtigung gibt. Daher rate ich allen Patientinnen immer, vor einer Operation mit der Krankenkasse zu sprechen. Wir haben allerdings trotz der Ausstellung mehrerer Atteste von Chirurgen, Plastikern und Orthopäden noch keine Genehmigung einer Krankenkasse erhalten bzw. mir wurde auch noch keine gezeigt.

Vorsicht ist geboten, wenn gleichzeitig ein Bauchwandbruch vorliegt, da es hierfür immer eine Kostenübernahme gibt, aber die Bauchdeckenstraffung nicht mit genehmigt wird, also auch nicht abrechenbar ist. Da wir in unseren Praxen einen großen Bedarf einer operativen Therapie sehen, versuchen wir den Preis einer Operation möglichst niedrig zu halten, da Summen von über 6.000 Euro für viele Patientinnen nicht bezahlbar sind.

Was genau ist eigentlich eine Rektusdiastase und was können Sie dagegen machen?

Wie häufig sind Männer von Bauchwandbrüchen betroffen, haben Sie schon welche operiert?

Prof. Dr. Dietmar Jacob: Genaue Zahlen über die Häufigkeit kenne ich nicht, aber aus meiner Erfahrung heraus ist es ein häufiges Begleitphänomen bei Männern über 40 Jahren mit Übergewicht. Bei Männern ist die Entstehung einer Rektusdiastase ganz anders als bei Frauen. Diese sind eher schlank und haben die Problematik aufgrund der Bindegewebslockerung während der Schwangerschaften, wobei sich das Bindegewebe nicht vollständig zurückgebildet hat.

Auch Männer bekommen Rektusdiastase, allerdings ohne Einklemm-Gefahr

Männer haben eher einen sogenannten „Bierbauch“, also eine Fettansammlung im Unterhautfettgewebe des Bauches mit einer daraus resultierenden Überbelastung des Bindegewebes der Linea alba. Es kommt zur Rektusdiastase. Hierbei gibt es aber keine Überdehnung der Haut, und die meisten Männer stört es auch gar nicht. Viele sind eher verunsichert, da es auch von ihren Hausärzten für einen Bauchwandbruch gehalten wird.

Nach meiner Erklärung, dass es sich hierbei „nur“ um eine Bauchwandschwäche handelt und nichts einklemmen kann, gehen diese Patienten mit einem guten Gefühl aus meiner Praxis und wünschen keine Operation. Die Therapie besteht hier eher in einer Gewichtsabnahme und Stärkung der queren Bauchmuskulatur. Bei jüngeren Männern kann ein extremes Körpertraining der Bauchmuskeln zu einer Rektusdiastase führen. Hier wäre dann eher eine Beratung über das richtige Training wichtig.

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