Aktualisiert: 17.11.2020 - 12:43

Zwangsstörungen Trichotillomanie: Warum reißen sich manche Menschen Haare aus?

Trichotillomanie bezeichnet den inneren Zwang, sich die Haare auszureißen. Was das genau ist und wie sich Betroffene helfen können.

Foto: iStock/mediaphotos

Trichotillomanie bezeichnet den inneren Zwang, sich die Haare auszureißen. Was das genau ist und wie sich Betroffene helfen können.

Zwänge gibt es viele, eines haben sie gemeinsam: Sie machen den Betroffenen das Leben sehr schwer. Zur Gruppe der Zwangsstörungen gehört auch die Trichotillomanie – die Sucht danach, sich Haare auszureißen. Und die ist gar nicht mal so selten.

Sich gedankenverloren an den Haaren herumspielen, Strähnen um den Finger wickeln oder auch erste graue Haare voller Schreck herausreißen – die meisten von uns haben sich dabei wahrscheinlich schon einmal erwischt. Doch das Beschäftigen mit dem Haar kann auch krankhaft werden: Trichotillomanie nennt man den Zwang, sich die Haare herauszureißen. Und der kann für Betroffene äußerst belastend werden.

Warnung: Sollten Sie unter Trichotillomanie leiden und empfindlich auf Trigger reagieren, sollten Sie nicht weiterlesen. Im Netz gibt es diverse Selbsthilfegruppen und Infoseiten, die weitere Hilfe für Betroffene und Angehörige anbieten.

Trichotillomanie: Was ist das? Und warum eigentlich?

Der Name klingt schon irgendwie bedrohlich: 'Trichotillomanie' setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern 'thrix' – Haar, 'tillein' – rupfen und 'mania' – Wahnsinn. Und das beschreibt das Ganze auch ganz gut.

Wer unter Trichotillomanie leidet, wird sich die Frage vermutlich schon oft gestellt haben: Warum reiße ich mir die Haare heraus, und vor allem Warum kann ich es nicht sein lassen? Was ist das für ein Wahnsinn?

Die Trichotillomanie ist kein Wahnsinn. Sie ist ein Zwang – und Zwänge können nicht einfach ignoriert werden. Der innere Zwang kann unterschiedlichste Ursachen haben.

Weit verbreitet – zumindest unter dem Radar

Weltweit sind mehr Frauen als Männer von der seit 1991 anerkannten Krankheit betroffen – etwa fünf Prozent aller mitteleuropäischen Frauen sollen es sein. Warum, ist nicht klar. Auch tritt das Phänomen in Familien oft mehrmals auf. Dabei ist nicht bekannt, ob es sich dabei einfach um "Abgucken" bei anderen handelt oder es genetisch veranlagt ist.

Der Zwang kommt vom Druck

Das Ding mit der Trich, wie Betroffene die Krankheit gerne abkürzen und ihr somit einen irgendwie weniger bedrohlichen Namen geben, ist das kurz einsetzende Gefühl: Der Zwang baut einen Druck im Kopf auf, so beschreiben es viele. Dieser Druck entweicht, sobald man mit der Hand ein "passendes" Haar erfühlt und es kurzerhand herausgerissen hat.

So beschreibt es auch Marina (Name von der Redaktion geändert). Die 32-Jährige ist seit einigen Jahren "reißfrei", leidet aber seit ihrem elften Lebensjahr unter dem Zwang. Angefangen hatte alles mit einer Läuseepidemie in der Schule. "Die Nissen haben mich angeekelt, ich wollte sie so schnell wie möglich loswerden – inklusive ganzem, kontaminiertem Haar." Also hat sie einfach gezupft. "Das hat sich dann auch noch irgendwie gut angefühlt – und ich fand meine Haarwurzeln furchtbar interessant. Irgendwann war es in mir drin, Haare einfach herauszuziehen und zu untersuchen."

Auch heute hat sie immer wieder mit dem Drang zu kämpfen, befummelt regelmäßig ihre Haare: einzelne Strähnen, auch einzelne Haare. "Ich erfühle genau die Struktur und weiß direkt, welches Haar ich wählen würde", sagt sie. Ein kurzer Ruck würde reichen. Doch jahrelang war Ruhe.

"Geschafft habe ich das, indem ich die Trich quasi überlistet habe. Aber so gut war das nicht", erzählt sie uns. Stattdessen habe sie sich nämlich eingeredet, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn sie ein Haar herausreißt. Das hat zwar funktioniert – die Psyche habe aber stark darunter gelitten. Angstzustände und depressive Phasen seien aufgetreten. "Ganz los geworden bin ich das Reißen damit sowieso nicht. Ich rupfe das Haar nicht mehr komplett aus. Dafür suche ich nach splissigen Haaren und zupfe die kaputten Teile ab."

Haare abschneiden klingt nach einer Idee – aber das würde nicht helfen, das weiß Marina selbst.

Rückfall nach Jahren noch möglich

Und dann kamen die Ängste der Pandemiesituation – und sie hat dem Zwang nach Jahren der Abstinenz nachgegeben. Ob das an den Folgen der Corona-Einschränkungen und der Sorge um ihre Lieben lag, weiß sie nicht. Doch es war wie ein Lauffeuer. Nur ein Haar hat gereicht – zwei Wochen später hat sie die verhassten kahlen Stellen wiederentdeckt.

Ihr Glück: Sie habe ja nun gewusst, dass sie die Sucht überwinden kann. Diesmal aber nicht mit dem Ersetzen durch andere Sorgengedanken. Geholfen habe ihr letztendlich eine einfache App, die dabei hilft, Gewohnheiten abzulegen. Es sei eigentlich ganz einfach, sagt sie: "Man gibt sein Ziel ein, in meinem Fall die Trich – und ein Zähler beginnt. Die täglich steigende Tageszahl "trichfrei" hat mich enorm angespornt, meine Hände anderweitig beschäftigt zu halten. Doch der Gedanke, sagt sie, bleibt, und er schleicht sich immer wieder ein.

Trichotillomanie ist eine Impulskontrollstörung

Der Impuls des Herausreißens folgt auf den unbändigen Drang, einen Druck, den die Betroffenen verspüren. Damit gehört die Trichotillomanie zu den Impulskontroll- bzw. Zwangsspektrumsstörungen. Eng verwandt ist sie damit mit Zwangskrankheiten, die mit der Haut zu tun haben, etwa Skin Picking bzw. Dermatillomanie – der Drang, sich die Haut aufzukratzen, etwa um Unebenheiten wie Pickelchen zu entfernen oder eben auch eingewachsene Haare loszuwerden.

Andere Zwangsstörungen aber wie der Kontroll- oder Waschzwang sind anders definiert. Das Ritual aber haben sie alle gemein: Es wird etwas getan, immer und immer wieder, das dem Betroffenen eine kurzzeitige Besserung eines negativen Empfindens verschafft. Nachlassen der Anspannung im Falle der Trichotillomanie.

Meist tritt die Krankheit zum ersten Mal im Kindesalter auf und setzt sich dann fort – manchmal auch mit Pausen von einigen Jahren, so wie bei Marina.

Vorliebe für bestimmte Stellen

Die Trichotillomanie betrifft nicht nur das Kopfhaar. Prinzipiell kann jedes Körperhaar betroffen sein. Viele Betroffene konzentrieren sich mit Vorliebe auf eine oder wenige bestimmte Stellen.

  • Kopfhaare (oft auch auf bestimmte Stellen konzentriert, zu denen die Hände immer wieder automatisch wandern)
  • Augenbrauen
  • Wimpern
  • Bart
  • Schamhaare
  • Arm- und Beinbehaarung

Es gibt zahlreiche ganz verschiedene Ausprägungen von Trichotillomanie. Während sich der eine einzelne Haare ausreißt, sind es beim anderen ganze Büschel. Manche essen die ausgerissenen Haare auch.

Allen gemein wird aber wohl eines sein: die Scham – und die damit verbundene Angst, jemand könnte die kahlen Stellen entdecken und stigmatisieren. Also wird auf Mützen oder gar Perücken zurückgegriffen. Auch der Frisörbesuch rückt oft in den Hintergrund, einfach aus der Angst heraus, sich erklären zu müssen und auf Unverständnis zu stoßen.

Viele Stars tragen Perücken – aber aus den unterschiedlichsten Gründen. Schauen Sie mal hier:

Sich beispielsweise Gesichtshaare wie Augenbrauen oder Haare an der Oberlippe auszuzupfen, muss nicht gleich durch Trichotillomanie bedingt sein, sondern kann auch kosmetische Hintergründe haben. Erst wenn ein Zwang entsteht, ist von Trich die Rede.

Trichotillomanie los werden: Selbst behandeln oder Therapie?

Dass der Zwang, sich die Haare auszureißen, sehr belastet, liegt neben dem Zwangsgefühl allein vor allem auch an der optischen Komponente: Die meisten Trich-Patienten entwickeln ein Scham-Gefühl und versuchen, die kahlen Stellen zu kaschieren, was wiederum weiter zu Verunsicherung führt. Ein Teufelskreis entsteht.

Einfach aufzuhören, so gerne man das würde, funktioniert leider nicht so einfach und bringt, wie bei Marina, möglicherweise andere Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken mit. Eine Zwangshandlung ist fest verankert. Dennoch gibt es Behandlungsmöglichkeiten. Neben klassischer und alternativer Therapie gibt es auch bestimmte Tricks, selbst Wege gegen den Zwang zu entwickeln.

Vielen hilft es, die Finger mit etwas anderem zu beschäftigen – etwa mit einem Haargummi oder einem sogenannten Tangle. Diese spielzeugähnlichen Objekte bestehen meist aus mehreren Gliedern, die sich in alle Richtungen wie eine Schlange um die Hände winden lassen. Oft ist die Oberflächenstruktur unterschiedlich beschaffen, um den Fingern den Eindruck zu vermitteln, verschiedene Dinge in der Hand zu haben. Anderen hilft autogenes Training.

Der Austausch mit anderen hilft ebenfalls ungemein weiter – und zwar sowohl mit anderen Betroffenen als auch mit Außenstehenden in Form einer Therapie. Denn alleine das Erklären der Erkrankung kann helfen, zu reflektieren und selbst neue Erkenntnisse zu erlangen.

Es hilft auch ungemein, sich bewusst um sich selbst zu kümmern und in sich hineinzuhören:

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Stigmatisierung verhindern: Mit anderen sprechen hilft ungemein

Marina hat mittlerweile angefangen, etwas offener über ihre Trich bzw. die Nachwirkungen zu sprechen – um selbst Druck loszuwerden, aber auch, um andere dafür zu sensibilisieren. "Diese Stigmatisierung muss endlich aufhören", findet sie, "und dabei rede ich auch von anderen Zwangsstörungen. Wir müssen aufhören, andere für ein Verhalten zu verurteilen, für das sie nichts können."

Außerdem nutzt sie ihr offenes Verhalten mittlerweile dazu, selbst darauf aufmerksam gemacht zu werden: "Meine engsten Freunde wissen sowieso Bescheid. Immer, wenn sie merken, dass meine Hände mal wieder unbewusst zu meinen Haaren wandern, machen sie mich vorsichtig darauf aufmerksam." Und siehe da, durch das offene Reden kam raus: In ihrem engen Freundeskreis gibt es gleich zwei Personen, die selbst an Formen der Trichotillomanie leiden. "Ich wünsche es keinem", sagt Marina. "Aber es hilft uns dreien ungemein, gemeinsam darüber reden zu können."

Sowieso hilft es, mit anderen, auch, oder vor allem mit Betroffenen zu reden – auch wenn sonst niemand im Bekanntenkreis betroffen ist. Das Internet ist da eine gute Anlaufstelle für den Anfang. Aber es gibt auch viele Psychologen, die mit dem Thema vertraut sind. Denn die Wurzeln der Trichotillomanie sitzen oft tief. Ob eine Verhaltenstherapie oder eine Psychoanalyse helfen, muss zusammen herausgefunden werden. Dafür muss man auch erst einmal verstehen,was Zwangsstörungen überhaupt sind. Akuter Auslöser kann übrigens Stress sein.

Übrigens: In Zeiten von Corona etabliert sich so langsam auch die digitale Psychotherapie, die es Betroffenen auf der eigentlich oft langwierigen Suche nach einem Therapeuten durchaus einfacher machen kann.

Die richtige Haarpflege kann zumindest ein wenig von der Trichotillomanie ablenken. Damit die Haare nicht weiter strapaziert werden, kann zum Beispiel eine Pflegeroutine mit natürlichen Mitteln helfen. Bestimmte Nährstoffe helfen, schöne Haare und Nägel zu bekommen. Auch gegen Haarausfall aus anderen Gründen gibt es Tricks und Tipps.

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Viele weitere Infos finden Betroffene wie Angehörige auf der umfassenden Seite Trichotillomanie.de. Wer versuchen möchte, sich selbst zu helfen, kann sich diesen 7-Schritte-Plan zum Thema Trichotillomanie genauer ansehen. Diverse Selbsthilfegruppen zu Zwängen allgemein finden Sie ebenfalls im Internet bei der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen e.V.

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