28.05.2018

Forschung Mit diesen neuen Therapien chronischen Tinnitus behandeln

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Tinnitus

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Mo, 13.08.2018, 14.02 Uhr

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Forscher verstehen immer besser, wie die zermürbenden Ohrgeräusche entstehen – und entwickeln neue Tinnitus-Behandlungen, die Millionen Leidgeplagten Hoffnung geben.

Es pfeift, trillert oder klingelt: Rund sechs Millionen Deutsche nehmen Geräusche wahr, die eigentlich nicht da sind – sie haben chronischen Tinnitus. Lange dachten die Mediziner, dass dieser aus dem Ohr kommt, vor allem durch Stress ausgelöst wird und den Betroffenen nur übrig bleibt, damit zu leben. Doch heute gibt es eine neue Sicht auf die Phantomtöne. Wir haben Ihnen die neusten Erkenntnisse und Möglichkeiten, chronischen Tinnitus zu behandeln, zusammengestellt.

Chronischen Tinnitus behandeln dank neuer Ursachenforschung

"Die Forschung hat in jüngster Zeit durch den Einsatz neurowissenschaftlicher Methoden viele Fortschritte im Verständnis von Tinnitus gemacht und gezeigt, dass er behandelbar ist", sagt Prof. Dr. Berthold Langguth, Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychologie und Leiter des Tinnituszentrums der Universität Regensburg.

Die wichtigste Erkenntnis der Tinnitus-Forschung: Tinnitus wird nicht im Ohr, sondern im Gehirn erzeugt. "In den meisten Fällen steckt ein Hörverlust dahinter, den man nicht immer selbst bemerken muss. Weil Nervenzellen im Gehirn dann weniger Informationen vom Innenohr bekommen, werden sie überaktiv und nehmen ihre eigene Aktivität als Geräusch wahr", sagt Privatdozentin Dr. Veronika Vielsmeier, Oberärztin an der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde der Uniklinik Regensburg.

Aber auch Halswirbelsäulen- oder Kiefergelenksprobleme können Tinnitus auslösen. "Nervensignale von dort werden dann im Gehirn mit Nervensignalen aus dem Innenohr verschaltet", sagt Dr. Vielsmeier. Stress kann ebenfalls eine Rolle spielen: "Emotionale Belastungen sorgen dafür, dass das Gehirn seine Aufmerksamkeit auf die Geräusche richtet", so Prof. Langguth.

Aber woher kommen die Ohrgeräusche eigentlich? Lesen Sie mehr über die Ursachen von Tinnitus.

Ärzte vermuten verschiedene Tinnitus-Typen

Um Betroffene individuell zu behandeln, kommen daher heute an spezialisierten Tinnituszentren Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammen. "Ziel der unterschiedlichen Therapieansätze ist es, die Gehirnareale, die für die Hörwahrnehmung und Aufmerksamkeitssteuerung zuständig sind, wieder auf eine normale Aktivität herunter zu regulieren", sagt Prof. Langguth.

Vielen Tinnitus-Patienten hilft eine Verhaltenstherapie, bei der sie lernen, den Quälgeist im Ohr weniger zu beachten. Anderen eine Gehirnstimulation oder ein Überdecken des Tinnitus durch Geräusche. Medikamente mindern Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen. "Da keine Behandlung existiert, die allen nützt, vermuten wir, dass es bei Tinnitus ähnlich wie bei Kopfschmerzen verschiedene Typen gibt", sagt Dr. Vielsmeier. Auch deshalb wird verstärkt an neuen Therapien geforscht, um kurzzeitigen und chronischen Tinnitus behandeln zu können.

Das sind die 5 neuen Tinnitus-Therapien

1. Oxytocin-Spray lindert Beschwerden

Auf der Suche nach Medikamenten gegen Tinnitus sind Forscher auch auf das Hormon Oxytocin gestoßen. Es kann die Aktivität von Nervenzellen verändern und wird im Gehirn bei guten Gefühlen ausgeschüttet. Bei einer Studie sorgten täglich zwei Sprühstöße Oxytocin-Nasenspray über zehn Wochen hinweg dafür, dass sich der Tinnitus bei den Teilnehmern besserte. "Oxytocin könnte bei Tinnitus-Patienten, bei denen emotionale Komponenten eine Rolle spielen, einen positiven Einfluss haben", sagt Prof. Langguth. Nun wird der Effekt weiter untersucht.

2. Besser hören, weniger Ohrgeräusche

"Bei Tinnitus-Patienten mit Hörverlust lohnt sich häufig ein Hörgerät", sagt Dr. Vielsmeier – das Gehirn bekommt wieder mehr Informationen vom Ohr, der Tinnitus tritt in den Hintergrund. "Eine neue Erkenntnis ist, dass mit Cochlea-Implantaten Tinnitus ganz verschwindet", sagt Dr. Vielsmeier. Sie ersetzen das Innenohr, sind aber nur für Menschen gedacht, die auf einer oder beiden Seiten fast nichts mehr hören: Schallwellen werden von einem Mikrofon aufgenommen und die Signale per Elektrode an den Hörnerv weitergeleitet.

3. Erfolg mit ganz neuen Tönen

Geräte hinter dem Ohr können schon heute mit einem Rauschen den Tinnitus-Ton überdecken. "Nun hat sich gezeigt, dass wir den Tinnitus bei manchen besser in den Griff bekommen, wenn wir die Nervenzellen nicht dauernd, sondern in einem bestimmten Rhythmus beeinflussen", sagt Prof. Langguth. In einer neuen Studie kombinierten US-Forscher die Ton-Therapie zudem erfolgreich mit elektrischen Impulsen an Gesicht oder Nacken. Tipp zur Selbsthilfe: Auch ein Zimmerbrunnen kann Tinnitus gut übertönen.

4. Schnell reagieren mit Physiotherapie

Patienten, die gerade einen Tinnitus bekommen haben, sollten diesen immer abklären lassen. "Da er manchmal von einer Verspannung herrührt, kann auch Physiotherapie helfen", sagt Prof. Langguth. "Aber nur wenn der Tinnitus sehr frisch ist, hat man gute Chancen, dass er wieder verschwindet."

5. Magnetfelder beruhigen das Gehirn

"Viel versprechende Ergebnisse gibt es bei Tinnitus für die transkranielle Magnetstimulation", sagt Prof. Langguth. Dabei wird ambulant von außen mit Magnetfeldern in mehreren Sitzungen versucht, die überaktiven Nervenzellen im Hörzentrum zu dämpfen oder im Stirnhirn, das bei der Aufmerksamkeitssteuerung eine Rolle spielt. "Bei etwa der Hälfte der Patienten lassen sich so leichte Verbesserungen erzielen", so Prof. Langguth.

Lesen Sie auch diese fünf wichtigen Fakten, die Sie über Tinnitus wissen sollten.

Tinnitus vorbeugen mit diesen Tipps

"Wer Tinnitus verhindern will, sollte einen ausgeglichenen Lebensstil pflegen und Lärm vermeiden", sagt Dr. Vielsmeier. Denn Tinnitus wird am häufigsten durch Hörstörungen verursacht – und diese sind oft die Folge von Dauerlärm. Dabei werden nach und nach die Haarzellen unwiderruflich geschädigt, die im Innenohr Schall in Nervensignale umwandeln. Das Tückische: "Es kann bereits die Hälfte der Haarzellen zerstört sein, bevor der Hörverlust bemerkt wird." Um chronischen Tinnitus nicht behandeln zu müssen, sollten Sie Ihre Ohren also bereits im Vorfeld gut behandeln und nach Möglichkeit Dauerlärm vermeiden oder zumindest einschränken.

Dieser Artikel erschien zuerst in der BILD der FRAU Nr. 18.

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