04.05.2018 - 15:26

Unterschätztes Leiden Körperdysmorphe Störung: Falsches, hässliches Selbstbild

Angst vor der Hässlichkeit: Wer unter einer körperdysmorphen Störung leidet, hat ein verzerrtes Selbstbild – und das kann fatale Folgen haben.

Foto: iStock/NicolasMcComber

Angst vor der Hässlichkeit: Wer unter einer körperdysmorphen Störung leidet, hat ein verzerrtes Selbstbild – und das kann fatale Folgen haben.

"Wie wirke ich auf andere? Bin ich hässlich?" Diese Fragen stellt sich wohl jeder einmal. Wenn solche Gedanken sie aber beherrschen, spricht man von einer körperdysmorphen Störung. Was das ist und welche Auswege es gibt.

Vermutlich fühlt sich jeder einmal nicht hübsch. Aber es gibt Menschen, bei denen dieser Gedanke sehr stark ausgeprägt ist: Die Angst, hässlich zu sein, sitzt tief bei der sogenannten körperdysmorphen Störung (KDS), auch noch bekannt unter dem älteren Begriff Dysmorphophobie.

Körperdysmorphe Störung: nicht einfach Einbildung

Menschen, die unter Dysmorphophobie leiden, sind besonders kritisch mit ihrem Äußeren. Was im ersten Moment nach purer Einbildung klingt, ist aber tatsächlich eine ernstzunehmende Wahrnehmungsstörung, die stark einschränken kann. Und das ist das Problem: Oft werden Betroffene nicht ernst genommen. Und das kann fatale Folgen haben.

Laut psychologischer Meinung beginnt eine übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen Erscheinungsbild dann, wenn man sich mehr als eine Stunde am Tag gedanklich mit dem eigenen Aussehen auseinandersetzt. Stark betroffene Menschen können aber durchaus Tage haben, an denen sie jede Sekunde an ihr Äußeres und vermeintliche Makel denken.

Dabei kann sich die Aufmerksamkeit auf ein oder wenige Körperteile beziehen, aber auch auf den ganzen Körper gelenkt sein. Meist werden Haut, Haare, Körperform, Kopfform und Zähne genannt.

Viele verschiedene Symptome weisen auf die Störung hin

Die Wirkung auf andere ist dabei die größte Angst: "Wie sehe ich gerade aus, wie hässlich bin ich, und was denken daher andere von mir?" Daraus resultiert oft übermäßiges Kaschieren der ungemochten Körperstellen – bis hin zum kompletten Rückzug aus dem Alltag. Dabei sind Menschen mit körperdysmorpher Störung oft sogar sehr attraktiv, heißt es aus Fachkreisen.

Aber bei ausgeprägtem Krankheitsbild kann der Gang nach draußen zum echten Problem werden. Lachen die Menschen, die mir entgegenkommen, mich aus? Denken sie schlecht über mein Aussehen? Diese Fragen stellen sich wohl die meisten an vereinzelten Tagen einmal, aber bei Menschen mit Dysmorphophobie sind sie allgegenwärtig. Das Bild ist verzerrt.

Wer unter dieser Störung leidet, macht sich nicht nur häufig Gedanken, sondern tut auch viel dafür, den angeblichen Makel zu verstecken, sich regelmäßig zu kontrollieren, sich übermäßig zu pflegen oder den Körper mit zu viel Sport oder Diäten zu quälen. Auch kann der Gedanke an Operationen und Medikamentbehandlung da sein, oder auch sogenanntes Skin Picking und ähnliche Zwänge auftreten – also der Drang, an der Haut zu knibbeln oder zu kratzen, Haare herauszureißen und ähnliches.

Ursachen einer Dysmorphophobie sind vielfältig

Die körperdysmorphe Störung kann aus unterschiedlichsten Gründen auftreten. Meist liegen die Ursachen an psychischen oder sozialen Faktoren, oder aber an tatsächlichen biologischen und genetischen Faktoren, die als Mangel wahrgenommen werden.

Oft tritt die Störung bereits im Jugendalter auf, die Ursachen liegen aber meist schon in der Kindheit. Grund kann zum Beispiel Mobbing sein – oder vermeintliche Schönheitsideale in Film, Fernsehen und Werbung. Ebenso können Kritik oder Zurückweisung in der Kindheit genauso Grund sein wie ein überbehütetes Elternhaus. Geringes Selbstwertgefühl und Konfliktscheu spielen eine große Rolle.

Fazit können Depressionen und andere Störungen sein, die aus dem Wunsch heraus auftreten, sich zu optimieren, sowie soziale Abschirmung und ein Selbsthass, der in eine Abwärtsspirale führen kann.

Kampf gegen den Selbsthass: Diese Therapiemöglichkeiten gibt es

Gegen KDS gibt es mittlerweile Therapiemöglichkeiten – obwohl die Krankheit oft nicht direkt als solche erkannt wird.

Therapiemöglichkeiten sind das Antrainieren von stärkerem Selbstvertrauen und das Üben, mit Konfliktsituationen umzugehen. Als Art der Verhaltenstherapie – je nach Auslöser der Störung – hilft auch die Exposition: dabei erhalten Betroffene einen Fragenkatalog zu ihrem Aussehen. Diese Fragen stellen sie anderen, am besten auch fremden Leuten, beispielsweise in der Fußgängerzone.

Die Antworten gerade von Fremden auf die eigene Wirkung zeigen ein wesentlich unverzerrteres, der Realität viel mehr entsprechendes Bild, auf das sich die Patienten dann berufen können.

Die Uni Frankfurt beispielsweise hat sich noch einen weiteren Therapieansatz überlegt, bei dem unter anderem Video-Feedback zum Einsatz kommt, um die verzerrte Eigenwahrnehmung zu ändern.

Bisher gibt es wenige Selbsthilfegruppen, die genau auf die körperdysmorphe Störung abgestimmt sind, aber da die Erkrankung mit anderen psychischen Krankheiten wie beispielsweise Essstörungen verwandt ist und mit dieser auch gelegentlich zusammen auftritt, kann es auch helfen, sich dort mit ähnlich Gesinnten auszutauschen.

In manchen Fällen kann sogar eine medikamentöse Behandlung mit bestimmten Antidepressiva helfen, mit sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI).

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Weitere Infos zum Thema KDS finden Sie auch hier. Auf dieser Seite können Sie sich ebenfalls mit anderen austauschen. Sollten Sie die Vermutung haben, dass Sie oder jemand aus Ihrem Bekanntenkreis unter einer Form der körperdysmorphen Störung leidet, sollte aber ein Psychologe zurate gezogen werden. Wenn Sie sich für die Kosten einer Psychotherapie interessieren, lesen Sie hier weiter.

Eine KDS kann nämlich auch zu Depression führen oder damit zusammenhängen. Unsere Themenseite gibt etwas mehr Aufschluss.

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