08.02.2018

Endlich durchschlafen Melatonin: Das Wundermittel gegen Schlafstörungen?

Das „Schlafhormon“ Melatonin wird immer wieder als natürliche Lösung für Schlafstörungen angepriesen. Kann das funktionieren? bildderfrau.de hat mit einer Expertin darüber gesprochen.

Innere Unruhe, bleierne Müdigkeit und Konzentrationsschwäche – jeder, der unter Schlafstörungen leidet, kennt diese Probleme sehr gut. Die Gründe für Einschlaf- oder Durchschlafprobleme sind vielfältig – genauso wie die Fülle von Schlaftabletten, Einschlaftees oder beruhigenden Badezusätzen.

Auch das körpereigene "Schlafhormon" Melatonin kommt in zahlreichen Einschlafmitteln zum Einsatz. Ist das viel gepriesene Wundermittel also die Lösung für alle, die sich die Nächte um die Ohren schlagen? Dazu haben wir die Hausärztin Dr. Nicole Gorris-Vollmer befragt.

Melatonin: So wirkt das Schlafhormon

Melatonin ist ein körpereigener Botenstoff, der unseren Tag-Nacht-Rhythmus maßgeblich steuert. Neben einigen anderen biologischen Prozessen sorgt es dafür, dass wir schläfrig werden. Gebildet wird das sogenannte "Schlafhormon" in der sogenannten Zwirbeldrüse im Zwischenhirn. Angeregt durch die Veränderung der Lichtverhältnisse wird Melatonin vermehrt in den Abendstunden ausgeschüttet, den Höhepunkt erreicht es etwa um zwei bis drei Uhr nachts.

Faktoren wie Stress, unregelmäßige Arbeitszeiten oder der ständige Blick auf helle Displays können unseren Körper jedoch so unter Strom setzen, dass die natürliche Ausschüttung von Melatonin gehemmt sein kann – eine häufige Ursache von Schlafstörungen.

Ursachen und Symptome von Schlafstörungen

bildderfrau.de: Frau Gorris-Vollmer, woran erkenne ich eine Schlafstörung?

Dr. Nicole Gorris-Vollmer: Eine Schlafstörung ist zunächst eine subjektive Äußerung, also eine Abweichung vom Schlafwunsch. Manche Menschen möchten acht Stunden am Stück schlafen, das entspricht jedoch nicht ihrem Körperrhythmus. Ebenso schlafen ältere Menschen oft weniger als in früheren Jahren und sind damit nicht einverstanden. Ob eine Störung vorliegt, muss dann aus den Lebensumständen des Betroffenen ermittelt werden. Grundsätzlich sind zwei komplette Schlafzyklen inklusive Tiefschlafphasen, also ca. sechs Stunden ungestörter Schlaf pro Tag mindestens für einen gesunden Schlafrhythmus anzusetzen.

Was sind die häufigsten Ursachen für Schlafstörungen?

Reizüberflutung, vor allem in den Abendstunden, sowie jede Art von chronischem Stress bei der Arbeit, aber auch im privaten Umfeld spielen eine große Rolle. Auch Schichtarbeit und wechselnde Wachphasen durch den selbstgewählten Lebensstil (Hobbies, Partyleben, Fernreisen) können den gleichen Effekt haben.

Wann die Einnahme von Melatonin Sinn macht

Wie sinnvoll ist eine zusätzliche Einnahme des "Schlafhormons" Melatonin?

Grundsätzlich sollte man versuchen, ohne künstliche Einschlafmittel auszukommen. Es gibt allerdings Menschen, die sie brauchen oder zu brauchen glauben. Es gibt hier, wie bei allen Medikamenten, auch einen psychischen Effekt. In diesem Fall sind Präparate, die auf pflanzlichen Inhaltsstoffen basieren, oder auch Melatonin als körperidentischer Stoff, den chemischen Schlaftabletten vorzuziehen.

Es kommen auch immer wieder neue Mittel, die Melatonin beinhalten, auf den Markt. So hat etwa ein Berliner Start-up den Schlafdrink "sleep.ink" konzipiert. Wie funktionieren solche Mittel?

Das stimmt. Es kommen immer mehr Präparate mit pflanzlichen Inhaltsstoffen auf den Markt. Eines davon ist "sleep.ink". Es besteht aus einer Mischung von bekannten schlaffördernden Pflanzenextrakten und Melatonin in einer Dosis von 1 Milligramm pro Drink. Der Schlaftrunk kombiniert bekannte beruhigende und schlaffördernde Pflanzenstoffe mit dem körpereigenen Botenstoff Melatonin, der schlafanstoßend wirkt.

Die Idee, Pflanzenextrakte mit Melatonin, einem körperidentischen Hormon zu kombinieren, macht insofern Sinn, als es sich bei beiden um Stoffe handelt, die den Körper auf (Nacht-)Ruhe einstimmen, ohne die Architektur der Schlafphasen zu verändern, wie es den rein chemischen Schlafmitteln zugeschrieben wird.

Hilft Melatonin – neben einer kürzeren Einschlafzeit – auch beim Durchschlafen?

Melatonin ist kein Schlafmittel im klassischen Sinn. Die Umstimmung des Körpers und seines Tag-Nacht-Rhythmus geschieht nicht auf Knopfdruck wie bei den hynotisch wirkenden chemischen Schlafmitteln. Daher ist Melatonin auch nicht so sicher wirksam wie diese. Wenn es wirkt, ist der Schlaf allerdings natürlicher.

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Nebenwirkungen und Überdosierung von Melatonin

Kann es zu einer Überdosis von Melatonin kommen?

Melatonin ist in den üblichen Dosierungen bis 5 Milligramm als sicher eingestuft. Relevante Nebenwirkungen außer der gewünschten Müdigkeit sind bei einer Kurzzeiteinnahme (2 bis 3 Monate maximal) nicht zu erwarten. Nach der Einnahme sollte natürlich auf Aktivitäten verzichtet werden, die Konzentration erfordern, wie zum Beispiel Auto fahren oder Maschinen bedienen.

Eignet sich die Einnahme für jeden?

Biologisch sollten Menschen mit gestörtem Tag-Nacht-Rhythmus (z. B. Schichtarbeiter) oder ältere Menschen ab 55, deren Melatoninspiegel natürlicherweise absinkt, besonders profitieren. Darauf weisen die positiven Studien hin, die die Einnahme von Melatonin bei Jetlag-Symptomen untersucht haben. Die Einnahme sollte möglichst 30 bis 45 Minuten vor dem Schlafengehen erfolgen, solange braucht der Körper, um es aufzunehmen. In den folgenden ein bis zwei Stunden nimmt die Hauptwirkung dann auch schon wieder ab.

Was sind mögliche Nebenwirkungen?

Kurzzeitig – also über einen Zeitraum von maximal zwei bis drei Monaten eingenommen – weist Melatonin kaum Nebenwirkungen auf. Bislang wurden Symptome wie Schläfrigkeit und Unkonzentriertheit beobachtet, aber auch Schmerzen in der Brust, Schwindel, Magen- oder Kopfschmerzen können auftreten. Auch der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus kann durch die Einnahme von Melatonin gestört werden. Im Gegensatz zu einer kurzzeitigen Gabe sind die Risiken und Nebenwirkungen einer Langzeiteinnahme derzeit aber noch gänzlich unerforscht.

Lesen Sie auf der folgenden Seite, ab wann Schlafstörungen gefährlich werden können ...

 

Wann wird eine Schlafstörung gefährlich?

Gefährlich wird es, wenn eine Person tagsüber unter Konzentrationsstörungen leidet. Dies kann zu einer erhöhten Unfallgefahr z. B. im Verkehr oder am Arbeitsplatz führen. Auch wenn Körpersymptome auftreten oder Symptome einer Depression bestehen, wird es gefährlich. Viele Menschen gehen jedoch bereits vorher zum Arzt. Eine Schlafstörung erzeugt per se einen hohen Leidensdruck.

Welche Folgen können Schlafstörungen noch haben?

Infolge einer Schlafstörung wird das Stressnervensystem des Körpers (Sympathikus) stärker aktiviert, da die ausreichende Ruhephase fehlt und der Betroffene sich tagsüber wachhalten muss. Das kann auf Dauer zu Belastungen des Herzens führen, aber auch Magen- und Darmbeschwerden, Kopfschmerzen sowie allgemeine Muskelverspannungen hervorrufen. Eine Depression kann sowohl Ursache wie auch Folge einer Schlafstörung sein. Hier ist die Lage also etwas komplizierter.

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Wie werden Schlafstörungen medizinisch behandelt?

Zunächst wird versucht, mittels einer Analyse der Lebensumstände mögliche Stressfaktoren zu erkennen und Auswege aus dem Stress zu finden. Wenn dies nicht ausreicht, sind Sport und Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder Yoga zu empfehlen. Danach kommen pflanzliche Präparate wie Hopfen, Baldrian und Passionsblume und/oder Melatonin als körpereigenes Schlafhormon.

Klassische Schlafmittel sollten die letzte Lösung sein, auch wenn Patienten häufig direkt danach fragen, da sie es für eine schnelle Lösung ihres Problems halten. Schlaftabletten haben alle ein Suchtrisiko. Das ist vor allem bei jüngeren Menschen ein wichtiges Gegenargument. Im höheren Alter, also ab ca. 80 Jahren, bin ich damit großzügiger, weil die Suchtgefahr dann nicht mehr so relevant ist und andere Optionen nicht immer altersgerecht sind.

Auf welche Einschlaf-Tipps und natürliche Einschlafhilfen setzen Sie?

Wichtig ist ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus und ein reizarmes Ausklingen des Tages. Auch ein Abendspaziergang, der Verzicht auf späte und schwer verdauliche Mahlzeiten und persönliche Abend-Rituale können helfen.

Vielen Dank für das Interview!

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