09.04.2020 - 10:57

Liquid Biopsy Neuer Bluttest soll 50 Krebserkrankungen aufspüren

Liquid Biopsy: Krebs-Früherkennung durch Blutabnahme würde die Medizin revolutionieren.

Foto: imago/Westend61

Liquid Biopsy: Krebs-Früherkennung durch Blutabnahme würde die Medizin revolutionieren.

Amerikanische Forscher haben in der Krebs-Früherkennung einen entscheidenden Schritt voran gebracht und den bereits vielversprechenden "Liquid Biopsy"-Bluttest weiterentwickelt. 50 verschiedene Krebserkrankungen sollen damit schon frühzeitig im Blut erkannt werden können.

Blutabnahme kann über verschiedenste Dinge Aufschluss geben. Mangel-Erscheinungen, Probleme mit der Schilddrüse, Entzündungswerte – und auch, ob ein Patient Krebs hat oder nicht. Die "Liquid Biopsy", zu deutsch "Flüssigbiopsie" macht es möglich: Dabei werden Proben nicht-festen, biologischen Gewebes, vor allem Blut, weitgehend nichtinvasiv untersucht. Ähnlich der herkömmlichen Biopsie eignet sich dieses Verfahren gut für die Diagnose und Überwachung von Krebserkrankungen. Und hier gibt es nun einen neuen Meilenstein zu verkünden. Darüber berichtet unter anderem das "Deutsche Ärzteblatt".

Mögliche Testverfahren auf verschiedene Krebsarten via Liquid Biopsy gab es schon mehrere. Eines davon stellen wir Ihnen weiter unten vor. Jetzt ist es Forschern gelungen, einen Bluttest zu entwickeln, der via Liquid Biopsy 50 verschiedene Krebsarten aufspüren kann.

50 Krebsarten aufspüren: So funktioniert die Liquid Biopsy

In einer prospektiven Fall-Kontroll-Studie, veröffentlicht in den Annals of Oncology, ließ sich nachweisen, dass der von einem US-Unternehmen entwickelte Test 50 verschiedene Krebsarten aufspüren kann. Und das weiter Verblüffende daran: Die falsch-positive Rate, also die Rate der Fälle, die diagnostiziert wurden, in denen aber gar keine Erkrankung vorlag, lag bei lediglich 0,7 Prozent! Diese falsch-positive Rate war ein Problem, mit dem frühere Tests stark zu kämpfen hatten, fiel diese Rate doch bisher noch weit höher aus.

Wie funktioniert das Ganze aber? Ein Liquid Biopsy Test erkennt genetische Mutationen von Krebszellen via DNA. Krebs ist im Grunde die Folge von Mutationen und anderen Veränderungen im Erbgut. Die mutierten Zellen, Krebszellen, vermehren sich und bilden bei den meisten Krebserkrankungen einen Tumor. Wenn Krebszellen während des Wachstums eines Tumors zerfallen, fließen Bruchstücke ihrer DNA ins Blut. Können nun diese Veränderungen im Blut nachgewiesen werden, lässt sich schnell feststellen, ob die getestete Person an Krebs erkrankt ist oder nicht. Bisher ist das bei einigen Krebserkrankungen erst gut nachweisbar, wenn der Tumor groß genug ist. Bei Krebs ist es aber oft überlebenswichtig, dass die Erkrankung so früh wie möglich erkannt wird.

Das Problem dabei ist, dass diese DNA-Bruchteile so unterschiedlich sein können, dass ein genaues Erkennen schwer möglich ist. Und da könnte nun der Durchbruch gelungen sein.

Methode kann DNA-Bruchstücke unterscheiden

Erst einmal musste ein gemeinsamer Nenner her. Und den könnte die US-Firma "Grail" gefunden haben. Über ihren Test lassen sich sogenannte "Methylierungsmuster" der im Blut nachgewiesenen zellfreien DNA bestimmen – und so lassen sich DNA-Bruchstücke aus Krebszellen von der aus Körperzellen stammenden zellfreien DNA unterscheiden. Diese Methylierungsmuster weisen daneben auch darauf hin, um welche Art von Krebs es sich handelt.

Um zu prüfen, ob dieser Test zuverlässig ist, wurden Studien mit Blutproben von knapp 6.700 Personen durchgeführt. Von diesen waren rund 2.500 an einer bekannten Krebsart erkrankt, wurden aber noch nicht behandelt. 4.200 weitere Personen ohne Krebs wurden getestet.

Dabei konnte herausgefunden werden, welche Muster für eine Krebserkrankung spezifisch sein könnten, sie also zeigen könnten. Laut der Forscher rund um Michael Seiden von "US Oncology" (privater Anbieter von Krebsbehandlungen aus Houston, USA) ließ sich damit eine Spezifität von 99,3 Prozent erreichen. Demnach fiel der Test also nur bei 0,7 Prozent der Studienteilnehmer, die nicht an Krebs litten, positiv aus.

Dieses Ergebnis ist so wichtig, weil so auch eigentlich unnötige Nachuntersuchungen überflüssig werden, die zum einen teuer sind, vor allem aber die falsch-positiv getesteten Menschen in einer Ungewissheit zurücklassen, die schwer zu ertragen ist. Denn sie glauben ja, sie seien an Krebs erkrankt, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind.

Je höher das Stadium, desto besser die Nachweisrate

Eine Flüssigbiopsie hätte den größten Nutzen, wenn sie Krebserkrankungen schon so früh wie möglich, also am besten in den ersten beiden Stadien erkennt. Zwar ist die Nachweisrate für die richtig-positiv erkannten Krebserkrankungen nicht so hoch – bei den zwölf tödlichsten Krebsarten lag sie bei rund 67 Prozent. Das betrifft Anal-, Blasen-, Darm-, Speiseröhren-, Magen-, Kopf- und Halskrebs, Krebs in Leber- und Gallengängen, Lungen-, Eierstock- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, Lymphome/Leukämien und Multiples Myelom. Im fortgeschrittenen Stadium war die Nachweisrate am höchsten. Aber auch in frühen Stadien lag sie bei den zwölf oben genannten Erkrankungen bei immerhin 39 Prozent in Stadium I und 69 Prozent in Stadium II. Bei allen 50 getesteten Krebsarten lag sie im Schnitt bei 18 Prozent in Stadium I, 43 Prozent in Stadium II, 81 Prozent in Stadium III und 94 Prozent in Stadium IV.

Weitere Studien folgen nun

Jetzt sollen zwei weitere Studien folgen: Die sogenannte SUMMIT-Studie soll an 50.000 Personen mit aufgrund von langjährigem Tabakkonsum erhöhtem Krebsrisiko testen, wie erfolgreich der Bluttest für die Früherkennung sein kann. Und in der PATHFINDER-Studie wird untersucht, wie dieser Test sich in die Praxis integrieren lassen könnte.

Interessant könnte der Test auch für Patienten sein, bei denen Tumormetastasen gefunden wurden, deren Ursprung, also der Primärtumor, bisher noch unbekannt ist. Denn in der Studie ist es in 96 Prozent der Fälle gelungen, den Ursprungsort der Krebserkrankung zu erkennen – anhand des oben genannten Methylierungsmusters der zellfreien DNA.

Die Krebs-Diagnose sorgt für ein Leben zwischen Angst und Hoffnung. Weitere Ratgeber und Artikel über Krebs gibt's auf unserer Themenseite.

Hier finden Sie die aktuelle Studie in den "Annals of Oncology" in englischer Sprache.

Weitere Informationen zum Krankheitsbild von Lungenkrebs und zu möglichen Präventionsmaßnahmen finden Sie in unseren Videos:

Krebs
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So berichtete BILD der FRAU am 22. Januar 2018 über einen weiteren Test nach dem "Liquid-Biopsy"-Verfahren:

Wissenschaftler von der "Johns Hopkins"-Universität in Baltimore veröffentlichten gerade im Fachjournal "Science" eine Meldung, dass sich mit einem Verfahren namens "Liquid Biopsy" (zu deutsch "Flüssigbiopsie") acht verschiedene Krebsarten in einem frühen Stadium erkennen lassen. Das würde die Krebsvorsorge, die bislang mit häufig unangenehmen Untersuchungen wie Mammographie oder Darmspiegelung einherging, maßgeblich revolutionieren.

"Liquid Biopsy": Krebs-Erkennung dank spezieller Blut-Analyse

Für die Studie an der "Johns Hopkins"-Universität wurde über tausend an Krebs erkrankten Personen Blut abgenommen und mit dem "Liquid Biopsy"-Verfahren analysiert. Dabei werden selbst kleinste Partikel im Blut aufgespürt, die auf bestimmte Krebserkrankungen hinweisen. Bei 70 Prozent der getesteten Personen konnte auch beim Bluttest Krebs nachgewiesen werden. Folgende Krebsarten können mit dem Test nachgewiesen werden:

  • Brustkrebs
  • Darmkrebs
  • Leberkrebs
  • Lungenkrebs
  • Eierstockkrebs
  • Bauchspeicheldrüsenkrebs
  • Speiseröhrenkrebs
  • Magenkrebs

Eine solche Form der Diagnose hätte für Betroffene unzählige Vorteile. Die Blutabnahme ist einfach und unkompliziert für den Patienten – kein Vergleich mit manch anderen Untersuchungen. Darüber hinaus könnten Mediziner einige besonders aggressive Krebsarten schon früh entdecken, was die Heilungschancen maßgeblich erhöhen würden. Für Patienten, die bereits eine Krebserkrankung hinter sich haben, könnte ein regelmäßiger Bluttest Aufschluss darüber geben, ob ein Rückfall droht.

Verfahren noch nicht vollkommen ausgereift

Obwohl der bisherige Forschungs-Fortschritt zu "Liquid Biopsy" wirklich vielversprechend ist, sollte man sich noch nicht zu früh freuen. Noch ist das Verfahren nicht ausgereift genug, um tatsächlich zur gängigen Praxis zu werden. Folgende Probleme müssen noch gelöst werden:

  • Laut deutschen Experten sei die Gefahr von irrtümlichen Krebs-Diagnosen sehr hoch. Das könnte zur Verunsicherung der Patienten führen und unnötige Folgeuntersuchungen nach sich ziehen.
  • Nicht in allen Fällen kann die Lage des Tumors durch den Bluttest ausgemacht werden. Für den Patient hieße das: Wissen, dass man Krebs hat, aber nicht, wo sich dieser befindet. Sehr schwierig für die Psyche und die weitere Behandlung.
  • Das Verfahren wurde bislang nur bei Patienten angewandt, bei denen eine Krebserkrankung vorlag. Aber: "Bei einem anerkannten Screeningverfahren muss eine einzelne an Krebs erkrankte Person ohne Symptome aus mehreren Hundert gesunden Personen und Personen mit anderen Erkrankungen korrekt erkannt werden", so heißt die Deutschen Gesellschaft für Pathologie in einer Stellungnahme zum Verfahren.

Für die Forscher aus Baltimore gibt es also noch eine Menge zu tun. Aber ihre Arbeit lässt zweifelsohne auf eine gesündere Zukunft hoffen.