13.10.2017

Lange Bewusstlosigkeit Koma und Wachkoma – neue Behandlung weckt Hoffnung

Menschliche Nähe ist für Patienten im Koma unersetzlich, auch wenn sie nach medizinischem Kenntnisstand keinerlei Reize verarbeiten können.

Foto: iStock/kupicoo

Menschliche Nähe ist für Patienten im Koma unersetzlich, auch wenn sie nach medizinischem Kenntnisstand keinerlei Reize verarbeiten können.

Keine Reaktion mehr auf Reize – im Koma ist die Verbindung nach außen gekappt. Alles über das Rätsel, das Wissenschaftler jetzt langsam lüften!

Nach einem Unfall tritt oft ein sogenanntes Koma ein. Die häufigsten Ursachen der tiefen Bewusstlosigkeit sind dabei direkte Verletzungen des Kopfs wie eine schwere Gehirnerschütterung (Schädel-Hirn-Trauma), Hirnblutungen bei einem Schlaganfall sowie Krankheiten wie Hirnhautentzündung (Meningitis) oder ein Hirntumor. Doch auch Vergiftungen etwa durch Drogen sowie schwere Stoffwechselstörungen – Stichwort diabetisches Koma –, Sauerstoffmangel oder ein Stromunfall sind mögliche Auslöser. All diese Faktoren können die Funktionen des Großhirns teilweise zum Erliegen bringen.

Grund des Komas: Schutz für das verletzte Gehirn?

Auch wenn beim Thema Koma vieles noch im Dunkeln liegt: Neurowissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass es sich dabei um eine Schutzreaktion des Körpers handeln könnte. Viele Funktionen sind ausgeschaltet, der gesamte Organismus befindet sich in einer Art tiefem Schlaf – was Koma übrigens auch der griechischen Wortbedeutung nach heißt. In diesem tiefen Schlaf kann sich der Mensch wieder erholen.

Dabei unterscheiden Mediziner verschiedene Phasen und Stufen des Komas:

  • Leichtes Koma, Stufe I: Pupillen reagieren noch auf Licht, Schmerzen werden mit erkennbarer Abwehr wahrgenommen
  • Leichtes Koma, Stufe II: ungezielte Abwehr von Schmerzreizen, Pupillenreaktion funktioniert noch
  • Tiefes Koma, Stufe III: ungezielte Bewegungen, keine Schmerzabwehrreaktion, Pupillenreflex nur noch schwach ausgeprägt
  • Tiefes Koma, Stufe IV: keine Reaktion auf Schmerzreize, kein Pupillenreflex, die Pupillen sind ständig geweitet

Koma und Wachkoma – das sind die Unterschiede

Künstliche Ernährung und Beatmung sind bei einem tiefen Koma unumgänglich. Bei leichteren Formen funktioniert die Atmung oft noch normal. Nach wenigen Tagen oder Wochen im Koma tritt entweder der Hirntod ein oder der Kranke wacht von selbst wieder auf. Die Aufwachphase kann plötzlich einsetzen oder sich über mehrere Stunden oder Tage hinziehen.

Häufig gleitet jedoch die tiefe Bewusstlosigkeit in andere, leichtere Formen des Komas über, etwa in

  • ein Wachkoma (apallisches Syndrom)
  • den minimalen Bewusstseinszustand (Minimally Conscious State – MCS) oder
  • das Locked-In-Syndrom

Dabei ist für das Wachkoma typisch, dass die Augen geöffnet sind und der Blick durch den Raum schweift. Außerdem können Wachkomapatienten lächeln, weinen und greifen. Allerdings handelt es sich dabei nach aktuellem Stand der Wissenschaft eher nicht um gesteuerte Reaktionen, sondern um unbewusste Reflexe.

Pro Jahr fallen in Deutschland rund 3.000 Patienten in ein Wachkoma. Oft hält dieser Zustand Jahre an. Die Chancen, daraus wieder zu erwachen, sind relativ gering. Doch sogar nach zwölf Jahren gibt es noch Fälle, in denen die Patienten wieder ihr volles Bewusstsein erlangen konnten.

Der Minimale Bewusstseinszustand ähnelt dem Wachkoma sehr, allerdings zeigen sich manchmal bereits zielgerichtete Reaktionen. Die Möglichkeit, daraus gänzlich zu erwachen, sind wesentlich höher als beim Wachkoma.

Locked-In-Syndrom und Wachkoma – prominente Patienten

Ein Sonderfall ist das sogenannte Locked-In-Syndrom, das nur auf den ersten Blick einem Koma ähnelt. Denn die Betroffenen sind bei vollem Bewusstsein, körperlich jedoch vollständig gelähmt. Das Locked-In-Syndrom erlaubt oft nur ein Augenblinzeln, über das sich der Kranke dann verständigen kann. Berühmtester Patient ist der britische Astrophysiker Stephen Hawking, der durch das Nervenleiden ALS gewissermaßen in seinen Körper eingesperrt wurde, trotzdem aber weiterforscht und Bestseller schreibt.

Künstliches Koma bedeutet hingegen, dass die Ärzte einen Schwerkranken in eine Langzeitnarkose versetzen, um ihm Schmerzen zu ersparen und die Erholung zu fördern. In diesem Zusammenhang erinnert sich vermutlich jeder an Rennfahrerlegende Michael Schumacher, der bei einem Skiunfall ein schweres Schädel-Hirn-Traum erlitt.

Aufwachen aus dem künstlichen Koma

Ärzte versuchen in der Regel, das künstliche Koma möglichst kurz zu halten, denn mit der Dauer der Narkose steigt das Risiko für Komplikationen, etwa Lungenentzündung und Thrombose.

Zum Aufwachen aus dem künstlichen Koma wird das Narkosemittel langsam abgesetzt (ausgeschlichen). Oft haben Patienten in der Aufwachphase anfangs Halluzinationen, sind verwirrt und/oder aggressiv. Dann ist es hilfreich, wenn Angehörige und Freunde in der Nähe sind. Sie erleichtern dem Aufwachenden, sich in der Realität zurechtzufinden.

In jeder Phase des Komas gilt: Die Anwesenheit geliebter Menschen und Kommunikation mit ihnen ist ein wichtiger Faktor. Zwar bekommen Menschen im tiefen Koma laut Schulmedizinern so gut wie nichts aus ihrer Umgebung mit. Immer wieder gibt es jedoch Berichte, dass sich Menschen, die nach tiefer Bewusstlosigkeit aufwachten, durchaus an Besuche und Gespräche in der Umgebung erinnert und sie als großen Trost empfunden haben.

Therapie bei Koma und Wachkoma

Neurologen können mit Elektroenzephalographie (EEG) und funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen, ob und welche Bereiche im Gehirn auf Musik, Sätze, Licht und Bilder reagieren. Zusätzlich lässt sich mit Positronenemissionstomographie (PET) der Energieverbrauch des Organs feststellen, was wiederum einen Rückschluss auf seine Aktivität zulässt. Allerdings liefern all diese Gehirnscans nur eine Momentaufnahme eines Zustands, der sich rasch wieder ändern kann. Denn die Übergänge zwischen den einzelnen Koma-Stadien sind fließend.

Eine Therapie, um das Gehirn aus dem Koma zu wecken, gibt es bisher nicht. Wichtig ist in erster Linie, die zugrundeliegende Krankheit auszuheilen, etwa eine Hirnhautentzündung oder die Hirnschwellung nach einem schweren Sturz. Unbestritten können Sinnesreize wie Musik, passive Bewegung und Massagen dabei helfen, das Gehirn wieder an seiner Umgebung teilnehmen zu lassen. Selbstverständlich ist intensive Pflege bei Komapatienten wichtig, um ein Wundliegen (Dekubitus) und Hygieneprobleme zu vermeiden.

Forscher verhelfen Wachkomapatienten zu neuem Bewusstseinszustand

Einen wichtigen Schritt bei der Behandlung des Komas haben im Herbst 2017 französische Wissenschaftler vollbracht. Sie implantierten einem Wachkomapatienten, der seit 15 Jahren in gleichbleibendem Zustand war, einen sogenannten Vagusnervstimulator, wie er auch zur Behandlung von Epilepsie und Depressionen eingesetzt wird.

Dabei handelt es sich um zwei kleine Implantate im Halsbereich, über die sich der Vagusnerv erreichen lässt. Dieser Hirnnerv reguliert die Aktivität innerer Organe, steuert außerdem Bewegungen und Funktion von Kehlkopf und Rachen.

Mithilfe der Vagusstimulation wollten die Neurologen verschiedene Hirnbereiche wieder aktivieren – was ihnen auch gelungen ist: Schon nach wenigen Wochen konnte der Patient Bewegungen mit den Augen folgen und erschien insgesamt wacher. EEG und PET bewiesen zweifelsfrei, dass die Hirnzellen wieder aktiver waren. Der 35-Jährige hat nun einen minimalen Bewusstseinszustand erreicht und damit gute Chancen, wieder vollständig gesund zu werden.

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