18.09.2017

Hoffnung für Betroffene Kann eine Impfung bei Migräne helfen?

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Kann die Impfung endlich gegen Migräne vorbeugen?

Foto: iStock/patronestaff

Kann die Impfung endlich gegen Migräne vorbeugen?

Der Durchbruch für Millionen Leidgeplagte steht kurz bevor: Forscher arbeiten an der ersten Spritze zur Migräne-Vorbeugung. Auch gegen andere Kopfschmerzarten gibt es immer bessere Therapien.

Der quälende, pochende, oft einseitige Schmerz zwingt viele Betroffene hinter zugezogenen Gardinen ins Bett. Migräne ist von den insgesamt 367 unterschiedlichen Kopfschmerz-Formen eine der schlimmsten und tritt mit Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit ein – oft mehrmals im Monat. Kann jetzt endlich eine Migräne-Impfung helfen?

In Deutschland ist einer von sieben Erwachsenen Leidensgenosse. "Frauen bekommen doppelt bis dreifach so oft wie Männer eine Migräne, die eine biologische, im Erbgut verankerte Erkrankung ist", sagt Prof. Hartmut Göbel, Facharzt für Neurologie und Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. "Das Gehirn reagiert besonders schnell und aktiv. Das ist angeboren wie die Augenfarbe. Und bei Frauen arbeitet das Nervensystem noch rasanter als bei Männern, reagiert empfindlicher auf Reize der Außenwelt, kann sie nicht mehr richtig verarbeiten."

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Was die Migräne-Impfung verspricht

Doch es ist Besserung in Sicht: eine Art vorbeugende Impfung per Spritze mit monoklonalen Antikörpern. Sie wird zurzeit in zahlreichen internationalen Forschungszentren getestet – auch an der Schmerzklinik Kiel. Prof. Göbel: "Die Antikörper sind im Labor hergestellte, immunologisch aktive Eiweiße."

Die Medizin weiß mittlerweile, dass der Migräneschmerz an den Blutgefäßen der Hirnhäute entsteht. "Dort werden bestimmte Nervenbotenstoffe freigesetzt, die eine örtliche Sensibilisierung und Entzündung hervorrufen", erklärt der Schmerz-Spezialist. "Das führt schließlich auch zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit der Gefäßhäute. Jede Erschütterung, jede Bewegung tut dann weh." Monoklonale Antikörper blocken die Aktivität des Entzündungsproteins CGRP ab und können so einer Migräne vorbeugen.

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Besonders wirksam ist die Impfung in klinischen Studien bei Patienten mit einem schweren Verlauf der Schmerzattacken. "Bei rund der Hälfte der Testpersonen scheint sich die Migräne-Häufigkeit um 50 Prozent der monatlichen Kopfschmerztage zu verringern. Mehr als 15 Prozent berichten, dass sie überhaupt keine Kopfschmerz-Attacken mehr haben", so Prof. Hartmut Göbel. Die Impfung wird wahrscheinlich in eineinhalb bis zwei Jahren auf den Markt kommen.

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Lesen Sie auf der nächsten Seite, was gegen andere Arten von Kopfschmerzen hilft.

 

Was gegen andere Kopfschmerzen hilft

Aber auch andere Kopfschmerzarten plagen die Menschen. Bei einigen weiß man bereits, wie sie sich gut behandeln lassen:

Spannungs-Kopfschmerzen

Diese häufigste Form nervt über 80 Prozent der Deutschen immer wieder mal. Auslöser: Stress, Muskelverspannungen, Fehlhaltungen der Halswirbelsäule.

  • So hilft der Arzt: Mit hoch dosierten Schmerzmitteln (Brausetabletten wirken schneller) wie 500 bis 1000 mg Acetylsalicylsäure, 400 mg Ibuprofen oder 500 bis 1000 mg Paracetamol am Tag, auch Muskelrelaxanzien. Zur Vorbeugung: mit Entspannungstraining und Biofeedback.
  • Das können Sie selbst tun: 10-prozentige Pfefferminz-Lösung (Apotheke) vorsichtig auf Stirn, Nasenwurzel und Schläfen einmassieren. Bis zu dreimal am Tag.

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Medikamenten- Kopfschmerz

Wer an mehr als zehn Tagen im Monat zu Schmerzmitteln greift, kann sich das pulsierende Kopfweh heranzüchten. Es beginnt schon früh am Morgen, dauert den ganzen Tag – an mehr als 15 Tagen im Monat.

  • So hilft der Arzt: Er rät zur Schmerzmittel-Pause und zur 10- bis 20-Regel: Schmerzmittel seltener als an zehn Tagen im Monat einnehmen, mindestens 20 Tage im Monat ohne.
  • Das können Sie selbst tun: Bei akutem Schmerz bequem hinsetzen, Augen schließen, achtsam tief in den Bauch hineinatmen. Langsam wieder ausatmen. Atem anhalten, laut von 1006 bis 1001 zurückzählen. Wieder einatmen … 4 bis 5 Minuten. Auch gut: Saft von 1/2 Zitrone mit 1 Glas warmem Wasser mischen, trinken. Dreimal am Tag.

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Cluster-Kopfschmerz

Die bohrenden Attacken einseitig hinter dem Auge zählen zu den schwersten Kopfschmerzen, mit Anfällen bis zu achtmal am Tag. Getriggert werden sie z. B. durch Alkohol, Nikotin, grelles Licht. Sie treten auch im Frühjahr und Herbst öfter auf.

  • So hilft der Arzt: Mit einer Sauerstoff-Therapie, bei der reines O2 über eine Maske eingeatmet wird. Oder mit einem Nasenspray mit Triptanen, die auch bei Migräne eingesetzt werden. Ganz neue Therapie an der Schmerzklinik Kiel: das Spurenelement Lithium und der Wirkstoff Verapamil.
  • Das können Sie selbst tun: Vorbeugend keinen Alkohol, nicht rauchen, nitratfreie Kost, z. B. ohne Pökelsalze, geregelter Schlafrhythmus. Neu: Nasenspray mit dem Chilipfeffer-Wirkstoff Capsaicin (Apotheke).
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