25.08.2017

Hanf auf Rezept Wie sinnvoll ist der Einsatz von Cannabis in der Medizin?

Es gibt sehr viele Anwendungsbereiche, wo Cannabis eine effektive und nebenwirkungsarme Medizin darstellt.

Foto: iStock/mustafagull

Es gibt sehr viele Anwendungsbereiche, wo Cannabis eine effektive und nebenwirkungsarme Medizin darstellt.

Seit März gibt es in Deutschland Cannabis auf Rezept. Das Hanf wird bei verschiedenen Krankheiten eingesetzt. bildderfrau.de hat mit einem Experten über die Wirkungsweisen, die Vorteile und die Einsatzmöglichkeiten gesprochen.

Seit rund fünf Monaten können Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen, chronischen Schmerzen und als Palliativ-Behandlung Cannabis auf Rezept bekommen. Bis Juni wurde etwa 1000 Patienten bundesweit legal Cannabis verschrieben. bildderfrau.de hat mit Dr. med. Erwin G. Boss, Facharzt für Anästhesiologie, Rettungsmedizin, vom Asklepios Gesundheitszentrum Harburg, über den Einsatz von Cannabis in der Medizin gesprochen.

Bei welchen Krankheiten ist Cannabis sinnvoll?

Dr. Boss: "Cannabis ist in der Regel dann sinnvoll, wenn neben Schmerzen auch schmerzhafte Muskelverspannungszustände oder Spastiken vorliegen, wie z. B. bei der Schüttellähmung (M. Parkinson) oder der Multiplen Sklerose (MS). Auch zur Reduktion hoher Opioid-Dosierungen (morphin-artige Wirkstoffe), wenn diese zur Schmerzlinderung zwar einerseits unumgänglich sind, andererseits aber ausgeprägte Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel verursachen.

Auch haben sich Cannabis-Wirkstoffe sehr zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen z. B. bei Tumor-Chemotherapien oder starker Gewichtsabnahme (schmerz- oder auch medikamentenbedingt) sehr bewährt zur Wiederherstellung des Appetits und Verhinderung einer übermäßigen Gewichtsabnahme.

>> Cannabis auf Rezept: Was Patienten wissen sollten

Cannabis in der Medizin

Was sind die Vorteile von Cannabis im Gegensatz zu herkömmlichen Medikamenten?

Cannabis hat im Vergleich zu den herkömmlichen Schmerzmitteln eine sehr gute Verträglichkeit bei verhältnismäßig geringer Wirkung auf die inneren Organe. Nach heutigem Stand der Wissenschaft ist letztendlich von einer sehr zufriedenstellenden Langzeitverträglichkeit auszugehen, wobei eine fachgerechte ärztliche Betreuung natürlich unbedingt anzuraten ist. Als "Naturmittel" genießt Cannabis bei vielen meiner Patienten einen hohen Vertrauensvorschuss.

Bei welchen Krankheiten kann Cannabis schädlich sein?

Vorsichtig sollte man z. B. bei Suchterkrankungen, auch in der Vorgeschichte des Patienten, sein, auch bestimmte psychische Erkrankungen können eine Cannabis-Behandlung erschweren oder sogar auch unmöglich machen. Ich arbeite als Schmerztherapeut mit Ärzten verschiedener Fachrichtungen zusammen, so dass solche Fragestellungen dann auch gleich gemeinsam mit dem Patienten besprochen werden können. Wir haben bisher eigentlich immer eine für den Patienten zufriedenstellende Lösung hierbei gefunden.

Kann Cannabis Krebs heilen?

Es gibt immer wieder Geschichten, dass Menschen mithilfe von Cannabis von Krebs geheilt wurden. Ist so etwas möglich?

Eine Heilung vom Krebs durch Cannabis ist mir in meiner täglichen Tätigkeit als Schmerztherapeut bisher (leider) noch nicht begegnet. Jedoch hat jeder übermäßige Schmerzzustand auch eine ungünstige Auswirkung auf unser körpereigenes Immunsystem, so dass eine gute Schmerztherapie gewissermaßen immer auch für unsere Immunabwehr sehr hilfreich ist. Die häufig pflanzliche Herkunft der Cannabis-Medikamente stellt bei vielen Patienten zusätzlich einen beruhigenden Aspekt dar, insbesondere wenn ohnehin schon viele "Chemie-Hämmer" eingenommen werden müssen.

>> Zwischen Hoffnung und Unsicherheit: Cannabis auf Rezept

Welche Nebenwirkungen treten auf, wenn man regelmäßig Cannabis konsumiert?

Hier muss eigentlich zwischen akuten und chronischen Nebenwirkungen unterschieden werden. Bei Neueinnahme von Cannabis-Medikamenten kann häufig Müdigkeit und Schläfrigkeit auftreten, Kreislaufprobleme sind sehr selten, wobei jedoch darauf hingewiesen werden muss, dass sich in der Schmerztherapie das Inhalieren von Cannabis nicht sehr durchgesetzt hat und eher die gleichmäßigere Wirkung von Tropfen, Sprays oder Kapseln bevorzugt wird.

Grundsätzlich kann jedoch gesagt werden, dass die Patienten, die Cannabis akut vertragen, auch nach langjähriger medikamentöser Einnahme keine signifikanten Gesundheitsschäden an Leber, Niere oder Gehirn fürchten müssen. Nach entsprechender und sorgfältiger ärztlicher Einstellung ist oft sogar auch das Autofahren wieder möglich.

Jeder Deutsche geht im Jahr durchschnittlich 17 Mal zum Arzt. Aber weshalb? Wir zeigen die 30 Krankheiten, die Ärzte besonders oft diagnostizieren – klicken Sie sich durch:

Legalisierung von Cannabis

Sind Sie für die Legalisierung von Cannabis?

Hierbei schlagen eigentlich zwei unterschiedliche Herzen in meiner Brust: einerseits sollte Cannabis nach meiner Meinung nur zu medizinischen Zwecken eingesetzt werden – zumindest unter ärztlicher Anleitung und Überwachung, da Cannabis als Medikament nicht komplett risikofrei ist – andererseits würde jedoch eine Legalisierung sicherlich auf die Qualität des konsumierten Cannabis eine sehr positive Wirkung haben. Viele Nebenwirkungen und Probleme des "illegalen" Cannabis rühren z. B. auch von Beimengungen her, die mit Cannabis selbst nichts zu tun haben und z. B. nur zum "Strecken" der Gesamtmenge oder zu deren Wirkverstärkung beigefügt werden.

Wie nehmen Patienten, die Cannabis auf Rezept bekommen, das Mittel ein?

In der Schmerztherapie hat sich insbesondere die Einnahme in Sprays, Lösung und Kapseln bewährt, Cannabis zur Inhalation wird eigentlich nur bei besonderen Problemstellungen verwendet, nachdem bei Inhalation immer zunächst ein Wirkungshoch in der Blutbahn auftritt, welches bisweilen Probleme in der Verträglichkeit und Wirksamkeit machen kann. Auch das "High-Gefühl" rührt daher. Die Cannabis-Präparate zum Einnehmen verursachen in der Regel durch ihre doch sehr gleichmäßige Wirkung kein "High", aber trotzdem eine sehr gute Wirksamkeit. Überhaupt lehnen die meisten meiner Patienten eine "High"-Wirkung ohnehin ab, weil sie "Herr ihrer Sinne" bleiben möchten.

>> Cannabis auf Rezept - Was Patienten wissen sollten

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