21.06.2017

Experten-Tipps und Übungen So kann Yoga bei Rückenschmerzen helfen

Studien zeigen, dass Yoga das körperliche und geistige Befinden (z. B. Rückenschmerzen,
Stress) verbessert sowie die Leistungsfähigkeit steigert.

Foto: iStock/microgen

Studien zeigen, dass Yoga das körperliche und geistige Befinden (z. B. Rückenschmerzen, Stress) verbessert sowie die Leistungsfähigkeit steigert.

Die Deutschen lieben Yoga! Aber ist die Trendsportart auch für Menschen mit Rückenbeschwerden geeignet? Eine Expertin verrät, worauf Orthopädie-Patienten achten müssen – und welche Übungen die richtigen für sie sind.

Knapp fünf Millionen Deutsche machen regelmäßig Yoga, dehnen, federn und schwingen dabei die Glieder und verbiegen ihren Körper zum Sonnengruß. Aber ist die Trendsportart dann überhaupt für Orthopädie-Patienten geeignet? Immerhin waren laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) 2015 mehr als 22 Millionen Deutsche aufgrund einer Erkrankung der Wirbelsäule oder des Rückens in einer Arztpraxis.

Ja, sagt Dr. Susanne Götschl, Chefärztin für Orthopädie/Unfallchirurgie und stellvertretende Ärztliche Direktorin der Klinik im Alpenpark. Denn Yoga bei Rückenschmerzen ist für den Körper schonender und ganzheitlicher als andere Sportarten. Allerdings sollen Menschen mit orthopädischen Erkrankungen nicht jede Übung machen. Welche für sie geeignet sind, wie häufig sie trainieren und worauf sie noch achten sollten, verrät die Expertin im Interview.

Deutsche gehen am häufigsten wegen Rückenschmerzen zum Arzt

bildderfrau.de: Frau Dr. Götschl, können Orthopädie-Patienten ohne Weiteres Yoga ausüben?

Dr. Susanne Götschl: Sehr viele Patienten sind nach einer Verletzung oder Operation wieder in der Lage, in ihre gewohnte Yoga-Stunde zu gehen – man muss die Belastung jedoch der jeweiligen Verletzung anpassen. So sollte man beispielsweise bei einem Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule andere Übungen meiden als bei einem Bandscheibenvorfall im unteren Rücken. Prinzipiell können Menschen mit orthopädischen Erkrankungen die meisten Yoga-Arten ausüben; wichtig sind aber immer die richtige Technik und eine saubere Ausführung.

Welche Leiden haben Orthopädie-Patienten klassischerweise, für die Yoga infrage kommt?

Zu den häufigsten Leiden zählen Haltungsschäden, Sportverletzungen, Rückenprobleme, chronische Schmerzleiden, Muskelverkürzungen, Arthrose und Rheuma. Die Ursache der meisten Beschwerden sind Dysbalancen, also ein Ungleichgewicht in der Muskulatur, die durch asymmetrische und einseitige Belastungen sowie Überbelastungen entstehen.

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Kann "falsches" Yoga die Leiden von Orthopädie-Patienten verschlimmern?

Ja, durch eine falsche Ausführung entstehen zum Teil schwerwiegende Verletzungen. Fängt eine Position zu schmerzen an, sollte man sie gleich abbrechen. Der Körper muss sich erst langsam an die Dehnungen gewöhnen. Außerdem gibt es Übungen, bei denen das Risiko größer als der therapeutische Nutzen ist. Dazu gehören vor allem Positionen, die den Nacken sehr belasten. Diese können aber in abgewandelter Form ausgeübt werden. Da sich eine Verletzung erst über einen längeren Zeitraum hinweg entwickeln kann, vermeidet man am besten komplexe Yoga-Positionen. Patienten sollten ihre Yoga-Übungen nicht aus Büchern oder Videos erlernen, sondern sich bei ausgebildeten Yoga-Lehrern Rat holen: Sie gehen auf die individuellen Bedürfnisse ein und korrigieren falsche Techniken.

Warum sollen Orthopädie-Patienten keine Hilfsmittel verwenden?

Dieser Tipp gilt vor allem für Anfänger, die die richtige Technik und Ausführung erst noch lernen müssen. Deswegen sollte anfangs nur das eigene Körpergewicht, die eigene Kraft und Beweglichkeit eingesetzt werden. So kann der Yogi-Neuling seine Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des eigenen Körpers kennenlernen und erkunden. Geübtere können durchaus mit Hilfsmitteln trainieren, sofern sie auf eine saubere Ausführung achten.

Sie sagen, Anfänger sollen regelmäßig und so oft wie möglich trainieren – wie oft und wie lange sollte das also sein?

Anfangs sind dreimal pro Woche ideal. Nur mit regelmäßigem und kontinuierlichem Training lassen sich schnell Fortschritte erzielen. Nach sechs bis acht Wochen spürt man schon erste Erfolge: Der Muskelumfang und die Kraft nehmen zu, die Beweglichkeit und die Herz-Kreislauf-Tätigkeit verbessern sich. Im weiteren Verlauf kann das Training auch auf ein- bis zweimal die Woche reduziert werden. Fühlt sich der Patient dabei sicher, spricht nichts dagegen, die Übungen zu Hause eigenständig auszuführen.

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Können Orthopädie-Patienten selbst bei korrekter Ausführung auch zu viel Yoga machen?

Wenn man es übertreibt, ja. Yoga ist kein Leistungssport: Wer sich aus falsch verstandenem Ehrgeiz zu viel abverlangt, riskiert unerwünschte Nebenwirkungen bis hin zu Verletzungen. Viele Menschen betreiben Yoga wie eine Sportart, dabei geht es weit darüber hinaus. Indem es wesentlich tiefere Schichten des Körpers mit einbezieht als "nur" Muskeln und Knochen, lässt es sich nicht einfach mit anderen "Gymnastikformen" vergleichen.

Bikram-Yoga wird in warmer Umgebung betrieben – ist das sinnvoll für Orthopädie-Patienten?

Für Orthopädie-Patienten ist es besonders geeignet, weil die Wärme die Aufwärmphase unterstützt, die Beweglichkeit fördert und so das Verletzungsrisiko verringert. Für mich ist es die optimale Yoga-Art, da es aufgrund der hohen Raumtemperatur und der hohen Luftfeuchtigkeit eine ideale Kombination aus schweißtreibendem Workout und schonender Methode bietet.

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Gibt es noch weitere Varianten, die gut für Orthopädie-Patienten sind?

Ich finde es schwierig, eine eindeutige Empfehlung zu bestimmten Yoga-Arten zu geben. Gerade Anfänger sollten eine Yoga-Art wählen, bei der die Übungsabfolge gleich bleibt, aber trotzdem umfassend ist. Somit kann man gezielt an Haltungsschäden, Dysbalancen oder alten und neuen Sportverletzungen arbeiten – und Fortschritte besser erkennen.

Sollten Orthopädie-Patienten Yoga durch andere Sportarten ergänzen?

Regelmäßiges Training – egal in welcher Form – kann den Patienten belastbarer für die Bewältigung des Alltags machen und den Teufelskreis aus Schmerzen, Bewegungsmangel und Fehlbelastungen durchbrechen helfen. Ein erfolgreiches Training sollte daher aus verschiedenen Inhalten bestehen: Muskelaufbau und -erhalt, Mobilisation und Beweglichkeitstraining, Koordinationsschulung, Rücken- und Gangschulung sowie Entspannungstraining.

Yoga ist im engeren Sinn kein Sport, sondern eine psychosomatische Übungsweise, die gleichzeitig Psyche und Körper positiv beeinflusst. Pilates ist dazu beispielsweise die klassische Ergänzung, um einen gezielten Muskelaufbau zu fördern. Um die körperliche Fitness zu stärken, eignen sich darüber hinaus auch moderate Ausdauersportarten. Auch hier kommt es wieder darauf an, welche sportlichen Belastungsgrenzen, welche Art der orthopädischen Erkrankung, welche Begleiterkrankungen usw. der Patient hat. Eine Kombination aus Fitness und innerer Balance ist jedoch eine sehr gute Kombination.

Die folgenden Sportarten können Yoga ergänzen:

  • Fördert die Kondition: Schwimmen, Laufen, Walken, Fahrradfahren
  • Fördert den Muskelaufbau: Pilates, Krafttraining (Hanteltraining, isometrisches Muskeltraining oder Maschinentraining)
  • Fördert die Sprungkraft und Koordination: Ballsportarten

Grundsätzlich sollten Patienten mit ihrem Arzt sprechen, bei welcher Erkrankung welche Sportarten geeignet bzw. zu vermeiden sind und in welchen Fällen kein Sport betrieben werden darf. Letztlich ist es zudem eine Frage des persönlichen Geschmacks. Schließlich soll Sport ja auch Spaß machen.

Mehr über den Trendsport Yoga und auch weitere Hinweise, wie Yoga bei Rückenschmerzen helfen kann, erfahren Sie hier:

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