20.06.2017

Expertin über gute Zahnpflege "Zu häufiges Zähneputzen schadet eher"

Regelmäßige Kontrolle ist wichtig: Erwachsene sollten mindestens einmal im Jahr zum Zahnarzt gehen. Kinder mindestens zweimal pro Jahr.

Foto: iStock/Wavebreakmedia

Regelmäßige Kontrolle ist wichtig: Erwachsene sollten mindestens einmal im Jahr zum Zahnarzt gehen. Kinder mindestens zweimal pro Jahr.

Gepflegte Zähne sind nicht nur optisch empfehlenswert, auch aus gesundheitlichen Gründen ist eine gute Zahnhygiene notwendig. Die wichtigsten Fakten rund das Thema Zahnpflege.

Chronische Zahnbettentzündungen, besser bekannt als Parodontitis, gelten heute als Hauptursache für Zahnverluste – das geht aus dem Zahnreport der Barmer Krankenkasse vom April 2017 hervor. Dabei lassen sich mit der richtigen Pflege Zahnbettschäden, die bis zum Zahnverlust führen können, vermeiden. Aber Verfärbungen und Mundgeruch haben bei ordentlicher Zahnhygiene oft keine Chance. bildderfrau.de hat mit Zahnärztin Dr. Dr. Thea Lingohr über die Dos and Dont's der Zahnpflege, die häufigsten Irrtümer und die richtigen Lebensmittel für gesunde Zähne gesprochen.

bildderfrau.de: Frau Dr. Dr. Lingohr, gibt es die Veranlagung „gute Zähne“ oder „schlechte Zähne“ überhaupt?

Als schlecht gelten Zähne, wenn sie anfällig für Karies und Parodontitis sind. Dabei ist das Risiko, an Parodontitis zu erkranken, vererbbar, die Kariesanfälligkeit jedoch nicht. Dennoch gibt es Menschen, die trotz umfassender Zahnpflege und Zahnhygiene häufiger an Karies erkranken.

Das liegt daran, dass Zahnfehlstellungen und Gendefekte, die eine Veränderung der Zahnhartsubstanz oder verringerten Speichelfluss zur Folge haben, zu den vererbbaren Faktoren gehören. Je enger die Zähne zusammenstehen, desto anfälliger sind sie beispielsweise für Plaque, und desto schwieriger ist eine gründliche Reinigung. Außerdem gilt: je weniger Speichel produziert wird, desto geringer ist die Spülfunktion.

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Kinder und Jugendliche müssen besonders aufpassen

Was kann schlechtes Putzen in der Kindheit für Folgen haben?

Erkrankungen der Milchzähne können zu Schäden oder Fehlstellungen der bleibenden Zähne führen. Insofern spielen Zahnpflege, Mundhygiene und regelmäßige Besuche beim Zahnarzt schon bei Kindern eine wichtige Rolle.

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Gibt es Lebensphasen, in denen Zähne besonders anfällig sind?

Als besonders anfällig gelten Zähne von Kindern und Jugendlichen, da sie selten Zahnseide verwenden und oftmals viele Süßigkeiten verzehren. Zudem weisen ihre Zähne tiefere Fissuren auf. In vielen Fällen bietet sich hier eine Versiegelung durch den Zahnarzt an.

Haben die Zähne auch Auswirkungen auf den Rest des Körpers?

Bleiben Karies oder Zahnfleischentzündungen über einen längeren Zeitraum hinweg unbehandelt, können sich die Bakterien im gesamten Körper ausbreiten, denn die Nerven und Blutgefäße der Zähne sind mit dem gesamten Organismus verbunden. So erhöht Parodontitis das Risiko, an Diabetes, Schlaganfall oder Herz-Kreislauf- Erkrankungen zu erkranken. Zahnfehlstellungen hingegen können Rückenschmerzen verursachen.

Man liest und hört immer von der neuen Volkskrankheit Parodontitis – was ist da dran?

Mehr als 80 Prozent der über 35-Jährigen leiden unter Parodontitis, einer bakteriellen Entzündung des Zahnfleischs, früher auch Parodontose genannt. Dies kann auch der Fall sein, auch wenn die Zähne auf den ersten Blick gesund erscheinen. Bleibt Parodontitis unbehandelt, greift sie auf den Kieferknochen über und kann schließlich sogar zu einem Verlust der Zähne führen. Der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zufolge leiden etwa 30 Prozent der Menschen an einer genetischen Neigung, an Parodontitis zu erkranken.

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Was ist der größte Fehler in Bezug auf Zahnhygiene?

Noch immer denken viele Eltern, dass die Milchzähne ihrer Kinder keine umfangreiche Pflege benötigen, weil die Milchzähne ohnehin ausfallen. Aus diesem Grund vernachlässigen sie die frühkindliche Mundhygiene. Das ist ein Irrglauben, denn die bleibenden Zähne können an Karies erkranken, bevor sie überhaupt durchbrechen. Außerdem kommt den Milchzähnen eine bedeutende Rolle bei der Sprachentwicklung zu. Zudem unterschätzen viele die Bedeutung von Zahnseide bei der täglichen Zahnpflege und benutzen diese viel zu wenig.

Kann ich Zähne auch „überputzen“?

Wer sich öfter als dreimal am Tag die Zähne putzt, schadet den Zähnen eher, als dass er sie pflegt, weil zu häufiges Putzen den Zahnschmelz in Mitleidenschaft zieht. Es reicht daher auch, nur morgens und abends nach dem Essen die Zähne zu putzen und nach dem Mittagessen einen Kaugummi zu kauen, um ein pH-neutrales Milieu im Mund zu schaffen. Außerdem ist es wichtig, sich nicht unmittelbar nach dem Verzehr von säurehaltigem Obst die Zähne zu putzen, weil die Säure den Zahnschmelz aufraut.

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Die Auswahl unserer Nahrungsmittel beeinflusst die Gesundheit und das Aussehen unserer Zähne. Lesen Sie hier, welche Ernährung Ihre Zähne stärkt.

Rauchen schadet dem Zahnfleisch extrem

Was sollte ich meinen Zähnen auf keinen Fall antun?

Wer seine Zähne selten putzt, keine Zahnseide verwendet, viele Süßigkeiten verzehrt und nicht regelmäßig den Zahnarzt aufsucht, schadet seinen Zähnen sehr. Rauchen ist für das Zahnfleisch besonders schädlich, denn Nikotin hat eine Verringerung der Zahnfleischdurchblutung zur Folge. Zudem reduziert Nikotin die körpereigene Abwehrfähigkeit gegen Bakterien. So entstehen viel häufiger Zahnfleischentzündungen. Als besonders problematisch erweist sich dabei, dass sich die Entzündungen bei Rauchern später diagnostizieren lassen, weil das charakteristische Zahnfleischbluten lange ausbleibt. Außerdem fördert der Nikotinkonsum den Abbau des Kieferknochens und erhöht das Risiko, an Mundkrebs zu erkranken, signifikant.

Was halten Sie von Bleaching?

Ich empfehle Patienten zweimal im Jahr eine professionelle Zahnreinigung, um so Ablagerungen zu entfernen. Das hilft, die Zähne natürlich weiß und glänzend zu halten. Bei starken Verfärbungen durch den regelmäßigen Verzehr stark färbender Lebensmittel wie Kaffee, Tee oder Wein bietet sich ein – kontrolliert durch den Zahnarzt durchgeführtes – Zoom-Bleaching mit anschließender Versiegelung an. Damit lassen sich die Zähne schnell, schonend und effektiv um mehrere Nuancen aufhellen, ohne dabei die Schmelzschicht anzugreifen.

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Harte Lebensmittel fördern das Kauen, Ingwer und Wasabi sind natürliche Helfer

Welche Ernährung ist gut für meine Zähne – außer auf Süßigkeiten und Zucker zu verzichten?

Harte Lebensmittel wie dunkles Brot und Rohkost sind besonders gut für, denn sie müssen sehr gut gekaut werden. Der Prozess des Kauens regt den Speichelfluss an – der wiederum hilft, die Zähne zu reinigen. Zudem sollten Menschen mit empfindlichem Zahnschmelz nicht zu viele säurehaltige Lebensmittel verzehren, denn die Demineralisation des Zahnschmelzes beginnt ab einem pH-Wert von drei. Was viele nicht wissen: Wasabi wirkt kariesprotektiv, Ingwer stärkt das Zahnfleisch.

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Worauf sollte ich beim Kauf einer Zahnbürste achten?

Parodontitispatienten empfehle ich eine Schallzahnbürste, allen anderen eine Ultraschallzahnbürste. Wer unter empfindlichem Zahnfleisch leidet, sollte eine Zahnbürste mit abgerundeten Borsten verwenden, da diese das Zahnfleisch schonen. Außerdem sollte jeder den Zahnbürstenkopf regelmäßig alle zwei bis drei Monate austauschen. Beim richtigen Putzen muss die Zahnbürste in einem 45-Grad-Winkel ansetzen, und das Zähneputzen sollte in etwa drei Minuten in Anspruch nehmen. Beides wird bei Schall- beziehungsweise Ultraschallzahnbürsten durch entsprechende Drucksensoren und Timer unterstützt.

Vorsicht bei aufhellenden Zahnpastas

Worauf sollte ich bei Zahnpasta achten?

Stark aufhellende Zahnpasten schmirgeln den Zahnschmelz ab und machen so die Zahnoberfläche porös, sie sind nicht zu empfehlen. Eine gute Zahnpasta sollte Fluorid enthalten, damit sie umfassend vor Karies schützt, sowie Triclosan für eine entsprechende Langzeitwirkung. Patienten, die unter Parodontitis leiden, sollten eine Zahnpasta speziell zum Schutz des Zahnfleischs verwenden.

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Wie pflege ich meine Zähne am besten?

Eine gute Zahnpflegeroutine beinhaltet neben dem täglichen Zähneputzen die tägliche Verwendung von Zahnseide zur Säuberung der Zahnzwischenräume sowie die Benutzung eines speziellen Zungenschabers zur Entfernung des Zungenbelags, denn dort sammeln sich viele Bakterien, die störenden Mundgeruch verursachen können. Zudem hilft es, sich gesund zu ernähren und nicht zu rauchen. Zusätzlich empfehle ich Patienten zweimal im Jahr eine professionelle Zahnreinigung.

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