10.05.2017 - 15:53

Unterstützung für Opfer Gewalt gegen Frauen: Das Hilfetelefon ist im Notfall da

Häusliche Gewalt gegen Frauen findet häufig im Verborgenen statt, weil die Opfer sich nicht trauen darüber zu sprechen.

Foto: iStock/kieferpix

Häusliche Gewalt gegen Frauen findet häufig im Verborgenen statt, weil die Opfer sich nicht trauen darüber zu sprechen.

Jede dritte Frau in Deutschland wird Opfer von Gewalt. Das bundesweite Hilfetelefon berät und unterstützt Frauen in so einer schweren Situation.

Gewalt in der Partnerschaft, sexualisierte Gewalt oder Stalking sind weit verbreitet in unserer Gesellschaft. Viele Frauen mussten dies bereits am eigenen Leib erfahren. Beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ finden sie seit 2013 kostenlos und anonym Unterstützung. Im Interview mit bildderfrau.de stellt die Leiterin des Hilfetelefons, Petra Söchting, das bundesweite Beratungsangebot vor.

Was ist das Hilfetelefon? Und wie erreiche ich es?

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder immer noch erleben. Sie erreichen uns 24 Stunden am Tag unter der Nummer 08000 116 016. Darüber hinaus sind Online-Beratungen über unsere Internetseite www.hilfetelefon.de per E-Mail und Chat möglich.

Kontakte zum Hilfetelefon sind immer kostenfrei, anonym und vertraulich, Anrufe tauchen beispielsweise nicht im Einzelverbindungsnachweis von Telefonrechnungen auf. Wir unterstützen zudem bei Bedarf in 17 Fremdsprachen, in Leichter Sprache und in Deutscher Gebärdensprache.

Unsere qualifizierten Beraterinnen stehen auch Personen aus dem Umfeld von gewaltbetroffenen Frauen vertraulich zur Seite. Zum Beispiel erfahren bei uns Ärztinnen und Ärzte oder Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspfleger, wie sie Betroffene unterstützen können. Ebenso Angehörige, Freundinnen und Freunde, Bekannte sowie Kolleginnen oder Kollegen, die den Verdacht haben oder sogar wissen, dass eine Frau Gewalt erlebt.

Betroffene finden Mut über das Erlebte zu sprechen

Wie viele Anrufe kriegen Sie pro Jahr?

Im Jahr 2016 gab es über 34.400 Beratungen, das entspricht einem Anstieg von rund 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Überwiegend waren das telefonische Kontakte, in rund 4.500 Fällen wurden aber auch unsere Online-Beratungsangebote genutzt.

Warum steigt die Zahl immer weiter an?

Das liegt zum einen am erschreckend hohen Ausmaß von Gewalt gegen Frauen: Jede dritte Frau hat mindestens einmal körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt, jede vierte Frau erfährt Gewalt durch einen aktuellen oder früheren Partner. Zum anderen zeigt der Anstieg der Beratungszahlen beim Hilfetelefon auch, dass die Bekanntheit des Angebots gestiegen ist. Immer mehr Betroffene finden den Mut, über das, was sie erlebt haben, zu sprechen und sich Hilfe und Unterstützung zu suchen.

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Häufig kommt es zu Gewalt in der Beziehung

Um was für Vorfälle geht es meistens?

Die meisten Anfragen gehen zu Fällen Häuslicher Gewalt ein, also zu Gewalt innerhalb von Paarbeziehungen und in Trennungssituationen. Außerdem beraten wir sehr häufig bei sexualisierter Gewalt. Es geht aber beispielsweise auch um Digitale Gewalt, Stalking, Mobbing, Prostitution, Menschenhandel und Genitalverstümmelung. Generell unterstützen wir bei allen Formen von Gewalt.

Wann und in welcher Situation sich eine Frau entscheidet, das Hilfetelefon zu kontaktieren, ist sehr unterschiedlich. Viele melden sich unmittelbar nach einem konkreten Vorfall. Andere wiederum suchen den Kontakt, wenn ein Vorfall schon länger zurück liegt und die akute Bedrohung vorbei ist, das Ereignis die betroffene Frau aber weiter beschäftigt und sie vielleicht noch nie mit jemandem darüber gesprochen hat. Das Hilfetelefon ist an allen Tagen im Jahr erreichbar. Betroffene können sich daher jederzeit melden, wenn sie den Mut, die Kraft oder die Gelegenheit dazu haben. Das wird auch genutzt.

Wie sollten sich Frauen verhalten, die Opfer von Gewalt sind?

Da gibt es keine Patentlösungen und Standardantworten. Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter, sie ist nicht gleich und sie macht nicht gleich. Ein erster wichtiger Schritt ist: über das Erlebte sprechen und sich Hilfe suchen. Wie dann die weiteren Schritte aussehen, ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich und immer individuell.

Uns ist es wichtig, das Thema Gewalt gegen Frauen öffentlich zu machen und zu enttabuisieren. Betroffenen möchten wir signalisieren: Ihr habt keine Schuld. Und ihr seid nicht allein, es gibt Hilfe und Unterstützung.

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Das Hilfetelefon will Frauen den ersten Schritt erleichtern

Wie können Sie Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, helfen?

Wir wissen aus Studien, dass nur jede fünfte Frau, die Gewalt erfährt, Hilfe und Unterstützung sucht. Mit dem Hilfetelefon möchten wir es betroffenen Frauen leichter machen, den ersten Schritt zu machen und über das, was sie erlebt haben, zu sprechen – auf Wunsch anonym und vertraulich. Frauen, die uns kontaktieren, müssen nicht sagen, wie sie heißen, wo sie wohnen oder wie alt sie sind. Sie können geschützt über alles sprechen, was ihnen widerfahren ist.

Sie erreichen beim Hilfetelefon eine erfahrene und kompetente Beraterin, die sich Zeit nimmt, zuhört, Handlungsmöglichkeiten aufzeigt und mit jeder einzelnen Anruferin überlegt, was für sie in ihrer Situation die nächsten Schritte sein können. Das kann sehr unterschiedlich sein: etwa die Polizei einschalten, Schutzmaßnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz beantragen, Verletzungen dokumentieren lassen, Schutz und Zuflucht in einem Frauenhaus in Anspruch nehmen oder sich in einer geeigneten Anlaufstelle vor Ort weiter beraten lassen.

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Warum haben immer noch so viele Frauen Angst davor, gegen Gewalt durch den eigenen Partner vorzugehen?

Gewalt durch den eigenen Partner zu erleben bedeutet verletzt, gedemütigt und erniedrigt zu werden. Viele Frauen schämen sich dafür, dass das ausgerechnet ihnen passiert. Es ist ihnen peinlich, sie geben sich vielleicht sogar eine Mitschuld. Manche haben auch Angst vor neuen Drohungen und weiterer Eskalation. Hinzu kommt häufig die Befürchtung, dass ihnen nicht geglaubt und geholfen wird, wenn sie sich jemanden anvertrauen. Mit dem Angebot des Hilfetelefons möchten wir Frauen Mut machen, ihr Schweigen zu brechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wo fängt häusliche Gewalt an?

Häusliche Gewalt beginnt nicht erst dann, wenn es zu körperlichen Übergriffen kommt. Es fängt oft mit psychischer Gewalt an, die nicht eindeutig zu erkennen ist. Wenn mich mein Partner zigmal am Tag anruft oder mir permanent Kurznachrichten schickt und wissen will, wo ich bin, wen ich treffe: Ist das noch ein Zeichen von Interesse oder ist das schon Eifersucht und Kontrolle? Häusliche Gewalt umfasst außerdem Demütigungen, Nachspionieren, das Schaffen finanzieller Abhängigkeiten, sexuelle Grenzverletzungen sowie das Ausüben von Kontrolle und Macht.

Rufen auch Männer bei Ihnen an, die Opfer von Gewalt geworden sind? Und wenn ja, wie häufig kommt so etwas vor?

Das Angebot des Hilfetelefons richtet sich in erster Linie an Frauen, die von Gewalt betroffen sind, an Personen aus ihrem sozialen Umfeld und an Fachkräfte. Aber auch Männer melden sich beim Hilfetelefon, wenn sie Opfer von Gewalt geworden sind. Im letzten Jahr war das rund 600-mal der Fall.

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