10.05.2017

Erkennen und fördern Autismus: Wenn Menschen ganz besondere Fähigkeiten haben

Autisten verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten, die in bestimmten Branchen sehr gefragt sind.

Foto: iStock/julief514

Autisten verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten, die in bestimmten Branchen sehr gefragt sind.

Autisten gelten häufig als sonderbar und sind oft Einzelgänger. Ein Blick hinter die Fassade zeigt: viele haben außergewöhnliche Fähigkeiten.

Autismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene tief greifende Entwicklungsstörungen. Einfach ausgedrückt: Bei autistischen Menschen ist das Gehirn ein bisschen anders vernetzt. Deshalb haben sie mit manchen "einfachen" und alltäglichen Dingen große Schwierigkeiten, während sie "schwierige" Herausforderungen manchmal spielend bewältigen. Rund ein Prozent der Bevölkerung leidet an Autismus.

Bis ein Arzt Autismus diagnostiziert hat, können Jahre vergehen, denn die Krankheit hat ganz verschiedene Ausprägungen. bildderfrau.de hat mit Dirk Müller-Remus gesprochen. Der Berliner hat ein Unternehmen (Auticon) gegründet, das ausschließlich Autisten beschäftigt. Und die Liste der Kunden ist groß. Denn immer mehr Unternehmen erkennen die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Autisten.

bildderfrau.de: Welche Symptome treten bei Autismus auf?

Dirk Müller-Remus: Autisten haben Probleme im sozialen Umgang. Sie haben Auffälligkeiten bei der sprachlichen und nonverbalen Kommunikation sowie stereotype Verhaltensweisen und eingeschränkte Interessen.

Mit welchen Problemen haben Autisten in der Gesellschaft zu kämpfen?

Sie haben mit viel Frustration zu kämpfen. Das zieht sich quasi durch das ganze Leben vom Kindergarten über die Schule und die Ausbildung bis hin zum Beruf und das Privatleben. Der Grund ist, dass die Umwelt Autisten als Außenseiter und sozial inkompatibel ansieht.

Die Gruppe der Asperger-Autisten wird oftmals unterschätzt, da ihre Intelligenz nicht erkannt wird. 85 Prozent der Autisten sind arbeitslos. Viele sind in Qualifizierungsmaßnahmen „geparkt“ oder gar in Behindertenwerkstätten. Die meisten kriegen keinen Job oder werden nach der Probezeit gekündigt, weil sie nicht in das stromlinienförmige Konzept der Unternehmen passen.

Haben Sie Tipps für den Umgang mit Autisten?

Autisten brauchen eine ruhige Umgebung und klare Aufgabenstellungen. Sie sind sehr geeignet für die Gebiete "Recherche und Analyse", "Konsistenzprüfungen und Qualitätsmanagement", "Entwicklung und Design", "Strukturierung und Optimierung". Ihnen ist eine strukturierte Organisation und ein klarer Zeitplan wichtig.

Autisten haben in der Regel Spezialinteressen, in denen sie sich autodidaktisch ein ungeheures Faktenwissen aneignen können, der Zugang zu ihnen erschließt sich oft über genau dieses Spezialinteresse.

Was muss passieren, damit Autisten besser in die Gesellschaft integriert werden können?

Eigentlich gar nicht so viel. Wir arbeiten mit Job-Coaches, die die Verbindung zwischen Arbeitgeber und Autisten bilden. Die Arbeitgeber müssen gut in das Thema eingeführt werden. Wichtig für ein gutes Miteinander sind beispielsweise das Outing der Autisten und eine gewisse Offenheit des Arbeitgebers. In einem transparenten Umfeld können Autisten ihre Leistungsfähigkeit und ihren Mehrwert für den Betrieb unter Beweis stellen.

>> Asperger – diese Anzeichen verraten das Syndrom

Können Sie uns sagen, wie Autisten die Welt sehen? Was stört, was erfreut sie am meisten?

Autisten nehmen die Umwelt anders wahr als Nicht-Autisten. Sie erfreuen sich an Details, die Nicht-Autisten oftmals gar nicht im Blickfeld haben.

Sie analysieren und erkennen Muster in allen möglichen Themen und überfordern damit manchmal ihre Umwelt. Sie lieben die Ruhe und Natur, wenige optische und akustische Reize. Sie lieben es, sich in Ruhe mit ausgesuchten Themen intensiv zu beschäftigen und darin abzutauchen.

>> Tribeca Filmfest verleiht Hauptpreise an Frauen

Autisten haben viele Fähigkeiten, die andere Menschen nicht haben. Welche sind das?

Da gibt es gleich mehrere Fähigkeiten. Ich zähle nur einige auf:

  • Sie haben z. B. besondere Fähigkeiten zur Mustererkennung. Sie können gleichartige und wiederkehrende Muster mit großen Mengen an Daten und Informationen schnell erkennen. Autisten können dadurch sehr gut bei der Analyse von Betrugsfällen unterstützen.
  • Außerdem haben sie eine Leidenschaft für ein Spezialinteresse. Das kann Astrophysik, Sport, Kunst, Mathematik usw. sein. Hat ein Asperger-Autist sein Spezialinteresse gefunden, hat er ein unglaublich tiefes Detailwissen und einen sehr guten Überblick über das Gesamtthema.
  • Autisten haben ein intrinsisches Qualitätsbewusstsein: Sie suchen nicht unbedingt nach Fehlern, sie sehen sie einfach – und sie haben generell einen hohen Qualitätsanspruch. Das gilt ganz besonders für ihr Spezialinteresse.
  • Ehrlichkeit: Autisten lügen nicht, das hat Vor- und Nachteile. In Berufsfeldern wie bspw. Compliance-Anwendungen ist das ein klarer Vorteil.

Autismus diagnostizieren

Wie können Eltern oder auch der Arzt feststellen, ob ein Kind autistisch ist?

Autisten haben mehr Interesse an Sachen und Dingen als an Personen. Sie meiden Blickkontakt, haben Probleme mit Körpernähe und kaum Einfühlungsvermögen in sozialen Situationen. Sie haben kaum Freunde und wenn, dann nur über gemeinsame Spezialinteressen. Autisten können sich stundenlang in selbst ausgesuchte Spiele wie bspw. Lego vertiefen.

>> Autismus beim Kind – Test und Checkliste

Mit welchen gesundheitlichen Problemen haben Autisten häufig zu kämpfen?

Durch die Ablehnung der Gesellschaft rutschen einige Autisten in Depressionen. Ansonsten gibt es keine signifikant höhere Krankenquote.

Wenn Eltern ein autistisches Kind haben, wie können sie es fördern?

Wichtig ist, dass die Eltern die Spezialinteressen ihrer Kinder erkennen und fördern. Teilweise sind Asperger-Autisten hochbegabt, deshalb ist eine individuelle Förderung ihrer Stärken wichtig.

Ein Beispiel: Viele Eltern sagen, dass ihr Kind nur am PC sitzt. Die Frage ist, was das Kind dort genau macht: surft es in seinem Spezialinteresse? Programmiert es? Oder konstruiert es etwas?

Nur die genaue Kenntnis über das, was das Kind tut, hilft weiter. Deshalb sollten Sie immer wieder nachfragen. Im Zweifelsfall möchte das Kind nichts darüber erzählen. Um es besser zu verstehen, sollten Eltern aber immer wieder nachfragen.

Seite

Kommentare