19.04.2017

Signale werden ignoriert Darum leiden wir immer häufiger unter Stress und Burnout

Wir sollten wieder mehr auf unseren Körper hören, denn zu viel Stress kann uns auf Dauer krank machen.

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Wir sollten wieder mehr auf unseren Körper hören, denn zu viel Stress kann uns auf Dauer krank machen.

Immer unter Strom, immer an der Belastungsgrenze - für viele ist das Alltag. Aber dauerhafter Stress kann zu schweren körperlichen Erkrankungen führen.

Umso wichtiger ist es, zu lernen, wie wir dies richtig deuten! Dafür plädiert auch Dr. Markus Baumgartner, Facharzt für Allgemeinmedizin und Experte für Naturheilverfahren und Psychosomatik. Über den Zusammenhang von körperlicher und seelischer Gesundheit sprachen wir mit ihm im Interview.

Hallo Herr Baumgartner, Sie sind Facharzt für Allgemeinmedizin und außerdem Arzt für Naturheilverfahren und psychosomatische Grundversorgung. Auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin kennen Sie sich aus, insbesondere in der Akupunktur. Was genau fasziniert Sie an diesen Teilbereichen?

Als allererstes bin ich Arzt und es ist mir wichtig, zu verstehen, was in meinen Patienten vorgeht, zunächst einmal naturwissenschaftlich. Methoden wie beispielsweise die Akupunktur haben mir aber schon früh gezeigt, dass ich viele meiner Patienten damit besser behandeln kann, als mit den herkömmlichen Methoden der Schulmedizin.

Und gerade in meiner Praxis habe ich erfahren, wie wichtig es ist, nicht nur die Symptome des Patienten kennenzulernen, sondern den Menschen als Ganzes. Die Traditionelle Chinesische Medizin liefert da wunderbare Erklärungsmodelle.

Das sieht man auch schon an Ausdrücken wie „Das Schicksal schlägt Dir ins Kreuz“, etwa bei einem Hexenschuss. Das sind Bilder, die Patienten verstehen können. Und dieses Verständnis ermöglicht uns, gemeinsam mit mir nach Ursachen ihrer Leiden zu suchen, die man eben nicht in einem Röntgen- oder Blutbild sehen kann.

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Hat die traditionelle Schulmedizin ausgedient?

Für mich heißt es nie: entweder Schul- oder Alternativmedizin. Schließlich war ich selbst Chirurg. Ein gebrochenes Bein werde ich natürlich immer einem Chirurgen zuweisen, eine Magen-OP kann in vielen Fällen durch nichts anderes ersetzt werden.

Bei chronischen Rückenschmerzen werde ich mich eher nach den Lebensumständen des Patienten erkundigen. Und ihn dann chirotherapeutisch und mit Akupunktur behandeln, so dass er oft nach zwei bis drei Sitzungen beschwerdefrei ist und vielleicht sogar lernt, eine solche Situation in Zukunft zu vermeiden.

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Psychosomatik: Wenn sich die Psyche beschwert

Einfach erklärt: Wie hängen Körper und Geist zusammen?

Ganz banal ausgedrückt: Wenn die Seele schreit, dann zickt der Körper. Ich sage oft, dass ich meinen Patienten eigentlich nur drei Fragen stellen muss: 'Wie sieht es in der Beziehung aus?', 'Wie in der Familie?' und 'Wie steht es mit dem Job?'

In diesen Bereichen liegen oft Konflikte, die ungelöst oft zu körperlichen Beschwerden führen. Oder zwei Beispiele: Wenn ein Kind vor einer Schulaufgabe Harndrang verspürt und auf die Toilette rennen muss, ist es eine normale Stressreaktion.

Wenn die 40-jährige Unternehmerin, die extrem unter Stress steht oder gar gemobbt wird, jedoch zu mir in die Praxis kommt, weil sie sich seit einem Monat bei jedem wichtigen Termin in die Hosen macht, geht das deutlich in Richtung einer psychosomatischen Erkrankung. Der Körper reagiert, weil die Psyche gestresst ist.

 

Wie gibt uns unsere Psyche mit körperlichen Reaktionen Zeichen?

Der Mensch ist ein Team aus Körper, Seele und Geist. Jeder der drei will dem anderen helfen, damit wir uns als gesamter Mensch wohl fühlen. Wenn wir also zum Beispiel Magenschmerzen bekommen (Körper), weil wir uns aufregen (Gefühl auf der Ebene Geist/Seele), sind die Magenschmerzen ein Zeichen, das uns der Körper gibt, damit wir etwas gegen diese ungesunde Aufregung unternehmen. Das Leben schlägt dir förmlich auf den Magen.

Oder: Ich hatte eine Patientin, die wegen starker Rückenschmerzen nur noch auf allen Vieren kriechen konnte, obwohl ihr Röntgenbild gesund aussah. Der Vater der Patientin lag gerade im Sterben. Diese Patientin war nicht verrückt und hat sich nichts eingebildet. Aber es hätte eben auch nichts genutzt, sie zur Physiotherapie oder gar zu einer OP zu schicken.

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Warum ist der Begriff Psychosomatik für so viele Leute negativ besetzt?

Leider denken viele Menschen noch immer sofort, bei Ihnen stimme irgendetwas nicht oder sie bildeten sich ihre Symptome nur ein, wenn von Psychosomatik die Rede ist. Sie schämen sich, wenn man Ihnen erklärt, ihr Leiden habe psychosomatische Ursachen.

Dabei ist die Reaktion des Körpers auf Lebensumstände und Emotionen ganz normal. Sind Sie verliebt, schlafen Sie wahrscheinlich erst mal ein paar Tage ziemlich schlecht, machen sich aber natürlich keine Gedanken. Trotzdem es ist eine körperliche Reaktion auf einen, in diesem Fall, psychischen Zustand.

Hält aber eine Schlaflosigkeit über Wochen an, kann sie an einem Problem im Job oder in der Beziehung liegen – und muss behandelt werden. Dann versuche ich meinen Patienten oder meinen Lesern Möglichkeiten zu zeigen, diese Konflikte zu verstehen und sie aufzulösen, damit sie wieder gut schlafen können.

"Dein Körper ist ein Spießer"

Was hat Sie dazu bewegt, ihr Buch „Dein Körper ist ein Spießer“ zu schreiben?

Das war eigentlich eine Patientin. Sie war freie Autorin und, einmal davon abgesehen, dass ich ihr helfen konnte, ging ihr eine Erklärung von mir nicht mehr aus dem Kopf: „Der Körper ist ein Spießer. Der mag es nicht so gerne, wenn man unregelmäßig isst und schläft und insgesamt keinen Rhythmus hat.“

Als sie mich fragte, ob ich Lust hätte, ein Buch zu schreiben, war ich bald sehr neugierig auf ein solches Projekt. Bestärkt hat mich natürlich auch mein Wunsch, dass ich mit meinem „Erklärungsmodell“ doch vielleicht dem einen oder anderen Leser helfen könnte.

Fällt der Gang zum Therapeuten weg, wenn man sich auf Ihre Prinzipien verlässt?

Also zunächst habe ich keine „Prinzipien“, das würde für mich viel zu sehr nach erhobenen Zeigefinger klingen und der funktioniert nur sehr selten. Aber ich habe Erfahrungen und natürlich ein gewisses Wissen, das ich gerne weitergebe.

Ich glaube, dass meine Leser durch die vielen Geschichten meiner Patienten verstehen, was bei ihnen selbst anders laufen könnte. Und ja, wenn man sich über einige Dinge bewusst wird und in seinem Leben die eine oder andere Stellschraube ändert, dann kann man sich den Gang zum Arzt tatsächlich oft ersparen.

Das meine ich auch mit dem Untertitel des Buches „Ein Plädoyer an den gesunden Menschenverstand“. Manchmal müssten wir tatsächlich mehr auf ihn hören.

Chronischer Selbstoptimierungszwang

Und inwiefern ist unser Körper spießig?

Es wundert mich immer wieder, dass viele 70- oder 80-jährige Patienten, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs furchtbare Dinge erlebt haben, über die Jahrzehnte relativ gut gelebt haben und wenig psychosomatische Erscheinungen zeigen. Junge, selbstständige Papas aber haben einen Hexenschuss nach dem anderen.

Unser heutiger „Lifestyle“ fordert von uns ständige Flexibilität, stets abrufbare Spontanität, unregelmäßige und achtlos zusammengestellte Ernährung, fehlende Rituale und ständig wechselnde oder nur oberflächliche Beziehungen zu anderen Menschen.

Wir werden heute zu einer chronischen Selbstoptimierung verleitet und gleichzeitig gleiten wir mit extremer Geschwindigkeit durchs Leben. Dabei haben wir leider verlernt – oder nehmen uns nicht die Zeit – auf unseren Körper und unseren gesunden Menschenverstand zu hören.

Dieser Zeitgeist ist der absolute Horror für unsere Gesundheit. So, wie ein kleines Baby alle drei Stunden etwas essen, alle sechs Stunden schlafen und den Körper der Mutter spüren muss, damit es gesund bleibt, so sehnt sich auch unser erwachsener Körper nach Rhythmus und Ritualen.

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Haben Sie das Gefühl, dass immer mehr Menschen nicht genug auf Ihre Gesundheit hören?

Ich habe eher das Gefühl, dass unser Alltag uns immer weniger Raum und Zeit lässt, auf unseren gesunden Menschenverstand zu hören. Viele treiben zum Beispiel zu viel Sport, nur um optimal auszusehen oder sich mit anderen zu messen. Dabei haben sie völlig verlernt, auf ihre Grenzen zu achten und wundern sich dann, dass sie infektanfällig sind und/oder unter chronischen Rückenschmerzen leiden.

Es gibt Phasen im Leben, in denen ein Mittagsschlaf gesünder wäre als sich „auszupowern“. Andere schlucken Vitamin-Pillen,weil sie denken, das sei gesund. Gleichzeitig haben sie aber noch nie drüber nachgedacht, wie sie sich wann und womit ernähren. Die Pille beruhigt das Gewissen. Vielleicht streben wir heute eben gerne nach der schnellen Lösung – und das funktioniert im Bereich Gesundheit selten.

Trifft das auf alle Altersklassen zu?

Eindeutig ja. Es gibt Siebenjährige, die sich einnässen, weil die Eltern im Scheidungs-Krieg stecken. Eine 16-jährige Schülerin kam zur mir in die Praxis, weil ihre Mutter eine Überweisung in eine Klinik für sie wollte. Die Tochter litt seit einer Woche an Verstopfung. Im Gespräch stellt sich heraus, dass sie völlig verzweifelt war, weil sie nicht wusste, wie sie ihrem Freund sagen sollte, dass sie nicht mit ihm schlafen wollte.

Letzteres klingt vielleicht harmlos, ist es aber nicht mehr, wenn die Situation so belastend wird, dass der Körper eben „schreit“. Am wenigsten aber hören die meisten auf ihren Körper so mit Mitte 30 bis Mitte 40, dann, wenn sie – ob Männer oder Frauen – versuchen die Ansprüche eines erfolgreichen Berufslebens mit denen einer perfekten Familie zu kombinieren.

Und für Männer ist auch das erste Jahr in der Rente „gefährlich“. Sie wissen oft nichts mehr mit sich anzufangen und reagieren mit Schlafstörungen und Panikattacken.

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Was passiert, wenn wir nicht auf die Signale unseres Körpers hören?

Wenn schon Signale, also Symptome, da sind und wir sie überhören, können diese sehr viel intensiver oder sogar chronisch werden und damit das Wohlbefinden ganz erheblich beeinflussen. Genau deswegen versuche ich meine Patienten und auch die Leser meines Buches dafür zu sensibilisieren, auf ihren Körper zu hören.

Wie im oben beschriebenen Fall der Magenschmerzen: Entweder man geht zur Magenspiegelung, nimmt Säure-Blocker und Schmerzmittel, oder man ist offen dafür, die Ursache bei seinen Lebensumständen zu finden und zu lösen oder lernt auch einfach, wie man sich entspannen kann.

Ignorieren wir aber das Signal und schaffen es nicht, den Konflikt zu lösen oder dauerhaft zu entspannen, kann es in diesem Fall zum Magengeschwür kommen.

Raus aus der Stress-Spirale

Was empfehlen Sie jemanden, der vor lauter Stress nicht mehr weiter weiß? Was sollte der erste Schritt sein?

Anhalten. Und das ist auch der schwierigste Schritt für die meisten. Sie sind so in Fahrt, dass sie keine Energie mehr haben, einmal kurz inne zu halten. Ganz nach dem Motto. „Ich muss fahren, ich kann nicht tanken.“

Dass das bei einem Auto nicht funktioniert, versteht jeder, aber bei sich selbst? Man muss wenigstens einmal anhalten, um festzustellen, wo man eigentlich steht und welche Wege einem offen stehen, die man vielleicht vor lauter Tempo nicht gesehen hat.

Wie wichtig sind Sport und eine ausgewogene Ernährung?

Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass beides wichtig ist. Aber bei beiden ist eben auch das richtige Maß wichtig. Einem Manager, der zu mir wegen seines Bluthochdrucks kommt, aber gerade für einen Marathon trainiert, werde ich den Wettkampf ausreden und ihn davon überzeugen, langsamer zu trainieren und ausreichend Regenerationsphasen einzubauen. Nur dann ist der Sport, den er betreibt, gesund und wahrscheinlich normalisiert sich dann auch sein Blutdruck.

Sport heißt ganz bestimmt nicht „Leistung“, sondern einfach regelmäßig eine Bewegungsform zu finden, nach der man sich wohl in seiner Haut fühlt. Und auch von irgendeinem neuen Ernährungstrend kann man geradezu besessen sein.

Gerade zum Essen kann ich nur sagen: Verlieren Sie nicht die Freude am Essen. Wenn Essen zur Zwangsstörung wird, bleibt die Gesundheit auf der Strecke.

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Was tun Sie persönlich für Ihre Gesundheit?

Das System aus Körper-Seele-Geist ist für mich keine Marketingstrategie, sondern ich versuche, es tatsächlich meinen Patienten vorzuleben. Ich übe meinen Beruf gerne aus und schöpfe Kraft aus der Familie und Freundschaften. Ich versuche auf meine Ernährung zu achten und regelmäßig Dinge zu tun, die mich wohl in meiner Haut fühlen lassen, wie Sport oder Yoga.

Und ich bemühe mich regelmäßig, Entschleunigungs-Pausen vom Alltag zu nehme, zum Beispiel in den Bergen oder auch wenn ich alleine oder mit anderen Musik mache. Aber natürlich werde auch ich mal krank, ich bin auch nur ein Mensch. Nur weiß ich dann meistens auch, ob und was ich falsch gemacht habe.

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Gesundheitsratgeber gibt es viele – warum sollte man zu Ihrem Buch greifen?

Einen Ratgeber wollte ich eigentlich nicht schreiben und ich hoffe, dass es nicht so wirkt wie „Wenn Sie das erreichen wollen, dann müssen Sie das und das tun“.

In meinem Buch können die Leser vielmehr meine eigene Geschichte und Fälle meiner Patienten (natürlich anonymisiert) lesen. So versuche ich anhand von Erfahrungen zu zeigen, wie man für sich selbst einen Weg finden kann, seinen eigenen gesunden Menschenverstand einzusetzen um gesund zu werden und zu bleiben.

In meiner Praxis, unter vier Augen, klappt das mit meinen Patienten sehr gut und ich bin gespannt, ob sich dies in einem Buch auch so umsetzen lässt.

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Dein Körper ist ein Spiesser, von Dr. Markus Baumgartner, erschienen bei teNeues, € 19,90.

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