21.03.2017

Experteninterview Schlafapnoe - Lebensgefährliche Atemaussetzer in der Nacht

Es sind mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen von einer Schlafapnoe betroffen.

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Es sind mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen von einer Schlafapnoe betroffen.

Kaum einer kennt die Schlafapnoe-Krankheit. Dabei können die nächtlichen Schlafaussetzer lebensgefährlich sein.

Über Symptome, Therapie und Heilungschancen sprachen wir mit Dr. Hermann Sailer, Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Leiter einer Spezialklinik zur Heilung der Schlafapnoe in Zürich.

bildderfrau.de: Hallo Herr Professor Sailer. Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung Schlafapnoe?

Prof. Dr. Hermann Sailer: Bei einer Schlafapnoe kommt es während der Schlafphase gehäuft zu Atemaussetzern, deren Dauer von wenigen Sekunden bis zu über einer Minute reichen kann. Nur ein sofortiger Weck-Reflex, der vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird, schützt den Schlafenden in diesem Moment vor dem plötzlichen Erstickungstod.

Was macht diese Krankheit so gefährlich?

Das Gefährliche an einer Schlafapnoe ist, dass man die Krankheit als Betroffener in der Regel bei sich selbst nicht bemerkt, sie aber auf den gesamten Organismus sehr negative Auswirkungen hat. Lediglich die Begleiterscheinungen geben Hinweise. Doch viel zu wenige Menschen kennen diese Krankheit und ihre Symptome.

Selbst diejenigen, die sie kennen, schätzen die Gefahr fast immer falsch ein. Einmal zu wenig geschlafen, zu viel Stress im Alltag oder andere Ursachen werden dann als Grund für das mangelnde Wohlbefinden herangezogen. Unbehandelt stellt Schlafapnoe jedoch ein lebensbedrohendes Risiko dar. Seit über 25 Jahren befasse ich mich als Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie mit Schlafapnoe und sehe es mit großer Sorge, dass sie noch einem Großteil der Menschen gänzlich unbekannt ist.

Lebensgefährliche Atemaussetzer

Welche Ursachen hat diese lebensbedrohliche Erkrankung?

Es gibt unterschiedliche Ursachen für eine Schlafapnoe. In den allermeisten Fällen geht es dabei jedoch um eine Verengung der oberen Atemwege, die durch eine Wachstumsstörung des Unterkiefers entsteht. Bei einem zu kleinen Kiefer sitzt die Zunge zu weit hinten im Rachen. Im Schlaf entspannen sich Kopf-, Hals- und Zungenmuskulatur. Die Zunge fällt nach hinten und blockiert dann die regelmäßige Atmung wie ein Korken.

Was ist der Unterschied zwischen "normalem" Schnarchen und einer Schlafapnoe?

Schnarchen ist nie normal, sondern immer eine Beeinträchtigung der Atmung. Jedoch gibt es dafür eine Ursache und genau hier ist der Unterschied zu suchen – wodurch wird das Schnarchen hervorgerufen und wie stark beeinträchtigt es die Atmung? Ist es ein einfacher Schnupfen, eine Allergie oder eine verkrümmte Nasenscheidewand, wodurch der Betroffene zwar schnarcht, jedoch gleichmäßig atmet?

Oder setzt die Atmung im Schlaf häufig komplett aus, wobei die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn gänzlich unterbrochen wird? Das ist der Unterschied zwischen ‚normalem Schnarchen‘ und einer Schlafapnoe.

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Welche Anzeichen können noch auf eine Schlafapnoe hinweisen?

Neben Schnarchen mit Atemaussetzern gehören zu den direkt erkennbaren Symptomen Tagesmüdigkeit, starkes nächtliches Schwitzen und häufiger Harndrang sowie Mundtrockenheit und Kopfschmerzen am Morgen.

Symptome und Auswirkungen

Sollte jeder, der schnarcht, sich überprüfen lassen?

Wenn das Schnarchen mit den zuvor genannten Symptomen auftritt, auf jeden Fall. Tritt Schnarchen über längere Zeit auf, ohne dass die Ursache bekannt ist, sollte jedoch auch eine Untersuchung in Betracht gezogen werden, um zu ermitteln, wie stark die Atmung beeinträchtigt ist und ob hier ein Eingriff eine Verbesserung der Lebensqualität bedeutet.

Sind Frauen und Männer gleichermaßen betroffen?

Es sind mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen von einer Schlafapnoe betroffen. Man geht davon aus, dass etwa 9 Prozent der in Deutschland lebenden Männer und circa 4 Prozent der Frauen unter Schlafapnoe leiden.

Angenommen, ich lebe alleine und habe niemanden, der mir die nächtlichen Auffälligkeiten mitteilt: Gibt es so etwas wie einen Ausschlusstest?

Ja, so etwas gibt es. Auf der Website www.schlafapnoe.com finden Menschen, die bei sich ein krankheitsbedingtes Schlafproblem vermuten, einen unverbindlichen Selbsttest, mit dem sie eine erste Einschätzung erhalten, ob eine ärztliche Untersuchung anzuraten ist.

Doch auch Menschen, die nicht direkt von eigenen Schlafproblemen wissen, sich aber im Alltag müde, schlapp oder gereizt fühlen, rate ich zu einem solchen Test. Dann kann man sich auch über andere einschränkende Faktoren wie morgendliche Kopfschmerzen, nachlassende Konzentrationsfähigkeit oder stetige Gewichtszunahme einmal bewusst Gedanken in Bezug auf die eigene Person machen.

Welche Auswirkungen kann die Krankheit auf den Alltag haben?

Die durch Schlafapnoe entstehende Tagesmüdigkeit ist hochgradig gefährlich im Straßenverkehr oder beim Führen schwerer Maschinen. Betroffene können die Augen nicht aufhalten und es kommt oft zum gefürchteten Sekundenschlaf. Damit gefährden sie nicht nur sich, sondern auch andere. Insgesamt leiden Betroffene unter einem enormen Leistungsabfall und die Belastbarkeit sinkt sowohl körperlich als auch psychisch. Sogar Angst- und Panikattacken können den Alltag erschweren.

Was sind die Langzeitfolgen?

Durch die ständige nächtliche Überbelastung des Körpers kommt es auf lange Sicht oft zu einer starken Reizbarkeit und Konzentrationsschwächen bei den Betroffenen. Der permanente Sauerstoffmangel im Schlaf führt meist zu einer Verminderung der Libido, Gewichtszunahme, Depressionen, Schwindel und Sodbrennen.

Möglich ist auch eine Entwicklung von Neueste Untersuchungen haben jedoch noch weitaus gravierendere Folgen ergeben. So steigert eine unbehandelte Schlafapnoe das Risiko eines frühen Herzinfarktes oder Schlaganfalls enorm.

Diagnose und Therapie

Wie kann eine Schlafapnoe denn überhaupt diagnostiziert werden?

Dies kann im Rahmen eines Tests bei einer Übernachtung im Schlaflabor erfolgen. Wir messen unterschiedliche Faktoren, wie den Sauerstoffgehalt im Blut, Augenbewegungen, Muskelaktivitäten und vor allem die Anzahl und die Dauer der Atemaussetzer. Diese werden definiert durch den sogenannten Apnoe-HypopnoeIndex (AHI), der den Schweregrad der vorliegenden Erkrankung bestimmt.

Eine leichte Schlafapnoe liegt bei 5 bis 15 Atemaussetzern pro Stunde vor. Ab einem AHI-Wert von über 30 Aussetzern besteht eine schwere Schlafapnoe. Bei meinen Patienten kommt es jedoch auch teilweise vor, dass wir Werte mit über 70 Atemaussetzern pro Stunde verzeichnen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden Ihrem Körper bewusst 70-mal pro Stunde die Luft abdrehen. Deswegen haben Schlafapnoiker auch oft einen extrem hohen Blutdruck.

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Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Zum einen die symptomatische Behandlung. Dieser Therapieansatz nutzt in den allermeisten Fällen Beatmungssysteme, wie die sogenannten CPAP-Atemmasken, mit denen nachts eine künstliche Überdruckbeatmung generiert wird um die Luftwege offen zu halten. Es gibt auch Schnarch- oder Kieferschienen, die den Kiefer in einer vorgelagerten Haltung fixieren und somit die Atmung ebenfalls durch ein leichtes Öffnen der Luftröhre unterstützen.

Diese Therapien erleichtern zwar die Atmung in der Schlafphase, führen jedoch nicht zu einer Heilung der Schlafapnoe und müssen von den Patienten jede Nacht genutzt werden, um einen dauerhaften Erfolg zu erzielen. Das Schlafapnoe-Syndrom kann nur durch einen entsprechenden operativen Eingriff geheilt werden.

Bei der bimaxillären Umstellungsosteotomie nimmt der Operateur einen Schnitt in den beiden Kieferknochen vor und verschiebt diese horizontal nach vorne, wodurch die Atemwege mehr Platz erhalten. Allerdings kann diese Methode nur eine Vorverlagerung bis zu 10 Millimetern bewirken, was bei vielen Schlafapnoikern zu wenig ist, da so die Atemwege nicht ausreichend erweitert werden.

Aus diesem Grund habe ich in der Universitätsklinik in Zürich diese Operationstechnik zur sogenannten „Rotation-Advancement-Methode“ weiterentwickelt, um Kieferverlagerungen bis über 20 Millimeter hinaus zu ermöglichen. Dies erfolgt durch eine Vorverschiebung und gleichzeitige Rotation beider Kiefer, was die oberen Atemwege extrem erweitert und somit die Schlafapnoe dauerhaft heilt. Positiver Nebeneffekt ist, das die Gesichtsform durch das nach dieser OP markantere Kinn attraktiver wirkt.

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Werden die Kosten der Behandlung von der Krankenkasse übernommen?

Die privaten Krankenversicherungen übernehmen häufig, je nach versichertem Tarif, die Kosten für die Rotation-AdvancementOperation. Gesetzlich Krankenversicherte erhalten meist keine Kostenübernahme. Besteht hier eine entsprechende Krankenzusatzversicherung ist die Chance auf Kostenerstattung gut.

Wie stehen die Heilungschancen?

Ist ein Patient für die Rotation-Advancement-Operation geeignet, kann er nach dem Eingriff ohne jegliche Hilfsmittel erholsam schlafen und ist für immer geheilt. Auch wenn die Zunge im Schlaf nach hinten rutscht oder sich die Halsmuskulatur nachts entspannt, können die Atemwege aufgrund der starken operativen Erweiterung nicht mehr blockiert werden. Dadurch wird die normale Sauerstoffversorgung sichergestellt.

Begleiterscheinungen der Apnoe wie Müdigkeit, Nachtschweiß, überstarker Harndrang oder Antriebslosigkeit machen sich bereits direkt im Anschluss an die Operation nicht mehr bemerkbar. Die Gefahr, an schweren kardiovaskulären Leiden zu erkranken, wird durch die Operation verringert.

Auf lange Sicht reduzieren wir so die Risiken eines frühen Todes durch Schlaganfall oder Herzinfarkt erheblich. Uns ist kein einziger Fall bekannt, in dem einer meiner Patienten nach der Operation jemals wieder eine CPAP-Atemmaske benötigt hätte.

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