06.02.2017

Medizin-Technologie M-sense - Der ganz persönliche Migräne-Assistent

Migräne kann viele Ursachen - eine App soll helfen, diese auszumachen.

Foto: iStock / Wavebreakmedia

Migräne kann viele Ursachen - eine App soll helfen, diese auszumachen.

Frauen erkranken besonders häufig an Migräne. Eine App soll helfen, die individuellen Auslöser der tückischen Migräneattacken zu erkennen und ihnen so vorzubeugen.

Das erspart auch beim nächsten Arztbesuch Zeit. Denn die zertifizierte, von Wissenschaftlern entwickelte Medizin-App dokumentiert und bündelt die Informationen automatisch und verlässlich.

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Herr Dahlem, Sie sind Physiker und Mitgründer der Migräne-App M-sense. Woher kommt ihr Interesse für die neurologische Forschung, speziell für Migräne?

Als theoretischer Physiker beschäftige ich mich mit komplexen Systemen und suche darin nach Ordnung. Nehmen wir das Migränegehirn und die folgende Frage als Beispiel. Löst grelles Licht Migräneattacken aus oder ist der Betroffene vor der Attacke besonders lichtempfindlich? Wer lichtempfindlich ist, nimmt selbst normale Lichtverhältnisse als grell wahr.

Überempfindlickeit auf Reize und Reizüberflutung bilden einen sich selbst verstärkenden Prozess mit Henne-Ei-Problematik. Um zu verstehen, wie eine Migräneattacke sich zu Beginn hochschaukelt, brauchen wir analytische Methoden der Physik, die auch in unsere Migräne-App M-sense einfließen, so dass jeder Nutzer für seine individuellen Auslöser eine Antwort findet.

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung ist hierzulande von Migräne betroffen. Welche Gründe gibt es für das Auftreten dieser unangenehmen Krankheit?

Bei Betroffenen gibt es manchmal eine genetische Veranlagung. Diese wird jedoch überschätzt oder falsch verstanden. Bei eineiigen Zwillingen mit genetischer Veranlagung erkranken nicht mal in der Hälfte der Fälle beide. Aktivität von Genen lässt sich nämlich durch Verhalten an- und zum Glück auch wieder ausschalten. Daher vermuten wir vielmehr ein aktives Wechselspiel von lebensgeschichtlichen Einflüssen und Umwelt auf Gehirnfunktionen, die zur Migräne führen. Dort setzen wir bei der Therapie mit M-sense an.

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Ab welchem Alter tritt Migräne auf?

Schon Kinder können unter Migräne leiden. Ab der Pubertät steigt die Häufigkeit an. Das sehen wir auch bei unseren Nutzern, wir haben viele junge Menschen, die uns mit ihren Ideen anregen.

Sind Frauen und Männer gleichermaßen betroffen?

Frauen sind häufiger betroffen. Die höchste Anzahl von Erkrankungen der Migräne besteht erst zwischen dem 35. und 44. Lebensjahr. Jede vierte Frau ist in dieser Altersgruppe betroffen, das ist mehr als dreimal häufiger als bei Männern.

Gibt es bestimmte Faktoren, die Migräne begünstigen können?

Hier müssen wir unterscheiden: Es gibt verschiedene Einflüsse, die eine Erkrankung begünstigen, dazu gehören psychische und soziale Aspekte, die über Jahre bei verschiedenen Menschen ungleich verlaufen. Eine andere Frage ist, was einzelne Attacken auslöst, wenn man an Migräne erkrankt ist.

Ein Faktor überschattet alles: Stress. Zeitdruck, Perfektionsstreben, zu wenig und selbst zu viel Schlaf, eine ausgelassene Mahlzeit, körperliche Überanstrengung, all diese Faktoren des Lebensstils tragen zum Stress bei. Viele verdächtigen zudem das Wetter oder hormonelle Schwankungen bei zyklusabhängigen Migräneanfälle. M-sense hilft dabei, den tatsächlichen Einfluss dieser Faktoren im Auge zu behalten.

Inwiefern unterscheidet sich Migräne von „gewöhnlichen“ Kopfschmerzen? Welche Symptome sind typisch für Migräne?

Zu den Kopfschmerzen kommt Übelkeit und manchmal Erbrechen hinzu. Eine Migräneattacke kann schon vor den Kopfschmerzen beginnen. Den Anfang markieren dann seltsame Erscheinungen, »Migräneaura« in der Fachsprache genannt. Eine Aura kann ein Flimmern im Gesichtsfeld sein, ein Kribbeln, vielleicht am Arm oder Lippe, Sprachstörungen und vieles mehr. Man kann sogar Migräne ohne Kopfschmerzen haben, also nur eine Aura erleben.

Betroffene berichten unter anderem von plötzlich auftretenden, starken Kopfschmerzen. Auch Licht- oder Geräuschempfindlichkeit kann dazu kommen. Was raten Sie Patienten, die akut unter Migräne leiden?

Ich bin theoretischer Physiker, da habe ich selten Kontakt zu Patienten, wenn sie akut unter Migräne leiden. Ich gebe auch grundsätzlich keine medizinischen Ratschläge. Selbst wenn man wirklich alles über Migräne weiß, nur ein Arzt kann mögliche Begleiterkrankungen richtig einschätzen.

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Gibt es Maßnahmen, die vorbeugend getroffen werden können? Welche wären das?

Wenn wir darauf schauen, welche Faktoren eine Migräneerkrankung begünstigen und welche Faktoren Attacken mit auslösen, dann leiten sich daraus individuell vorbeugende Maßnahmen ab. Die zwei wichtigsten Säulen sind Entspannungsübungen und Ausdauersport. Dem einen hilft Muskelentspannung, der anderen Achtsamkeitstraining oder Yoga.

Betroffene können diese Vorbeugung mit akuten Maßnahmen verbinden und die anbahnende Migräneattacke manchmal im Keim ersticken. Mit einer Bewältigunsstrategie zur richtigen Zeit das Richtige tun, ist schwierig, wenn man allein auf sich gestellt ist.

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Sollten sich Migräne-Patienten unbedingt von einem Arzt behandeln lassen?

Nur ein Arzt kann zuverlässig mit gezielten neurologischen Untersuchungen Migräne diagnostizieren, andere Kopfschmerzformen ausschließen, mögliche Begleiterkrankungen berücksichtigen und die Therapie zusammen mit dem Patienten abstimmen. Der Arzt hat allerdings in der Sprechstunde wenig Zeit.

Es bleibt mehr Zeit für den Patienten, wenn nötige Informationen aus Tagebüchern automatisch ausgewertet werden. Um eine gegliederte Bewältigungsstrategie tagtäglich anzuleiten, ist grundsätzliche keine Zeit da.In beiden Fällen kann M-sense helfen. Weil M-sense ein zertifiziertes Medizinprodukt ist, kann sich der Arzt auf Auswertung, Vordiagnose und begleitete Selbsttherapie hundertprozentig verlassen.

Wie wird Migräne festgestellt und welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Die neurologischen Untersuchungen kommen ohne apparativen Aufwand aus. Ein Arzt muss sich vor allem Zeit nehmen, ausführlich die Leidensgeschichte abfragen und Kopfschmerztagebücher durchlesen. Dann gibt es als Therapiemöglichkeit vor allem die medikamentöse Akuttherapie. Die ist darauf ausgerichtet, sofort bei den ersten Kopfschmerzen zu agieren.

Die Hilfe kommt jedoch oft zu spät, denn die Attacke ist bereits unaufhaltsam in Gang. Das macht unseren digitalen Assistenten so interessant. M-sense soll künftig helfen, Attacken schon sehr frühzeitig zu erkennen. Wir haben lange an der Universität über digitale Kennzeichen der Migränevorboten geforscht.

Mit Hilfe der App können Migräne-Patienten ihre Attacken dokumentieren. Wie genau funktioniert das denn?

Bei M-sense geht es um weit mehr als nur Dokumentation. Die Dokumentation schafft die Grundlage für das Folgende. Es wäre für uns und die Patienten gleichermaßen langweilig, einfach einen Papierkalender ins Digitale zu übertragen. Wir waren von Beginn an überzeugt, dass ein digitales Kopfschmerztagebuch auch Spass machen kann und wie ein persönlicher Assistent agieren soll.

Ob beispielsweise das Wetter wirklich einen Einfluß hat, erfährt die Nutzerin – es sind ja oft Frauen – selbst, wenn sie nichts weiter macht, als ihre Kopfschmerzen zu melden. M-sense ruft die Wetterdaten von einem Wetterdienst ab und berechnet den Einfluss. So kann M-sense vermeintliche von tatsächlichen Auslösern unterscheiden.

Wir haben weitere Ideen, wie wir künftig M-sense weiter als Assistenten weiterentwickeln. Schon heute ist einmalig, ist dass M-sense leitliniengerecht Migräne von Kopfschmerzen vom Spannungstyp unterscheiden kann. Fast wie ein Arzt, der muss die Diagnose natürlich noch bestätigen.

Bekommen App-Nutzer auch Therapietipps?

M-sense begleitet eine Therapie. Nutzerinnen bekommen bald auch auf sie zugeschnittene Anleitungen zur Entspannungstherapie und später eine Bewegungstherapie. Wir setzen vor allem auf die nicht-medikamentöse Therapiebegleitung und überprüfen nur den Outcome der Medikamente.

Der digitale Assistent soll auch mit irrationalen Vorstellungen aufräumen, wie die, dass alles von den Genen herrühre und Betroffene nichts anders machen können, als akut mit Tabletten gegenzusteuern.

Welches Potenzial sehen Sie in ihrer App und welchen Nutzen haben Migräne-Patienten?

M-sense hat sich vorgenommen, die Möglichkeiten einer digitalen Selbsttherapie voll auszuschöpfen. Wir entwickeln das Therapiemodul mit Neurologen der Charité und führenden Experten der USA. Ab Mitte dieses Jahres wird die Therapie in M-sense integriert. Dazu sollten Nutzer schon heute ihre persönliche Datengrundlage schaffen.

Klar, auch ein digitaler Assistent wird Migräne nicht heilen, aber doch die Häufigkeit und Schwere der Attacken stark reduzieren können. Wir haben ja anfangs darüber gesprochen, dass viele schon in ihrer Jugend erkranken. Bekannt ist auch, dass nach der Lebensmitte Symptome teilweise oder auch vollständig abklingen. Wenn M-sense diesen Prozess beschleunigt, haben wir unser Ziel erreicht.

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